Archiv der Kategorie: Literatur

H. Murakami – Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki

Kutsuru Tazaki, der ‘Held’ des Romans, ist farblos in einem doppelten Sinn. Zum einen ist er ein junger Mann ohne besondere Eigenschaften. Er ist fleißig, schwimmt gerne und regelmäßig, hört hin und wieder klassische Musik und übt pflichtbewusst seinen Beruf als Planer und Konstrukteur von Bahnhöfen aus. Ausschweifungen sind ihm fremd, seelische Abgründe hat er  keine, es sei denn, man wollte seine erotischen Träume als solche bezeichnen. Eine Besonderheit aber zeichnet ihn aus: In seiner Jungend erlebt er ‘vollkommene Harmonie’ in einer verschworenen Clique von fünf Jungs und zwei Mädchen, die einander perfekt ergänzen. In dieser Gruppe bekommt er auch den Spitznamen des ‘farblosen’ Kutsuru ab, denn die ‘sprechenden’ Namen seiner Freunde verweisen alle auf eine Farbe, nur der seine nicht. Das ist der zweite Aspekt seiner Farblosigkeit. Als Makel nimmt er seine Namensanomalie gleichwohl nicht wahr, denn er fühlt sich akzeptiert, geliebt und aufgehoben.

Von Dauer ist das Jugendglück jedoch nicht. Nach Abschluss der Oberschule zieht Kutsuru zum Studium nach Tokyo und reist nur noch gelegentlich in die Provinz, um sich mit seinen Freunden zu treffen. Dann aber kommt es zu einer dramatischen Wendung; seine Freunde schließen ihn ohne Angabe von Gründen aus der Gruppe aus, für Kutsuru eine traumatische Erfahrung, die ihm den Lebenswillen raubt, Ein halbes Jahr dauert es, bis er wieder Tritt fasst und sein farbloses Leben fortsetzt. Erst später, im Beruf, lernt er Sara kennen, eine etwas ältere Frau, der er die Geschichte seines Jugendtraumas erzählt. Sara fordert ihn auf, seine Freunde aufzusuchen und sie zur Rede zu stellen, um endlich ‘ganz’ und liebesfähig zu werden. Wie sich herausstellt, ist die Erklärung für den Ausschluss aus der Gruppe recht banal, und banal ist die ganze Geschichte und gewissermaßen auch die Erzählweise Murakamis, die auf Dynamik, Dramatisierung und Verdichtung nahezu vollständig verzichtet. Kutsuru isst viel, schläft und träumt, denkt sich dies und das, fährt von A nach B, unterhält sich mit diesem und jenem. Vielleicht ist dies ja die Banalität des Alltäglichen. Und banal ist letztlich auch das Rätsel seiner Jugend, das so unspektakulär aufgelöst wird.

Während Murakamis umfangreichstes Werk IQ84 aber auch Kafka am Strand mit Logikbrüchen verstören, die für meinen Geschmack der erzählerischen Willkür eines großen Teils der Fantasy-Literatur gleichkommen, sind die Pilgerjahre stringenter und realistischer. Aber auch hier zeigt sich, dass Murakami nicht nur die Banalität des Lebens auslotet, sondern vor allem dagegen anschreibt. Dies gelingt ihm in den Pilgerjahren mit klarer, so zu sagen barrierefreier Sprache, genauen Beobachtungen und plastischen, ungekünstelten Metaphern überzeugender als in den anderen beiden Romanen. Langweilig ist die Lektüre jedenfalls nicht. Und dass sich trotz des offenen Schlusses eine ‘runde’ Leseerfahrung einstellt, liegt auch daran, dass Kutsuru Tazaki sich am Ende als gar nicht so farblos herausstellt. So gesehen gibt es vielleicht also Hoffnung für uns alle, die wir in Alltag und Banalität gefangen sind.

Haruki Murakami

Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki, Roman
übersetzt von Ursula Gräfe

btb, 2015

Murakami bei Amazon

Raddatz vs. Kempowski

Foto: nst 2018

Wenn die Tagebücher von Raddatz Champagner sind, was sind dann die von Kempowski? Bier? Limonade? Reizvoll ist die Gegenüberstellung allemal, nicht nur wegen der zeitlichen Überschneidung. Klar kann Kempowski Raddatz nicht nur stilistisch nicht das Wasser reichen. Wie ein von inneren  Dämonen angetriebenes Aufziehmännchen fliegt der arbeitswütige Feuilletonist und Autor in der Welt herum, interviewt Cioran in Paris, Susan Sonntag in New York, reist auf den Spuren von Tucholsky, Marquez und Faulkner, treibt es mit dieser und mit jenem, wechselt beinahe panisch zwischen seinen Wohnungen in Hamburg, auf Sylt und in Nizza hin und her und fechtet im Feuilletonkrieg der literarischen Elite stets an vorderster Front. Mit heiligem, bisweilen auch genietümelndem Ernst kolportiert er den Schmäh unter Kollegen, gequält von der Frage, ob er nur Zeitungsschreiberling oder auch Schriftsteller sei   – ob er zu der Grass/Walser/Rühmkorf-Truppe auch wirklich dazugehöre.

Derweil  sitzt Kempowski in seinem Kreienhoop in Nartum, unweit der Dorfschule, an der er als Lehrer tätig war, und macht trotz chronischem Zahnschmerz den ungleich entspannteren Eindruck. Überwiegend zufrieden blickt er auf sein  Werk zurück, aus dem er gerne Gattin Hildegard und den Hunden vorliest. Die Schriftstellerei betrachtet er als erlernbares Handwerk, auch wenn er ins Tagebuch schon mal einen lobhudelnden Verehrerbrief aufnimmt. Mit der Arbeit an Herzlich Willkommen und seinem unablässig wachsenden Archiv beschäftigt (aus dem einmal sein Alterswerk, die Textcollage Echolot hervorgehen wird), reist er eher ungern und veranstaltet lieber Literaturseminare  bei sich zuhause. Taucht er doch einmal auf einer angesagten literarischen Veranstaltungen auf (‘Ich bin der Einzige, den sie siezen’), liefert er den Außenblick auf das, was ganz im Zentrum von Raddatz’ Leben steht, und kommentiert das Treiben der Kollegen so knapp und ironisch, wie man es aus seinen Büchern kennt. 

So schulmeisterlich arrogant Kempowski in den Fernsehdokumenten rüberkommt, ist er doch zweifellos die zugänglichere und letztlich auch sympathischere Persönlichkeit der beiden. Der Horizont seiner Aufzeichnungen ist nur auf den ersten Blick enger als der von Raddatz. Auf den zweiten stellt sich Staunen ein über die unermüdliche pädagogische Passion des ehemaligen Dorfschullehrers, die Vielfalt seiner  Interessen (Klavierspielen, Tagebücher und Fotos sammeln, Geschichte) und seine Offenheit gegenüber Besuchern, denen seine Tür stets offensteht. Und manchmal zeigt er sogar ein bisschen Weisheit, die Raddatz noch in hohem Alter völlig abgeht:

Das ist das Schöne, daß mir das Leben alles gab, was ich mir wünschte. Vielleicht liegt das daran, daß sich die Wünsche an meinen Möglichkeiten orientierten.

F. J. Raddatz

Tagebücher 1982 –2001, Rowohlt
Tagebücher 20012 – 2012, Rowohlt

Walter Kempowski

Sirius: Eine Art Tagebuch, btb
Alkor: Tagebuch 1989, btb
Hamit: Tagebuch 1990, btb

Ian McEwan – Maschinen wie ich

Um nachzudenken über den ‘Heiligen Gral der Wissenschaft’ und den uralten Homunkulus-Traum, ein künstliches Ebenbild unserer selbst zu erschaffen, das unsere Unvollkommenheiten und letztlich den Tod überwindet,  hat Ian McEwan die Zukunft in die Vergangenheit verlagert, genauer gesagt in die Zeit des Falklandkrieges (1982).  Margaret Thatcher wird den Krieg verlieren, und auch sonst ist in dieser Welt einiges anders als in der Vergangenheit, wie wir sie kennen: Die Beatles, unzerstritten, veröffentlichen munter ihre Songs, es gibt Handys, selbstfahrende Autos, sprechende Kühlschränke, das Internet  und Computer, die leistungsfähiger sind als die unseren. Das ist vor allem der Forschungs- und Entwicklungsarbeit des genialen Alan Turing zu verdanken. Bekannt ist er heute vor allem für die Entschlüsselung des Enigma-Codes der Deutschen Wehrmacht. Doch anstatt bald nach seiner Verurteilung wegen homosexueller Unzucht Selbstmord zu begehen, wie es bei Wikipedia steht, hat er in McEwans Erzählwelt überlebt und nicht nur die Computerwissenschaft revolutioniert, sondern auch die Entwicklung künstlicher Intelligenz entscheidend vorangetrieben.

Der neueste und frappierendste Produkt dieser Entwicklung sind fünfundzwanzig Adams und Eves, menschenähnliche, selbstlernende Roboter mit einem verblüffend hohen Maß an Intelligenz. Einen dieser Androiden erwirbt mit Hilfe einer kleinen Erbschaft der 32-jährige Ich-Erzähler Charlie. Charlie vegetiert als Lebenskünstler in einer Kellerwohnung in London, seinen bescheidenen Unterhalt verdient er als Daytrader und ist im Übrigen heftigst verliebt in seine Nachbarin Miranda. Dank seines abgebrochenen Anthropologiestudiums erweist er sich als akribischer Beobachter eines erstaunlichen Entwicklungsprozesses.  In einer kammerspielartigen Anordnung, die sich zunächst fast ausschließlich auf Charlies beengte Wohnung beschränkt, wohnen wir einer Art Menschwerdung bei. Adam eignet sich seine Umwelt mit der unermüdlichen Neugier eines hyperbegabten Kindes an. Während er sich zunächst im Haushalt nützlich macht, recherchiert er im Internet, studiert Shakespeare und die großen Lyriker und verfasst Haikus. Schon bald löst er seinen Besitzer beim Traden ab und mehrt fortan stetig dessen Vermögen. Natürlich kommt es, wie es kommen muss: Er verliebt sich in Miranda und hat Sex mit ihr – für sie ein Experiment wie das Ausprobieren eines neuartigen Dildos, für ihn Höhepunkt und Endpunkt einer Liebe, deren Erfüllung er aus Loyalität zu Charlie fortan entsagt.

Ian McEwan schildert all das mit feinem Humor, scharfem Blick für Details und vor dem Hintergrund umfassender Recherche. Wie immer zeigt er sich seinem Thema in jeder Beziehung gewachsen und auf der Höhe des aktuellen Diskurses. Willensfreiheit, Entwicklung neuronaler Netze, Quantencomputer und Bewusstseinstheorie, das alles wird nicht nur angerissen, sondern scharfsinnig diskutiert und auf der Handlungsebene durchgespielt. Trotz mancher essayistischer Exkurse wirkt der Roman niemals kopflastig. Vielmehr befinden sich Tonlagen, Handlung und Reflexion in einem wunderbaren Gleichgewicht. Deshalb fehlt auch die Tragik nicht, die eingeführt wird durch Mirandas geheime Schuld. Nachdem ihre beste Freundin nach einer Vergewaltigung Selbstmord beging, täuscht sie selbst eine Vergewaltigung durch den Täter vor und bringt ihn ins Gefängnis – nach menschlichem Empfinden eine gerechte Strafe, in juristischem Sinn ein Fehlurteil. Um diesen Handlungsstrang wiederum manifestiert sich eine noch tiefere Tragik, welche die immanenten Grenzen des Maschinenwesens Adam deutlich macht und letztlich sein Scheitern herbeiführt.

Fazit: Maschinen wie ich ist ein unterhaltsamer, tiefschürfender Roman zu einem brandaktuellen Thema und McEwans beste Arbeit seit langem. Unbedingt lesenswert!

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Ian McEwan

Maschinen wie ich, Roman
übersetzt von Bernhard Robben

Diogenes, 2019

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Martin Suter – Der letzte Weynfeldt

Adrian Weynfeldt, Mitte fünfzig, ledig, muss man sich als glücklichen Menschen vorstellen. Reich dank Erbschaft, hat er als Kunstexperte eines Züricher Auktionshauses sein Hobby zum Beruf gemacht. Sein Leben ist aufs Vortrefflichste geordnet: Seine Anzüge sind vom besten Schneider der Stadt, seine Mahlzeiten von erlesener Qualität, und in seinem weitläufigen Zuhause liest ihm eine Haushälterin jeden Wunsch von den Augen ab.  Sein chronisches Junggesellentum scheint ihn nicht zu stören. Der Freundeskreis, gepflegt bei wöchentlichen Treffen,  ist praktischerweise zweigeteilt in ältere Herrschaften aus ähnlich wohlgeordneten Verhältnissen und einen Haufen junger Leute, Künstler zumeist, für die er nicht nur diskret die Restaurantrechnung begleicht, sondern bei Bedarf auch als Mäzen in die finanzielle Bresche springt. Und der Bedarf ergibt sich häufig. Weynfeldt zahlt immer, denn geizig ist er nicht. Eher schämt er sich ein bisschen seines Reichtums und ist geradezu dankbar für Gelegenheiten, tätig Abbitte zu leisten. Sein gleichförmiges Leben durchmisst er mit einem freundlichen Gleichmut, der ihn zum Vertreter jener Schar von Männern ohne Eigenschaften zu machen scheint, die in der Behäbigkeit ihres Alltags gleichsam zu verschwinden scheinen.

Gleich zu Beginn des Buches aber tritt Lorena auf, eine attraktive Mittdreißigerin, Ex-Model und Gelegenheitsjobberin, ein bisschen Lasterweib und ein bisschen Lebenskünstlerin, stil- und geheimnisvoll, findet jedenfalls Weynfeldt. Nachdem er sie von einem halbherzigen Selbstmordversuch abgebracht hat, tritt sie immer wieder in sein Leben. Mal löst er sie nach ertapptem Ladendiebstahl aus, mal zahlt er ihr die Taxirechnung. Man muss es wohl Liebe nennen. Jedenfalls erweist Lorena sich als das destabilisierende Element in Weynfeldts Leben – und er genießt es. Bald kommt auch noch ein Gemälde hinzu, das Baier, ein alter Freund der Familie, versteigern möchte. Wie sich herausstellt, handelt es sich um eine Fälschung. Damit wird nicht nur ein munterer Diskurs über das Wesen des Kunstwerks, das Wesen des Echten und das Verhältnis von Fälschung und Original eröffnet. Weynfeldt muss die ausgetretenen Pfade verlassen und Grenzen überschreiten. Dabei kommt es zu einem Verwirrspiel, das auf den letzten fünfzig Seiten mit haarsträubenden Verwicklungen geradezu krimihafte Prickelspannung erzeugt. Vom überraschenden Schluss sei nur so viel verraten, dass das Happyend, das Suter dem Leser schenkt, für so manche Situation entschädigt, in der man den Protagonisten am liebsten lautstark auffordern möchte, doch mal mit der Faust auf den Tisch zu hauen. Das freilich liefe seinem Charakter ganz und gar zuwider. Langweilig wird die sich zeitweise etwas zäh entwickelnde Geschichte freilich nie, dafür fallen die Erkundungen der unterschiedlichen Milieus,  angefangen von der Auktions- und Kunstszene bis zu dem Alltag eines Grid-Girls, letztlich zu vergnüglich aus.

Dass man als Leser Suters Sätze am liebsten siezen möchte, weil sie so schön seien (wie im Klappentext verwegenerweise behauptet wird), kann ich so nicht bestätigen. Ich hatte noch nie den Wunsch, einen Satz zu siezen. Es erscheint mir sinnfrei. Manchmal möchte ich mir einen Satz merken oder ihn streichen, aber auch das habe ich nicht getan. Wie gesagt, es kommt eher selten vor.

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Der letzte Weynfeldt, Roman

Diogenes, 2009

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Jennifer Egan – Manhattan Beach

Jennifer Egans neuer Roman spielt in den 30er und 40er Jahren, in der Zeit der Großen Depression und des Zweiten Weltkriegs. Im Mittelpunkt der Handlung steht Anna Kerrigan, die mit Ihren Eltern und der behinderten Schwester Lydia in New York lebt, gar nicht weit von den Hafenanlagen und den Schiffswerfen von Manhattan Beach. Während ihr Vater Eddie sich der Halbwelt verdingt, kümmert sie sich aufopferungsvoll um ihre Schwester, bis diese stirbt. Lydias Tod und das unerklärliche Verschwinden des Vaters sind die beiden traumatischen Ereignisse ihrer Kindheit. Doch Anna lässt sich nicht unterkriegen.

Als der Krieg ausbricht und ihre Mutter aus New York wegzieht, bleibt sie in der Stadt und nimmt einen Job auf der Werft an. Dass die Männer gegen Nazi-Deutschland in den Krieg ziehen, eröffnet den daheimgebliebenen Frauen neue Möglichkeiten. Auf einmal  stehen ihnen  Arbeitsfelder offen, die ihnen bislang verschlossen waren – so zu sagen der Krieg als Vater der Emanzipation. Anna sortiert zunächst Kleinteile für den Bau von Kriegsschiffen, doch das genügt ihr nicht – sie will Taucherin werden, zu der Zeit ein unerhörter Wunsch. Wie sie sie sich gegen die Widerstände der Männerwelt durchsetzt, erzählt Egan mit Humor, einem scharfen Blick für Details und großer Sachkunde. Man merkt einfach, dass sie (nach eigenem Bekunden) zehn Jahre an dem Roman gearbeitet und ausgiebig recherchiert hat. Herausgekommen sind nicht nur ein paar äußerst beklemmende Tauchszenen, sondern auch die Schilderung eines Schiffbruchs, die es in sich hat. Egan kann alles, auch einen historischen Roman, aber manchmal konnte ich mich bei der Lektüre des Gefühls nicht erwehren, das irgendetwas nicht stimmt. Ich habe mich gefragt, warum ich das lese – und weshalb Egan diesen Roman geschrieben hat. Die Antwort auf die erste Frage lautet natürlich: Weil der Roman von Jennifer Egan ist. Die zweite Antwort hat sich mir nicht erschlossen. Jedenfalls ist es kein gutes Zeichen, wenn man sich als Leser diese Frage überhaupt stellt. Vielleicht lag mein zeitweiliges Fremdeln aber auch daran, dass es für Anna einfach zu dicke kommt. Nicht nur freundet sie sich mit Dexter Styles, dem mutmaßlichen Mörder ihres Vaters an, sie wird auch noch von ihm schwanger. Und dann folgt eine zentrale Szene, die nicht nur die Grenzen der Plausibilität sprengt. Anna wird von Dexter an den Ort geführt, wo ihr Vater im  Meer versenkt wurde. Dass der Bootsführer nach Jahren bis auf zehn Meter genau in offenem Gewässer diese Stelle wiederfindet, ist schlichtweg ausgeschlossen, schließlich gab es damals noch kein GPS. Und dass Anna, die aufmerksame Beobachterin, die ständig überlegt und reflektiert, keinen Gedanken an Dexters Rolle beim Verschwinden ihres Vaters verschwendet, ist mir unverständlich.

Es lässt sich nicht anders sagen: Der Dreh- und Angelpunkt des Plots ist überkonstruiert und kann nicht überzeugen. Im Zentrum des Roman quietscht und knarzt es mächtig. Davon abgesehen funktioniert er aber hervorragend, die Atmosphäre ist dicht, die Figuren sind lebendig. Trotzdem erreicht er nicht die Qualität anderer Egan-Werke. Er ist nicht so innovativ wie Der grössere Teil der Welt, nicht so zwingend wie Im Bann, nicht so avantgardistisch wie Black Box. Man könnte sagen, er ist konventionell. Vielleicht ist das der Grund, weshalb die deutsche Kritik ihn weniger enthusiastisch aufgenommen hat als beispielsweise die amerikanische. Trotzdem habe ich das Buch mit Lust gelesen – die anderen Egan-Werke aber schätze ich mehr.

Manhattan Beach - Jennifer Egan

Jennifer Egan
Manhattan Beach (Manhattan Beach), Roman

übersetzt von Henning Ahrens
S. Fischer, 2018

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Mein Jahr 2018

Manchmal, ganz selten, überkommt mich das bizarre Verlangen, mich einer der geschlossenen Foren oder Facebook-Gruppen anzuschließen, die sich mit Reptiloiden,  Chemtrails, der Flacherde oder Kreationismus beschäftigen. Dahinter steht wohl einerseits Neugier, andererseits drückt sich darin möglicherweise auch der irgendwo im Verborgenen gärende Wunsch aus, die anstrengende Rationalität zumindest auf Zeit mal abzustreifen wie, nun ja, eine Reptilienhaut. Warum immerzu bloß das glauben, was man glauben soll und wissen kann, und nicht das, was man glauben will? Braucht man zum Denken wirklich das Gehirn, oder tut es nicht auch der dicke Zeh? Zum Teufel mit den verfluchten Experten und ihrem selbstverliebten Geschwafel!

Zum Einstand hätte ich meine ganze eigene Verschwörungstheorie anzubieten, und die geht so: Putin hat in einem streng geheimen KGB-Labor ein besonders tückisches Virus entwickeln lassen. Freigesetzt im verhassten liberalen, pluralistischen, demokratischen Westen, entfaltet es unbemerkt seine diabolische Wirkung und bringt die Menschen dazu, an allem zu zweifeln, was Rust and Furor - Foto: nst 2018ihnen jahrzehntelang Stabilität und wachsenden Wohlstand beschert hat. Die staatlichen und internationalen Institutionen erscheinen auf einmal obsolet, die Demokratie mit ihrer komplizierten Gewaltenteilung – ein Fliegenschiss der Geschichte. Globaler Handel nützt nur den anderen. Die EU raubt uns die Identität! Das Virus verengt den Blickwinkel, schrumpft den geistigen Horizont, setzt Logik, Selbstkritik und Anstand außer Kraft. Mehr oder weniger plötzlich dumm geworden, erliegen die Betroffenen wehrlos den abstrusesten Beschwörungen. Das Gewohnte verbreitet bleierne Langeweile, die unbezähmbare Lust auf Neues macht; schmecken die alten Gerichte fad, müssen kräftige Gewürze her. Die liefern die Tabuverletzter, Grenzüberschreiter und notorischen Vereinfacher, deren Propaganda am Facebook-Stammtisch vervielfacht wird. Hier kann jeder ein Influencer sein,  und jeder findet auch sein ganz spezielles Grüppchen, womit wir wieder bei den Flachweltlern und ihren Geistesverwandten angelangt wären.

Das ist natürlich blanker Unsinn. Und ich schwöre, ich war nie Mitglied in einer der genannten FB-Gruppen und werde es auch nie sein. Allerdings schaue ich manchmal den Kondensstreifen am Himmel hinterher und frage mich …

Schluss damit. Das Jahr 2018 hatte mehr zu bieten als Trump-Getwitter, Nationalistengedröhn und populistische Disruption. Zum Beispiel … einen Sommer. Keine westeuropäische Regenzeit, sondern einen Sommer, wie er sonst nur im Buche steht. Einen Sommer mit gelben Wiesen, braungebrannten Beinen und langen Abenden im Freien. Mediterrane Gelassenheit machte sich breit. Doch dann dehnte sich die Hitzeperiode, der Regen blieb hartnäckig aus, und störende Gedanken stellten sich ein: Ist das jetzt der Klimaumschwung? Geht es so weiter? Was kostet eine Klimaanlage? Müssen auch wir bald mit Waldbränden und sommerlichem Wassermangel leben? Wann siedeln sich die ersten Palmen an, und welche Krankheiten überträgt die Tigermücke? An der Klimaerwärmung besteht kein vernünftiger Zweifel, und die obigen rhetorischen Fragen könnten bald relevanter werden, als einem lieb ist. Dennoch habe ich den Sommer genossen und werde ihn im Gedächtnis behalten als einen, wie er sonst nur in der Erinnerung an Kindheitstage vorkommt.

Zum Abschluss der übliche Arbeitsbericht. 2018 sind für meine Verhältnisse ungewöhnlich viele Storys erschienen, nämlich vier: Das Museum der toten Dinge in Nova 25, Das Versprechen in Spektrum d. Wissenschaft 4, Wir kommen in Nova 26 und Der Wächter in Exodus 38.

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Des Weiteren habe ich eine Sammlung mit 10 SF-Storys aus den Jahren 2013 bis 2018 rausgebracht (Honeypot), und meine Romane Der Weg nach unten von 1992 sowie New York ist himmlisch von 1988 wurden bei Apex wiederveröffentlicht. Honeypot und Der Weg nach unten sind als Paperback und E-Book erhältlich, New York ist himmlisch ausschließlich als E-Book.

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Das Büro 4 – Das A. P. Beerta-Institut

Die Lektüre der siebenbändigen Büro-Saga des niederländischen Autors J. J. Voskuil fordert den Leser auf ganz spezielle Weise. So wie der Angestellte gehalten ist, mit dem Weckerklingeln aufzustehen und den Tag zu beginnen, obwohl Müdigkeit und ein chronischer Verdruss an der Vorhersagbarkeit des Büroalltags ein Verweilen im Bett als unendlich reizvoller erscheinen lassen, sieht sich auch der Leser disziplinmäßig erheblich gefordert. Es braucht Durchhaltevermögen und eine gewisse Leidensfähigkeit, um die Wiederkehr des Immergleichen zu bewältigen. Und da man quasi selbst in die Abläufe  verwickelt wird, gibt es auch Anlass zum Ärgern im Überfluss.

Da sind der ständig krankfeiernde Hypochonder Ad, der haarspalterische Bart, die inkompetente und uninteressierte Tjiske, der unfreundliche Chef Balk und all die anderen Mitarbeiter des Amsterdamer Büros für Volkskultur, die ihre Hauptaufgabe darin zu sehen scheinen, Sand ins Getriebe zu streuen. Und da ist Maarten Koning, Voskuils alter Ego und derzeit noch die Nummer Zwei, also der stellvertretende Büroleiter. Keiner zweifelt so grundlegend am Sinn des Büros im Besonderen und der Wissenschaft im Allgemeinen wie er selbst, und doch reibt er sich auf und häuft Amt auf Amt und Aufgabe auf Aufgabe, getrieben von zwanghaftem Pflichtgefühl. Er ist ein Mann der inneren Widersprüche, schwankend zwischen Misanthropie und überbordendem guten Willen, zwischen eingebildeter Ohnmacht und exzessiven Gewaltfantasien. Man möchte mit der Faust dreinschlagen, wenn Maarten, anstatt ein Machtwort zu sprechen und die Folterinstrumente des Arbeitsrechts hervorzuholen, wieder einmal den Fehler bei sich selber sucht und sich eine Aufgabe, der seine Mitarbeiter sich verweigern, selber aufbürdet. So gesehen, ist er nicht weniger dysfunktional als diese. Allerdings ändern sich die Zeiten und mit ihnen auch die Menschen. Die Siebziger Jahre sind angebrochen. Die niederländische Wissenschaftslandschaft wird umstrukturiert. Erstmals werden von außen Forderungen ans Büro gestellt: mehr Veröffentlichungen werden verlangt, Forschungsergebnisse sollen nach außen sichtbar  gemacht werden. Werden die Überarbeiteten und Fußkranken demnächst beim Fernbleiben gar ärztliche Atteste vorweisen müssen? All diese Zumutungen kitzeln natürlich den Widerstand der Belegschaft wach. Das Arbeitsklima verschlechtert sich. Maarten verspürt zudem zunehmend Selbstrechtfertigungsdruck, doch seine Versuche, dem diffusen Fach der Volkskulturforschung ein solideres Fundament zu verschaffen, stoßen  bei seinen Mitarbeitern auf wenig Verständnis und noch weniger Gegenliebe. Sein Engagement und seine intellektuelle Überlegenheit machen ihn einsam. Leider hat er von seiner xanthippenhaften Gemahlin Nicolien keinen Trost zu erwarten, im Gegenteil. Und A. P. Beerta, der längst pensionierte Begründer des Büros für Volkskultur, liegt nach einem Schlaganfall im Krankenhaus und blickt dem Ende entgegen. Auch wenn hier die Mäuse auf dem Tisch tanzen, nachdem sie im Archiv vor dem grausamen Gifttod bewahrt wurden, ist das Büro weiß Gott kein Ponyhof.

Dies wirft eine Frage auf: Warum tut man sich die Fron der Lektüre an? Die Antwort: Weil Voskuil ein toller Autor ist. Immer wieder tauchen wundervolle Miniaturen auf, Impressionen von Maartens Arbeitsweg entlang den Amsterdamer Grachten, präzise Schilderungen von Begegnungen auf Dienstreisen, schreiend komische Kommissionssitzungen, berührende Momente jenseits der Absurdität des Alltäglichen. Von Band zu Band treten auch die weiten Bögen deutlicher hervor, die das Klein-Klein durchziehen und dem Werk eine solide Statik verleihen. Wie die Zeiten sich kaum merklich wandeln und die Figuren altern, wird von Voskuil so unaufdringlich wie souverän geschildert. Und dann schafft Maarten es doch tatsächlich einmal, sich durchzusetzen. Da geht über dem Büro für Volkskunde für einen Moment die Sonne auf.

Das 1000-Seiten-Buch kommt in einem dunkelgrünen Leineneinband mit Namensanhang und Lesebändchen daher – sehr schlicht, sehr funktional, bürotauglich.

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J. J. Voskuil

Das Büro 4: Das A. P. Beerta-Institut
Roman, Verbrecher Verlag 2015

aus dem Niederländischen übersetzt von Gerd Busse

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