Jonas Karlsson – Das Zimmer

Björn, den Ich-Erzähler des kurzen Romans von Jonas Karlsson, als Sonderling zu bezeichnen,  wäre stark untertrieben. Zunächst scheint es, als wäre er irgend so ein Einzelgänger, der Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Menschen hat; ein Pedant, der das Pech hat, dass sich seine Weltsicht mangels zwischenmenschlicher Kommunikation nicht mit dem Denken Anderer abgleicht und deshalb zu Verschrobenheit wird. Doch nachdem er von seinem Arbeitsplatz in eine ominöse Behörde hochgelobt (beziehungsweise abgeschoben) wurde, entdeckt er das Zimmer. Es liegt auf dem Gang vor dem Großraumbüro, zwischen dem Lift und den Toiletten. Eigentlich ist es nicht viel anders als sein Arbeitsplatz; es gibt darin einen Schreibtisch, einen Stuhl, einen Schrank, einen Lampe und allerlei Büroutensilien. Doch allem ist eine nahezu mystische Vollkommenheit zu eigen. Während er sich von seinen Kollegen verunsichert und bedrängt fühlt, findet Björn im Zimmer Ruhe und Kraft. Zusammen mit der hübschen jungen Frau von der Rezeption erlebt er bei der Weihnachtsfeier sogar einen Moment ekstatischen Glücks. Pech nur, dass er allein den Eingang des Zimmers sehen und hindurchtreten kann.

Das alles wird erzählt in klaren, einfachen, aber niemals trivialen Sätzen. Aus akribisch geschilderten Details setzt sich das Bild eines beliebigen Großraumbüros zusammen, ein Ort der öden Verrichtungen, der kleinlichen Geplänkel und Reibereien. Nach etwa dreißig Seiten meint man nicht nur, man könne dem Protagonisten die Diagnose stellen, Zwangsneurose mit autistischen Zügen und psychotischen Tendenzen etwa, sondern man befürchtet,  die Geschichte könne sich so fortsetzen und selbst die gerade mal 173 großzügig  bedruckten Seiten seien womöglich noch zu lang.

Doch dann kommt plötzlich Dynamik auf. Dass ihr Kollege Björn immer mal wieder minutenlang weggetreten im Flur an der Wand lehnt, verunsichert die Kollegen und bringt sie auf gegen den Außenseiter. Ihr Widerstand verstärkt sich, als sie vom verborgenen Zimmer erfahren. Der Fall schein klar, siehe obige Diagnose. Doch dann schnappt sich Björn, ermüdet von den Idiotenjobs, mit denen man ihn beschäftigt, eine Akte seines Tischnachbarn, nimmt sie mit in das Zimmer und formuliert den gewünschten ‘Rahmenbeschluss’. Das gelingt ihm überraschend gut, und schon steht der vermeintliche Versager als Bürostar da.

Allmählich wird dem Leser klar, dass er ein kleines Juwel in Händen hält, eine Geschichte voller Überraschungen, Wendungen und Spiegelungen. Denn so wie Björns Arbeitsrealität sich in der Vollkommenheitsutopie des Zimmers spiegelt, spiegelt sich in der Trostlosigkeit des Büros auch etwas Allgemeineres. So heißt es an einer Stelle: “Mehr Menschen sollten lernen, ihre schlechten Seiten zu sehen. Das Schlechte ist uns allen gemeinsam. Wie heißt es so schön in Ekelöfs Gedicht: ‘Was das Seichte in Dir, ist auch das Seichte bei anderen.” Man denkt an Kafka und Beckett, und wenn erörtert wird, ob das Zimmer, das Björn sieht, aber die anderen nicht, vielleicht doch ‘ein bisschen’ vorhanden ist, kommt einem unwillkürlich Schrödingers bedauernswerte Katze in den Sinn, die gleichzeitig tot und lebendig ist. Ein großer kleiner Roman.

Jonas Karlsson
Das Zimmer, Roman

Aus dem Schwedischen von Paul Berf

Luchterhand 2016

Jonas Karlsson bei Amazon

Aravind Adiga – Der Weisse Tiger

Wer beim Lesen des Titels an Fritz Langs Abenteuerklassiker Der Tiger von Eschnapur denken sollte, liegt falsch. Mit der idealisierten Maharadschapracht des Films und den Klischees von Sadhu-Mystizismus, Goa-Freizügigkeit und Taj-Mahal-Romantik, die in den Köpfen so mancher Indientouristen spuken mögen, hat das Buch nichts gemein. Was Adiga in seinem erstaunlichen Erstling auftischt, ist harte Kost.

Der Weisse Tiger ist ein Briefroman. Genauer gesagt, er besteht aus einem einzigen langen Brief, den Balram Halwai an den Ministerpräsidenten Chinas ‘in Peking, der Hauptstadt der freiheitsliebenden Nation China’ in mehreren Nächten verfasst. Anlass ist der geplante Besuch des Ministerpräsidenten in Indien.  Bei der Gelegenheit dürfte die indische Regierung das Land als aufstrebende asiatische Fortschrittsnation präsentieren, als leuchtendes Beispiel des freien Wirkens von Kapital und Wissen. Alles Lügen, findet Balram. Er fühlt sich als erfolgreicher Taxiunternehmer berufen, dem hohen Besuch reinen Wein über das indische Unternehmertum  einzuschenken und ihm den ein oder anderen Tipp mitzugeben. Im Folgenden erzählt er seine haarsträubende Gesichte, mit dreistem Sendungsbewusstsein, derbem Humor und einem schonungslosen Blick auf die finsteren Seiten des Landes.

Geboren im kleinen Dorf Laxmangarh, sind seine Aussichten alles anderes als rosig. Die Eltern haben keine Zeit, ihm einen Namen zu geben, deshalb ist er Munna, der Junge. In der Schule gibt es nicht viel zu lernen; der Lehrer schläft tagsüber seinen Rausch aus, die Schuluniformen und Lehrmaterialien verkauft er, weil das Gehalt ausbleibt. Da ist die Anstellung im Teehaus als Kohlenknacker schon ein echter Karrieresprung. Ganz nebenbei erhält er beim Stimmenkauf  für die nächste Wahl auch seinen Namen, denn Wähler brauchen einen, ob gekauft oder nicht. Aber Balram will sich mit dem vorgezeichneten Weg nicht zufriedengeben. Er wird Fahrer  und landet mit seinem Herrn in Delhi – von der Finsternis ins Licht. Aber dieses Licht wirft harte Schatten. Unter jeder luxuriösen Wohnanlage für die Reichen gibt es einen fensterlosen Keller, die Behausung der Bediensteten,  in der es Kakerlaken von der Decke regnet. Und hinter jeder prachtvollen Shopping-Mall liegt ein schäbiger Markt für die Armen. Wenn Balram seinen Herrn beim Abheben von Bestechungsgeld von Geldautomat zu Geldautomat und mit seiner attraktiven New Yorker Frau durchs Nachtleben der Stadt kutschiert, werden beide Welten, die der Herren und die der Diener, in krassen Bildern ausgeleuchtet. Manche dieser Bilder brennen sich unvergesslich ein: die Mutter auf dem zu kleinen Arme-Leute-Scheiterhaufen am Ganges, die einfach nicht verbrennen will; der verletzte Hund, der sich wie rasend im Kreis dreht, weil er vergeblich nach der offenen Wunde in seiner Flanke schnappt; die Obdachlosen, die auf dem Bürgersteig wohnen; die roten Paanflecken, die auf den Boden gespuckt werden. Aber die Diener mucken nicht auf, denn sie haben ihre Rolle verinnerlicht, Sie sind wie die Hühner in den gestapelten Käfigen auf dem Markt, die lethargisch zusehen, wie ihre Leidgenossen geschlachtet und ausgenommen werden. Der Hühnerkäfig ist Adigas Sinnbild für ein Indien geprägt von Korruption, Unwissenheit, Aberglaube, Dreck und Gewalt.

Balram aber will anders sein. Er ist der weiße Tiger, entschlossen, aus seinem Käfig auszubrechen. Er ist der unerbittliche Beobachter, der amoralische Freiheitskämpfer in eigener Sache. Um sein Ziel zu erreichen, ist ihm kein Preis zu hoch, und wenn es sein muss, opfert er sogar seine siebzehnköpfige Familie. Am Ende gleicht der Diener seinem verhassten Herrn. Erst ganz zum Schluss dieses flott erzählten, bitterbösen Schelmenromans, endlich Chef seines eigenen Taxiunternehmes und stolzer Besitzer gleich dreier Kronleuchter, beschließt Balram, es besser zu machen, ein bisschen jedenfalls. Deshalb zahlt er der Familie des überfahrenen Radfahrers freiwillig eine Entschädigung, nachdem die bestochene Polizei die Anzeige abgewimmelt hat. Mehr Läuterung wäre zum Schluss auch unglaubwürdig gewesen.  Balrams Geschichte ist leider alles andere als das.

Wer sich für das ungeschminkte  Indien interessiert, dem seien noch zwei weitere großartige Bücher empfohlen: Das Gleichgewicht der Welt von Rohinton Mistry und Bombay: Maximum City von Suketu Mehta.

Aravind Adiga
Der Weisse Tiger, Roman

Aus dem Englischen von Ingo Herzke

C. H. Beck 2017

A. Adiga bei Amazon

Un-Su Kim – Die Plotter

Raeseng, gefunden in einer Mülltonne, aufgewachsen in einer Bibliothek, wird mit siebzehn Jahren Profikiller. Wir lernen ihn kennen bei der Ausführung eines Auftrags. Zielperson ist ein alter General. Raeseng beobachtet durchs Zielfernrohr, wie er im Garten Blumen gießt, liebevoll an den Blüten schnuppert und mit seinem  Hund  spielt. Doch er drückt nicht ab, warum weiß er selbst nicht. Stattdessen verkriecht er sich in seinem Zelt im Wald, wo er vom spazierengehenden General angesprochen und in dessen Haus eingeladen wird. Daraus entwickelt sich ein netter Abend  mit Gesprächen, rustikalem Mahl und reichlich Alkohol – ein kleines Fest der Gastfreundschaft. Am nächsten Abend blickt Raeseng erneut durchs Zielfernrohr, und diesmal drückt er ab und erschießt Hund und alten Mann.

Schauplatz des Romans ist Südkorea. Auftragsmorde sind an der Tagesordnung, der zuständige Wirtschaftszweig wird als Fleischmarkt bezeichnet. Tracker spüren die Zielperson auf und sammeln Informationen, Plotter planen den exakten Tatablauf, Cleaner räumen den Tatort auf und eliminieren die Killer, die versagt haben oder zu alt geworden sind für ihren Job. Entsorgt werden sie wie die Leichen ihrer Opfer in Bears Tierkrematorium. Ausgehandelt werden die Geschäfte in Old Racoons Bibliothek. Wieso wird er nicht als Alter Waschbär vorgestellt? Die englischen Bezeichnungen irritieren ein wenig. Da die deutsche Übersetzung auf der englischen Vorlage beruht, bleibt unklar, wie es sich mit dem koreanischen Originaltext verhält. Doch das ist nicht die einzige Merkwürdigkeit dieses Thrillers.

Kim interessiert sich genreuntypisch vor allem für das Periphere. Er erzählt ausschweifend und abschweifend, stattet seine meist skurrilen Figuren verschwenderisch mit Eigenschaften aus, illustriert sie mit Anekdoten, Rückblenden und koreanischen Sprichworten (Man kann sich nicht in die Hose scheißen, nur weil das Klo schmutzig ist.) Raesengs Bierwoche (alles Essbare aus dem Kühlschrank räumen, Bierdosen reinpacken) widmet er ein ganzes ausführliches Kapitel, desgleichen der oben erwähnten Bibliothek oder Raesengs zarter Affäre mit einer Fabrikarbeiterin. Diese Episode ist besonders berührend. Vorübergehend gezwungen,  mit falscher Identität in der Fremde unterzutauchen, heuert er in einer Fabrik an und lernt dort eine junge Frau kennen. Sie kommen sich näher, ziehen zusammen. Das neue Leben zieht Raeseng in seinen Bann. Doch als Old Racoon meldet, die Luft sei wieder rein, vernichtet er noch am selben Tag alle Spuren, kehrt zurück nach Seoul und nimmt sein altes Leben wieder auf. Eine psychologische Erklärung wird nicht angeboten. Ganz generell enthält Kim sich der wohlfeilen Tiefenpsychologie, mit der gängige Thriller ihre Monstrositäten verdaulich zu machen suchen. Kims Erzählweise ist so unpsychologisch, wie der Fleischmarkt, der ‘kapitalistischste aller Märkte’, amoralisch ist. Aber vielleicht ist ‘unpsychologisch’ auch nicht das richtige Wort, denn der Leser gewinnt tiefen Einblick in Raesengs Gefühlswelt und Denkweise. Vielleicht ist es treffender zu sagen, dass Kim nicht schematisiert, sondern seinen Geschöpfen ihr Geheimnis lässt.

Übrigens hat das Buch auch einen Handlungsfaden: Raeseng findet in der Bierwoche eine Bombe in seiner Kloschüssel, und Old Racoon bekommt mit dem jungen Hanja einen Rivalen, der ihm seine Stellung streitig macht. Es droht ein Krieg der Unterweltler. Als Raeseng sich auf die Suche nach dem Bombenbauer macht, gerät seine festgefügte Welt zusehends aus dem Lot. Der Killer, der nie etwas anderes sein wollte, beginnt sich zu wandeln und wird vom Befehlsempfänger zum Handelnden. Dass das nicht gutgehen kann, ahnt man. Thrillermäßige Hochspannung im üblichen Sinn stellt sich dabei nicht ein, doch das ist bei diesem ungewöhnlichen, äußerst lesenswerten  Roman fast schon nebensächlich.

Un-Su Kim
Die Plotter, Roman

Aus dem Englischen von Rainer Schmidt

Europa Verlag 2018

Un-Su Kim bei Amazon

Mein Jahr 2020 – HE’S FIRED

Was für ein Jahr! Während das Corona-Virus ganz Deutschland (oder jedenfalls dessen verantwortungsvolle Bürger) zu Maskenträgern und Preppern machte, die Klopapier und Doseneintopf horten, war in den Medien das beklemmende Schauspiel einer Demokratie zu besichtigen, die sich selbst zerlegt – die USA auf dem Weg zur Bananenrepublik.

Flag_of_the_United_StatesTrump wollte den Washingtoner Sumpf trockenlegen, doch er selbst war der Sumpf, ein gäriger Morast, dem statt stinkender Blasen wütende Tweets in inflationären Massen entstiegen. Mit Hilfe seiner Familienbande und einer zu allem entschlossenen Clique ergebener Günstlinge hat er vier Jahre lang die amerikanische Demokratie ausgehöhlt, internationale Institutionen geschwächt, Bündnispartner düpiert und Diktatoren hofiert. Mit seinem Corona-Kurs der Untätigkeit und des Leugnens ist er verantwortlich für viele tausend Tote. Zu beobachten war, wie er mit propagandistischer Unterstützung seines Leib-und-Magen-Senders Fox News eine Alternativrealität etablierte, die in den Köpfen seiner Anhänger Wurzeln schlug. Auf permanentem Kreuzzug gegen die so genannten Fake-News-Medien begriffen, war er der größte denkbare Fake überhaupt, ein notorischer Lügner und Narzisst, der seine bodenlose Inkompetenz mit Größenwahn überspielte – der Kaiser ohne Kleider.

Ein Stoßseufzer sei erlaubt: HE’S FIRED! Ein Triumph der Demokratie aber ist das nicht. Politische Vernunft, Gesetz und Institutionen haben mit knapper Not überlebt. Die Hoffnung, Trump möge zur Rechenschaft gezogen werden, ist vage. Und schon zeichnet sich am Horizont die bedrohliche Möglichkeit einer erneuten Kandidatur im Jahr 2024 ab. Oder wird Trump seinen eigenen ultrarechten Fernsehsender gründen, um den als allzu unabhängig befundenen  Fox News einzuheizen? Abzusehen ist, dass die von Teaparty und Trump radikal entdemokratisierten Republikaner Biden das Regieren nach Kräften schwer machen werden, um sich in vier Jahren als Retter der Nation zu inszenieren. Doch egal, was in Amerika passiert: Populismus, Realitätsverleugnung  und Demokratieverachtung grassieren auch in Europa, lediglich der Personenkult ist hier (noch?) etwas schwächer ausgeprägt als in den USA. Das Social-Media-Geschrei schmerzt in den Ohren. Eine Allianz von Coronafantasten, Impfgegnern, Esoterikern, Reichsbürgern und rechtsradikalen Demokratiefeinden macht unter dem geschickt gewählten Label Querdenker von sich reden. Es heißt, es seien auch Leute dabei, die berechtigte Bedenken gegen die mit der Viruseindämmung einhergehenden Einschränkungen individueller Freiheit haben. Ich finde, durch die gewählte Gesellschaft haben sie sich selbst disqualifiziert.

KleinerDracheCoverTrotz der deprimierenden Zeitläufte war es für mich kein schlechtes Jahr, sondern eins mit unverhofft schönen Momenten.  Kein Kino, kein Theater, keine Konzerte und kein Urlaub, stattdessen ein Gefühl von Statik – ein Zeitgefühl, das dem Empfinden der Kinderzeit gleichkam, als die Sommer ewig währten. Und an einem lauen Sommerabend im Garten den Steinkauz zu beobachten und auf das Erscheinen der Fledermäuse zu warten,  während Kater Karlo die Jagd beginnt, hat auch seine Reize. Außerdem war das Jahr recht erfolgreich. Deshalb zum Abschluss eine Auflistung meiner Veröffentlichungen aus 2020. Besonders verweisen möchte ich auf meinen Roman Kleiner Drache, Angesiedelt  in einem zukünftigen isolationistischen China, das sich hinter eine neuen Großen Mauer verschanzt, erzählt er die Geschichte der achtundzwanzigjährigen Xialong, der zukünftigen Konzernchefin des Roboterkonzerns Jiqiren. Von einer Doppelgängerin verdrängt und bedroht, flüchtet sie, und es beginnt eine gefährliche Odyssee, die sie bis  nach Bangladesch führen wird – und wieder zurück nach Peking.

Kleiner Drache, Roman – p.machinery
Hier auf dem Mars, Story – Exodus 40
Expedition 13b/Regalis, Story  – Nova 29
Miau, Story – Spektrum d. Wissenschaft 6

Und noch ein Letztes: Bleibt gesund!


Alex Michaelides – Die stumme Patientin

Der Standardthriller geht in etwa so: Ein grauenhafter Mord geschieht. Ein Kommissar nimmt die Ermittlungen auf. Disparate Nebenstränge werden aufgetan. Kleine Einsprengsel gestatten dem sich gruselnden Leser einen Blick ins kranke Hirn des Täters. Es passieren weitere Morde. Nebenfiguren geraten in Verdacht, sind aber allesamt unschuldig. Schließlich gerät die Frau/Tochter/Geliebte des Kommissars ins Visier des Mörders, wird bedroht oder entführt. Jetzt zählt jede Sekunde.

Das Schema funktioniert garantiert, selbst beim zwanzigsten Mal. Auch wenn Michaelides’ Erstling mit einem Mord beginnt, ist er doch anders. Im Mittelpunkt steht  die recht erfolgreiche Malerin Alicia Berenson. Ohne ersichtlichen Grund hat sie ihren Ehemann Gabriel erschossen. Seitdem spricht sie kein Wort mehr. Sie kommt in die Psychiatrie und wird nach einem tätlichen Angriff auf eine Mitpatientin mit Medikamenten ruhiggestellt.

Die Geschichte wird erzählt vom Psychotherapeuten Theo Faber, mit eingeschobenen Auszügen aus Alicias Tagebuch. Um Alicia behandeln zu können, kündigt Theo seinen Job und bewirbt sich bei der psychiatrischen Einrichtung, in der sie untergebracht ist, Alicia aber bleibt auch in den Therapiesitzungen stumm und teilnahmslos. Um Zugang zu ihr zu gewinnen, beginnt Theo in ihrem Umkreis zu ermitteln, spricht mit dem Bruder ihres getöteten Ehemanns, ihrem Galeristen und  Verwandten. Dabei schleicht sich Unheimlichkeit ein. Natürlich ist nicht alles so, wie es zunächst scheint, und nicht alle waren Alicia wohlgesonnen. Unterdessen findet Theo, der Therapeut, heraus, dass seine Frau eine Affäre hat, was weitere Ermittlungen nach sich zieht. Und woher rührt eigentlich seine Motivation, ausgerechnet Alicia helfen zu wollen?

Michaelides’ Stil ist solide, die Schilderungen der Therapie und des psychiatrischen Personals sind überaus stimmig. Dass der Autor neben seiner Erfahrung als Drehbuchschreiber eine Ausbildung zum Psychotherapeuten absolviert und zwei Jahre lang in einer Einrichtung für schwer erziehbare junge Erwachsene gearbeitet hat, macht sich hier erzählerisch bezahlt. Doch der Grund, weshalb die Spannungskurve stetig ansteigt, bis dem Leser förmlich der Boden unter den Füßen weggezogen wird, ist die Konstruktion des Romans. Der zugrundeliegende Kniff soll hier nicht erwähnt werden, ist aber so kühn, dass mir die Luft wegblieb. Diese Raffinesse macht Die stumme Patientin zu einem großen Wurf. Michaelides’ zweiter Roman mit dem Titel Die verschwundene Studentin soll im Juli 2021 erscheinen. Ich kann  es kaum erwarten.

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Die stumme Patientin, Roman

Aus dem Englischen von Kristina Lake-Zapp

Droemer 2019

Michaelides bei Amazon

In eigener Sache – Neuer Roman Kleiner Drache

Mein achter Roman  ist erschienen: Kleiner Drache. Und darum geht’s:

KleinerDracheCoverAm Anfang hatte ich einen alten Mann (Onkel Wu), der auf einer Bank im Schatten eines Gingkobaums sitzt, und meine Fassungslosigkeit über die Arbeitsbedingungen in einer Abwrackwerft in Bangladesch, über die ich in einem Dokumentarfilm auf Arte gestolpert war. Daraus entwickelt hat sich die Geschichte Wei Xialongs, angesiedelt in einem zukünftigen China, das sich hinter der Großen Mauer nach außen hin gegen Klimaflüchtlinge und Arbeitsmigranten, nach innen gegen ausreisewillige Staatsbürger abschottet. Xialong ist ausersehen, eines Tages die Leitung des Roboterkonzerns Jiqiren zu übernehmen, und wähnt sich auf der Seite der Privilegierten. Doch dann nimmt eine Doppelgängerin ihren Platz im Konzern ein und trachtet ihr nach dem Leben. In Begleitung des Sexbots Litse flieht Xialong und wird nach dem Grenzübertritt als Arbeitssklavin nach Bangladesch verkauft. Sie flüchtet erneut, diesmal in den Space Market des nahen Raumhafens, wo alles zu haben ist, was es für Geld zu kaufen gibt: illegale Augmente, Designerdrogen aus den Mondkolonien und Sex. Xialong schwingt sich zur Anführerin eines Aufstands auf. Doch sie hat noch einen anderen Plan: Rache zu nehmen und um ihren Platz im Konzern zu kämpfen.

Vor dem Hintergrund eines isolationistischen Chinas der Zukunft erzählt Kleiner Drache von einer außergewöhnlichen Freundschaft und der unerbittlichen Konkurrenz unter Klonschwestern.

Leseprobe

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Meine kleine Coronawelt – I

Das Corona-Virus hat die Welt schrumpfen lassen. Die Urlaubreise fiel flach, stattdessen waren Ausfahrten in die nahe Umgebung mit dem E-Bike angesagt. Und natürlich haben wir viel Zeit im Garten verbracht und die eine oder anderen überraschende Beobachtung gemacht. Wenn die Welt kleiner wird, richtet sich der Blick naturgemäß aufs Nahe. Hier ein paar Beispiele:

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Ein Steinkauz nistet im Baum des Nachbargrundstücks. Mit lautem Zetern und Scheinattacken wird Kater Karlo eingeschüchtert. Drei kleine Käuze werden flügge und suchen sich ihr eigenes Revier.

Ein ungerufener, aber willkommener Gast: der Fingerhut.

Kater Karlo auf Mäusejagd. Das hohe Gras der Nachbarwiese dient leider nicht nur ihm als wirkungsvolle Deckung.

Die Sonnenblume ersetzt den Sonnenuntergang am Meer. Na ja, fast.

Kellerspinne

Ganz in der Nähe rasten Störche – 74 Exemplare werden gezählt. Ein seltener Anblick.

Herbstaster mit Goldfliege

Die Wahrheit

Foto: nst 2018

Zur Abwechslung mal ein eigener (satirischer) Text, für den sich leider keine Publikationsmöglichkeit ergeben hat. Ich mag ihn und halte ihn sogar für wichtig, handelt er doch von einem Gut, das heute so kostbar ist wie eh und je, vielleicht sogar noch ein bisschen kostbarer.

Die Wahrheit

Tag 1 – 1237 Klicks

Bereits 23 Newsletter-Abonnenten, darunter eine Abgeordnete der Grünen mit dem Pseudonym IdaXXX, warum auch nicht. Schließlich ist meine Seite ja auch irgendwie links. Ich finde, man sollte Verschwörungstheorien nicht den Rechten überlassen. Obwohl ich eher von Convenient Facts sprechen würde – CF. Die Bezeichnung AF (Alternative Facts) wäre auch in Ordnung, ist aber leider schon besetzt. Also CF. Und was mit Putin. Und Viren. Das leuchtet sogar mir ein, obwohl ich eigentlich ein Skeptiker bin.

Tag 2 – 8310 Klicks, 77 Abonnenten.

Die Anspannung lässt allmählich nach. Ich überlege, ob ich bei FB einen Fake-Account anlegen und mich bei diesen geschlossenen Foren anmelden soll, die sich mit Reptiloiden, Chemtrails, der Flacherde und dem Kreationismus beschäftigen. Klar ist das Gaga. Aber ich bin von Natur aus neugierig. Und auch ich verspüre hin und wieder den Wunsch, die anstrengende Realität zumindest zeitweise abzustreifen wie, nun ja, eine Reptilienhaut. Warum immerzu bloß das glauben, was man glauben soll und wissen kann, und nicht das, was man glauben will? Braucht man zum Denken wirklich das Gehirn, oder tut es nicht auch der große Zeh? Zum Teufel mit den verfluchten Experten und ihrem selbstverliebten Geschwafel!

Tag 3 – 41422 Klicks, 241 Abonnenten

Habe die Anmeldung rausgeschoben, um meine CF weiter zu erhärten, nämlich durch ein Interview mit einem hohen Mitarbeiter des russischen Geheimdienstes, der verständlicherweise anonym bleiben will. Alexej D., wie ich ihn nenne, war dabei, als Putin persönlich die Anweisung zur Aussetzung des Virus gab. Als Ziele nannte er ausdrücklich die USA, Großbritannien, Polen, Ungarn und Italien. Das war vor fünf Jahren. Jetzt lässt er sich täglich über die Fortschritte der Infektion unterrichten.
Was genau bewirkt das Virus, fragte ich.
Alexej D.: Die Wirkung ist diabolisch. Es bringt die Menschen dazu, an allem zu zweifeln, was ihnen jahrzehntelang Stabilität und Wohlstand beschert hat. Die staatlichen und internationalen Institutionen erscheinen auf einmal obsolet, die Demokratie mit ihrer komplizierten Gewaltenteilung – ein Fliegenschiss der Geschichte. Globaler Handel nützt nur den anderen. Das Virus verengt den Blickwinkel, schrumpft den Horizont, setzt Logik, Selbstkritik und Anstand außer Kraft.
Ich: Klingt erschreckend.
A. D.: So ist es. Die Infizierten erliegen wehrlos den abstrusesten Beschwörungen. Das Gewohnte verbreitet bleierne Langeweile, die unbezähmbare Lust auf Neues macht. Und das Neue liefern die Tabuverletzter, Grenzüberschreiter und notorischen Vereinfacher, deren Propaganda am Facebook-Stammtisch vervielfacht wird. Es entsteht ein Impuls, der von Trollen und Influencern aufgegriffen und verstärkt wird.
A. D. Ist geschwätzig. Ich brach an dieser Stelle ab und entschied mich für einen Dreiteiler. Nach einer Stunde war der Beitrag mehr als 2000 Mal geteilt. Breitbart hat berichtet. Großartig.

Tag 5 – 1,78 Millionen Klicks, 11389 Abonnenten

Das Interview hat eingeschlagen wie eine Bombe. Google möchte bei mir Anzeigen schalten. Sie haben mir angeboten, bei der Implementierung von Google Ads zu helfen. An eine Monetarisierung habe ich noch gar nicht gedacht, aber der Vorschlag erscheint mir attraktiv. Und apropos: IdaXXX hat mir eine Nachricht geschickt. Sie will wissen, warum ich so stark und furchtlos bin, es mit einem wie Putin aufzunehmen. Umeboshi, habe ich geantwortet. Jeden Morgen eine japanische Salzpflaume auf nüchternen Magen. Schmeckt wie gemahlenes Barbiturat in Essig, wirkt aber Wunder in Darm und Psyche.
Ob das wirklich stimme? Ja, schrieb ich ihr. Das ist die Wahrheit.
Jetzt möchte sie mich treffen, aber ich habe keine Zeit. Ich arbeite an einer neuen Seite mit integriertem Onlineshop. Superfood.
Auch ein heißes Thema, finde ich.

© N. Stöbe 2018

Garry Disher – Willkür

Das hingeschmierte Cover und der unleserliche Umschlagtext (weiße Schrift auf hellblauem Riffelmuster) scheinen das Buch für die Auflage eines Lyrikbändchens zu prädestinieren. Was sich der Verlag dabei gedacht hat? Mich hat die Aufmachung jeweils zunächst mal von der Lektüre abgehalten. Am Ende aber siegte die Neugier. Ich wollte wissen, was drin steckt in der abstoßendenden Verpackung. Und das ist Pulp, wie es im Buche steht.

Wyatt, ein Solo-Gangster in der Midlife-Crisis, (und trauriger Held einer bislang acht Bände umfassenden Reihe), hat es auf das Geld des Mesic-Clans abgesehen. Der hat zufällig dreihunderttausend Dollar gebunkert, die er selbst mal erbeutet, durch unglückselige Umstände aber wieder verloren hat. Der Patriarch des Clans ist vor kurzem verstorben. Jetzt beabsichtigt Victor, der ältere Sohn, mit dem Zaster ins Casinogeschäft einzusteigen, während Leo, der jüngere, weiterhin die altbewährte Autoschieberei bevorzugt. Achtung, Zeitenwende! Bax wiederum, der korrupte Bulle, ist auf die fünfhundert Dollar Schmiergeld angewiesen, die bei ihm wöchentlich fürs Koksen und Zocken draufgehen. Dass man ihm die Kohle wegen der neuen Zeiten vorenthalten will, gefällt ihm verständlicherweise gar nicht. Und die Mafia in Sydney spielt auch noch mit. Damit sind die Motive gesetzt, das Spiel kann beginnen.

Was folgt, sind schlagfertige Dialoge und coole Sprüche, Katz-und-Maus-Spiele, haarsträubende Wendungen und Verfolgungsjagden, von Disher stilsicher inszeniert. Natürlich sitzen die Waffen locker, und die Akteure sind Typen – psychologische Tiefe wäre hier unangebracht. So weit, so erwartbar. Doch wenn Wyatt einem Jungen beim Asthmaanfall hilft, stutzt man.  Solche kleine Szenen, die das Genre aufweichen, gibt es immer wieder. Nicht zuletzt deshalb empfiehlt sich das Buch als Lektüre für sengend heiße Sommertage, denn es ist so erfrischend wie ein eiskaltes Bier. Nach der Lektüre hat man es schnell vergessen – und freut sich auf den nächsten Disher.

Garry Disher
Willkür, Roman

Aus dem Englischen von Bettina Seifried

Pulp Master 2004

Garry Disher bei Amazon