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Ad Astra – und wieder zurück

Ein Forschungsraumschiff, das nach Hinweisen auf unbekannte Intelligenzen suchen soll, ist in der Nähe des Neptuns seit 20 Jahren verschollen. Irgendwas stimmt nicht mit dem Antimaterie-Antrieb, und jetzt rollen Wellenfronten gegen die Erde an, die unsere Zivilisation zu vernichten drohen. Klar, dass da jemand nach dem Rechten sehen und die Bedrohung mit einem atomaren  Sprengkopf beseitigen muss.

So weit, so bescheuert, könnte man meinen, doch dieses Instant-Urteil wird dem Film keineswegs gerecht. Das zeigt sich schon in der atemberaubenden Eröffnungssequenz, die wohl nicht ganz zufällig an Gravity erinnert.  Roy McBride (Brad Pitt), Angestellter der amerikanischen Weltraumbehörde SpaceCom, führt eine Reparatur an einer Weltraumantenne aus und stürzt nach einem Unfall minutenlang in die Tiefe, bis er sicher auf der Erde landet. Das ist überzeugend umgesetzt und herausragend gefilmt und nimmt schon  mal ein für den Film, und das ist auch nötig, denn was folgt, ist im Kern eine im inneren Monolog stattfindende Auseinandersetzung mit dem abwesenden Vater und ein langwieriger, quälender Prozess der Selbsterkenntnis. Der stoische McBride, dessen Herzschlag niemals über 80 steigt, bewahrt zwar in jeder Situation einen kühlen Kopf, ist aber letztlich liebesunfähig und einsam. Zeit zum Nachdenken bekommt er jedenfalls, denn er wird zunächst  zum Mars geschickt, um Kontakt mit dem überlebenden Expeditionsleiter des verschollenen Forschungsraumers aufzunehmen – seinem Vater. Von dort aus geht es dann etwas eigenmächtig weiter zum Neptun, wo es zur entscheidenden Begegnung kommt. Zwischendurch sind immer wieder Action-Episoden eingefügt, die einerseits etwas aufgesetzt wirken, anderseits (wie zum Beispiel bei einer Verfolgungsjagd von Mondrovern) enorme Schauwerte bieten – und nicht nur das. Im Interview sagte Regisseur James Gray, er habe vor allem die Lebensfeindlichkeit des Weltraums zeigen wollen. Und das ist ihm dank großer Detailgenauigkeit auch gelungen. Während der interplanetarische Fernflug zum Seelentrip wird, fängt die Kamera immer wieder die trostlose Schönheit des Raums ein, untermalt vom unaufdringlichen Soundtrack und McBrides ruhiger Stimme.  Damit liefert der Film auch die dunkle Folie, auf der seine simple, aber erstaunlich zeitgemäße Botschaft angemessen leuchten kann. Konterkariert wird dies freilich durch völlig überflüssige Durchhänger, so wenn ds Raumschiff auf seinem Flug vom Mars zum Neptun aus nächster Distanz erst den Jupiter und dann den Saturn passiert, ganz so, als wären die Planeten aufgereiht wie auf einer Schnur. Das ist Blättern im Planetenatlas für Kinder.

Auch wenn der nachdenkliche, melancholische McBride in psychologischer Hinsicht manchmal wie ein Wiedergänger von Officer K aus Blade Runner 2049 wirkt, ist Ad Astra alles andere als ein großer, runder Wurf. Dennoch fällt mein Fazit positiv aus. Trotz einiger dramaturgischer Albernheiten (sprich Zugeständnissen an die vermutete Erwartungshaltung des Publikums) und kleinerer technischer Ungereimtheiten ist Ad Astra ein ernsthafter SF-Film mit einem hohen Grad an Realistik, der von Brad Pitts intensiver Darstellung über alle Untiefen hinweggetragen wird. Sehenswert. 

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Ad Astra

Regie: James Gray 2019

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Green Book

Der Film spielt 1962. Damals war ich neun Jahre alt. Ich hatte die in meinem Umfeld üblichen Vorurteile gegenüber Zigeunern, Schwulen und geschiedenen Frauen, die unter dem Verdacht der ‘Liederlichkeit’ standen (für die betroffenen Männer galt dies nicht, was mir aber wohl erst später aufgefallen ist). Und in der Messe verkündete der Pfarrer vor den Wahlen von der Kanzel aus seine Parteipräferenz – CDU. Sollte sich mal ein Farbiger in meine Kleinstadt verirrt haben, dann habe ich ihn vermutlich angestarrt. Nicht mal im Traum aber wäre mir die Idee gekommen, dass Menschen unterschiedlicher Hautfarbe getrennte Toiletten benutzen und in verschiedenen Restaurants essen müssen. Dass damals in den Südstaaten der USA noch Rassentrennung herrschte, wurde mir erst sehr viel später bewusst. Für mich war Amerika viele Jahre lang vor allem ein leuchtender Stern, das Land der Befreier vom Nationalsozialismus, der aufregenden Musik und der besten Literatur gleich nach den russischen Klassikern.

Green Book ist ein Roadmovie; es geht um einen türkisfarbenen Cadillac und die beiden Männer, die darin durchs Land fahren, nämlich Don Shirley (Mahershali Ali), einen farbigen Jazzpianisten mit Doktortitel, und den Italoamerikaner Tony Lip (Viggo Mortensen), Türsteher von Beruf. Als Reiseatlas dient das titelgebende Green Book. Darin sind die Hotels und Lokale aufgeführt, die Schwarze als Kunden akzeptieren. Während der stundenlangen Fahrten prallen die Gegensätze aufeinander; hier Tony, der machohafte Familienmensch mit dem losen Mundwerk und dem milieuüblichen Maß an Rassismus, dort Shirley, der kultivierte Schwarze, der in der Carnegie Hall residiert und in seinem Elfenbeinturm nicht merkt, wie einsam er ist.

Shirley ist das, was die Aktivisten der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung abfällig als ‘Onkel Tom’ bezeichnet haben – sein Erfolg beruht auf Anpassung, die bis zur Selbstverleugnung geht. In Moskau hat er Klavier studiert (Chopin, Liszt, Beethoven), doch jetzt spielt er durch klassische Technik und Virtuosität aufgepeppte ‘weiße’ Unterhaltungsmusik, weil, wie er sagt, die Weißen es nicht tolerieren würden, wenn ein Schwarzer die Musik ‘ihrer’ Komponisten vortrüge. Die Kultur der Schwarzen ist ihm ein Buch mit sieben Siegeln; von Aretha Franklin oder Buddy Holly, die Tony im Radio laufen lässt, hat er noch nie etwas gehört, was seinen Chauffeur zu der nicht ganz falschen Bemerkung veranlasst, er selbst sei der Schwärzere von ihnen beiden. Und so kommt es, wie es kommen muss: Während die Villen immer größer und stattlicher und die Unterkünfte für den schwarzen Superstar immer schäbiger werden, je weiter nach Süden sie gelangen, entwickeln die beiden so gegensätzlichen Männer Respekt voreinander und werden Freunde. In der Schlüsselszene des Films begehrt Shirley dann endlich einmal auf, als er in dem Club, in dem er vor erlesenem Publikum spielen soll, nicht in den Speisesaal eingelassen wird. Er verweigert den Auftritt.

Green Book ist klassisches Hollywood-Kino: Der Film entwickelt einen mitreißenden Sog, nimmt für die beiden Hauptfiguren ein, drückt mächtig auf die Tränendrüse und vermittelt dem Zuschauer das wohlige Gefühl, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. Nichts daran ist innovativ, nichts tut wirklich weh. Trotzdem ist es gut,  sich hin und wieder zu erinnern, wie es vor gar nicht so langer Zeit gewesen ist, und in den selbstgewählten Grenzen ist der Film perfekt. Fast möchte man meinen, er könnte eine Medizin sein gegen die gnadenlose Polarisierung des gegenwärtigen Amerika, die nicht mal bitter schmeckt. Das aber hieße, an Homöopathie zu glauben. Dabei braucht Amerika doch eher eine pharmazeutische Keule mit ellenlanger Liste der Nebenwirkungen.

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Regie: Peter Farrelly

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Chernobyl – Blick in den Abgrund

Am 26. April 1986 explodierte in Tschernobyl der Reaktorblock 4 des Atomkomplexes und machte die ukrainische Stadt auf einen Schlag weltbekannt. ‘Das Atom, das wasch ich ab’ zitierte die BILDzeitung einen Rentner, als die strahlende Isotopenwolke Deutschland bereits erreicht hatte, und verfehlte damit die Bedeutung des Augenblicks, nun ja, haarscharf. Vielmehr handelte es sich um eines jener Ereignisse, die sich wie auch 9/11 in das Gedächtnis all jener eingebrannt haben, die es miterlebten. Es war etwas geschehen, was niemals hätte geschehen dürfen. In der Folgezeit, als die Bekömmlichkeit von Pilzen, Milch und Beeren nach Becquerel bemessen wurde, mutierten viele, die bislang der Kernkraft eher aufgeschlossen gegenüberstanden, zu überzeugten Gegnern deren ziviler Nutzung.

Jetzt haben HBO und Sky die Katastrophe verfilmt, mit äußerst sehenswertem Ergebnis. In nahezu dokumentarischem Stil wird der Gang der Ereignisse in fünf Folgen geschildert, angefangen von der Explosion im Reaktorkern nach einem gescheiterten Experiment, bis zu den todesmutigen Einsätzen der so genannten Liquidatoren, die das aus dem Reaktor herausgeschleuderte ‘heiße’ Material teils mit den Händen zurück in die Ruine beförderten.

Zu besichtigen sind zunächst überforderte Techniker, inkompetente Verantwortliche und verantwortungskose Apparatschiks, die Vertuschung und Beschwichtigung nach altsowjetischem Muster betreiben und die Hilfskräfte ohne Schutzausrüstung ins atomare Feuer und damit ihr Verderben schicken. Ein irrwitziges Detail: Das gebräuchliche Dosimeter geht nur bis 3,6 Röntgen, das ‘gute’ ist in einem Schrank eingeschlossen, dessen Schlüssel zunächst nicht auffindbar ist. Später erweist sich, dass auch dessen Skala, die bei 3600 Röntgen endet, bei weitem nicht ausreicht, um die Strahlenbelastung zu quantifizieren. Im Tschernobyler Krankenhaus sind nicht mal Iodtabletten vorhanden, die Bevölkerung darf ungewarnt der Schaulust frönen, während die Kinder im Ascheregen spielen. Gorbatschow kommt dabei noch vergleichsweise gut weg, erteilt er doch bei einer ZK-Sitzung dienstbeflissener Beschwichtiger dem eher zufällig anwesenden Atomphysiker Legassow (Jared Harris) das Wort. So kann mehr als 30 Stunden nach der Katastrophe endlich die Evakuierung Tschernobyls eingeleitet werden.

Chernobyl findet für das ungeheuerliche Geschehen überzeugende, authentisch wirkende Bilder. Auf dramatisierende Zuspitzungen und emotionalisierende Musik wurde weitgehend verzichtet, aber nicht ganz.  So kam es laut WHO und IAEA zu 9000 tödlichen Krebserkrankungen infolge des Unglücks, den Folgen akuter Strahlenkrankheit erlagen jedoch  ‘nur’ etwa 50 Menschen; in der Serie wird der Eindruck erweckt, dass es eine wesentlich höhere Zahl von Betroffenen gab. Dessen ungeachtet erzählt die Serie eher unaufgeregt. Trotzdem stellt sich eine nervenzerfetzende Spannung ein, die der Wucht der Ereignisse entspricht. In der letzten Folge, die dem Gerichtsprozess gewidmet ist, der die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen soll, wird allerdings deutlich, dass die Katastrophe von Tschernobyl nicht zum Beleg für die prinzipielle Unbeherrschbarkeit der Kernkraft taugt. Vielmehr stellt sich heraus, dass der dort verwendete Reaktortyp inhärent unsicher war und dass seine Risiken selbst den Bedienmannschaften verschwiegen wurden. So erscheint der apokalyptische Blick in den qualmenden Schlund des zerstörten Kraftwerks weniger als Menetekel der Atomtechnik, sondern vielmehr als Sinnbild für das Scheitern eines dysfunktionalen politischen Systems, nämlich der Sowjetunion.

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Fernsehserie

Regie: Johan Renck
Drehbuch: Craig Mazin

zu streamen bei Sky Ticket

Foto: Copyright HBO/Sky

Zero Dark Thirty

Kathryn Bigelow, die Frau für’s Harte, versteht es, ihre filmischen Mittel einzusetzen. Das beweist sie schon mit der Eingangssequenz, in der buchstäblich nichts zu sehen ist. Zu hören ist eine Tonmontage aus Nachrichtenfetzen, Notrufen und letzten Telefonaten. Diese quälenden langen Momente beschwören den 11. September 2001 herauf, als islamistische Terroristen das New Yorker World Trade Center und das Pentagon angriffen und dabei fast dreitausend Menschen töteten. Dieser Tag hat sich nicht nur uns nationale Gedächtnis der Vereinigten Staaten eingebrannt; wohl keiner, der damals die Nachrichten verfolgt und die Wiederholungsschleife der brennenden Türme und der in in den Tod springenden Menschen gesehen hat, wird ihn je vergessen können. Und was wäre besser geeignet, um die Erinnerung daran als Kopfkino zu reanimieren, als eine schwarze Leinwand?

Dann befindet sich der Zuschauer auch schon in einem jener Dark Sites genannten illegalen Gefängnisse der USA, in denen Terrorverdächtige nach den Anschlägen mit Billigung des amerikanischen Präsidenten W. Bush gefoltert wurden. Die gezeigte Gewalt ist explizit und leider vielfach belegt. Zu sehen sind all die barbarischen ‘Techniken’, die in diesem Zusammenhang zu trauriger Berühmtheit gelangt sind: Schlafenzug, Prügel, Aufhängen an den Armen, Einsperren in einer engen Truhe, Demütigung und Waterboarding. Dem Gefangenen (und dem Zuschauer) wird bei diesen langen Einstellungen nichts erspart. Dabei ist der Verhörleiter Dan alles andere als ein menschenverachtender Folterknecht, eher ein bärtiger, umgänglicher Bär von einem Mann, der erfüllt ist vom Sinn und der Notwendigkeit seines Tuns – einer, der tut, was getan werden muss. Er tut es nicht gern, doch er zweifelt auch nicht. Zumindest ein wenig Skepsis zeigt  hingegen zumindest anfangs CIA-Analytikerin Maya, die sich der Suche nach Osama Bin Laden verschrieben hat, auch sie übrigens eine sympathische, sogar verletzlich wirkende Person. Später, an einem anderen ‘dunklen’ Ort, lässt sie selber foltern. Der Gefangene gibt die Information preis, die zu bin Ladens Aufenthaltsort in Pakistan führt. Bushs Nachfolger Obama persönlich genehmigt die Hubschrauberaktion, die das Ziel verfolgt, den Anführer von Al Qaida zu töten. In diesen minutiös geschilderten Passagen erweist Bigelow sich als begnadete Action-Regisseurin. Die Aktion, die nach dem Absturz eines der beteiligten Stealth-Hubschrauber auf der Kippe steht, ist, das muss man sagen, nervenzerfetzend spannend. Auch hier wird, wie in den Szenen zuvor, auf Sieges-Pathos verzichtet. Immer wieder sieht man in bin Ladens Unterschlupf die Angst der Frauen und Kinder und die Toten, die sich in die lange Reihe der so genannten Kollateralschäden einfügen, die der Drohnenkrieg gegen den Terror gefordert hat. Der tote bin Laden hingegen wird, auch dies wie die Eingangssequenz des Films ein äußerst wirkungsvoller Kniff, nur andeutungsweise gezeigt.

In Europa wurde der Film recht kritisch aufgenommen, weil man Bigelow vorgeworfen hat, den Einsatz der Folter letztlich durch deren Erfolge zu rechtfertigen. Inzwischen weiß man, dass zumindest bin Laden nicht aufgrund von erpressten Informationen lokalisiert und zur Rechenschaft gezogen wurde, dargelegt in einem amtlichen Bericht der Regierung Obama. Ob Bigelow, die von Geheimdienstleuten beraten wurde, sich aus dramaturgischen oder anderen Gründen für ihre Darstellung entschieden hat,  ist ungewiss. Eine Rechtfertigung von Folter sehe ich darin allerdings nicht. Zero Dark Thirty wirft eine grundlegende Frage auf: Kann es es gerechtfertigt sein, in Notsituationen Menschenrechte und Verfassung außer Kraft zu setzen, Gefangene zu quälen und Unschuldige zu töten? Oder einfacher formuliert: Rechtfertigt der Erfolg die Mittel? Hätte die Folter nichts gebracht, wäre die Antwort leicht und eindeutig. War sie ‘erfolgreich’, fällt die  Antwort ein klein wenig schwerer, man erinnere sich nur an den Fall des Kindesentführers Gäfgen und den vor Gericht wegen Gewaltandrohung verurteilten Verhörleiter. Bigelow spitzt die Frage somit maximal zu und lässt die Antwort offen. Für mich lautet sie: Nein. Kritisch anmerken würde ich allein, dass die Darstellung der Figuren letztlich an der Oberfläche bleibt. Am Ende des Films, als bin Laden tot ist und ihre selbstgewählte Aufgabe vollbracht, bricht Maya immerhin zusammen und weint, zum ersten Mal. Und es sind keine Tränen des Triumphs.

Zero Dark Thirty (2012)

Zero Dark Thirty

Regie: Kathryn Bigelow, 2012

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True Detective – Staffel 3

Schwer von Hitze und Staub und beißend von Schweiß ist die Luft im Südstaatenkaff West Finger, Arkansas. Whiskybrauner Dunst liegt über den Bildern. Zwei Kinder fahren mit dem Fahrrad zum Spielen. Abends kehren sie nicht zurück. Bald darauf wird der Junge tot aufgefunden, das Mädchen bleibt verschwunden. 

Wayne Hays (Mahershala Ali) und Roland West (Stephen Dorff) ermitteln, beide abgebrühte Bullen, infiziert von der Schwermut der Landschaft. Geistesblitze sind ihre Sache nicht. Ihre Unterhaltungen sind lakonisch und so träge wie ihre Bewegungen, langsame Erkundungen einer inneren Leere, die sie mit vielen der Looser und Durchhalter teilen, denen sie begegnen, und in der sie nach Sinn schürfen wie Goldsucher am falschen Claim.  Bei ihrer Arbeit sind sie stur wie Esel und verbeißen sich in den Fall, der sie ein Leben lang begleiten, fordern und immer wieder enttäuschen soll. Dabei gehen sie alles andere als zimperlich vor. So kann es schon mal vorkommen, dass ein Verdächtiger zu einer abgelegenen Scheune gebracht und weichgeklopft wird. Einmal kommt jemand dabei zu Tode. Wenig später stehen sie im Wald und schaufeln ein Grab. Ihr Ethos ist archaischer als das Gesetz  erlaubt und wurzelt in den blutigen amerikanischen Mythen. Damit ist das Motiv der Zeitlosigkeit gesetzt, und dem entspricht die Erzählweise der Staffel, die auf drei Zeitebenen spielt: 1980, 1990 und 2015. Die Verknüpfung der Ebenen erzeugt eine faszinierende Parallelität der Ereignisse: der Anfang steht neben dem Ende, der Aufbruch neben dem Scheitern, die Vergangenheit kommentiert die Gegenwart und umgekehrt.

Erzählt wird von der konfliktreichen Liebe des farbigen Wayne zu einer Lehrerin, die er heiratet und wieder verliert, und von der Freundschaft der beiden Polizisten, die sich annähern, zerstreiten und wiederfinden. Auf der ersten Zeitebene wird der falsche Mann erschossen und posthum des Mordes an den beiden Kindern schuldig gesprochen. Auf der zweiten Ebene wird der Fall wieder aufgenommen, als nach einem Supermarktüberfall Fingerabdrücke des tot geglaubten Mädchens gefunden werden. Auf der dritten Ebene wird der Fall gelöst. Wayne leidet da bereits an Alzheimer, Roland ist zum trinkenden Einsiedler geworden. Dennoch raffen sie sich noch einmal auf, nicht zum letzten Gefecht, sondern zum Versuch, ihrem Leben am Ende doch noch eine Geschichte abzuringen, die im Nachhinein einen verborgenen Sinn enthüllt. Was sie stattdessen finden, ist die Wahrheit, die sich als Enttäuschung entpuppt. Aber das ist noch nicht alles.

Überhaupt sei jeder, der sich an der bedächtigen Erzählweise stören mag, auf die achte und letzte Folge verwiesen. Wie  die drei Erzählebenen der Serie sich hier verweben, als sollte die Linearität der Zeit ad absurdum geführt werden, wie abgrundtiefe Desillusionierung und hoffnungsloses Scheitern konterkariert werden durch eine Wendung, die so märchenhaft wie selbstverständlich ist, und wie sich die Möglichkeit des Glücks gleich wieder verflüchtigt, ist schauspielerisch grandios verkörpert und meisterhaft umgesetzt. Wer hier keine Tränen vergießt, wem nicht der Atem stockt und wer nicht in stillen Jubel ausbricht über diesen Triumph des filmischen Erzählens, sollte dazu verdonnert werden, fünf Marvel-Adaptionen hintereinander zu gucken – ohne Popcorn und ohne Pause.

Die Staffel im Stream unter anderem bei Sky Ticket und Amazon.

True Detective TV show on HBO: season 3 ratings (canceled or renewed season 4?)True Detective – Staffel 3

Serie von Nic Pizzolatto

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Der Pass – Der Krampus geht um

Die Konstellation ist nicht neu: Da treibt ein Serientäter sein Unwesen, um seiner wahnhaften Privatideologie mit aufwändig inszenierten Morden Aufmerksamkeit zu verschaffen, und ein dysfunktionales Ermittlerteam hechelt den Untaten hinterher, nimmt allerlei falsche Verdächtige ins Visier, folgt mäandrierenden Spuren und bringt den Täter schließlich zur Strecke – oder auch nicht.

Angelehnt ist Der Pass an Die Brücke, eine der besten Serien, die im deutschen Fernsehen zu sehen waren. Die Brücke  war  angesiedelt in der Öresund-Region, das schwedisch-dänische Ermittlerteam hatte es zunächst mit zwei Toten zu tun, deren abgesägte Hälften mitten auf der Staatsgrenze zu einem neuen Ganzen zusammengefügt waren. Vor allem Kommissarin Saga Norén (Sofia Helin) mit ihrem Asperger-Syndrom nahm den Zuschauer dermaßen für sich ein, dass er bereit war, ihr in die schauerlichsten Abgründe der Ermittlung  hinab zu folgen. Der Pass  spielt nun in den Alpen im Grenzgebiet von Deutschland und Österreich, und das Ermittlerteam ist so zu sagen spiegelverkehrt aufgestellt. Die deutsche Kommissarin Ellie Stocker (Julia Jentsch) ist die Normalo, der österreichische Kommissar Gedeon Winter (Nicholas Ofczarek) gibt den Freak. In die Provinz strafversetzt, erfüllt er seine Ermittlerpflicht mehr als unwillig. Wenn er morgens mit Kokskater auf dem Boden erwacht und sich mit fettigem Haar und zerknautschten Klamotten zur Arbeit schleppt, ist seine Stimmung erwartungsgemäß grantig. Das Österreichische, das noch dem argsten Schmäh widerborstigen Charme verleiht, passt ihm wie der Wurst die Pelle. Am Tatort bleibt er lieber im Auto sitzen und überlässt seiner ehrgeizigen deutschen Kollegin die Besichtigung des ersten Opfers, das, wenig überraschend, auf einem Grenzstein kniend gefunden wird. Erst als weitere Morde folgen, erwacht allmählich sein Interesse, und das Teambuilding kann beginnen.

Manches an Der Pass ist Variante, einiges wie die Schwangerschaft der Kommissarin wirkt aufgesetzt und überflüssig, dennoch ist die Serie unbedingt sehenswert. Das liegt nicht nur an der fantastischen Kulisse, nämlich der verschneiten Berglandschaft mit ihren dunklen Tälern und archaischen Bräuchen, der Musik von Hans Zimmer und den schauerlichen Krampusmasken, derer sich der Täter bedient, sondern vor allem an der filmischen Erzählweise.  Philip Peschlow hat hier hervorragende Kameraarbeit geleistet, die einhergeht mit einer komplexen Erzählweise  samt Vor- und Rückblenden, Szenen mit abgeblendetem Ton und atmosphärisch dichten Bildern, die der Imagination des Betrachters Raum geben.  Ganz schön dreist, dass ab Folge 3 der Täter dem Zuschauer bekannt ist. Der Spannung tut es keinen Abbruch. Sky hat Das Boot  versemmelt, aber mit Der Pass  fast alles richtig gemacht. Hier stimmt so gut wie jede Einstellung, und herausgekommen ist eine Serie, die ihrem Vorbild Die Brücke anders als das amerikanische Remake keine Schande macht. 

Zu sehen ist Der Pass derzeit auf Sky und bei Skyticket.

Krampus

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The Crown

In meiner Kindheit waren die Erzeugnisse des Klatschpresse allgegenwärtig – Gala, das Neue Blatt, die Bunte und wie sie alle hießen. Dies war die Lektüre meiner Mutter. Die Welt der prächtigen Kleider und schönen Frauen, der großen und kleinen Skandale und der heilen, wenn auch stets gefährdeten Familienwelt waren ihr zweites Zuhause. Ich nehme an, dass ich als Kind in den einschlägigen Zeitschriften geblättert habe wie in bunten Bilderbüchern. Später entwickelte ich eine hochmütige Abneigung gegen die Yellow Press, die mich freilich nicht daran hinderte, bei Arztbesuchen meiner Sitznachbarin im Wartezimmer neugierig und nicht immer dezent in die Schmuddellektüre zu linsen. Die Männer bevorzugten ja den Spiegel oder Auto, Motor und Sport.

Der frühen Antiprägung ist es geschuldet, dass ich erst jetzt auf die wunderbare Serie The Crown aufmerksam geworden bin. Mit geschätzten achtzig Millionen Dollar Produktionskosten allein für die erste Staffel ist sie eine der teuersten Eigenproduktionen von Netflix, und das sieht man ihr an. Die Kostüme sind fabelhaft, die Schauplätze (die Kathedrale von Ely statt Westminster Abbey, Lancaster House statt Buckingham Palace) machen die Originale vergessen, Licht und Regie sind makellos. Der englische Cast, allen voran Claire Foye als Elizabeth II., ist umwerfend. Und die Musik (Filmmusik von Hans Zimmer) macht mächtig Lust auf einen Konzertabend.

Im Mittelpunkt von The Crown steht Elizabeth II., deren gesamte Regentschaft die Serie einmal abbilden soll, mit jeweils zehn Regierungsjahren pro Staffel. Die Handlung beginnt mit der Vermählung mit Prinz Philipp und einer fotogenen Rundreise durch den Commonwealth, die allerdings schon in Kenia abrupt endet, da Elizabeths Vater, König George VI., verstorben ist.  Was zunächst wie eine Fortsetzung von Downton Abbey beginnt, bekommt auf einmal Tragik und Tiefe. Ja, es geht Bildergebnis für the crownum prachtvolle Roben, scharf gebügelte Hosen und vollendet geknotete Krawatten, um Snobismus und Dünkel, Liebe und Leidenschaft, Intrige und Politik. Schon bald aber kristallisiert sich heraus, dass das eigentliche Drama der Konflikt zwischen Institution und Individuum ist, ein Spannungsverhältnis, das prägend war für das zwanzigste Jahrhundert. Wie Elizabeth zunächst zaghaft aufbegehrt und sich letzten Endes doch den Regeln unterwirft, ist schmerzhaft anzusehen. Nicht nur sie und vor allem ihr Mann Philipp stellen sich die Frage, was den Wert der konstitutionellen Monarchie ausmacht und was sie den Protagonisten abverlangen darf. Wer Westminster Abbey besucht und vor Parlament und Buckingham Palace gestanden hat, der spürt, welche Kraft diese Institution noch heute hat. Elizabeths Antwort fällt, wie bekannt, eindeutig aus, und so ist in den bislang vorliegenden zwei Staffeln ihre Verwandlung in einen Menschen zu besichtigen, dem die Rolle zur Identität wird.

Erst der zeitgeschichtliche Hintergrund machte die Serie wahrhaft faszinierend. Die zweite Amtszeit des 83jährigen Winston Churchills und sein Kampf gegen den Verfall, der in der symbolträchtigen Zerstörung des im Auftrag des Kabinetts gemalten Porträts von Sutherland seinen ohnmächtigen Höhepunkt findet, eröffnet die Parade der historischen Ereignisse. Die (mir bislang unbekannte) Londoner Smogkatastrophe  von 1952, die Profumo-Affäre unter Premierminister Macmillan, die Veröffentlichung der Marburg-Papiere, welche die  Nazi-Verstrickung des abgedankten Königs Edward belegen, und Kennedys Ermordung – dies alles passiert in den ersten zwanzig Folgen Revue und macht Lust auf die weiteren Staffeln dieser herausragenden Serie. Und die persönlichen Dramen und Intrigen, Prinzessin Margrets Beziehung zum verheirateten Oberst Townsend und Prinz Philipps Affären? Ich sage nur: Shakespeare.

Bildergebnis für the crown staffel 1The Crown

Serie von Peter Morgan

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