Archiv der Kategorie: Literatur

Martin Suter – Der letzte Weynfeldt

Adrian Weynfeldt, Mitte fünfzig, ledig, muss man sich als glücklichen Menschen vorstellen. Reich dank Erbschaft, hat er als Kunstexperte eines Züricher Auktionshauses sein Hobby zum Beruf gemacht. Sein Leben ist aufs Vortrefflichste geordnet: Seine Anzüge sind vom besten Schneider der Stadt, seine Mahlzeiten von erlesener Qualität, und in seinem weitläufigen Zuhause liest ihm eine Haushälterin jeden Wunsch von den Augen ab.  Sein chronisches Junggesellentum scheint ihn nicht zu stören. Der Freundeskreis, gepflegt bei wöchentlichen Treffen,  ist praktischerweise zweigeteilt in ältere Herrschaften aus ähnlich wohlgeordneten Verhältnissen und einen Haufen junger Leute, Künstler zumeist, für die er nicht nur diskret die Restaurantrechnung begleicht, sondern bei Bedarf auch als Mäzen in die finanzielle Bresche springt. Und der Bedarf ergibt sich häufig. Weynfeldt zahlt immer, denn geizig ist er nicht. Eher schämt er sich ein bisschen seines Reichtums und ist geradezu dankbar für Gelegenheiten, tätig Abbitte zu leisten. Sein gleichförmiges Leben durchmisst er mit einem freundlichen Gleichmut, der ihn zum Vertreter jener Schar von Männern ohne Eigenschaften zu machen scheint, die in der Behäbigkeit ihres Alltags gleichsam zu verschwinden scheinen.

Gleich zu Beginn des Buches aber tritt Lorena auf, eine attraktive Mittdreißigerin, Ex-Model und Gelegenheitsjobberin, ein bisschen Lasterweib und ein bisschen Lebenskünstlerin, stil- und geheimnisvoll, findet jedenfalls Weynfeldt. Nachdem er sie von einem halbherzigen Selbstmordversuch abgebracht hat, tritt sie immer wieder in sein Leben. Mal löst er sie nach ertapptem Ladendiebstahl aus, mal zahlt er ihr die Taxirechnung. Man muss es wohl Liebe nennen. Jedenfalls erweist Lorena sich als das destabilisierende Element in Weynfeldts Leben – und er genießt es. Bald kommt auch noch ein Gemälde hinzu, das Baier, ein alter Freund der Familie, versteigern möchte. Wie sich herausstellt, handelt es sich um eine Fälschung. Damit wird nicht nur ein munterer Diskurs über das Wesen des Kunstwerks, das Wesen des Echten und das Verhältnis von Fälschung und Original eröffnet. Weynfeldt muss die ausgetretenen Pfade verlassen und Grenzen überschreiten. Dabei kommt es zu einem Verwirrspiel, das auf den letzten fünfzig Seiten mit haarsträubenden Verwicklungen geradezu krimihafte Prickelspannung erzeugt. Vom überraschenden Schluss sei nur so viel verraten, dass das Happyend, das Suter dem Leser schenkt, für so manche Situation entschädigt, in der man den Protagonisten am liebsten lautstark auffordern möchte, doch mal mit der Faust auf den Tisch zu hauen. Das freilich liefe seinem Charakter ganz und gar zuwider. Langweilig wird die sich zeitweise etwas zäh entwickelnde Geschichte freilich nie, dafür fallen die Erkundungen der unterschiedlichen Milieus,  angefangen von der Auktions- und Kunstszene bis zu dem Alltag eines Grid-Girls, letztlich zu vergnüglich aus.

Dass man als Leser Suters Sätze am liebsten siezen möchte, weil sie so schön seien (wie im Klappentext verwegenerweise behauptet wird), kann ich so nicht bestätigen. Ich hatte noch nie den Wunsch, einen Satz zu siezen. Es erscheint mir sinnfrei. Manchmal möchte ich mir einen Satz merken oder ihn streichen, aber auch das habe ich nicht getan. Wie gesagt, es kommt eher selten vor.

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Der letzte Weynfeldt, Roman

Diogenes, 2009

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Jennifer Egan – Manhattan Beach

Jennifer Egans neuer Roman spielt in den 30er und 40er Jahren, in der Zeit der Großen Depression und des Zweiten Weltkriegs. Im Mittelpunkt der Handlung steht Anna Kerrigan, die mit Ihren Eltern und der behinderten Schwester Lydia in New York lebt, gar nicht weit von den Hafenanlagen und den Schiffswerfen von Manhattan Beach. Während ihr Vater Eddie sich der Halbwelt verdingt, kümmert sie sich aufopferungsvoll um ihre Schwester, bis diese stirbt. Lydias Tod und das unerklärliche Verschwinden des Vaters sind die beiden traumatischen Ereignisse ihrer Kindheit. Doch Anna lässt sich nicht unterkriegen.

Als der Krieg ausbricht und ihre Mutter aus New York wegzieht, bleibt sie in der Stadt und nimmt einen Job auf der Werft an. Dass die Männer gegen Nazi-Deutschland in den Krieg ziehen, eröffnet den daheimgebliebenen Frauen neue Möglichkeiten. Auf einmal  stehen ihnen  Arbeitsfelder offen, die ihnen bislang verschlossen waren – so zu sagen der Krieg als Vater der Emanzipation. Anna sortiert zunächst Kleinteile für den Bau von Kriegsschiffen, doch das genügt ihr nicht – sie will Taucherin werden, zu der Zeit ein unerhörter Wunsch. Wie sie sie sich gegen die Widerstände der Männerwelt durchsetzt, erzählt Egan mit Humor, einem scharfen Blick für Details und großer Sachkunde. Man merkt einfach, dass sie (nach eigenem Bekunden) zehn Jahre an dem Roman gearbeitet und ausgiebig recherchiert hat. Herausgekommen sind nicht nur ein paar äußerst beklemmende Tauchszenen, sondern auch die Schilderung eines Schiffbruchs, die es in sich hat. Egan kann alles, auch einen historischen Roman, aber manchmal konnte ich mich bei der Lektüre des Gefühls nicht erwehren, das irgendetwas nicht stimmt. Ich habe mich gefragt, warum ich das lese – und weshalb Egan diesen Roman geschrieben hat. Die Antwort auf die erste Frage lautet natürlich: Weil der Roman von Jennifer Egan ist. Die zweite Antwort hat sich mir nicht erschlossen. Jedenfalls ist es kein gutes Zeichen, wenn man sich als Leser diese Frage überhaupt stellt. Vielleicht lag mein zeitweiliges Fremdeln aber auch daran, dass es für Anna einfach zu dicke kommt. Nicht nur freundet sie sich mit Dexter Styles, dem mutmaßlichen Mörder ihres Vaters an, sie wird auch noch von ihm schwanger. Und dann folgt eine zentrale Szene, die nicht nur die Grenzen der Plausibilität sprengt. Anna wird von Dexter an den Ort geführt, wo ihr Vater im  Meer versenkt wurde. Dass der Bootsführer nach Jahren bis auf zehn Meter genau in offenem Gewässer diese Stelle wiederfindet, ist schlichtweg ausgeschlossen, schließlich gab es damals noch kein GPS. Und dass Anna, die aufmerksame Beobachterin, die ständig überlegt und reflektiert, keinen Gedanken an Dexters Rolle beim Verschwinden ihres Vaters verschwendet, ist mir unverständlich.

Es lässt sich nicht anders sagen: Der Dreh- und Angelpunkt des Plots ist überkonstruiert und kann nicht überzeugen. Im Zentrum des Roman quietscht und knarzt es mächtig. Davon abgesehen funktioniert er aber hervorragend, die Atmosphäre ist dicht, die Figuren sind lebendig. Trotzdem erreicht er nicht die Qualität anderer Egan-Werke. Er ist nicht so innovativ wie Der grössere Teil der Welt, nicht so zwingend wie Im Bann, nicht so avantgardistisch wie Black Box. Man könnte sagen, er ist konventionell. Vielleicht ist das der Grund, weshalb die deutsche Kritik ihn weniger enthusiastisch aufgenommen hat als beispielsweise die amerikanische. Trotzdem habe ich das Buch mit Lust gelesen – die anderen Egan-Werke aber schätze ich mehr.

Manhattan Beach - Jennifer Egan

Jennifer Egan
Manhattan Beach (Manhattan Beach), Roman

übersetzt von Henning Ahrens
S. Fischer, 2018

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Mein Jahr 2018

Manchmal, ganz selten, überkommt mich das bizarre Verlangen, mich einer der geschlossenen Foren oder Facebook-Gruppen anzuschließen, die sich mit Reptiloiden,  Chemtrails, der Flacherde oder Kreationismus beschäftigen. Dahinter steht wohl einerseits Neugier, andererseits drückt sich darin möglicherweise auch der irgendwo im Verborgenen gärende Wunsch aus, die anstrengende Rationalität zumindest auf Zeit mal abzustreifen wie, nun ja, eine Reptilienhaut. Warum immerzu bloß das glauben, was man glauben soll und wissen kann, und nicht das, was man glauben will? Braucht man zum Denken wirklich das Gehirn, oder tut es nicht auch der dicke Zeh? Zum Teufel mit den verfluchten Experten und ihrem selbstverliebten Geschwafel!

Zum Einstand hätte ich meine ganze eigene Verschwörungstheorie anzubieten, und die geht so: Putin hat in einem streng geheimen KGB-Labor ein besonders tückisches Virus entwickeln lassen. Freigesetzt im verhassten liberalen, pluralistischen, demokratischen Westen, entfaltet es unbemerkt seine diabolische Wirkung und bringt die Menschen dazu, an allem zu zweifeln, was Rust and Furor - Foto: nst 2018ihnen jahrzehntelang Stabilität und wachsenden Wohlstand beschert hat. Die staatlichen und internationalen Institutionen erscheinen auf einmal obsolet, die Demokratie mit ihrer komplizierten Gewaltenteilung – ein Fliegenschiss der Geschichte. Globaler Handel nützt nur den anderen. Die EU raubt uns die Identität! Das Virus verengt den Blickwinkel, schrumpft den geistigen Horizont, setzt Logik, Selbstkritik und Anstand außer Kraft. Mehr oder weniger plötzlich dumm geworden, erliegen die Betroffenen wehrlos den abstrusesten Beschwörungen. Das Gewohnte verbreitet bleierne Langeweile, die unbezähmbare Lust auf Neues macht; schmecken die alten Gerichte fad, müssen kräftige Gewürze her. Die liefern die Tabuverletzter, Grenzüberschreiter und notorischen Vereinfacher, deren Propaganda am Facebook-Stammtisch vervielfacht wird. Hier kann jeder ein Influencer sein,  und jeder findet auch sein ganz spezielles Grüppchen, womit wir wieder bei den Flachweltlern und ihren Geistesverwandten angelangt wären.

Das ist natürlich blanker Unsinn. Und ich schwöre, ich war nie Mitglied in einer der genannten FB-Gruppen und werde es auch nie sein. Allerdings schaue ich manchmal den Kondensstreifen am Himmel hinterher und frage mich …

Schluss damit. Das Jahr 2018 hatte mehr zu bieten als Trump-Getwitter, Nationalistengedröhn und populistische Disruption. Zum Beispiel … einen Sommer. Keine westeuropäische Regenzeit, sondern einen Sommer, wie er sonst nur im Buche steht. Einen Sommer mit gelben Wiesen, braungebrannten Beinen und langen Abenden im Freien. Mediterrane Gelassenheit machte sich breit. Doch dann dehnte sich die Hitzeperiode, der Regen blieb hartnäckig aus, und störende Gedanken stellten sich ein: Ist das jetzt der Klimaumschwung? Geht es so weiter? Was kostet eine Klimaanlage? Müssen auch wir bald mit Waldbränden und sommerlichem Wassermangel leben? Wann siedeln sich die ersten Palmen an, und welche Krankheiten überträgt die Tigermücke? An der Klimaerwärmung besteht kein vernünftiger Zweifel, und die obigen rhetorischen Fragen könnten bald relevanter werden, als einem lieb ist. Dennoch habe ich den Sommer genossen und werde ihn im Gedächtnis behalten als einen, wie er sonst nur in der Erinnerung an Kindheitstage vorkommt.

Zum Abschluss der übliche Arbeitsbericht. 2018 sind für meine Verhältnisse ungewöhnlich viele Storys erschienen, nämlich vier: Das Museum der toten Dinge in Nova 25, Das Versprechen in Spektrum d. Wissenschaft 4, Wir kommen in Nova 26 und Der Wächter in Exodus 38.

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Des Weiteren habe ich eine Sammlung mit 10 SF-Storys aus den Jahren 2013 bis 2018 rausgebracht (Honeypot), und meine Romane Der Weg nach unten von 1992 sowie New York ist himmlisch von 1988 wurden bei Apex wiederveröffentlicht. Honeypot und Der Weg nach unten sind als Paperback und E-Book erhältlich, New York ist himmlisch ausschließlich als E-Book.

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Das Büro 4 – Das A. P. Beerta-Institut

Die Lektüre der siebenbändigen Büro-Saga des niederländischen Autors J. J. Voskuil fordert den Leser auf ganz spezielle Weise. So wie der Angestellte gehalten ist, mit dem Weckerklingeln aufzustehen und den Tag zu beginnen, obwohl Müdigkeit und ein chronischer Verdruss an der Vorhersagbarkeit des Büroalltags ein Verweilen im Bett als unendlich reizvoller erscheinen lassen, sieht sich auch der Leser disziplinmäßig erheblich gefordert. Es braucht Durchhaltevermögen und eine gewisse Leidensfähigkeit, um die Wiederkehr des Immergleichen zu bewältigen. Und da man quasi selbst in die Abläufe  verwickelt wird, gibt es auch Anlass zum Ärgern im Überfluss.

Da sind der ständig krankfeiernde Hypochonder Ad, der haarspalterische Bart, die inkompetente und uninteressierte Tjiske, der unfreundliche Chef Balk und all die anderen Mitarbeiter des Amsterdamer Büros für Volkskultur, die ihre Hauptaufgabe darin zu sehen scheinen, Sand ins Getriebe zu streuen. Und da ist Maarten Koning, Voskuils alter Ego und derzeit noch die Nummer Zwei, also der stellvertretende Büroleiter. Keiner zweifelt so grundlegend am Sinn des Büros im Besonderen und der Wissenschaft im Allgemeinen wie er selbst, und doch reibt er sich auf und häuft Amt auf Amt und Aufgabe auf Aufgabe, getrieben von zwanghaftem Pflichtgefühl. Er ist ein Mann der inneren Widersprüche, schwankend zwischen Misanthropie und überbordendem guten Willen, zwischen eingebildeter Ohnmacht und exzessiven Gewaltfantasien. Man möchte mit der Faust dreinschlagen, wenn Maarten, anstatt ein Machtwort zu sprechen und die Folterinstrumente des Arbeitsrechts hervorzuholen, wieder einmal den Fehler bei sich selber sucht und sich eine Aufgabe, der seine Mitarbeiter sich verweigern, selber aufbürdet. So gesehen, ist er nicht weniger dysfunktional als diese. Allerdings ändern sich die Zeiten und mit ihnen auch die Menschen. Die Siebziger Jahre sind angebrochen. Die niederländische Wissenschaftslandschaft wird umstrukturiert. Erstmals werden von außen Forderungen ans Büro gestellt: mehr Veröffentlichungen werden verlangt, Forschungsergebnisse sollen nach außen sichtbar  gemacht werden. Werden die Überarbeiteten und Fußkranken demnächst beim Fernbleiben gar ärztliche Atteste vorweisen müssen? All diese Zumutungen kitzeln natürlich den Widerstand der Belegschaft wach. Das Arbeitsklima verschlechtert sich. Maarten verspürt zudem zunehmend Selbstrechtfertigungsdruck, doch seine Versuche, dem diffusen Fach der Volkskulturforschung ein solideres Fundament zu verschaffen, stoßen  bei seinen Mitarbeitern auf wenig Verständnis und noch weniger Gegenliebe. Sein Engagement und seine intellektuelle Überlegenheit machen ihn einsam. Leider hat er von seiner xanthippenhaften Gemahlin Nicolien keinen Trost zu erwarten, im Gegenteil. Und A. P. Beerta, der längst pensionierte Begründer des Büros für Volkskultur, liegt nach einem Schlaganfall im Krankenhaus und blickt dem Ende entgegen. Auch wenn hier die Mäuse auf dem Tisch tanzen, nachdem sie im Archiv vor dem grausamen Gifttod bewahrt wurden, ist das Büro weiß Gott kein Ponyhof.

Dies wirft eine Frage auf: Warum tut man sich die Fron der Lektüre an? Die Antwort: Weil Voskuil ein toller Autor ist. Immer wieder tauchen wundervolle Miniaturen auf, Impressionen von Maartens Arbeitsweg entlang den Amsterdamer Grachten, präzise Schilderungen von Begegnungen auf Dienstreisen, schreiend komische Kommissionssitzungen, berührende Momente jenseits der Absurdität des Alltäglichen. Von Band zu Band treten auch die weiten Bögen deutlicher hervor, die das Klein-Klein durchziehen und dem Werk eine solide Statik verleihen. Wie die Zeiten sich kaum merklich wandeln und die Figuren altern, wird von Voskuil so unaufdringlich wie souverän geschildert. Und dann schafft Maarten es doch tatsächlich einmal, sich durchzusetzen. Da geht über dem Büro für Volkskunde für einen Moment die Sonne auf.

Das 1000-Seiten-Buch kommt in einem dunkelgrünen Leineneinband mit Namensanhang und Lesebändchen daher – sehr schlicht, sehr funktional, bürotauglich.

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J. J. Voskuil

Das Büro 4: Das A. P. Beerta-Institut
Roman, Verbrecher Verlag 2015

aus dem Niederländischen übersetzt von Gerd Busse

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China Miéville – Dieser Volkszähler

Auf einem Berg lebt der Schlüsselmacher mit seiner Frau und seinem Sohn. Die Schlüssel, die er anfertigt, verkauft er an die Dorfbewohner im Tal. Es scheinen ganze besondere Schlüssel zu sein, geeignet zum Wettermachen und für andere magische Zwecke. Das Leben ist hart. Eines Tages meint der Sohn zu sehen, wie der Vater die Mutter erschlägt. Er flüchtet sich ins Dorf und findet Zuflucht bei den wilden Kindern, die in den Häusern auf der Brücke leben.  Nachforschungen werden angestellt, doch die Tat lässt sich nicht nachweisen. So kehrt der Junge gezwungenermaßen zum Vater zurück, den er fürchtet und hasst.

Angesiedelt ist die Geschichte in einer postapokalyptischen Welt. Es hat Kämpfe gegeben und Maschinenstürmerei, viel mehr erfährt der Leser nicht. Die Überlebenden bewohnen die Ruinen. Sie sind die Gespenster einer Vergangenheit, die sich in Mythos verwandelt. Sie wissen wenig, doch es schert sie nicht, denn das Überleben fordert ihre ganze Kraft. An die Stelle von Wissen treten Raunen und Ahnen. Die Welt nimmt den Charakter eines Traums an, erfüllt von mehrdeutiger Konturlosigkeit. Nichts ist mehr gewiss.

Miévilles klare, nuancenreiche Sprache bildet einen merkwürdigen Kontrast zu dieser Welt des Vagen. Ein weiteres Spannungselement ist die Konstruktion der Geschichte, denn der Ich-Erzähler ist der Junge vom Berg als Mann. Im Dienste eines ominösen ‘Vorgesetzten’  schreibt er drei Bücher; eines der Aufzählungen, eines der Geheimnisse und dieses, das wir lesen – ein persönliches Buch, das von Erlebtem handelt. Der ‘Vorgesetzte’ und die Undurchschaubarkeit der Erzählwelt lassen an Kafka denken, während die Grundkonstellation – Postapokalypse/Vater/Sohn – Erinnerungen an McCormacs Meisterwerk Die Straße weckt. Beide Vergleiche aber überfordern das Buch. Weder hat Dieser Volkszähler die existenzielle Eindringlichkeit Kafkas noch die düstere emotionale Wucht von Die Straße.  Zu seinen Figuren stellt sich nur ein distanziertes Verhältnis ein, das einem Mitleiden nicht förderlich ist. Aber es ist ein rundes Stück Literatur, das seine gedämpfte Wirkung nach und nach entfaltet, möglicherweise sogar erst in der Erinnerung.

China Miéville
Dieser Volkszähler

Roman, Liebeskind 2016
übersetzt von Peter Torberg

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Rachel Kushner – The Mars Room

Romy Hall, benannt nach der deutschen Schauspielerin, die seinerzeit in einer legendär gewordenen Talkshow den attraktiven Bankräuber anmachte, ist zusammen mit anderen Frauen auf dem Weg in den Knast. Nomen est omen, heißt es. In diesem Fall ist der Name bittere Ironie.

Die Fahrt dauert lange. In harten Schnitten wechseln sich Dialogfetzen mit Blicken auf die vorbeiziehende Landschaft und kurzen Rückblenden ab, disparate Fragmente eines kaputten Lebens im Zustand des Übergangs. Dieser Einstieg ist grandios: gewalttätig und radikal in Form und Inhalt. Erst mit der Ankunft im Frauengefängnis stabilisiert sich die Erzählweise und findet in einen ruhigeren Rhythmus. Romy Hall lernt die brutalen Regeln kennen, nach denen der Knastalltag funktioniert, und arrangiert sich mit den Mitbewohnerinnen´ihrer Zelle. Da sind der Intersexuelle Conan (Scheckbetrug), die kindhafte Sammy (Raubmord) und in der Etage darüber Betty La France, der Knaststar aus der Death Row, mit dem man sich über die Abflussleitung unterhalten kann (schuldig gesprochen des Mordes am Ehemann und des Mordes am Auftragskiller). Die Insassen sind keine Unschuldsschafe, und die Wärter sind keine Sadisten. Das ist auch gar nicht nötig. Das Arrangements ist grausam und effizient, und wie ein Mantra der Selbstbeschwichtigung klingt der ständige Verweis der Wärter, alles, was die Frauen erleiden müssten, sei Folge ihrer eigenen Entscheidungen.

Ich-Erzählerin Romy Hall, verurteilt zu zwei Mal lebenslänglich und ohne die geringste Hoffnung, jemals wieder frei zu kommen, ist keine sympathische ‘Heldin’, aber eine äußerst scharfsinnige Beobachterin. Schon als Kind neben der Spur gelandet, aufgewachsen mit Drogen und Diebstahl, findet sie nach der Geburt ihres Sohnes im Mars Room eine Anstellung als Tänzerin. Der Mars Room stellt keine hohen Ansprüche an seine Angestellten und schon gar nicht an seine Gäste. Hier wird Kurt Kennedy ihr regelmäßiger Lapdance-Kunde. Er stalkt sie, bis sie ihn erschlägt.   Diese Geschichte wiederum kontrastiert mit der von Gordon, genannt Doc, der in einer Waldhütte lebt und im Frauenknast einen Lesekurs gibt. Vorgestellt wird er als Thoureau-Adept, der im Wald Stachelschweine jagt und fachkundig zubereitet. Gordon verliebt sich in Romy, doch diese Welt kennt kein Happyend. Der Wald entpuppt sich am Ende als Mandelplantage, das wilde Tal als öde Kulturlandschaft, so als wäre die Essenz des Frauenknasts in die Umgebung ausgesickert und hätte sie vergiftet – eine literarische Entzauberung, die ein Amerika ohne Hoffnung enthüllt.

The Mars Room ist kein Krimi. Das Buch kommt fast ohne Krimispannung aus. Lesenswert ist es wegen der Intensität der Darstellung, die einen in den Knast hineinversetzt und zum Komplizen der hoffnungslosen Frauen macht, die um ein bisschen Leben kämpfen. Rachel Kushners enzyklopädische Kenntnis des Gefängnisalltags und ihr Blick für Biographien und Motivationen ist verblüffend. The Mars Room ist faszinierende Lektüre.

Rachel Kushner
The Mars Room

Roman, Jonathan Cape 2018

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Marion Poschmann – Die Kieferninseln

Eine Sommerlektüre, so leicht wie der Milchschaum im Cappuccino – das schon mal vorweg. Das Fazit ist umso bemerkenswerter, als die Ausgangslage  durchaus ernst ist: Gilbert Silvester, Privatdozent und drittmittelfinanzierter Bartforscher, träumt, seine Frau Mathilde habe ihn betrogen. Plötzlich erscheint ihm sein ganzes Leben nichtig und falsch, und aus einem spontanen Impuls heraus setzt er sich in einen Flieger nach Japan, das hier für das ganz Andere steht, das Fremde, Verborgene, das Verlorene und Gesuchte. In der U-Bahn von Tokyo begegnet er dem Studenten Yosa und vereitelt dessen geplanten Selbstmord. Fortan sind sie Reisegefährten. Yosa, bewaffnet mit einem Handbuch für Selbstmörder, sucht nach dem geeigneten Ort zur Umsetzung seines Absicht, während Gilbert, ausgestattet mit Reiseführern und einem Packen klassischer japanischer Literatur, der Pilgerroute des Dichters Basho folgt, deren Ziel die Kieferninseln sind.

Poschmann bedient sich bei der Schilderung der Reise eines erzählerischen Tricks. Da Yosa verschlossen und des Englischen nur eingeschränkt mächtig ist, übernimmt Gilbert die Rolle des Reiseleiters. Dem Leser tritt Japan deshalb fast ausschließlich aus seiner touristischen Außenperspektive entgegen. Da werden Sushi und Salzpflaumen verspeist, Haikus verfasst, Koans zitiert und Kiefernformen aufgezählt, auch eine Kabuki-Vorstellung darf nicht fehlen. Gilberts kommentierende Gedanken sind klug, manchmal tiefgründig, doch das Angelesene und Erlebte ist ihm vor allem Stoff für dozierende Briefe an seine daheim gebliebene Mathilde. Das klassische Japan bleibt ihm (und dem Leser) verschlossen, das moderne Einerlei hat die alten Orte überwuchert, und überhaupt lässt die parlierende Erzählweise allzu viel Anverwandlung und Anteilnahme nicht aufkommen. So kümmert es den Leser wenig, ob Yosa seinen Selbstmord verwirklicht oder nicht, und dass er irgendwann plötzlich verschwindet, nimmt man mit zenhafter Gelassenheit zur Kenntnis. Das entspricht zweifellos der Absicht des 165-Seiten-Romans, den man früher wohl als Erzählung bezeichnet hätte. Wenn das Leben (so der Klappentext) ein Traum ist, dann ist diese Prosa Schaum.

Bildergebnis für poschmann die kieferninselnMarion Poschmann
Die Kieferninseln

Roman, Suhrkamp 2017

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