Archiv der Kategorie: Sachbuch

F. J. Raddatz – Tagebücher 1982 – 2001

Programmatischer Eintrag auf Seite eins, 13. Mai 1982: “Ich möchte nie ‘hinterher, wenn die Gäste weg sind’, aufschreiben, wie sich Augstein oder Biermann, Grass oder Wunderlich benommen haben.” Gleich darauf geht der Schmäh los: Die Gattin des Gastgebers tischt ‘Unsägliches’ auf, die Gäste tragen Turnschuhe, o Graus, und prompt fehlen auch die Messerbänkchen, für Raddatz eine conditio sine qua non der gehobenen Gastlichkeit. Die Anekdoten, welche die Dargestellten  nur sehr selten glänzen lassen, machen die Lektüre des 900-Seiten-Buches zu einem süffigen Genuss. Wenn Ulrich Wickert den weitgereisten, kulinarisch erfahrenen Gästen seine Käsesorten erläutert – “Das ist Ziegenkäse” –, wenn Kempowski auf seinem Sofa thronend (alle anderen sitzen auf unbequemen Klappstühlen) mit klingelndem Glöckchen die Gruppe 47 wiederzubeleben versucht, oder wenn Rühmkorf im Bad des Autors die Namen der Schönheitssalben und die Marke der Präservative notiert, um sie kurz darauf im SPIEGEL öffentlich zu machen, ist das höchst amüsant. Und alle, alle kommen sie vor: Hubert Fichte, Günter Gaus, Helmut Schmidt und Gräfin Dönhoff, Günther Anders, die Achmatowa, Katharina Thalbach und Gabriele Henkel, Robert Wilson, Francis Bacon, James Baldwin, Arthur Miller, Salman Rushdie und immer wieder Lebensfreund Paul Wunderlich und Günther (‘Gunterchen’) Grass, der im Laufe der Jahre immer öfter über Verrisse seiner Bücher zu klagen hat.

Das Personenverzeichnis umfasst 28 eng bedruckte Seiten. Naturgemäß sind Namen aus Literatur, Feuilleton und Kulturpolitik überrepräsentiert. Raddatz kennt Hinz und Kunz und ist ständig in Bewegung, zwischen Hamburg, seinem Hauptwohnsitz. und der Ferienwohnung in Kampen auf Sylt, zwischen New York, Paris, Rom. Ständig gilt es jemanden zu interviewen oder einen Reisebericht auf Heines, Fontanes, Prousts Spuren zu schreiben, dazu kommen Urlaubsreisen auf die Kanaren, nach Mexiko, Russland, Kuba, Costa Rica (‘Ein kulturloses Land. Affen kann ich auch bei Hagenbeck sehen’). Er ist larmoyant, versnobt, hochmütig (über das Publikum seiner Lesungen: ‘Sie sollen lesen. Und die Klappe halten.’) Doch er ist auch ein scharfsichtiger, genauer und bisweilen durchaus selbstironischer Beobachter, ein treuer Freund (und untreuer Geliebter), und sein Interesse an Literatur, Malerei, Theater und, etwas weniger stark ausgeprägt, Musik ist unerschöpflich.

Wer ist dieser Raddatz?  Geboren 1931 in Berlin, Mutter stirbt bei der Geburt, Vater lange unbekannt. Misshandelt vom Stiefvater und zum Sex mit der Stiefmutter gezwungen. Nach dessen Tod übernimmt der Theologe Mund die Vormundschaft und beginnt eine homosexuelle Beziehung zum Fünfzehnjährigen.  Studium von Germanistik, Geschichte, Theaterwissenschaft, Amerikanistik und Kunstgeschichte, von 1953 bis 1958 stellvertretender Cheflektor beim Verlag Volk und Welt in Ost-Berlin. Nach Verhaftung Übersiedlung in die BRD, 1960 bis 1969 Cheflektor bei Rowohlt, dann Feuilletonchef bei der ZEIT. Als er auf ein gefälschtes Goethezitat in einer Glosse der Neuen Zürcher Zeitung hereinfällt, wird er abgesägt, ist danach aber lange noch auf freiberuflicher Basis für die ZEIT tätig. Veröffentlicht neben seinen zahlreichen Biographien, Essays und Kritiken auch einen Roman und eine biographisch gefärbte Erzählung.

Zurück zu den Tagebüchern. Was wie eine Revue in Unterhosen beginnt, wächst sich aus zu einem ‘Panoptikum der west- und ostdeutschen Verlags- und Autorenszene nach 1945’ (Karasek), zu einer unterhaltsamen und erhellenden Zeitgeschichte der Bundesrepublik nach dem Krieg. Und ständig fragt sich Raddatz, der bekennende Homosexuelle, wer er eigentlich ist. Ist er Kritiker, Journalist, Künstler? Ein kleiner, mittelgroßer, großer Künstler gar? Die ständige Selbstbefragung nervt bisweilen, verweist aber auf eine persönlichkeitsdefinierende, quasi existenzielle Unsicherheit. Nicht zufällig fragt er sich immer wieder, wie sein Leben verlaufen wäre, wenn er sich auf seine Jugendliebe Ruth eingelassen hätte. Gerade seine innere Zerrissenheit aber macht ihn auch zugänglich und versöhnt ein wenig mit seiner dandyhaften Attitüde. Für aufmerksame Feuilletonleser älteren Jahrgangs wie mich sind die Tagebücher ein Vehikel  zur Zeitreise auch durch die persönliche Geschichte. Für jüngere Leser sind sie ein lebenspralles Stück Kulturgeschichte, ein Schlachtengemälde voller Hauen, Stechen und Ablästern und gleichzeitig ein Lobgesang auf Literatur und Kunst.

F. J. Raddatz
Tagebücher 1982 – 2001

Rowohlt 2010

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Brian Greene – Die verborgene Wirklichkeit

Ständig werden neue Planetensysteme entdeckt. Dass es irgendwo dort draußen andere Lebensformen gibt, ist mehr als wahrscheinlich. Das Leben auf der Erde wäre demnach nichts Einzigartiges, sondern eine realisierte Möglichkeit unter vielen.

Doch wie sieht es mit dem All als Ganzem aus, mit dem sich ausdehnenden Kosmos, in dem irgendwo unser kleiner Planet um die Sonne kreist? Es ist noch nicht lange her, da galt der Urknall, aus dem nach gängiger Lesart die Raumzeit mitsamt aller Energie und Materie hervorgegangen ist, als ebenso einzigartig wie der mythische Schöpfungsakt der Bibel. Doch so wie unsere Sonne Teil einer Galaxis mit Milliarden anderen Sonnen ist und diese Galaxis wiederum Teil eines Galaxienhaufens unter zahllosen anderen, könnte auch unser Universum Teil einer viel größeren Wirklichkeit sein – Teil eines Multiversums, das selbst die an Relativitätstheorie und Quantenmechanik gestählte Vorstellungskraft vor ganz neue Herausforderung stellt. In seinem Buch stellt Greene neun verschiedene Konzepte für Paralleluniversen vor:

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Tabelle aus Briane Greene, Die Verborgene Wirklichkeit, Siedler 2012

Abgesehen von der Bemerkung, dass das erste Modell, das Patchwork-Universum, bei mir auf flammenden Widerspruch trifft, möchte ich nicht im Einzelnen auf die Konzepte eingehen. Gemeinsam ist den Modellen allerdings, dass sie eine Antwort geben auf die merkwürdige Anthropie des Kosmos. Darunter versteht man die verblüffende Tatsache, dass die Andromeda - Quelle: NASANaturkonstanten exakt so beschaffen sind, dass die Voraussetzungen für die Entstehung von Leben gegeben sind. Ein paar Beispiele: Wäre die starke Kernkraft nur geringfügig stärker, wäre die Kernfusion nicht in Gang gekommen, und es gäbe keine Sonnen, die Kohlenstoff ausbrüten können. Wäre sie ein wenig schwächer, gäbe es nicht einmal Wasserstoff. Das gleiche gilt für die kosmische Konstante, die Gravitationskonstante und viele andere Eigenschaften des Kosmos. Schon geringfüge Abweichungen würden die Welt, wie wir sie kennen, unmöglich machen. Die Frage, weshalb diese Eigenschaften genau so sind, wie sie sind, ist unbeantwortet. Hätten sich die Konstanten beim Urknall so zu sagen ‘zufällig’ herausgebildet, wäre es viel wahrscheinlicher, dass ein Kosmos entstanden wäre, der unsere Existenz unmöglich gemacht hätte. Unserer Welt haftet damit das Label des statistisch Unwahrscheinlichen an. Umgekehrt hingegen wird ein Schuh draus. Geht man davon aus, dass es viele Universen mit unterschiedlichen Naturkonstanten gibt, wäre unser Kosmos nur einer unter vielen, und die Frage nach dem Grund für die uns so günstigen Naturkonstanten würde sich erübrigen.

Der Physiker Greene, selbst an vorderster Front der physikalischen Grundlagenforschung tätig, ist ein beredter und überzeugter Anhänger des Multiversenkonzepts. Die Modelle, die er präsentiert, sind  abgeleitet aus mathematischen Konstruktionen wie der Stringtheorie. Greene lässt keinen Zweifel daran, dass es sich bei all diesen Konzepten um Spekulationen handelt, die unbewiesen sind und vielleicht immer unbeweisbar bleiben werden. Andererseits zeigt er Wege auf, wie sich vielleicht schon in naher Zukunft zum Beispiel durch Experimente in Teilchenbeschleunigern Hinweise ergeben könnten, die den Modellen eine Plausibilität verleihen, die über die mathematische Schlüssigkeit hinausgeht.  Das ist ein überaus spannender Stoff. Wer eine Reise an die Grenze der Erkenntnis und darüber hinaus unternehmen möchte, ist bei Greene gut aufgehoben. Wie in seinem vorigen Buch Der Stoff aus dem der Kosmos ist versteht er es auch hier, komplizierteste kosmologische Konzepte anschaulich darzustellen, und hält für besonders wissbegierige (oder besonders sachkundige) Leser einen umfangreichen Anmerkungsapparat bereit.

Brian Greene
Die Verborgene Wirklichkeit, Sachbuch

aus dem Amerikanischen von Sebastian Vogel
Pantheon 2013

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Brian Greene – Der Stoff, aus dem der Kosmos ist

Amerikanischen Wissenschaftlern sagt man nach, sie verstünden sich besonders gut darauf, in ihren Sachbüchern komplexe Sachverhalte einem breiten Publikum verständlich zu machen. Das ist vermutlich richtig. Machen schießen dabei allerdings übers Ziel hinaus, indem sie Analogien verwenden, die für Kulturfremde schnell den Charakter von Rätseln annehmen, die es zunächst zu entschlüsseln gilt. Gerne dürfen dafür ausgefallene Comicfiguren herhalten oder im Falle der Physikerin Lisa Randall (Verborgene Universen) selbstausgedachte Geschichten. Die erweisen sich jedoch häufig eher als retardierende Momente – Langeweile droht die Neugier zu ersticken, und bewiesen wird dabei vor allem, dass am Autor kein Erzähler verlorengegangen ist.

Das Buch mit dem Untertitel ‘Raum, Zeit und die Beschaffenheit der Wirklichkeit’ zielt im wahren Wortsinn aufs Ganze, und auch Brian Greene greift hin und wieder auf Comics zurück (gern die Simpsons), um den anspruchsvollen Stoff rüberzubringen. Bei ihm aber fallen die  Analogien durchweg erhellend aus. Mit seiner breiten Kenntnis der Wissenschaftsgeschichte und seinen Ausflügen auf das Gebiet der Philosophie und Literatur schafft er es, sowohl materiefremde als auch naturwissenschaftlich vorgebildete Leser zu unterhalten und zu fesseln. Seine Begeisterung für die Physik ist ansteckend. Mit seinem klaren Schreibstil gelingt es ihm, auch komplizierteste Sachverhalte verständlich dazustellen. Die Entwicklung der Physik von Isaac Newton über Mach zu Einstein und den Quantentheoretikern, von der klassischen Physik über Relativitäts- und Quantentheorie zu den Konzepten der String- und M-Theorie – das ist eine faszinierende Reise, die Greene anschaulich erfahrbar macht als einen Prozess der Weiterentwicklung, des Widerspruchs und des Wiederaufgreifens in neuer Gestalt. Beispielhaft macht er dies deutlich am Beispiel der Vorstellung vom leeren Raum, den Newton für absolut hielt und in dem Mach lediglich etwas durch die Körper Bedingtes sah, bis Einstein ihn mit der Zeit zu einem Kontinuum verknüpfte und die Quantentheorie dem Begriff ‘Leere’ eine ganz neue Bedeutung gab.

Green schwafelt und simplifiziert nicht, er erklärt. Die relevanten Experimente wie zum Beispiel das berühmte Doppelspaltexperiment zum Nachweis des Welle-Teilchen-Dualismus oder die Versuchsanordnungen zum Nachweis der Teilchenverschränkung (das, was Einstein als spukhafte Fernwirkung bezeichnet hat) werden ausführlich beschrieben, und zwar ohne Rückgriff auf mathematische Formeln. Wer die Materie vertiefen möchte, wird in den Anmerkungen fündig. Im hinteren Teil des Buches, wenn es um das Higgs-Feld, die Stringtheorie, Wurmlöcher und Multiversen geht, verliert die Darstellung zunehmend an Bodenhaftung, was freilich nicht dem Autor, sondern dem Gegenstand der Darstellung geschuldet ist. Die zugrundeliegende Mathematik lässt sich dem Laien nicht mehr vermitteln. Physik erscheint hier als Spekulation, die der Falsifizierung nicht mehr zugänglich ist. Allerdings scheint auch die Hoffnung auf, dass selbst diese weit ausgreifenden Konzepte irgendwann überprüft und bestätigt oder verworfen werden können, und inspirierend sind sie allemal.

Obwohl nicht mehr ganz neu, sei Greenes Buch jedem, der sich für die Wirklichkeit jenseits des beschränkten Erfahrungshorizonts interessiert und sich über den Stand der Physik und der Kosmologie informieren will, wärmstens empfohlen.

Der Stoff aus dem der Kosmos ist von Brian Greene

Brian Greene
Der Stoff, aus dem der Kosmos ist, Sachbuch

aus dem Amerikanischen von Hainer Kobert
Siedler 2004

Brian Greene bei Amazon