Am Tümpel

Bringt man etwas Geduld mit, lassen sich an einem Tümpel im Mai beeindruckende Beobachtungen machen. Auf wenigen Quadratmetern wimmelt es von Leben. Was meinem Objektiv entgangen ist: die kleine schwimmende Ringelnatter, der Molch und die blaue Libelle.

Der Tümpel

Feuerlibellen bei der Paarung

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Heidelibelle

Libellenhülle

Kaulquappen

Eine ausgewachsene Ringelnatter, die sich auf dem Weg sonnt, macht den Ausflug perfekt.

Ringelnatter

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Insel ohne Strand

Daran gewöhnt, den makellos weißen Nordseeinselstrand als den Inbegriff von Natur pur zu betrachten, wo die Seele baumelt und der Körper neue Kräfte tankt, hat es auf den ersten Blick etwas Ernüchterndes, so zu sagen hinter die Kulisse zu blicken und ihn als das zu sehen, was er in vielen Fällen ist, nämlich etwas Flüchtiges, Gefährdetes, das mit kilometerlangen Rohren und schwerem Gerät wieder aufgebaut wird, wenn Wind und Wasser es abgetragen haben. Wie in den meisten Landschaften, die wir mit Natur verwechseln, steckt also auch hier eine Menge Kultur darin, und auf den zweiten Blick weckt gerade dieser Anteil Bewunderung und Staunen.

Rohrleitung für die Sandaufspülung; Strand bei Pal 19 1/2, Texel im Mai 2018

Texel, Strand bei Pal 20 im Mai 2018

Strand hin oder her: Das Meer dahinter ist auch dieses Jahr das Gleiche.

Das Meer vor Texel im Mai 2018

Vogelbrutgebiet ‘t Horntje

Nordwasser – Am Ende der Welt

Mitte des neunzehnten Jahrhunderts sticht das Walfangschiff Volunteer in See, und schon bald wird klar, dass es seinen Heimathafen nicht wieder erreichen wird. Der Walfang ist am Ende, es winken profitablere Geschäfte, und da erscheint dem Reeder  Braxter ein gut versicherter Untergang als die beste Lösung.

Zunächst aber geht es noch einmal auf die Jagd. Robben werden gekeult und erschossen und mit dem Flensmesser gehäutet, Wale harpuniert und zerlegt, ein stinkendes, blutiges Handwerk, das in allen unappetitlichen Details so plastisch geschildert wird, dass man sich nach der Lektüre zumindest handwerklich fit zum Anheuern fühlt. Mit an Bord sind Henry Drax, Harpunier und triebgesteuerter Kinderschänder und Mörder, und Patrick Sumner, ein unehrenhaft aus der Armee entlassener Arzt. Während Drax, eine Art menschliche Amöbe,  sich treiben lässt und die Existenz von Moral in Wort und Tat leugnet, schlägt Sumner sich mit einer Art schlechtem Gewissen herum, das aus seinem letzten Einsatz in Indien herrührt. Damit stellt er den natürlichen Antipoden zu Drax dar. Als der einen Schiffsjungen vergewaltigt und ermordet, entlarvt er hartnäckig den Täter. Doch so sehr diese beiden Männer auch aufeinander bezogen sind, wäre es doch falsch, daraus einen Gegensatz von ‘gut’ und ‘böse’ abzuleiten. Ebenso falsch wäre es, die Arktis, die McGuire in wuchtigen Bildern beschreibt, etwa mit dem Adjektiv ‘grandios’ zu belegen. Dies liefe auch dem unmetaphysischen Ansatz des Romans zuwider. Die Natur ist, was sie ist, und blickt ein Mensch ins Auge einer Robbe oder eines Eisbärs, findet er darin nichts als Leere vor. Das Nordwasser mit seinem Eis und Geröll ist der Hintergrund eines kreatürlichen Kampfes, den McGuire so detailversessen ausmalt, dass einem der Gestank der Flüssigkeiten, die sich aus kranken, sterbenden und toten Leibern ergießen, bei der Lektüre schier den Atem verschlägt.

Es drängt sich der Vergleich zur Serie The Terror auf, die auf Netflix läuft und John Franklins gescheiterte Suche nach der Nordwestpassage zum Thema hat. Beide haben eine Menge Motive gemein: das im Packeis eingeschlossene Schiff, der Eisbär, die Eskimos. Gegenüber der gepflegten Studioatmosphäre und der kammerspielartigen Inszenierung der Serie, die zur symbolischen Überhöhung neigt, erscheint Nordwasser als the real thing: unverwässert, aufrichtig, schmerzhaft wahr – ein Blick hinter die Kulissen der Zivilisation, auf eine Welt jenseits von beschönigenden Begrifflichkeiten.

nordwasser_mcguireIan McGuire
Nordwasser

übersetzt von Joachim Körber
Roman, Mare 2018

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Ian McEwan – Kindeswohl

Fiona Maye, Familienrichterin am High Court in London, müssen wir uns als glücklichen Menschen vorstellen. Ihren Beruf füllt sie mit Freude und Verantwortungsbewusstsein aus, sie nimmt Anteil am kulturellen Leben der Metropole und ist selbst eine ambitionierte Hobbypianistin, die sich hin und wieder auf die Bühne wagt, um zusammen mit einem befreundeten Tenor Lieder von Mahler und Schubert vorzutragen. Die Ehe mit dem zehn Jahre  älteren Geschichtsprofessor Harold ist in ruhigem Fahrwasser angelangt, doch sie fühlt sich wohl im Kokon des Vertrauten mit all seinen Ritualen und Selbstverständlichkeiten. Das Leben könnte so weitergehen, doch da eröffnet ihr Harold, er habe die ‘Chance’, mit einer Studentin eine Affäre zu beginnen. Sei es nicht sein gutes Recht, mit sechzig noch einmal den Rausch der Sinne zu erleben, bevor das Alter zuschlage? Weil er seine Ehe nicht mit Lügen diskreditieren will, bittet er Fiona um die Erlaubnis für die außereheliche Eskapade. Das Ansinnen ihres Mannes, vorgetragen mit bildungsbürgerlicher Vernünftigkeit, untermauert mit Argumenten und einem Bekenntnis zu ihrer Ehe, bringt Fiona aus dem Gleichgewicht. Gleichzeitig stellt sich eine außergewöhnliche berufliche Herausforderung. Ein siebzehnjähriger Junge ist an Leukämie erkrankt, die lebensrettende Behandlung schließt auch Bluttransfusionen ein. Obwohl die Prognose der Ärzte gut ist, verweigern er und seine Eltern die Behandlung, denn sie sind Zeugen Jehovas, und Bluttransfusionen sind ihnen nicht gestattet.

Fiona unterbricht die Verhandlung zu dem Fall und fährt ins Krankenhaus, um mit dem jungen Mann zu sprechen. Sie trifft auf einen intelligenten, lebensfrohen Jungen, der Gedichte schreibt, das Violinspiel erlernen möchte und seine religiösen Überzeugen eloquent zu vertreten weiß. Den drohenden Tod nimmt er als gottgeben in Kauf.  Fiona ist beeindruckt, lässt sich bei ihrer Entscheidung aber von allgemeineren Überlegungen zum Kindeswohl leiten, die sie in ihrer Urteilsbegründung überzeugend darlegt. Doch es ist etwas geschehen bei dem Krankenbesuch. Sie hat sich persönlich verstrickt, und fortan sucht der junge Mann ihre Nähe. Vom Glauben abgefallen, soll Fiona ihm eine Stütze auf dem Weg ins Unbekannte sein. An dieser Stelle weitet sich der juristische Fall zu einer viel allgemeineren Frage: Wie weit reicht Fionas Verantwortung und lässt sich Privates und Berufliches tatsächlich trennen?

McEwans novellenhaft kurzer Roman ist so klar und präzise wie Fionas Gerichtsurteile. Wie immer folgt man dem Autor gebannt in die Geschichte, die durch immer neue Wendungen zu überraschen weiß. Dabei begibt man sich weit auf juristisches Gebiet, das auf einmal gar nicht mehr so trocken erscheint, wie es nach landläufiger Meinung sein soll. Ein stiller, unspektakulärer Roman und ein großer Lesegenuss.

Bildergebnis für ian mc ewan kindeswohlIan McEwan
Kindeswohl

übersetzt von Rainer Schmitz
Roman, Diogenes 2015

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The Terror – Verschollen im Eis

Am 19. Mai 1845 brach der Polarforscher John Franklin im fortgeschrittenen Alter von fast 60 Jahren auf der Suche nach der Nordwestpassage zu seiner letzten Expedition auf. Die beiden Schiffe Erebus (benannt nach dem Gott der Finsternis) und Terror waren von modernster Bauart und verfügten zusätzlich zu den Segeln über einen Schraubenantrieb, der sie zu Eisbrechern machen sollte. Nördlich der King-William-Insel blieben sie jedoch kurz vor dem Ziel im Packeis stecken und wurden nach der zweiten Überwinterung aufgegeben. Die Männer versuchten, sich zu Fuß in Sicherheit zu bringen, doch kein einziger überlebte.

Sten Nadolny hat Franklin in seinem 1983 erschienenen Roman Die Entdeckung der Langsamkeit ein literarisches Denkmal gesetzt. Während Nadolny Franklins Leben in den Blick nimmt und dessen titelgebende ‘Langsamkeit’ als prägendes Persönlichkeitsmerkmal herausdestilliert,  ist der Blick der Serie weit enger. Zu besichtigen ist eine klaustrophobische Versuchsanordnung, in deren Enge sich der kulturelle Firnis auflöst. Darunter kommen Anarchie und Schrecken (Terror) zum Vorschein. Zu Beginn herrschen noch Ordnung und Disziplin. Die adretten Uniformen der Polarabenteurer und die zackig ausgeführten Befehle korrespondieren mit den in warmes Licht getauchten Rückblenden, die Franklin und den zweiten Kapitän Francis Crozier in üppig ausgestatteten Räumen zeigen – im warmen Schoß der Zivilisation. Einen Moment lang scheint es so, als lasse sich die Welt der funktionierenden Konventionen und der geschmierten Technik in den Kokon der Schiffe übertragen. Doch schon bald zeigt sich, wohin die Reise geht, beziehungsweise wo sie endet. In einer der stärksten Szenen lässt sich ein Mann, gehüllt in einen monströsen Bildergebnis für the terror serieTauchanzug, ins Wasser abseilen, um die festgefahrene Schiffsschraube von Eis zu befreien. Im Gegenschnitt sieht man dem Bordarzt bei einer Autopsie zu. Arzt und Taucher dringen in diesem Moment, jeder auf seine Weise, unter eine Oberfläche vor, die dem Blick aus gutem Grund Grenzen setzt, denn dahinter lauert das Grauen. Bald bricht es sich Bahn; angesichts zur Neige gehender Vorräte und schwindender Hoffnung löst sich die Ordnung auf, die Menschen werden im Überlebenskampf zu Bestien. Interessanterweise projizieren sie die Angst, die sie mit gutem Grund vor Ihresgleichen haben sollten, nach außen. So wird der Eisbär, der den Erkundungstrupps zu den Schiffen folgt, in den Augen der Engländer – und in denen der Zuschauer – zu einem Monster, einer Nemesis, dem Symbol des Schreckens, der sich vor dem Unschuldsweiß der Polarwelt entfaltet, die mit ihren Eiskonfigurationen wohl nicht zufällig immer wieder an Caspar David Friedrichs Bild ‘Eismeer’, das den populären Namen ‘Die gescheiterte Hoffnung’ trägt.

Das klingt nach einer Superserie, und die hätte es auch werden können. Allein, sie ist es nicht. Das Grauen bleibt Behauptung, das Monster sieht aus wie ein Mensch in Eisbärkostüm – Horror Fehlanzeige. Und irgendwie nimmt man dem Film die Arktis nicht ab. Die Innenräume des Schiffes dünsten keinen Gestank aus, mit den im Styroporeis umherstapfenden Männer hat man vor allem deshalb Mitleid, wie sie für die vermutlich muggelige Wärme der ungarischen Studios, in denen die Serie entstanden ist, zu warm bekleidet sind. Da helfen auch die rot geschminkten Gesichter nicht. Unglaubwürdig ist die Szenerie auch deshalb, weil der Atem der Akteure nicht dampft – durchaus kein unwesentliches Detail. Das wird besonders deutlich, wenn in einer in England spielenden Szene, die wohl im Winter gedreht wurde, deutlich Atemwolken zu sehen sind. Trotz der guten Schauspielerleistung – besonders erwähnenswert Jared Harris als Captain Francis Crozier und Paul Ready als Schiffsarzt Dr. Henry Goodsir – folgt man den Akteuren deshalb eher distanziert in ihr Verderben. Trotzdem lohnt es sich, bis zum bitteren Ende durchzuhalten, denn das Schlussbild ist grandios.

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The Terror

Serie bei Amazon
nach einem Roman von Dan Simmons

Trailer

Auslöschung – der Film

Nichts birgt so illustres Grauen, aber auch so viel Wunderbares wie das Ungewisse. Gibt es nichts zu wissen und fehlt die Gewissheit, dringt die Fantasie in das Vakuum ein, das Unbewusste beginnt zu wuchern. Im Unbestimmten lockt die Verheißung, und gleich daneben lauern die Monster. Sie deuten sich an, sie drohen – und entziehen sich.  Sie lassen sich nicht beschreiben, nicht packen und schon gar nicht besiegen. Treten sie hervor, fällt der abgründige Schrecken meist von ihnen ab, und manche erleiden gar das Schicksal der Lächerlichkeit – kaum etwas ist alberner und kann distanzierter begafft werden als die Städte zerstörenden umhertapernden Godzillas, selbst dann, wenn sie so detailgenau ausgemalt sind wie bei Roland Emmerich – vielleicht gerade dann. Da schmeckt das Popcorn, und allenfalls das Gelächter schnürt einem die Kehle zu. Manchmal ist weniger eben mehr. Das im Abfluss kreiselnde Blut der Dusch-Szene in Psycho ist wirkungsvoller, als jede Großaufnahme der Stichverletzungen es je sein könnte. Ein Rascheln im Gebüsch, ein Schatten vor dem Fenster kann mehr bewirken als eine ausmalte Metzelei.

VanderMeers Area-X-Trilogie (Auslöschung, Autorität, Akzeptanz) ist eines jener Werke, die den Imaginationsapparat auf Hochtouren bringen. Ausgehend von einem Leuchtturm irgendwo an einem amerikanischen Strand hat sich eine Zone mit merkwürdigen Phänomenen herausgebildet. Die räumlich scharf definierte Zone dehnt sich immer weiter aus. Wer die Grenze überquert, verliert das Zeitgefühl und meist auch den Verstand. Irgendetwas ist in der Zone mit der Natur im Gange, anscheinend finden dort die erstaunlichsten Mutationen statt. Dort wohnt das elementar Fremde. Obwohl die Southern-Reach-Behörde keinen wissenschaftlichen Aufwand scheut und immer wieder aufs Neue Expeditionen in die Zone schickt, sind kaum Fortschritte zu verzeichnen. Die meisten Expeditionsteilnehmer kehren nicht zurück, und die wenigen, die irgendwann in der Nähe ihres alten Zuhauses aufgegriffen werden, können sich kaum mitteilen und siechen im Isolationstrakt von Southern Reach dahin, bis sie sterben. Die wenigen Relikte, die geborgen werden, liefern kaum Aufschluss. Die Technik versagt, die Erklärungsversuche versanden. VanderMeer erweist sich als Meister des Vagen und der Andeutung. Unverfilmbar, hätte ich gesagt. Alex Garland hat sich dennoch an dem Stoff versucht.

Im Film heißt die namenlose Biologin Lena (Natalie Portman). Ihre Fünf-Frauen-Expedition ist die zweite, nicht die zwölfte wie im Buch. Die Zone tritt detailgenau hervor, in Form floraler Wucherungen und mutierter Tiere. Die Monster klagen nicht mehr unsichtbar im Schilf, sondern holen sich ihre Opfer. Statt Bergen von Tagebüchern haben die Vorgänger Speicherchips mit Videos hinterlassen. Klar, ein Film muss etwas zeigen. Doch in diesem Fall bleibt nicht nur die Abgründigkeit der Buchvorlage auf der Strecke. Das Drehbuch rafft und komprimiert und deutet so rigoros um, dass man statt von einer Buchverfilmung vielleicht eher von einem Film ‘nach Motiven von’ sprechen sollte.  Dabei ist Auslöschung (mit Abstrichen am Ende) ein optisch weitgehend gelungener, schauspielerisch überzeugender, atmosphärisch dichter Film. Besonders hervorzuheben ist das Leitmotiv der Zellteilung, das in Form visueller Dopplungen allgegenwärtig ist – die rasende Evolution, sichtbar gemacht. Das ist nicht ohne Raffinesse. Letztlich aber scheitert der Film an der Buchvorlage. Das Geheimnis von Area X hält der filmischen Konkretisierung nicht stand, und die Frage, die sich wie ein roter Faden durch VanderMeers Trilogie zieht – Wie verhalten wir uns gegenüber einem evolutionären Wandel, der möglicherweise unsere Auslöschung verlangt? – tritt in den Hintergrund.  Verwunderlich ist das nicht, denn der vielschichtige, vieldeutige Stoff hätte nach einer Serie verlangt. Deshalb kann sich Auslöschung auch nicht, wie von manchen Jubelkritikern behauptet, in die Riege der großen Genreklassiker einreihen, die von Tarkowskijs Solaris, über Kubricks 2001 bis zu Ridley Scotts Blade Runner reicht.

Somit bleibt eine gewisse Enttäuschung, die nicht zuletzt dem uninspirierten und allzu ‘runden’ Schluss geschuldet ist, der die Aussage der Buchtrilogie nicht bloß vereinfacht, sondern quasi in ihr Gegenteil verkehrt. Umso merkwürdiger erscheint die Kontroverse, die sich die beiden Produzenten um den Film geliefert haben. Dem Regisseur ist indes hoch anzurechnen, dass er sich der geforderten Bearbeitung verweigert hat. Daraufhin stoppte Paramount die globale Veröffentlichung. Die Begründung lautete, der Film sei zu kompliziert und zu intellektuell und werde deshalb vom Publikum abgelehnt werden. Um die befürchteten Verluste zu begrenzen, wurde er für 25 Millionen Dollar an Netflix verhökert. Im Kino zu sehen ist der Film nurmehr in den USA, Kanada und China. Für die Zukunft des Kinos lässt das Schlimmes erwarten.

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Auslöschung

Film von Alex Garland
nach einer Buchvorlage von Jeff VanderMeer


F. J. Raddatz – Tagebücher 1982 – 2001

Programmatischer Eintrag auf Seite eins, 13. Mai 1982: “Ich möchte nie ‘hinterher, wenn die Gäste weg sind’, aufschreiben, wie sich Augstein oder Biermann, Grass oder Wunderlich benommen haben.” Gleich darauf geht der Schmäh los: Die Gattin des Gastgebers tischt ‘Unsägliches’ auf, die Gäste tragen Turnschuhe, o Graus, und prompt fehlen auch die Messerbänkchen, für Raddatz eine conditio sine qua non der gehobenen Gastlichkeit. Die Anekdoten, welche die Dargestellten  nur sehr selten glänzen lassen, machen die Lektüre des 900-Seiten-Buches zu einem süffigen Genuss. Wenn Ulrich Wickert den weitgereisten, kulinarisch erfahrenen Gästen seine Käsesorten erläutert – “Das ist Ziegenkäse” –, wenn Kempowski auf seinem Sofa thronend (alle anderen sitzen auf unbequemen Klappstühlen) mit klingelndem Glöckchen die Gruppe 47 wiederzubeleben versucht, oder wenn Rühmkorf im Bad des Autors die Namen der Schönheitssalben und die Marke der Präservative notiert, um sie kurz darauf im SPIEGEL öffentlich zu machen, ist das höchst amüsant. Und alle, alle kommen sie vor: Hubert Fichte, Günter Gaus, Helmut Schmidt und Gräfin Dönhoff, Günther Anders, die Achmatowa, Katharina Thalbach und Gabriele Henkel, Robert Wilson, Francis Bacon, James Baldwin, Arthur Miller, Salman Rushdie und immer wieder Lebensfreund Paul Wunderlich und Günther (‘Gunterchen’) Grass, der im Laufe der Jahre immer öfter über Verrisse seiner Bücher zu klagen hat.

Das Personenverzeichnis umfasst 28 eng bedruckte Seiten. Naturgemäß sind Namen aus Literatur, Feuilleton und Kulturpolitik überrepräsentiert. Raddatz kennt Hinz und Kunz und ist ständig in Bewegung, zwischen Hamburg, seinem Hauptwohnsitz. und der Ferienwohnung in Kampen auf Sylt, zwischen New York, Paris, Rom. Ständig gilt es jemanden zu interviewen oder einen Reisebericht auf Heines, Fontanes, Prousts Spuren zu schreiben, dazu kommen Urlaubsreisen auf die Kanaren, nach Mexiko, Russland, Kuba, Costa Rica (‘Ein kulturloses Land. Affen kann ich auch bei Hagenbeck sehen’). Er ist larmoyant, versnobt, hochmütig (über das Publikum seiner Lesungen: ‘Sie sollen lesen. Und die Klappe halten.’) Doch er ist auch ein scharfsichtiger, genauer und bisweilen durchaus selbstironischer Beobachter, ein treuer Freund (und untreuer Geliebter), und sein Interesse an Literatur, Malerei, Theater und, etwas weniger stark ausgeprägt, Musik ist unerschöpflich.

Wer ist dieser Raddatz?  Geboren 1931 in Berlin, Mutter stirbt bei der Geburt, Vater lange unbekannt. Misshandelt vom Stiefvater und zum Sex mit der Stiefmutter gezwungen. Nach dessen Tod übernimmt der Theologe Mund die Vormundschaft und beginnt eine homosexuelle Beziehung zum Fünfzehnjährigen.  Studium von Germanistik, Geschichte, Theaterwissenschaft, Amerikanistik und Kunstgeschichte, von 1953 bis 1958 stellvertretender Cheflektor beim Verlag Volk und Welt in Ost-Berlin. Nach Verhaftung Übersiedlung in die BRD, 1960 bis 1969 Cheflektor bei Rowohlt, dann Feuilletonchef bei der ZEIT. Als er auf ein gefälschtes Goethezitat in einer Glosse der Neuen Zürcher Zeitung hereinfällt, wird er abgesägt, ist danach aber lange noch auf freiberuflicher Basis für die ZEIT tätig. Veröffentlicht neben seinen zahlreichen Biographien, Essays und Kritiken auch einen Roman und eine biographisch gefärbte Erzählung.

Zurück zu den Tagebüchern. Was wie eine Revue in Unterhosen beginnt, wächst sich aus zu einem ‘Panoptikum der west- und ostdeutschen Verlags- und Autorenszene nach 1945’ (Karasek), zu einer unterhaltsamen und erhellenden Zeitgeschichte der Bundesrepublik nach dem Krieg. Und ständig fragt sich Raddatz, der bekennende Homosexuelle, wer er eigentlich ist. Ist er Kritiker, Journalist, Künstler? Ein kleiner, mittelgroßer, großer Künstler gar? Die ständige Selbstbefragung nervt bisweilen, verweist aber auf eine persönlichkeitsdefinierende, quasi existenzielle Unsicherheit. Nicht zufällig fragt er sich immer wieder, wie sein Leben verlaufen wäre, wenn er sich auf seine Jugendliebe Ruth eingelassen hätte. Gerade seine innere Zerrissenheit aber macht ihn auch zugänglich und versöhnt ein wenig mit seiner dandyhaften Attitüde. Für aufmerksame Feuilletonleser älteren Jahrgangs wie mich sind die Tagebücher ein Vehikel  zur Zeitreise auch durch die persönliche Geschichte. Für jüngere Leser sind sie ein lebenspralles Stück Kulturgeschichte, ein Schlachtengemälde voller Hauen, Stechen und Ablästern und gleichzeitig ein Lobgesang auf Literatur und Kunst.

F. J. Raddatz
Tagebücher 1982 – 2001

Rowohlt 2010

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