Walter Kempowski – Letzte Grüße

Letzte Grüße, erschienen 2003,  ist Kempowskis letzter Roman und, wie der Titel ahnen lässt, ein Abschied von seinen Lesern, vom Schreiben, vom Ehrgeiz und vom Leben überhaupt. Ein weiter Weg war’s von seinem Erstling Im Block, dem kaum verklausuliert autobiographischen Bericht über seine achtjährige Haft im Zuchthaus Bautzen, über Tadellöser und Wolff und die Deutsche Chronik  bis zur gewaltigen Weltkriegscollage Echolot und zu Letzte Grüße.

Das Schreiben hat Kempowski als erlernbares Handwerk aufgefasst und in seinen legendären Hausseminaren im Kreienhoop zu vermitteln versucht, und erlernt und gemeistert hat jedenfalls er es, auch wenn ihm der Hang zum Anekdotischen geblieben ist. Und natürlich bietet die Odyssee des fast siebzigjährigen Schriftstellers Alexander Sowtschick, vom deutschen Institut im Jahr 1989 aus Anlass der Deutschen Wochen zu einer 21 Stationen umfassenden Lesereise durch die USA eingeladen, jede Menge Anlass für vergnügliche Schnacks, denn aus der Perspektive der norddeutschen Provinz heraus betrachtet, gibt es in den Straßenschluchten von New York, im Indianerreservat, bei den Mormonen in Utah und an den Universitäten in der amerikanischen Provinz so  manch Befremdliches zu kommentieren. Auch der latente Antisemitismus, Rassismus und die vielen Obdachlosen und psychisch Kranken auf den Straßen werden registriert, doch wie es Kempowskis Art ist, wird dies nicht vertieft, sondern eher abgemildert durch allgegenwärtige Ironie. Selbst der deutsche Mauerfall, von dem Sowtschick zum Ende der Reise erfährt, ereignet sich fast nebenbei. Gerade diese Leichtigkeit wurde Kempowski bisweilen zum Vorwurf gemacht, doch ich finde, seine Kritiker verwechseln da Süffigkeit mit Harmlosigkeit. Was an der Oberfläche als humoriger Reisebericht erscheint, hat einen doppelten Boden. Kempowski versteht es, das Große im Kleinen zu spiegeln und fährt hier alles auf, was sein Werk auszeichnet: präzise Beobachtungen und sorgfältig arrangierte ‘eidetische Bilder, wiederkehrende Motive und große Klammern, hier vor allem repräsentiert durch die Figur Adolf Schätzings. Schätzing, mit ein paar Tagen Vorsprung auf der gleichen Lesereise unterwegs, ist das Gegenbild des als konservativ, ja reaktionär verschrienen Sowtschick, ein junger Lyriker, nicht unbedingt verständlich zwar, aber dem Zeitgeist angepasster, ‘links’ natürlich, beliebt bei Kritikern wie bei Frauen und, anders als Sowtschick, mit zahlreichem Publikum gesegnet. Und so reist er seinem beneideten und beargwöhnten Konkurrenten hinterher und wandelt quasi in dessen Spuren, und überall, wo er hinkommt, heißt es: Schätzing war all dor. Eine Begegnung bleibt aus, doch die Beziehung wandelt sich ganz allmählich. Eine virtuelle Annäherung findet statt, die Kempowski über den ganzen Roman hin so spannungsreich wie kunstvoll entwickelt.

Der Lektüre der Tagebücher von F. J. Raddatz  habe ich es zu verdanken, dass ich erneut auf Kempowski aufmerksam wurde, und Raddatz war auch der Lektor von Kempowskis erstem Buch Im Block. So schließt sich ein Kreis.  Ich habe Letzte Grüße mit Erheiterung und Rührung gelesen, und es hat meine Wertschätzung für den häufig unterschätzten Autor noch weiter gesteigert. Eine besondere Freude war es, in dem antiquarischen Exemplar, das ich erworben habe, Kempowskis Signatur zu entdecken.

Kemp Letzte GrüßeWalter Kempowski

Letzte Grüße, Roman

Knaus 2003

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Australische Hitze, Doppelpack

Der Zufall wollte es, dass ich, während in Down Under der Busch brannte, zwei australische Kriminalromane geschenkt bekam: Hitze von Jane Harper und Outback von Chris Hammer. Die beiden Bücher weisen ein paar oberflächliche Gemeinsamkeiten auf. Beide spielen in einer von der sengenden Sonne ausgedörrten australischen Kleinstadt, deren Bewohner ums wirtschaftliche Überleben kämpfen, und bei beiden steht am Anfang eine zunächst unerklärlich scheinende blutige Tat. Bei Jane Harper tötet ein Farmer seine Frau und seine Tochter und schließlich sich selbst, oder auch nicht; ein früherer Stadtbewohner, jetzt Polizist für Wirtschaftsverbrechen in Melbourne, kommt zur Beerdigung und bleibt, um bei den Ermittlungen zu helfen. Bei Chris Hammer erschießt ein Priester kurz vor Beginn der Messe fünf Kirchenbesucher, und ein Jahr nach der unerklärlich scheinenden Tat erhält ein Journalist den Auftrag, ein Stimmungsbild der Stadt zu zeichnen.

Damit haben  sich die Gemeinsamkeiten aber auch schon erschöpft. Um es kurz zu machen: Harpers Roman hält nicht, was er verspricht. Es ist jedenfalls kein ‘Thriller’, zu dem ja heute fast jeder Krimi zu Verkaufszwecken sprachlich hochgetunt wird, sondern ein brav heruntergeschriebenes Machwerk, von dessen Lektüre heftigst abzuraten ist. Die titelgebende Hitze kommt so flau rüber wie ein mittelwarmer Sommerabend aus deutschen Landen, die Dialoge haben das Niveau einer Vorabendserie, und weder die Tat noch irgendeine der auftauchenden Personen vermögen auch nur das geringste Interesse zu wecken. Hier ein Beispiel: Luke, Aaron und Ellie sind um die sechzehn, ein verschworenes Trio. Eines Abends taucht Luke mit Gretchen auf, den Arm um ihre Taille gelegt. Peinliches Schweigen ist die Folge. Und dann heißt es: ‘Plötzlich sah Gretchen das andere Mädchen mit einem verschwörerischen Lächeln an und ließ eine ungeheuer gemeine Bemerkung über eine von Ellies früheren Freundinnen vom Stapel. … Dann stieß Ellie ein kurzes prustendes Lachen aus.’ Das ist der Turning Point der Szene. Dass die Autorin dem Leser ausgerechnet diese ‘ungeheuer gemeine Bemerkung’ vorenthält, liegt vermutlich daran, dass sie ihr nicht eingefallen ist – kann passieren. Aber damit macht sie nicht nur die Szene kaputt, sondern leistet ganz nebenbei den schriftstellerischen Offenbarungseid. Im Übrigen ist das einzig Bemerkenswerte an diesem Buch für mich das Zitat von Ian Rankin auf dem Cover: ‘Absolut fesselnd!’. Dankeschön, Mr. Rankin, ich fasse das mal als Warnung vor Ihren eigenen Werken auf.

Outback von Chris Hammer ist da ein ganz anderes Kaliber.  Martin Scarsden, den in Rivers End recherchierenden Journalisten, stattet er mit einem scharfen Blick für die ländliche Umgebung aus. Schon auf den ersten drei Seiten erfährt man, wie das Wasser aus dem Hahn schmeckt, wie warm das kalte Duschwasser ist und wie man die Hände vor einem glühend heißen Lenkrad schützt – mehr sinnliche Details, als Harper in ihrem ganzen Roman liefert, so möchte man meinen. Hammers Schilderung einer Buschfeuerwalze, die  eine Gruppe von Feuerwehrleuten überrollt, ist buchstäblich atemberaubend.  Das Städtchen besiedelt er mit differenziert gezeichneten Originalen, die jede Begegnung mit einer neu eingeführten Figur zum Erlebnis machen: ‘Er wendet sich von der Buchladentür ab und entdeckt den schlurfenden Mann auf der anderen Straßenseite. Die Temperatur scheint bereits auf über dreißig Grad geklettert zu sein. Trotzdem watschelt der alte Knabe da drüben vorbei. Der graue Mantel scheint auf chirurgische Weise an ihm befestigt zu sein.’ Das sitzt und könnte von Chandler stammen.

Nach und nach erkundet Martin das Beziehungsgeflecht von Rivers End und setzt sich ein Bild zusammen: der amoklaufende Priester war angeblich ein Pädophiler, Harley Snouch, der Eigenbrötler von der Outback-Farm ein Vergewaltiger und Mörder. Seine Erkenntnisse packt er in eine Serie von Schnellschussartikeln, die er nacheinander raushaut. ‘Hemingway’ hat Snouch ihn scherzhaft genannt, und ein bisschen fühlt er sich auch so, zumal er mit der hübschen Buchhändlerin des Ortes auch noch im Bett gelandet ist. Aber die Wirklichkeit ist komplexer, als er zunächst meint. In Rivers End gibt es viele Wahrheiten. Wie Hammer sie mit farbiger Sprache und immer wieder überraschenden Wendungen enthüllt, ist ein wahrer Lesegenuss. Und ganz nebenbei erfährt man auch noch, wie sich das Leben im ausgedörrten australischen Outback anfühlt; ein Krimi der Extraklasse!

Bildergebnis für hitze jane harperJane Harper

Hitze, Roman
übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann

rororo 2018

Jane Harper bei Amazon




Bildergebnis für outback hammer

Chris Hammer

Outback, Roman
übersetzt von Rainer Schmidt

Scherz 2018

Chris Hammer bei Amazon

Mein Jahr 2019

Es war das Jahr des Klimas. In Deutschland wurde ein Allzeit-Hitzerekord gemessen: 42,6 Grad. Greta Thunbergs Schulstreik wurde von Teilen  der  deutschen Schülerschaft aufgegriffen. In Kinderköpfen und in den Medien machte sich Weltuntergangsstimmung breit. ‘Wir streiken, bis ihr handelt’, sagen die jungen Schulschwänzer. Inspiriert von ihrer Gallionsfigur, die nach eigener Aussage nur in Schwarz und Weiß denken kann, erteilen sie dem Kompromissdenken eine Absage. Die Rettung der Welt soll und muss sofort erfolgen. Tatsächlich zeichnen sich erste ‘Erfolge’ ab: Immer mehr Städte, auch meine Heimatstadt Stolberg, erklären den Klimanotstand, was immer das bedeuten mag. In Düsseldorf begehen Schulen den Warmer-Pulli-Tag, um  symbolisch mal Heizenergie zu sparen und kollektiv zu bibbern. In den Familien wird über Fleischkonsum, Urlaubsreisen und Autonutzung diskutiert. Die Älteren sitzen als Verursacher der Klimakrise auf der Anklagebank und stehen unter Rechtfertigungsdruck.

Ich gestehe, dass mir Thunbergs Rigorismus wesensfremd ist und nicht inspirierend, sondern eher bedenklich erscheint. Wie aber ist die Diagnose der jungen Wilden einzuschätzen? Ist es für Foto: nst 2016das Klima fünf vor oder fünf oder sogar schon zwanzig nach zwölf? Geht es voran oder taumeln wir auf der Klippe? Beides ist wahr. Die Datenlage ist ernst, die Auswirkungen der Klimaerwärmung sind immer deutlicher zu spüren. Andererseits leben wir in den westlichen Wohlstandsgesellschaften in vielerlei Hinsicht in der besten aller bisherigen Welten. Seit Beginn der Industrialisierung waren Luft und Wasser noch nie so sauber wie heute, die Nahrungsmittel noch nie so sicher und gesund. Bildung ist frei verfügbar, die Lebenserwartung steigt, und trotz der bedauerlichen Ungleichverteilung des Reichtums leben wir im Grunde in einer egalitären Gesellschaft, die jedem die Teilhabe an fast allem ermöglicht. Das ist eine große Errungenschaft, aber sie geht einher mit der Freisetzung einer Menge CO2. Deshalb geht auf einmal die Flugscham um und dürfte sich demnächst im Duden wiederfinden. Wenn Thunberg jedoch behauptet, ‘wir’ hätten ihr die Kindheit gestohlen (How dare you!), ist das bodenloser Blödsinn.

Die Lösung des CO2-Problems ist und bleibt eine komplexe Unternehmung, in der sich technologische Innovation und politische Entscheidungsfindung verschränken. Da hilft es nicht weiter zu sagen: Jetzt, sofort. Irgendwas. Panik ist kein guter Ratgeber, Empörung keine Anleitung zum Handeln. Letztlich stehen nicht nur die Errungenschaften des egalitären Zeitalters auf dem Spiel, sondern auch das demokratische Prinzip, wonach der Mehrheitsbeschluss durchgesetzt wird und nicht eine von wem auch immer postulierte höhere Wahrheit. Einen quasi übergesetzlichen Notstand heraufzubeschwören, ist nicht hilfreich, sondern brandgefährlich. Technische Innovation und politische Kompromisse inklusive unvermeidbarer Irrtümer aber brauchen Zeit, von der es heißt, dass wir sie nicht mehr haben. Doch Je klarer die sozialen und ökonomischen Kosten der nötigen Veränderungen hervortreten, desto stärker dürften auch die Widerstände werden.  Nicht zufällig ist die AFD in den Braunkohlegebieten im Osten am stärksten. Nicht zufällig wurde in Amerika mit Trump ein Präsident gewählt, dessen Zukunftsvision geradewegs in eine Vergangenheit der rauchenden Industrieschlote zurückweist. Der Protest der Gelbwesten in Frankreich hat sich an einer geplanten Klimasteuer entzündet, die das Benzin um zehn Cent pro Liter verteuert hätte.

Deutschland ist verantwortlich für etwa 2,2 Prozent des weltweiten Ausstoßes an CO2. Die drei größten Verursacher sind China, die USA und Indien mit jeweils 28, 16 und 6 Prozent Anteil(Quelle: Statista). Und die Trumps und Bolsonaros sind überall. In Brasilien brannte der Amazonas – Bild des Grauens und Menetekel. Schon bald werden zehn Milliarden Menschen den Planeten bevölkern. Hat also Jens Jessen recht, der in der ZEIT Nr. 42 dieses Jahres postuliert hat, Wohlstand und Gerechtigkeit zusammen werden sich niemals in globalem Maßstab verwirklichen lassen – wer das durch einen Technologiesprung für möglich hält, glaubt auch ans Perpetuum Mobile? Sorry Herr Jessen, aber das ist nicht nur naiv, sondern auch zynisch. Ich halte diese Denkweise für dummen, gefährlichen Defätismus, entsprungen einer Fantasielosigkeit, die sich eine klimaverträgliche Zukunft nur als Zementierung der globalen Spaltung in Arm und Reich vorstellen kann. 

Allerdings fürchte ich, dass wir, egal was hier geschieht, global letztlich alle Klimaziele versemmeln und alle Vereinbarungen brechen werden. Ist das schon die Katastrophe? Ich denke nicht. Auf höhere Temperaturen kann man sich einstellen. Der Übergang zur CO2-Neutralität aber könnte möglicherweise etwas länger dauern als wünschenswert wäre. Nötig sind deshalb vor allem verstärkte Forschung, Innovation und (ja, Herr Jessen!)  technologische Lösungen. Möglich, dass wir irgendwann gezwungen sein werden, CO2 der Atmosphäre zu entnehmen und es entweder zu deponieren oder als Rohstoff zu verwenden. Technisch ist das bereits machbar, aufgrund des hohen Energiebedarfs in großem Maßstab allerdings noch utopisch. Anders verhielte es sich, wenn es billige Energie im Überfluss gäbe. Vielleicht gibt es die ja bald. Frankreich, Russland, China und die USA arbeiten derzeit an der 4. Generation von Kernreaktoren, die unangereichertes Uran als Brennstoff verwenden, ganz nebenbei den vorhandenen Atommüll verbrennen soll und einen kostengünstigeren und sichereren Betrieb  ermöglichen würde, als es bei bisherigen Kernreaktoren der Fall war. 2025 soll zudem im europäischen Forschungsreaktor ITER die erste Kernfusion zünden. Die nächste Generation, die bereits Strom liefern soll, ist in Planung. Die Chinesen haben den Forschungsreaktor EAST in Betrieb genommen und glauben, ab 2050 mit Kernfusion Nettoenergie erzeugen zu können. Noch ist das Zukunftsmusik – aber sie macht Hoffnung.

Atomreaktoren? Kernfusion? Ja, mit Solardächern und Windrädern allein wird es nichts mit der Zukunft.  Wir werden viel Energie brauchen – sehr viel Energie. Die Armen dieser Welt werden nämlich nicht aufhören, nach Wohlstand zu streben. Übrigens könnten wir ohne die vorzeitige Stilllegung von Kernkraftwerken eine Menge Kohlekraftwerke außer Betrieb nehmen, die uns die CO2-Bilanz versauen. Auch die unterirdische Lagerung von CO2 ist eine Option. Um die Zukunft zu bewältigen, sollte man Risiken und Nutzen nüchtern abwägen, anstatt aus ideologischen Gründen Möglichkeiten zu verbauen. Das gilt für die Gentechnik ebenso wie für die Antriebstechnik oder das Geoengineering, Neben der solaren Wasserstoffgewinnung in großem Maßstab ist auch die Kernfusion eine Option. Sie wird nicht morgen zur Verfügung stehen, aber vielleicht schon übermorgen. Die Welt dürfte bis dahin wärmer werden. Aber sie wird nicht untergehen.

Zum Schluss noch die üblichen persönlichen Anmerkungen: 2019 ist wenig von mir erschienen, doch einige Storys sind fertig geworden und stehen zur baldigen Veröffentlichung an. Auch ein neuer Roman wurde fertiggestellt (Kleiner Drache) und ist bereits in trockenen Tüchern, das heißt, ein Verlagsvertrag ist unterzeichnet. Das Buch soll 2020 erscheinen. Auf ins Neue Jahr!

Foto: nst 2015

H. Murakami – Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki

Kutsuru Tazaki, der ‘Held’ des Romans, ist farblos in einem doppelten Sinn. Zum einen ist er ein junger Mann ohne besondere Eigenschaften. Er ist fleißig, schwimmt gerne und regelmäßig, hört hin und wieder klassische Musik und übt pflichtbewusst seinen Beruf als Planer und Konstrukteur von Bahnhöfen aus. Ausschweifungen sind ihm fremd, seelische Abgründe hat er  keine, es sei denn, man wollte seine erotischen Träume als solche bezeichnen. Eine Besonderheit aber zeichnet ihn aus: In seiner Jungend erlebt er ‘vollkommene Harmonie’ in einer verschworenen Clique von fünf Jungs und zwei Mädchen, die einander perfekt ergänzen. In dieser Gruppe bekommt er auch den Spitznamen des ‘farblosen’ Kutsuru ab, denn die ‘sprechenden’ Namen seiner Freunde verweisen alle auf eine Farbe, nur der seine nicht. Das ist der zweite Aspekt seiner Farblosigkeit. Als Makel nimmt er seine Namensanomalie gleichwohl nicht wahr, denn er fühlt sich akzeptiert, geliebt und aufgehoben.

Von Dauer ist das Jugendglück jedoch nicht. Nach Abschluss der Oberschule zieht Kutsuru zum Studium nach Tokyo und reist nur noch gelegentlich in die Provinz, um sich mit seinen Freunden zu treffen. Dann aber kommt es zu einer dramatischen Wendung; seine Freunde schließen ihn ohne Angabe von Gründen aus der Gruppe aus, für Kutsuru eine traumatische Erfahrung, die ihm den Lebenswillen raubt, Ein halbes Jahr dauert es, bis er wieder Tritt fasst und sein farbloses Leben fortsetzt. Erst später, im Beruf, lernt er Sara kennen, eine etwas ältere Frau, der er die Geschichte seines Jugendtraumas erzählt. Sara fordert ihn auf, seine Freunde aufzusuchen und sie zur Rede zu stellen, um endlich ‘ganz’ und liebesfähig zu werden. Wie sich herausstellt, ist die Erklärung für den Ausschluss aus der Gruppe recht banal, und banal ist die ganze Geschichte und gewissermaßen auch die Erzählweise Murakamis, die auf Dynamik, Dramatisierung und Verdichtung nahezu vollständig verzichtet. Kutsuru isst viel, schläft und träumt, denkt sich dies und das, fährt von A nach B, unterhält sich mit diesem und jenem. Vielleicht ist dies ja die Banalität des Alltäglichen. Und banal ist letztlich auch das Rätsel seiner Jugend, das so unspektakulär aufgelöst wird.

Während Murakamis umfangreichstes Werk IQ84 aber auch Kafka am Strand mit Logikbrüchen verstören, die für meinen Geschmack der erzählerischen Willkür eines großen Teils der Fantasy-Literatur gleichkommen, sind die Pilgerjahre stringenter und realistischer. Aber auch hier zeigt sich, dass Murakami nicht nur die Banalität des Lebens auslotet, sondern vor allem dagegen anschreibt. Dies gelingt ihm in den Pilgerjahren mit klarer, so zu sagen barrierefreier Sprache, genauen Beobachtungen und plastischen, ungekünstelten Metaphern überzeugender als in den anderen beiden Romanen. Langweilig ist die Lektüre jedenfalls nicht. Und dass sich trotz des offenen Schlusses eine ‘runde’ Leseerfahrung einstellt, liegt auch daran, dass Kutsuru Tazaki sich am Ende als gar nicht so farblos herausstellt. So gesehen gibt es vielleicht also Hoffnung für uns alle, die wir in Alltag und Banalität gefangen sind.

Haruki Murakami

Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki, Roman
übersetzt von Ursula Gräfe

btb, 2015

Murakami bei Amazon

Raddatz vs. Kempowski

Foto: nst 2018

Wenn die Tagebücher von Raddatz Champagner sind, was sind dann die von Kempowski? Bier? Limonade? Reizvoll ist die Gegenüberstellung allemal, nicht nur wegen der zeitlichen Überschneidung. Klar kann Kempowski Raddatz nicht nur stilistisch nicht das Wasser reichen. Wie ein von inneren  Dämonen angetriebenes Aufziehmännchen fliegt der arbeitswütige Feuilletonist und Autor in der Welt herum, interviewt Cioran in Paris, Susan Sonntag in New York, reist auf den Spuren von Tucholsky, Marquez und Faulkner, treibt es mit dieser und mit jenem, wechselt beinahe panisch zwischen seinen Wohnungen in Hamburg, auf Sylt und in Nizza hin und her und fechtet im Feuilletonkrieg der literarischen Elite stets an vorderster Front. Mit heiligem, bisweilen auch genietümelndem Ernst kolportiert er den Schmäh unter Kollegen, gequält von der Frage, ob er nur Zeitungsschreiberling oder auch Schriftsteller sei   – ob er zu der Grass/Walser/Rühmkorf-Truppe auch wirklich dazugehöre.

Derweil  sitzt Kempowski in seinem Kreienhoop in Nartum, unweit der Dorfschule, an der er als Lehrer tätig war, und macht trotz chronischem Zahnschmerz den ungleich entspannteren Eindruck. Überwiegend zufrieden blickt er auf sein  Werk zurück, aus dem er gerne Gattin Hildegard und den Hunden vorliest. Die Schriftstellerei betrachtet er als erlernbares Handwerk, auch wenn er ins Tagebuch schon mal einen lobhudelnden Verehrerbrief aufnimmt. Mit der Arbeit an Herzlich Willkommen und seinem unablässig wachsenden Archiv beschäftigt (aus dem einmal sein Alterswerk, die Textcollage Echolot hervorgehen wird), reist er eher ungern und veranstaltet lieber Literaturseminare  bei sich zuhause. Taucht er doch einmal auf einer angesagten literarischen Veranstaltungen auf (‘Ich bin der Einzige, den sie siezen’), liefert er den Außenblick auf das, was ganz im Zentrum von Raddatz’ Leben steht, und kommentiert das Treiben der Kollegen so knapp und ironisch, wie man es aus seinen Büchern kennt. 

So schulmeisterlich arrogant Kempowski in den Fernsehdokumenten rüberkommt, ist er doch zweifellos die zugänglichere und letztlich auch sympathischere Persönlichkeit der beiden. Der Horizont seiner Aufzeichnungen ist nur auf den ersten Blick enger als der von Raddatz. Auf den zweiten stellt sich Staunen ein über die unermüdliche pädagogische Passion des ehemaligen Dorfschullehrers, die Vielfalt seiner  Interessen (Klavierspielen, Tagebücher und Fotos sammeln, Geschichte) und seine Offenheit gegenüber Besuchern, denen seine Tür stets offensteht. Und manchmal zeigt er sogar ein bisschen Weisheit, die Raddatz noch in hohem Alter völlig abgeht:

Das ist das Schöne, daß mir das Leben alles gab, was ich mir wünschte. Vielleicht liegt das daran, daß sich die Wünsche an meinen Möglichkeiten orientierten.

F. J. Raddatz

Tagebücher 1982 –2001, Rowohlt
Tagebücher 20012 – 2012, Rowohlt

Walter Kempowski

Sirius: Eine Art Tagebuch, btb
Alkor: Tagebuch 1989, btb
Hamit: Tagebuch 1990, btb

Ad Astra – und wieder zurück

Ein Forschungsraumschiff, das nach Hinweisen auf unbekannte Intelligenzen suchen soll, ist in der Nähe des Neptuns seit 20 Jahren verschollen. Irgendwas stimmt nicht mit dem Antimaterie-Antrieb, und jetzt rollen Wellenfronten gegen die Erde an, die unsere Zivilisation zu vernichten drohen. Klar, dass da jemand nach dem Rechten sehen und die Bedrohung mit einem atomaren  Sprengkopf beseitigen muss.

So weit, so bescheuert, könnte man meinen, doch dieses Instant-Urteil wird dem Film keineswegs gerecht. Das zeigt sich schon in der atemberaubenden Eröffnungssequenz, die wohl nicht ganz zufällig an Gravity erinnert.  Roy McBride (Brad Pitt), Angestellter der amerikanischen Weltraumbehörde SpaceCom, führt eine Reparatur an einer Weltraumantenne aus und stürzt nach einem Unfall minutenlang in die Tiefe, bis er sicher auf der Erde landet. Das ist überzeugend umgesetzt und herausragend gefilmt und nimmt schon  mal ein für den Film, und das ist auch nötig, denn was folgt, ist im Kern eine im inneren Monolog stattfindende Auseinandersetzung mit dem abwesenden Vater und ein langwieriger, quälender Prozess der Selbsterkenntnis. Der stoische McBride, dessen Herzschlag niemals über 80 steigt, bewahrt zwar in jeder Situation einen kühlen Kopf, ist aber letztlich liebesunfähig und einsam. Zeit zum Nachdenken bekommt er jedenfalls, denn er wird zunächst  zum Mars geschickt, um Kontakt mit dem überlebenden Expeditionsleiter des verschollenen Forschungsraumers aufzunehmen – seinem Vater. Von dort aus geht es dann etwas eigenmächtig weiter zum Neptun, wo es zur entscheidenden Begegnung kommt. Zwischendurch sind immer wieder Action-Episoden eingefügt, die einerseits etwas aufgesetzt wirken, anderseits (wie zum Beispiel bei einer Verfolgungsjagd von Mondrovern) enorme Schauwerte bieten – und nicht nur das. Im Interview sagte Regisseur James Gray, er habe vor allem die Lebensfeindlichkeit des Weltraums zeigen wollen. Und das ist ihm dank großer Detailgenauigkeit auch gelungen. Während der interplanetarische Fernflug zum Seelentrip wird, fängt die Kamera immer wieder die trostlose Schönheit des Raums ein, untermalt vom unaufdringlichen Soundtrack und McBrides ruhiger Stimme.  Damit liefert der Film auch die dunkle Folie, auf der seine simple, aber erstaunlich zeitgemäße Botschaft angemessen leuchten kann. Konterkariert wird dies freilich durch völlig überflüssige Durchhänger, so wenn ds Raumschiff auf seinem Flug vom Mars zum Neptun aus nächster Distanz erst den Jupiter und dann den Saturn passiert, ganz so, als wären die Planeten aufgereiht wie auf einer Schnur. Das ist Blättern im Planetenatlas für Kinder.

Auch wenn der nachdenkliche, melancholische McBride in psychologischer Hinsicht manchmal wie ein Wiedergänger von Officer K aus Blade Runner 2049 wirkt, ist Ad Astra alles andere als ein großer, runder Wurf. Dennoch fällt mein Fazit positiv aus. Trotz einiger dramaturgischer Albernheiten (sprich Zugeständnissen an die vermutete Erwartungshaltung des Publikums) und kleinerer technischer Ungereimtheiten ist Ad Astra ein ernsthafter SF-Film mit einem hohen Grad an Realistik, der von Brad Pitts intensiver Darstellung über alle Untiefen hinweggetragen wird. Sehenswert. 

Bildergebnis für ad astra zu den sternen

Ad Astra

Regie: James Gray 2019

Trailer

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