Archiv der Kategorie: Literatur

Die Wahrheit

Foto: nst 2018

Zur Abwechslung mal ein eigener (satirischer) Text, für den sich leider keine Publikationsmöglichkeit ergeben hat. Ich mag ihn und halte ihn sogar für wichtig, handelt er doch von einem Gut, das heute so kostbar ist wie eh und je, vielleicht sogar noch ein bisschen kostbarer.

Die Wahrheit

Tag 1 – 1237 Klicks

Bereits 23 Newsletter-Abonnenten, darunter eine Abgeordnete der Grünen mit dem Pseudonym IdaXXX, warum auch nicht. Schließlich ist meine Seite ja auch irgendwie links. Ich finde, man sollte Verschwörungstheorien nicht den Rechten überlassen. Obwohl ich eher von Convenient Facts sprechen würde – CF. Die Bezeichnung AF (Alternative Facts) wäre auch in Ordnung, ist aber leider schon besetzt. Also CF. Und was mit Putin. Und Viren. Das leuchtet sogar mir ein, obwohl ich eigentlich ein Skeptiker bin.

Tag 2 – 8310 Klicks, 77 Abonnenten.

Die Anspannung lässt allmählich nach. Ich überlege, ob ich bei FB einen Fake-Account anlegen und mich bei diesen geschlossenen Foren anmelden soll, die sich mit Reptiloiden, Chemtrails, der Flacherde und dem Kreationismus beschäftigen. Klar ist das Gaga. Aber ich bin von Natur aus neugierig. Und auch ich verspüre hin und wieder den Wunsch, die anstrengende Realität zumindest zeitweise abzustreifen wie, nun ja, eine Reptilienhaut. Warum immerzu bloß das glauben, was man glauben soll und wissen kann, und nicht das, was man glauben will? Braucht man zum Denken wirklich das Gehirn, oder tut es nicht auch der große Zeh? Zum Teufel mit den verfluchten Experten und ihrem selbstverliebten Geschwafel!

Tag 3 – 41422 Klicks, 241 Abonnenten

Habe die Anmeldung rausgeschoben, um meine CF weiter zu erhärten, nämlich durch ein Interview mit einem hohen Mitarbeiter des russischen Geheimdienstes, der verständlicherweise anonym bleiben will. Alexej D., wie ich ihn nenne, war dabei, als Putin persönlich die Anweisung zur Aussetzung des Virus gab. Als Ziele nannte er ausdrücklich die USA, Großbritannien, Polen, Ungarn und Italien. Das war vor fünf Jahren. Jetzt lässt er sich täglich über die Fortschritte der Infektion unterrichten.
Was genau bewirkt das Virus, fragte ich.
Alexej D.: Die Wirkung ist diabolisch. Es bringt die Menschen dazu, an allem zu zweifeln, was ihnen jahrzehntelang Stabilität und Wohlstand beschert hat. Die staatlichen und internationalen Institutionen erscheinen auf einmal obsolet, die Demokratie mit ihrer komplizierten Gewaltenteilung – ein Fliegenschiss der Geschichte. Globaler Handel nützt nur den anderen. Das Virus verengt den Blickwinkel, schrumpft den Horizont, setzt Logik, Selbstkritik und Anstand außer Kraft.
Ich: Klingt erschreckend.
A. D.: So ist es. Die Infizierten erliegen wehrlos den abstrusesten Beschwörungen. Das Gewohnte verbreitet bleierne Langeweile, die unbezähmbare Lust auf Neues macht. Und das Neue liefern die Tabuverletzter, Grenzüberschreiter und notorischen Vereinfacher, deren Propaganda am Facebook-Stammtisch vervielfacht wird. Es entsteht ein Impuls, der von Trollen und Influencern aufgegriffen und verstärkt wird.
A. D. Ist geschwätzig. Ich brach an dieser Stelle ab und entschied mich für einen Dreiteiler. Nach einer Stunde war der Beitrag mehr als 2000 Mal geteilt. Breitbart hat berichtet. Großartig.

Tag 5 – 1,78 Millionen Klicks, 11389 Abonnenten

Das Interview hat eingeschlagen wie eine Bombe. Google möchte bei mir Anzeigen schalten. Sie haben mir angeboten, bei der Implementierung von Google Ads zu helfen. An eine Monetarisierung habe ich noch gar nicht gedacht, aber der Vorschlag erscheint mir attraktiv. Und apropos: IdaXXX hat mir eine Nachricht geschickt. Sie will wissen, warum ich so stark und furchtlos bin, es mit einem wie Putin aufzunehmen. Umeboshi, habe ich geantwortet. Jeden Morgen eine japanische Salzpflaume auf nüchternen Magen. Schmeckt wie gemahlenes Barbiturat in Essig, wirkt aber Wunder in Darm und Psyche.
Ob das wirklich stimme? Ja, schrieb ich ihr. Das ist die Wahrheit.
Jetzt möchte sie mich treffen, aber ich habe keine Zeit. Ich arbeite an einer neuen Seite mit integriertem Onlineshop. Superfood.
Auch ein heißes Thema, finde ich.

© N. Stöbe 2018

Garry Disher – Willkür

Das hingeschmierte Cover und der unleserliche Umschlagtext (weiße Schrift auf hellblauem Riffelmuster) scheinen das Buch für die Auflage eines Lyrikbändchens zu prädestinieren. Was sich der Verlag dabei gedacht hat? Mich hat die Aufmachung jeweils zunächst mal von der Lektüre abgehalten. Am Ende aber siegte die Neugier. Ich wollte wissen, was drin steckt in der abstoßendenden Verpackung. Und das ist Pulp, wie es im Buche steht.

Wyatt, ein Solo-Gangster in der Midlife-Crisis, (und trauriger Held einer bislang acht Bände umfassenden Reihe), hat es auf das Geld des Mesic-Clans abgesehen. Der hat zufällig dreihunderttausend Dollar gebunkert, die er selbst mal erbeutet, durch unglückselige Umstände aber wieder verloren hat. Der Patriarch des Clans ist vor kurzem verstorben. Jetzt beabsichtigt Victor, der ältere Sohn, mit dem Zaster ins Casinogeschäft einzusteigen, während Leo, der jüngere, weiterhin die altbewährte Autoschieberei bevorzugt. Achtung, Zeitenwende! Bax wiederum, der korrupte Bulle, ist auf die fünfhundert Dollar Schmiergeld angewiesen, die bei ihm wöchentlich fürs Koksen und Zocken draufgehen. Dass man ihm die Kohle wegen der neuen Zeiten vorenthalten will, gefällt ihm verständlicherweise gar nicht. Und die Mafia in Sydney spielt auch noch mit. Damit sind die Motive gesetzt, das Spiel kann beginnen.

Was folgt, sind schlagfertige Dialoge und coole Sprüche, Katz-und-Maus-Spiele, haarsträubende Wendungen und Verfolgungsjagden, von Disher stilsicher inszeniert. Natürlich sitzen die Waffen locker, und die Akteure sind Typen – psychologische Tiefe wäre hier unangebracht. So weit, so erwartbar. Doch wenn Wyatt einem Jungen beim Asthmaanfall hilft, stutzt man.  Solche kleine Szenen, die das Genre aufweichen, gibt es immer wieder. Nicht zuletzt deshalb empfiehlt sich das Buch als Lektüre für sengend heiße Sommertage, denn es ist so erfrischend wie ein eiskaltes Bier. Nach der Lektüre hat man es schnell vergessen – und freut sich auf den nächsten Disher.

Garry Disher
Willkür, Roman

Aus dem Englischen von Bettina Seifried

Pulp Master 2004

Garry Disher bei Amazon

Michel Faber – Das Buch der seltsamen neuen Dinge

Der englische Pastor Peter Leigh bewirbt sich beim geheimnisvollen USIC-Konzern um eine Stelle als Missionar und reist zu den Bewohnern des fernen Planeten Ozeanis, um ihnen die frohe Botschaft des Neuen Testaments zu überbringen.

Das ist die gewagte Exposition, und unwillkürlich fragt man sich bei Beginn der Lektüre, ob das gutgehen kann, inhaltlich und erzählerisch. Aliens zu missionieren scheint auf den ersten und den zweiten Blick ein fragwürdiges Unterfangen zu sein und evoziert Bilder von christlichen Missionaren, die Ureinwohner zwangsbekehren, während ihre weltlichen Begleiter sie mal mit Glasperlen als Tauschgegenstand, mal mit Schwert und Feuerwaffe um Land, Bodenschätze und Freiheit bringen. Die Zweifel bei der Lektüre wachsen, als sich herausstellt, dass Faber das Thema ganz ohne Ironie und inhaltliche Problematisierung angeht. Vielmehr nimmt er Peter und dessen Projekt todernst und widmet sich ihm mit großem erzählerischem Aufwand. Und gleich zu Anfang werden Leseerwartungen unterlaufen. Kaum hat Peter sich in der USIC-Station eingewöhnt, bricht er zu seinem ersten Besuch bei den Ozeaniern auf. Zu seiner Überraschung stellt sich heraus, dass sie eigentlich keiner Missionierung bedürfen. Vor ihm war bereits ein anderer Geistlicher hier, der sie mit der Bibel und den Grundzügen der englischen Sprache vertraut gemacht hat und später verschwunden ist. Seine religiösen Unterweisungen aber fielen auf fruchtbaren Boden. Die Bibel, das Buch der seltsamen neuen Dinge, genießt bei den Aliens höchstes Ansehen. Für die Botschaft von Wiederauferstehung und ewigem Leben, die sie als Jesus-Technik bezeichnen, sind sie erstaunlich aufgeschlossen. So kommt es, dass Peter seine Aufenthalte in der Siedlung immer länger ausdehnt und die für sie nur schwer verständlichen Bilder der Bibel samt ihren unaussprechlichen Sätze in eine für die Ozeanier gemäßere Form zu bringen,

Peter entwickelt Gespür für die karge Schönheit des Planeten, baut mit den Ozeaniern zusammen eine Kirche und versucht, ihre eigentümlich schlichte Lebensweise und ihre hochkomplizierte Sprache zu ergründen. Diese nahezu statische Idylle kontrastiert mit der Entwicklung daheim auf der Erde. Mittels ‘Shoot’, einer Art Emailsystem, das die Kommunikation mit der Erde nahezu ohne Zeitverlust  ermöglicht, hält Peter Kontakt mit seiner Frau Bea. Sie berichtet ihm von Naturkatastrophen und einer zerfallenden Gesellschaft. Eine Wirtschaftskrise wütet, die Supermärkte schließen, die Müllabfuhr kommt nicht mehr, und Bea ist auch noch schwanger von Peter. Der aber, absorbiert von seiner neuen Umgebung und angesteckt von der scheinbar gelassenen Lebensweise   der Ozeanier, sieht sich zunehmend außerstande, ihr seine eigenen Eindrücke zu vermitteln und an den ihren teilzuhaben. Die Entfremdung zwischen den Eheleuten vollzieht sich in ausführlichen Shoot-Nachrichten, die der Erzählung teilweise den Charakter eines Briefromans geben.

Für den Leser tun sich unterdes immer neue Fragen auf, die teilweise  einer eklatanten Nachlässigkeit des Autors geschuldet sind. Die Welt, aus der Peter aufbricht, ist nämlich ganz die unsere. Da werden Autos betankt, auf dem USIC-Gelände auf Ozeanis begrüßt Peter der ‘Wolframschein’ von Glühlampen. Anscheinend gibt es nicht  mal LEDs in dieser Erzählwelt. Die Lichtjahre-Entfernung wird mit einem ‘Raumsprung’ innerhalb eines Monats überwunden, bei der Einführung des Shoots (der im übrigen nicht einmal Fotos übertragen kann) wird von Lichtstrahlen fantasiert, die von Satelliten reflektiert werden – in Anbetracht der zu überwindenden Strecke für eine Echtzeitunterhaltung kaum zielführend. Dazu kommt, dass das Ökosystem auf Ozeanis ausgesprochen simpel aufgebaut ist  – viel zu simpel, als dass es eine intelligente Spezies hervorgebracht haben könnte. Mit Worldbuilding, also der Konstruktion einer widerspruchsfreien Zukunftswelt, hat Faber wenig am Hut. Manchmal fragt man sich, ob seine Verachtung gegenüber Technik und Wissenschaft auch dem Verstand des Lesers gilt. Dafür erweist er sich als umso bibelfester. Für jede Gelegenheit hat Pastor Peter das passende Zitat bereit und ist doch alles andere als ein Sprücheklopfer. Man muss ihn einfach gernhaben. Mit einer Trauerrede, die er über einen ihm unbekannten Verstorbenen der Station hält, vermag er zu Tränen zu rühren. Doch so undoktrinär, modern und berührend seine Bibelauslegung auch daherkommt, ist sie doch im Kern kreationistisch: ‘‘Aber darauf verstanden sich die Gottlosen ja immer. Die falschen Fragen stellen, den Fortschritt in der falschen Ecke suchen. … Der Herr wusste, was er tat, als er diese Welt erschuf, genauso wie er es bei allen anderen wusste. Das Klima war ein überaus raffiniertes System, nicht zu verbessern und selbstregulierend.’

Für Glaubensskeptiker wie mich, die mit den Konzepten von Schöpfung, liebendem Gott, Vergebung und Wiederauferstehung nichts anfangen können, ist das eine Zumutung, und irgendwann regt sich der Verdacht, hier sollten nicht nur die Ozeanier missioniert werden, sondern auch ich, der Leser.  Dass ich trotzdem bei der Stange geblieben bin, ist der wunderbaren Erzählweise zu verdanken. Obwohl die Handlung weitgehend ohne Dramatisierungen auskommt, wird die Lektüre niemals langweilig. In der USIC-Station, in der Ozeaniersiedlung und selbst in den Shoot-Nachrichten, die Peter und Bea austauschen,  begegnet man lebendigen, vielschichtigen Menschen (bzw. Aliens). Peters Erfahrungen sind so sinnlich geschildert, dass man mit ihm den nach Melonen schmeckenden Regen zu trinken meint. Und dann kommt er doch, der große Twist, die Erschütterung, die alles vorherige in neuem Licht zeigt, Peter zur Überprüfung seines Glaubens und seiner Liebe zu Bea und den Leser zu einer Neubewertung seiner Leseerfahrung zwingt. Die hier vorgebrachten Einwände gegen das Buch relativieren sich und machen Bewunderung Platz. Was zunächst, in Phasen des Leseunmuts, wie ein als Literatur verkleidetes Traktat erschien, erweist sich auf einmal als große Literatur. Es verbietet sich, hier in die Einzelheiten zu gehen, doch so viel sei gesagt: Seit langem hat mich kein Buch so herausgefordert und berührt wie dieses. Die Lektüre erfordert langen Atem, aber sie lohnt sich.

Michel Faber
Das Buch der seltsamen neuen Dinge, Roman

Aus dem Englischen von Malte Krutzsch

Kein & Aber 2014

Michel Faber bei Amazon

Patricia Highsmith – Die gläserne Zelle

Als ich das Genre Kriminalroman entdeckte, ging es gleich mit einem Knaller los, nämlich mit dem Großmeister Raymond Chandler. Dann folgten Dashiell Hammett, Eric Ambler und schließlich Patricia Highsmith. Die Abfolge war nicht ganz zufällig, wurden alle vier Autoren doch Patricia-Highsmith-1962 (c) Wikipediabei Diogenes verlegt, und sie entbehrte nicht einer inneren Logik, nimmt die Erzähltemperatur in dieser Reihe doch merklich ab. Chandler und auch Hammett würzen das Genre mit lakonischen Humor  und dehnen es mit Plots, die bisweilen weit jenseits aller rational nachvollziehbaren Ermittlungsarbeit spielen, bis zum Reißen, bleiben ihm aber mit ihren Antihelden Philip Marlowe und Sam Spade gleichzeitig auch treu. Highsmith hingegen hat das Genre weit hinter sich gelassen, es stellt eigentlich nur noch einen peripheren Bezugspunkt dar, der die Einordnung in Verlagsprogramme erleichtert haben mag. Im Grunde schreibt sie psychologische Romane, die häufig eher durchschnittliche Menschen zeigen, die sich verstricken und dabei zu Verbrechern werden.

Irgend jemand, ich weiß nicht mehr wer, hat ihre traurigen Helden mit Fliegen verglichen, die sich in einem Spinnennetz verfangen haben. Das Bild ist treffend. Highsmith registriert ihr hilfloses Zappeln, schildert ihr Unglück in allen quälenden Nuancen und zeigt dabei, dass Gut und Böse große Begriffe sind, die sich im Klein-Klein des Alltags nur bedingt bewähren. Stattdessen herrscht die unerbittliche Logik der Umstände, und am Ende entscheidet der Zufall, wie der Würfel fällt. 

So ist es auch bei Philip Carter, glücklich verheiratet und Angestellter einer Baufirma. Ohne zu wissen, wie ihm geschieht, landet er wegen Betrugs für sechs Jahre im Knast. Dabei hat er doch nur auf Anweisung seines Chefs seine Unterschrift unter die Bestellungen von minderwertigem Baumaterial gesetzt. Kaum im Gefängnis, wird er von den Wärtern aus nichtigem Anlass an den Daumen aufgehängt – zwei Tage lang. Fortan kann er sie nicht mehr gebrauchen. Sein Anwalt und Freund David Sullivan scheitert mit dem Abtrag auf Revision. Und Gawill, eín Arbeitskollege, äußert den Verdacht, Philips Ehefrau Hazel habe ein Verhältnis mit David begonnen. Damit ist der Keim der Eifersucht gelegt. Halt findet Philip beim Mitgefangenen Max, Max unterrichtet ihn in Französisch und in Karate, leiht ihm Bücher und wird sein Vertrauter und seine Stütze. Als Max ermordet wird, tötet Philip bei einem Gefängnisaufstand einen der Täter. Jetzt erst ist er schuldig geworden, und es wird nicht das letzte Mal bleiben,

Highsmith schildert den bedrückenden Gefängnisalltag detailversessen, aber nicht effekthascherisch. Auch Philips Eifersucht wird nicht dramatisiert und überschreitet nicht die Grenze des nachvollziehbar Normalen, zumal sie sich im zweiten Teil des Buches als berechtigt erweist. Gerade die Nachvollziehbarkeit seiner Empfindungen macht das Verstörende dieses Romans aus. Beim Lesen fühlt man sich selbst dem unspektakulären Wirken einer Schicksalsmaschine ausgesetzt, die Unheil hervorbringt. David verglicht an einer Stelle das Gefühl, einem undurchschaubaren Komplex von Zwängen ausgesetzt zu sein, mit seiner Gefängniserfahrung. Darauf bezieht sich auch der klug gewählte Titel des Romans. Gefängnis und Außenwelt gleichen einander, und für Philip entpuppt sich die ersehnte Freiheit als gläserne Zelle. Das Symmetrie-Motiv wird übrigens mehrfach aufgegriffen, zum Beispiel in Hazels Verhältnis mit David und Philips Freundschaft mit Max. Hazel ist nämlich eifersüchtig auf Max  und bittet Philip, die Beziehung zu ihm zu beenden, vielleicht weil sie ahnt, welches Potenzial sie birgt. Dabei belassen es die beiden Gefangenen bei einer fast zufälligen Berührung an der Schulter. Darin, wie sie die verborgene Bedeutung dieser Berührung ganz nebenbei deutlich macht, zeigt sich Highsmiths Erzählkunst. Die Gläserne Zelle. hellsichtig und schnörkellos erzählt, gehört nicht zu ihren spannendsten Romanen, ist aber eine runde Sache, deren Lektüre sich noch immer lohnt.

Die gläserne Zelle (detebe) von [Patricia Highsmith, Paul Ingendaay, Werner Richter]


Patricia Highsmith

Die gläserne Zelle, Roman

Aus dem Englischen von Werner Richter

Diogenes

Patricia Highsmith bei Amazon

Theodor Fontane – Der Stechlin

Der Stechlin, erstmals erschienen 1897/1898 in der Zeitschrift Land und Meer und 1898 als Buch, ist Fontanes Alterswerk – ein Roman, dessen Inhalt der Autor selbstironisch folgendermaßen zusammengefasst hat: Zum Schluss stirbt ein Alter und zwei Junge heiraten sich – das ist so ziemlich alles, was auf fünfhundert Seiten geschieht.

Der Alte, das ist der 66jährige Dubslav von Stechlin, Major außer Dienst und Bewohner von Schloss Stechlin, das ebenso fiktiv ist wie der Ort Stechlin und der Stechliner See, der, so geht die Sage, immer dann, wenn sich in der Welt Großes tut, an einer bestimmten Stelle zu sprudeln beginnt. Kommt es ganz dicke , fliegt sogar ein Hahn aus dem Unruheherd hervor. Der Stechlin bewohnt das Schloss zusammen mit seinem Faktotum Engelke und führt ein beschauliches Leben. Seine Welt ist klein. Das eintönige Einerlei wird durchbrochen von Besuchen von Förster Katzler, dem Dorflehrer, Mühlenbesitzer Gundermann und Pastor Lorenzen. Eine Visite seines Sohnes Woldemar stellt da schon einen seltenen Höhepunkt dar. Woldemar macht in Berlin den zwei Töchtern des Grafen Barby den Hof, deren eine er am Ende heiratet. Welche der beiden er wählt (so war das damals), die geschiedene Melusine oder die jüngere Armgard, ist so ziemlich das einzige Spannungselement des Buches, wenn man davon überhaupt sprechen will. Gefühlsverwicklungen, überhaupt jedwede Form von ‘Handlung’, darf man von dem Buch nicht erwarten. Hier ist alles Dialog. Man trifft sich, und man plaudert, und das tun auch die beiden Schwestern untereinander und sogar das zukünftige Paar, wenn sie denn einmal miteinander allein sind. Gefühlstiefen, falls es sie denn gibt, werden nicht ausgelotet, alles bleibt an der Oberfläche.

Wie beim Stechliner See zeigt sich im ganzen Roman das Große im Kleinen. Ausdiskutiert und ausbuchstabiert wird hier freilich nichts, vielmehr muss man sich größere Zusammenhänge aus Anspielungen und Anekdoten zusammenreimen, So entsteht in den ausführlichst wiedergegebenen Gesprächen das Bild einer Welt in der Schwebe zwischen der alten Ordnung  der Stände und des Adels auf der einen und der sich anbahnenden Demokratie auf der anderen Seite. Dafür steht die Sozialdemokratie, die für die einen (wie Dubslavs Schwester Adelheid, Vorsteherin des Damenstifts von Kloster Wutz) fast identisch mit dem Gottseibeiuns ist, während sie für andere wie den Pastor Lorenzen die nicht aufzuhaltende verheißungsvolle Zukunft verkörpert. Der Stechlin nimmt hier eine Mittelstellung ein. Vom ihm heißt es; Er hörte gern eine freie Meinung, je drastischer und extremer, desto besser. Er ist ein Vertreter des Alten, aber altersweise und unzeitgemäß tolerant. Zumindest ahnt er, dass die gesellschaftliche Ordnung, für die er steht, dem Untergang geweiht ist. Friktion entsteht daraus nicht. So abwesend wie die Leidenschaften der Protagonisten sind auch die gesellschaftlichen Konflikte, die allenfalls am Rande erörtert werden. Immerhin ist bei einem Skatabend des Kutschers der Barbys zu erfahren, dass Dienstmädchen üblicherweise im ‘Hängeboden’ in der  Küche untergebracht werden, eine Art Zwischendecke, in die die Betreffende hineinkriechen musste, um in der Hitze des Herdes zu nächtigen. Dieses Detail erscheint dem heutigen Leser ähnlich schockierend wie der ungebrochene Stolz auf die vielen Kriege des Jahrhunderts oder der latente Antisemitismus, der hier als zeitüblich erscheint.

Derlei Einsichten sind rar, machen aber einen Teil des spröden Reizes aus, den dieses Buch immer noch besitzt. Ein weiterer sind die bildhaften Schilderungen von Landschaft und Architektur, bei denen Fontane, heute vor allem noch wegen seiner Wanderungen durch die Mark Brandenburg bekannt, ganz bei sich ist. Und seine nuancenreiche Sprache, reich an Kommas und Einschüben und offen für Dialekte und soziale Unterschiede, in Zeiten der Turboliteratur einen ganz eigenen Genuss.

Da das Coronavirus um die Welt rast, während die Zeit stillzustehen scheint, ist Der Stechlin keine ganz unpassende Lektüre.

Theodor Fontane

Der Stechlin, Roman

Anaconda Verlag

Fontane bei Amazon

Walter Kempowski – Letzte Grüße

Letzte Grüße, erschienen 2003,  ist Kempowskis letzter Roman und, wie der Titel ahnen lässt, ein Abschied von seinen Lesern, vom Schreiben, vom Ehrgeiz und vom Leben überhaupt. Ein weiter Weg war’s von seinem Erstling Im Block, dem kaum verklausuliert autobiographischen Bericht über seine achtjährige Haft im Zuchthaus Bautzen, über Tadellöser und Wolff und die Deutsche Chronik  bis zur gewaltigen Weltkriegscollage Echolot und zu Letzte Grüße.

Das Schreiben hat Kempowski als erlernbares Handwerk aufgefasst und in seinen legendären Hausseminaren im Kreienhoop zu vermitteln versucht, und erlernt und gemeistert hat jedenfalls er es, auch wenn ihm der Hang zum Anekdotischen geblieben ist. Und natürlich bietet die Odyssee des fast siebzigjährigen Schriftstellers Alexander Sowtschick, vom deutschen Institut im Jahr 1989 aus Anlass der Deutschen Wochen zu einer 21 Stationen umfassenden Lesereise durch die USA eingeladen, jede Menge Anlass für vergnügliche Schnacks, denn aus der Perspektive der norddeutschen Provinz heraus betrachtet, gibt es in den Straßenschluchten von New York, im Indianerreservat, bei den Mormonen in Utah und an den Universitäten in der amerikanischen Provinz so  manch Befremdliches zu kommentieren. Auch der latente Antisemitismus, Rassismus und die vielen Obdachlosen und psychisch Kranken auf den Straßen werden registriert, doch wie es Kempowskis Art ist, wird dies nicht vertieft, sondern eher abgemildert durch allgegenwärtige Ironie. Selbst der deutsche Mauerfall, von dem Sowtschick zum Ende der Reise erfährt, ereignet sich fast nebenbei. Gerade diese Leichtigkeit wurde Kempowski bisweilen zum Vorwurf gemacht, doch ich finde, seine Kritiker verwechseln da Süffigkeit mit Harmlosigkeit. Was an der Oberfläche als humoriger Reisebericht erscheint, hat einen doppelten Boden. Kempowski versteht es, das Große im Kleinen zu spiegeln und fährt hier alles auf, was sein Werk auszeichnet: präzise Beobachtungen und sorgfältig arrangierte ‘eidetische Bilder, wiederkehrende Motive und große Klammern, hier vor allem repräsentiert durch die Figur Adolf Schätzings. Schätzing, mit ein paar Tagen Vorsprung auf der gleichen Lesereise unterwegs, ist das Gegenbild des als konservativ, ja reaktionär verschrienen Sowtschick, ein junger Lyriker, nicht unbedingt verständlich zwar, aber dem Zeitgeist angepasster, ‘links’ natürlich, beliebt bei Kritikern wie bei Frauen und, anders als Sowtschick, mit zahlreichem Publikum gesegnet. Und so reist er seinem beneideten und beargwöhnten Konkurrenten hinterher und wandelt quasi in dessen Spuren, und überall, wo er hinkommt, heißt es: Schätzing war all dor. Eine Begegnung bleibt aus, doch die Beziehung wandelt sich ganz allmählich. Eine virtuelle Annäherung findet statt, die Kempowski über den ganzen Roman hin so spannungsreich wie kunstvoll entwickelt.

Der Lektüre der Tagebücher von F. J. Raddatz  habe ich es zu verdanken, dass ich erneut auf Kempowski aufmerksam wurde, und Raddatz war auch der Lektor von Kempowskis erstem Buch Im Block. So schließt sich ein Kreis.  Ich habe Letzte Grüße mit Erheiterung und Rührung gelesen, und es hat meine Wertschätzung für den häufig unterschätzten Autor noch weiter gesteigert. Eine besondere Freude war es, in dem antiquarischen Exemplar, das ich erworben habe, Kempowskis Signatur zu entdecken.

Kemp Letzte GrüßeWalter KempowskiBildergebnis für kempowski letzte grüße

Letzte Grüße, Roman

Knaus 2003

Kempowski bei Amazon


Australische Hitze, Doppelpack

Der Zufall wollte es, dass ich, während in Down Under der Busch brannte, zwei australische Kriminalromane geschenkt bekam: Hitze von Jane Harper und Outback von Chris Hammer. Die beiden Bücher weisen ein paar oberflächliche Gemeinsamkeiten auf. Beide spielen in einer von der sengenden Sonne ausgedörrten australischen Kleinstadt, deren Bewohner ums wirtschaftliche Überleben kämpfen, und bei beiden steht am Anfang eine zunächst unerklärlich scheinende blutige Tat. Bei Jane Harper tötet ein Farmer seine Frau und seine Tochter und schließlich sich selbst, oder auch nicht; ein früherer Stadtbewohner, jetzt Polizist für Wirtschaftsverbrechen in Melbourne, kommt zur Beerdigung und bleibt, um bei den Ermittlungen zu helfen. Bei Chris Hammer erschießt ein Priester kurz vor Beginn der Messe fünf Kirchenbesucher, und ein Jahr nach der unerklärlich scheinenden Tat erhält ein Journalist den Auftrag, ein Stimmungsbild der Stadt zu zeichnen.

Damit haben  sich die Gemeinsamkeiten aber auch schon erschöpft. Um es kurz zu machen: Harpers Roman hält nicht, was er verspricht. Es ist jedenfalls kein ‘Thriller’, zu dem ja heute fast jeder Krimi zu Verkaufszwecken sprachlich hochgetunt wird, sondern ein brav heruntergeschriebenes Machwerk, von dessen Lektüre heftigst abzuraten ist. Die titelgebende Hitze kommt so flau rüber wie ein mittelwarmer Sommerabend aus deutschen Landen, die Dialoge haben das Niveau einer Vorabendserie, und weder die Tat noch irgendeine der auftauchenden Personen vermögen auch nur das geringste Interesse zu wecken. Hier ein Beispiel: Luke, Aaron und Ellie sind um die sechzehn, ein verschworenes Trio. Eines Abends taucht Luke mit Gretchen auf, den Arm um ihre Taille gelegt. Peinliches Schweigen ist die Folge. Und dann heißt es: ‘Plötzlich sah Gretchen das andere Mädchen mit einem verschwörerischen Lächeln an und ließ eine ungeheuer gemeine Bemerkung über eine von Ellies früheren Freundinnen vom Stapel. … Dann stieß Ellie ein kurzes prustendes Lachen aus.’ Das ist der Turning Point der Szene. Dass die Autorin dem Leser ausgerechnet diese ‘ungeheuer gemeine Bemerkung’ vorenthält, liegt vermutlich daran, dass sie ihr nicht eingefallen ist – kann passieren. Aber damit macht sie nicht nur die Szene kaputt, sondern leistet ganz nebenbei den schriftstellerischen Offenbarungseid. Im Übrigen ist das einzig Bemerkenswerte an diesem Buch für mich das Zitat von Ian Rankin auf dem Cover: ‘Absolut fesselnd!’. Dankeschön, Mr. Rankin, ich fasse das mal als Warnung vor Ihren eigenen Werken auf.

Outback von Chris Hammer ist da ein ganz anderes Kaliber.  Martin Scarsden, den in Rivers End recherchierenden Journalisten, stattet er mit einem scharfen Blick für die ländliche Umgebung aus. Schon auf den ersten drei Seiten erfährt man, wie das Wasser aus dem Hahn schmeckt, wie warm das kalte Duschwasser ist und wie man die Hände vor einem glühend heißen Lenkrad schützt – mehr sinnliche Details, als Harper in ihrem ganzen Roman liefert, so möchte man meinen. Hammers Schilderung einer Buschfeuerwalze, die  eine Gruppe von Feuerwehrleuten überrollt, ist buchstäblich atemberaubend.  Das Städtchen besiedelt er mit differenziert gezeichneten Originalen, die jede Begegnung mit einer neu eingeführten Figur zum Erlebnis machen: ‘Er wendet sich von der Buchladentür ab und entdeckt den schlurfenden Mann auf der anderen Straßenseite. Die Temperatur scheint bereits auf über dreißig Grad geklettert zu sein. Trotzdem watschelt der alte Knabe da drüben vorbei. Der graue Mantel scheint auf chirurgische Weise an ihm befestigt zu sein.’ Das sitzt und könnte von Chandler stammen.

Nach und nach erkundet Martin das Beziehungsgeflecht von Rivers End und setzt sich ein Bild zusammen: der amoklaufende Priester war angeblich ein Pädophiler, Harley Snouch, der Eigenbrötler von der Outback-Farm ein Vergewaltiger und Mörder. Seine Erkenntnisse packt er in eine Serie von Schnellschussartikeln, die er nacheinander raushaut. ‘Hemingway’ hat Snouch ihn scherzhaft genannt, und ein bisschen fühlt er sich auch so, zumal er mit der hübschen Buchhändlerin des Ortes auch noch im Bett gelandet ist. Aber die Wirklichkeit ist komplexer, als er zunächst meint. In Rivers End gibt es viele Wahrheiten. Wie Hammer sie mit farbiger Sprache und immer wieder überraschenden Wendungen enthüllt, ist ein wahrer Lesegenuss. Und ganz nebenbei erfährt man auch noch, wie sich das Leben im ausgedörrten australischen Outback anfühlt; ein Krimi der Extraklasse!

Bildergebnis für hitze jane harperJane Harper

Hitze, Roman
übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann

rororo 2018

Jane Harper bei Amazon




Bildergebnis für outback hammer

Chris Hammer

Outback, Roman
übersetzt von Rainer Schmidt

Scherz 2018

Chris Hammer bei Amazon

H. Murakami – Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki

Kutsuru Tazaki, der ‘Held’ des Romans, ist farblos in einem doppelten Sinn. Zum einen ist er ein junger Mann ohne besondere Eigenschaften. Er ist fleißig, schwimmt gerne und regelmäßig, hört hin und wieder klassische Musik und übt pflichtbewusst seinen Beruf als Planer und Konstrukteur von Bahnhöfen aus. Ausschweifungen sind ihm fremd, seelische Abgründe hat er  keine, es sei denn, man wollte seine erotischen Träume als solche bezeichnen. Eine Besonderheit aber zeichnet ihn aus: In seiner Jungend erlebt er ‘vollkommene Harmonie’ in einer verschworenen Clique von fünf Jungs und zwei Mädchen, die einander perfekt ergänzen. In dieser Gruppe bekommt er auch den Spitznamen des ‘farblosen’ Kutsuru ab, denn die ‘sprechenden’ Namen seiner Freunde verweisen alle auf eine Farbe, nur der seine nicht. Das ist der zweite Aspekt seiner Farblosigkeit. Als Makel nimmt er seine Namensanomalie gleichwohl nicht wahr, denn er fühlt sich akzeptiert, geliebt und aufgehoben.

Von Dauer ist das Jugendglück jedoch nicht. Nach Abschluss der Oberschule zieht Kutsuru zum Studium nach Tokyo und reist nur noch gelegentlich in die Provinz, um sich mit seinen Freunden zu treffen. Dann aber kommt es zu einer dramatischen Wendung; seine Freunde schließen ihn ohne Angabe von Gründen aus der Gruppe aus, für Kutsuru eine traumatische Erfahrung, die ihm den Lebenswillen raubt, Ein halbes Jahr dauert es, bis er wieder Tritt fasst und sein farbloses Leben fortsetzt. Erst später, im Beruf, lernt er Sara kennen, eine etwas ältere Frau, der er die Geschichte seines Jugendtraumas erzählt. Sara fordert ihn auf, seine Freunde aufzusuchen und sie zur Rede zu stellen, um endlich ‘ganz’ und liebesfähig zu werden. Wie sich herausstellt, ist die Erklärung für den Ausschluss aus der Gruppe recht banal, und banal ist die ganze Geschichte und gewissermaßen auch die Erzählweise Murakamis, die auf Dynamik, Dramatisierung und Verdichtung nahezu vollständig verzichtet. Kutsuru isst viel, schläft und träumt, denkt sich dies und das, fährt von A nach B, unterhält sich mit diesem und jenem. Vielleicht ist dies ja die Banalität des Alltäglichen. Und banal ist letztlich auch das Rätsel seiner Jugend, das so unspektakulär aufgelöst wird.

Während Murakamis umfangreichstes Werk IQ84 aber auch Kafka am Strand mit Logikbrüchen verstören, die für meinen Geschmack der erzählerischen Willkür eines großen Teils der Fantasy-Literatur gleichkommen, sind die Pilgerjahre stringenter und realistischer. Aber auch hier zeigt sich, dass Murakami nicht nur die Banalität des Lebens auslotet, sondern vor allem dagegen anschreibt. Dies gelingt ihm in den Pilgerjahren mit klarer, so zu sagen barrierefreier Sprache, genauen Beobachtungen und plastischen, ungekünstelten Metaphern überzeugender als in den anderen beiden Romanen. Langweilig ist die Lektüre jedenfalls nicht. Und dass sich trotz des offenen Schlusses eine ‘runde’ Leseerfahrung einstellt, liegt auch daran, dass Kutsuru Tazaki sich am Ende als gar nicht so farblos herausstellt. So gesehen gibt es vielleicht also Hoffnung für uns alle, die wir in Alltag und Banalität gefangen sind.

Haruki Murakami

Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki, Roman
übersetzt von Ursula Gräfe

btb, 2015

Murakami bei Amazon

Raddatz vs. Kempowski

Foto: nst 2018

Wenn die Tagebücher von Raddatz Champagner sind, was sind dann die von Kempowski? Bier? Limonade? Reizvoll ist die Gegenüberstellung allemal, nicht nur wegen der zeitlichen Überschneidung. Klar kann Kempowski Raddatz nicht nur stilistisch nicht das Wasser reichen. Wie ein von inneren  Dämonen angetriebenes Aufziehmännchen fliegt der arbeitswütige Feuilletonist und Autor in der Welt herum, interviewt Cioran in Paris, Susan Sonntag in New York, reist auf den Spuren von Tucholsky, Marquez und Faulkner, treibt es mit dieser und mit jenem, wechselt beinahe panisch zwischen seinen Wohnungen in Hamburg, auf Sylt und in Nizza hin und her und fechtet im Feuilletonkrieg der literarischen Elite stets an vorderster Front. Mit heiligem, bisweilen auch genietümelndem Ernst kolportiert er den Schmäh unter Kollegen, gequält von der Frage, ob er nur Zeitungsschreiberling oder auch Schriftsteller sei   – ob er zu der Grass/Walser/Rühmkorf-Truppe auch wirklich dazugehöre.

Derweil  sitzt Kempowski in seinem Kreienhoop in Nartum, unweit der Dorfschule, an der er als Lehrer tätig war, und macht trotz chronischem Zahnschmerz den ungleich entspannteren Eindruck. Überwiegend zufrieden blickt er auf sein  Werk zurück, aus dem er gerne Gattin Hildegard und den Hunden vorliest. Die Schriftstellerei betrachtet er als erlernbares Handwerk, auch wenn er ins Tagebuch schon mal einen lobhudelnden Verehrerbrief aufnimmt. Mit der Arbeit an Herzlich Willkommen und seinem unablässig wachsenden Archiv beschäftigt (aus dem einmal sein Alterswerk, die Textcollage Echolot hervorgehen wird), reist er eher ungern und veranstaltet lieber Literaturseminare  bei sich zuhause. Taucht er doch einmal auf einer angesagten literarischen Veranstaltungen auf (‘Ich bin der Einzige, den sie siezen’), liefert er den Außenblick auf das, was ganz im Zentrum von Raddatz’ Leben steht, und kommentiert das Treiben der Kollegen so knapp und ironisch, wie man es aus seinen Büchern kennt. 

So schulmeisterlich arrogant Kempowski in den Fernsehdokumenten rüberkommt, ist er doch zweifellos die zugänglichere und letztlich auch sympathischere Persönlichkeit der beiden. Der Horizont seiner Aufzeichnungen ist nur auf den ersten Blick enger als der von Raddatz. Auf den zweiten stellt sich Staunen ein über die unermüdliche pädagogische Passion des ehemaligen Dorfschullehrers, die Vielfalt seiner  Interessen (Klavierspielen, Tagebücher und Fotos sammeln, Geschichte) und seine Offenheit gegenüber Besuchern, denen seine Tür stets offensteht. Und manchmal zeigt er sogar ein bisschen Weisheit, die Raddatz noch in hohem Alter völlig abgeht:

Das ist das Schöne, daß mir das Leben alles gab, was ich mir wünschte. Vielleicht liegt das daran, daß sich die Wünsche an meinen Möglichkeiten orientierten.

F. J. Raddatz

Tagebücher 1982 –2001, Rowohlt
Tagebücher 20012 – 2012, Rowohlt

Walter Kempowski

Sirius: Eine Art Tagebuch, btb
Alkor: Tagebuch 1989, btb
Hamit: Tagebuch 1990, btb

Ian McEwan – Maschinen wie ich

Um nachzudenken über den ‘Heiligen Gral der Wissenschaft’ und den uralten Homunkulus-Traum, ein künstliches Ebenbild unserer selbst zu erschaffen, das unsere Unvollkommenheiten und letztlich den Tod überwindet,  hat Ian McEwan die Zukunft in die Vergangenheit verlagert, genauer gesagt in die Zeit des Falklandkrieges (1982).  Margaret Thatcher wird den Krieg verlieren, und auch sonst ist in dieser Welt einiges anders als in der Vergangenheit, wie wir sie kennen: Die Beatles, unzerstritten, veröffentlichen munter ihre Songs, es gibt Handys, selbstfahrende Autos, sprechende Kühlschränke, das Internet  und Computer, die leistungsfähiger sind als die unseren. Das ist vor allem der Forschungs- und Entwicklungsarbeit des genialen Alan Turing zu verdanken. Bekannt ist er heute vor allem für die Entschlüsselung des Enigma-Codes der Deutschen Wehrmacht. Doch anstatt bald nach seiner Verurteilung wegen homosexueller Unzucht Selbstmord zu begehen, wie es bei Wikipedia steht, hat er in McEwans Erzählwelt überlebt und nicht nur die Computerwissenschaft revolutioniert, sondern auch die Entwicklung künstlicher Intelligenz entscheidend vorangetrieben.

Der neueste und frappierendste Produkt dieser Entwicklung sind fünfundzwanzig Adams und Eves, menschenähnliche, selbstlernende Roboter mit einem verblüffend hohen Maß an Intelligenz. Einen dieser Androiden erwirbt mit Hilfe einer kleinen Erbschaft der 32-jährige Ich-Erzähler Charlie. Charlie vegetiert als Lebenskünstler in einer Kellerwohnung in London, seinen bescheidenen Unterhalt verdient er als Daytrader und ist im Übrigen heftigst verliebt in seine Nachbarin Miranda. Dank seines abgebrochenen Anthropologiestudiums erweist er sich als akribischer Beobachter eines erstaunlichen Entwicklungsprozesses.  In einer kammerspielartigen Anordnung, die sich zunächst fast ausschließlich auf Charlies beengte Wohnung beschränkt, wohnen wir einer Art Menschwerdung bei. Adam eignet sich seine Umwelt mit der unermüdlichen Neugier eines hyperbegabten Kindes an. Während er sich zunächst im Haushalt nützlich macht, recherchiert er im Internet, studiert Shakespeare und die großen Lyriker und verfasst Haikus. Schon bald löst er seinen Besitzer beim Traden ab und mehrt fortan stetig dessen Vermögen. Natürlich kommt es, wie es kommen muss: Er verliebt sich in Miranda und hat Sex mit ihr – für sie ein Experiment wie das Ausprobieren eines neuartigen Dildos, für ihn Höhepunkt und Endpunkt einer Liebe, deren Erfüllung er aus Loyalität zu Charlie fortan entsagt.

Ian McEwan schildert all das mit feinem Humor, scharfem Blick für Details und vor dem Hintergrund umfassender Recherche. Wie immer zeigt er sich seinem Thema in jeder Beziehung gewachsen und auf der Höhe des aktuellen Diskurses. Willensfreiheit, Entwicklung neuronaler Netze, Quantencomputer und Bewusstseinstheorie, das alles wird nicht nur angerissen, sondern scharfsinnig diskutiert und auf der Handlungsebene durchgespielt. Trotz mancher essayistischer Exkurse wirkt der Roman niemals kopflastig. Vielmehr befinden sich Tonlagen, Handlung und Reflexion in einem wunderbaren Gleichgewicht. Deshalb fehlt auch die Tragik nicht, die eingeführt wird durch Mirandas geheime Schuld. Nachdem ihre beste Freundin nach einer Vergewaltigung Selbstmord beging, täuscht sie selbst eine Vergewaltigung durch den Täter vor und bringt ihn ins Gefängnis – nach menschlichem Empfinden eine gerechte Strafe, in juristischem Sinn ein Fehlurteil. Um diesen Handlungsstrang wiederum manifestiert sich eine noch tiefere Tragik, welche die immanenten Grenzen des Maschinenwesens Adam deutlich macht und letztlich sein Scheitern herbeiführt.

Fazit: Maschinen wie ich ist ein unterhaltsamer, tiefschürfender Roman zu einem brandaktuellen Thema und McEwans beste Arbeit seit langem. Unbedingt lesenswert!

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Ian McEwan

Maschinen wie ich, Roman
übersetzt von Bernhard Robben

Diogenes, 2019

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