Meine kleine Coronawelt – I

Das Corona-Virus hat die Welt schrumpfen lassen. Die Urlaubreise fiel flach, stattdessen waren Ausfahrten in die nahe Umgebung mit dem E-Bike angesagt. Und natürlich haben wir viel Zeit im Garten verbracht und die eine oder anderen überraschende Beobachtung gemacht. Wenn die Welt kleiner wird, richtet sich der Blick naturgemäß aufs Nahe. Hier ein paar Beispiele:

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Ein Steinkauz nistet im Baum des Nachbargrundstücks. Mit lautem Zetern und Scheinattacken wird Kater Karlo eingeschüchtert. Drei kleine Käuze werden flügge und suchen sich ihr eigenes Revier.

Ein ungerufener, aber willkommener Gast: der Fingerhut.

Kater Karlo auf Mäusejagd. Das hohe Gras der Nachbarwiese dient leider nicht nur ihm als wirkungsvolle Deckung.

Die Sonnenblume ersetzt den Sonnenuntergang am Meer. Na ja, fast.

Kellerspinne

Ganz in der Nähe rasten Störche – 74 Exemplare werden gezählt. Ein seltener Anblick.

Herbstaster mit Goldfliege

Die Wahrheit

Foto: nst 2018

Zur Abwechslung mal ein eigener (satirischer) Text, für den sich leider keine Publikationsmöglichkeit ergeben hat. Ich mag ihn und halte ihn sogar für wichtig, handelt er doch von einem Gut, das heute so kostbar ist wie eh und je, vielleicht sogar noch ein bisschen kostbarer.

Die Wahrheit

Tag 1 – 1237 Klicks

Bereits 23 Newsletter-Abonnenten, darunter eine Abgeordnete der Grünen mit dem Pseudonym IdaXXX, warum auch nicht. Schließlich ist meine Seite ja auch irgendwie links. Ich finde, man sollte Verschwörungstheorien nicht den Rechten überlassen. Obwohl ich eher von Convenient Facts sprechen würde – CF. Die Bezeichnung AF (Alternative Facts) wäre auch in Ordnung, ist aber leider schon besetzt. Also CF. Und was mit Putin. Und Viren. Das leuchtet sogar mir ein, obwohl ich eigentlich ein Skeptiker bin.

Tag 2 – 8310 Klicks, 77 Abonnenten.

Die Anspannung lässt allmählich nach. Ich überlege, ob ich bei FB einen Fake-Account anlegen und mich bei diesen geschlossenen Foren anmelden soll, die sich mit Reptiloiden, Chemtrails, der Flacherde und dem Kreationismus beschäftigen. Klar ist das Gaga. Aber ich bin von Natur aus neugierig. Und auch ich verspüre hin und wieder den Wunsch, die anstrengende Realität zumindest zeitweise abzustreifen wie, nun ja, eine Reptilienhaut. Warum immerzu bloß das glauben, was man glauben soll und wissen kann, und nicht das, was man glauben will? Braucht man zum Denken wirklich das Gehirn, oder tut es nicht auch der große Zeh? Zum Teufel mit den verfluchten Experten und ihrem selbstverliebten Geschwafel!

Tag 3 – 41422 Klicks, 241 Abonnenten

Habe die Anmeldung rausgeschoben, um meine CF weiter zu erhärten, nämlich durch ein Interview mit einem hohen Mitarbeiter des russischen Geheimdienstes, der verständlicherweise anonym bleiben will. Alexej D., wie ich ihn nenne, war dabei, als Putin persönlich die Anweisung zur Aussetzung des Virus gab. Als Ziele nannte er ausdrücklich die USA, Großbritannien, Polen, Ungarn und Italien. Das war vor fünf Jahren. Jetzt lässt er sich täglich über die Fortschritte der Infektion unterrichten.
Was genau bewirkt das Virus, fragte ich.
Alexej D.: Die Wirkung ist diabolisch. Es bringt die Menschen dazu, an allem zu zweifeln, was ihnen jahrzehntelang Stabilität und Wohlstand beschert hat. Die staatlichen und internationalen Institutionen erscheinen auf einmal obsolet, die Demokratie mit ihrer komplizierten Gewaltenteilung – ein Fliegenschiss der Geschichte. Globaler Handel nützt nur den anderen. Das Virus verengt den Blickwinkel, schrumpft den Horizont, setzt Logik, Selbstkritik und Anstand außer Kraft.
Ich: Klingt erschreckend.
A. D.: So ist es. Die Infizierten erliegen wehrlos den abstrusesten Beschwörungen. Das Gewohnte verbreitet bleierne Langeweile, die unbezähmbare Lust auf Neues macht. Und das Neue liefern die Tabuverletzter, Grenzüberschreiter und notorischen Vereinfacher, deren Propaganda am Facebook-Stammtisch vervielfacht wird. Es entsteht ein Impuls, der von Trollen und Influencern aufgegriffen und verstärkt wird.
A. D. Ist geschwätzig. Ich brach an dieser Stelle ab und entschied mich für einen Dreiteiler. Nach einer Stunde war der Beitrag mehr als 2000 Mal geteilt. Breitbart hat berichtet. Großartig.

Tag 5 – 1,78 Millionen Klicks, 11389 Abonnenten

Das Interview hat eingeschlagen wie eine Bombe. Google möchte bei mir Anzeigen schalten. Sie haben mir angeboten, bei der Implementierung von Google Ads zu helfen. An eine Monetarisierung habe ich noch gar nicht gedacht, aber der Vorschlag erscheint mir attraktiv. Und apropos: IdaXXX hat mir eine Nachricht geschickt. Sie will wissen, warum ich so stark und furchtlos bin, es mit einem wie Putin aufzunehmen. Umeboshi, habe ich geantwortet. Jeden Morgen eine japanische Salzpflaume auf nüchternen Magen. Schmeckt wie gemahlenes Barbiturat in Essig, wirkt aber Wunder in Darm und Psyche.
Ob das wirklich stimme? Ja, schrieb ich ihr. Das ist die Wahrheit.
Jetzt möchte sie mich treffen, aber ich habe keine Zeit. Ich arbeite an einer neuen Seite mit integriertem Onlineshop. Superfood.
Auch ein heißes Thema, finde ich.

© N. Stöbe 2018

Garry Disher – Willkür

Das hingeschmierte Cover und der unleserliche Umschlagtext (weiße Schrift auf hellblauem Riffelmuster) scheinen das Buch für die Auflage eines Lyrikbändchens zu prädestinieren. Was sich der Verlag dabei gedacht hat? Mich hat die Aufmachung jeweils zunächst mal von der Lektüre abgehalten. Am Ende aber siegte die Neugier. Ich wollte wissen, was drin steckt in der abstoßendenden Verpackung. Und das ist Pulp, wie es im Buche steht.

Wyatt, ein Solo-Gangster in der Midlife-Crisis, (und trauriger Held einer bislang acht Bände umfassenden Reihe), hat es auf das Geld des Mesic-Clans abgesehen. Der hat zufällig dreihunderttausend Dollar gebunkert, die er selbst mal erbeutet, durch unglückselige Umstände aber wieder verloren hat. Der Patriarch des Clans ist vor kurzem verstorben. Jetzt beabsichtigt Victor, der ältere Sohn, mit dem Zaster ins Casinogeschäft einzusteigen, während Leo, der jüngere, weiterhin die altbewährte Autoschieberei bevorzugt. Achtung, Zeitenwende! Bax wiederum, der korrupte Bulle, ist auf die fünfhundert Dollar Schmiergeld angewiesen, die bei ihm wöchentlich fürs Koksen und Zocken draufgehen. Dass man ihm die Kohle wegen der neuen Zeiten vorenthalten will, gefällt ihm verständlicherweise gar nicht. Und die Mafia in Sydney spielt auch noch mit. Damit sind die Motive gesetzt, das Spiel kann beginnen.

Was folgt, sind schlagfertige Dialoge und coole Sprüche, Katz-und-Maus-Spiele, haarsträubende Wendungen und Verfolgungsjagden, von Disher stilsicher inszeniert. Natürlich sitzen die Waffen locker, und die Akteure sind Typen – psychologische Tiefe wäre hier unangebracht. So weit, so erwartbar. Doch wenn Wyatt einem Jungen beim Asthmaanfall hilft, stutzt man.  Solche kleine Szenen, die das Genre aufweichen, gibt es immer wieder. Nicht zuletzt deshalb empfiehlt sich das Buch als Lektüre für sengend heiße Sommertage, denn es ist so erfrischend wie ein eiskaltes Bier. Nach der Lektüre hat man es schnell vergessen – und freut sich auf den nächsten Disher.

Garry Disher
Willkür, Roman

Aus dem Englischen von Bettina Seifried

Pulp Master 2004

Garry Disher bei Amazon

Michel Faber – Das Buch der seltsamen neuen Dinge

Der englische Pastor Peter Leigh bewirbt sich beim geheimnisvollen USIC-Konzern um eine Stelle als Missionar und reist zu den Bewohnern des fernen Planeten Ozeanis, um ihnen die frohe Botschaft des Neuen Testaments zu überbringen.

Das ist die gewagte Exposition, und unwillkürlich fragt man sich bei Beginn der Lektüre, ob das gutgehen kann, inhaltlich und erzählerisch. Aliens zu missionieren scheint auf den ersten und den zweiten Blick ein fragwürdiges Unterfangen zu sein und evoziert Bilder von christlichen Missionaren, die Ureinwohner zwangsbekehren, während ihre weltlichen Begleiter sie mal mit Glasperlen als Tauschgegenstand, mal mit Schwert und Feuerwaffe um Land, Bodenschätze und Freiheit bringen. Die Zweifel bei der Lektüre wachsen, als sich herausstellt, dass Faber das Thema ganz ohne Ironie und inhaltliche Problematisierung angeht. Vielmehr nimmt er Peter und dessen Projekt todernst und widmet sich ihm mit großem erzählerischem Aufwand. Und gleich zu Anfang werden Leseerwartungen unterlaufen. Kaum hat Peter sich in der USIC-Station eingewöhnt, bricht er zu seinem ersten Besuch bei den Ozeaniern auf. Zu seiner Überraschung stellt sich heraus, dass sie eigentlich keiner Missionierung bedürfen. Vor ihm war bereits ein anderer Geistlicher hier, der sie mit der Bibel und den Grundzügen der englischen Sprache vertraut gemacht hat und später verschwunden ist. Seine religiösen Unterweisungen aber fielen auf fruchtbaren Boden. Die Bibel, das Buch der seltsamen neuen Dinge, genießt bei den Aliens höchstes Ansehen. Für die Botschaft von Wiederauferstehung und ewigem Leben, die sie als Jesus-Technik bezeichnen, sind sie erstaunlich aufgeschlossen. So kommt es, dass Peter seine Aufenthalte in der Siedlung immer länger ausdehnt und die für sie nur schwer verständlichen Bilder der Bibel samt ihren unaussprechlichen Sätze in eine für die Ozeanier gemäßere Form zu bringen,

Peter entwickelt Gespür für die karge Schönheit des Planeten, baut mit den Ozeaniern zusammen eine Kirche und versucht, ihre eigentümlich schlichte Lebensweise und ihre hochkomplizierte Sprache zu ergründen. Diese nahezu statische Idylle kontrastiert mit der Entwicklung daheim auf der Erde. Mittels ‘Shoot’, einer Art Emailsystem, das die Kommunikation mit der Erde nahezu ohne Zeitverlust  ermöglicht, hält Peter Kontakt mit seiner Frau Bea. Sie berichtet ihm von Naturkatastrophen und einer zerfallenden Gesellschaft. Eine Wirtschaftskrise wütet, die Supermärkte schließen, die Müllabfuhr kommt nicht mehr, und Bea ist auch noch schwanger von Peter. Der aber, absorbiert von seiner neuen Umgebung und angesteckt von der scheinbar gelassenen Lebensweise   der Ozeanier, sieht sich zunehmend außerstande, ihr seine eigenen Eindrücke zu vermitteln und an den ihren teilzuhaben. Die Entfremdung zwischen den Eheleuten vollzieht sich in ausführlichen Shoot-Nachrichten, die der Erzählung teilweise den Charakter eines Briefromans geben.

Für den Leser tun sich unterdes immer neue Fragen auf, die teilweise  einer eklatanten Nachlässigkeit des Autors geschuldet sind. Die Welt, aus der Peter aufbricht, ist nämlich ganz die unsere. Da werden Autos betankt, auf dem USIC-Gelände auf Ozeanis begrüßt Peter der ‘Wolframschein’ von Glühlampen. Anscheinend gibt es nicht  mal LEDs in dieser Erzählwelt. Die Lichtjahre-Entfernung wird mit einem ‘Raumsprung’ innerhalb eines Monats überwunden, bei der Einführung des Shoots (der im übrigen nicht einmal Fotos übertragen kann) wird von Lichtstrahlen fantasiert, die von Satelliten reflektiert werden – in Anbetracht der zu überwindenden Strecke für eine Echtzeitunterhaltung kaum zielführend. Dazu kommt, dass das Ökosystem auf Ozeanis ausgesprochen simpel aufgebaut ist  – viel zu simpel, als dass es eine intelligente Spezies hervorgebracht haben könnte. Mit Worldbuilding, also der Konstruktion einer widerspruchsfreien Zukunftswelt, hat Faber wenig am Hut. Manchmal fragt man sich, ob seine Verachtung gegenüber Technik und Wissenschaft auch dem Verstand des Lesers gilt. Dafür erweist er sich als umso bibelfester. Für jede Gelegenheit hat Pastor Peter das passende Zitat bereit und ist doch alles andere als ein Sprücheklopfer. Man muss ihn einfach gernhaben. Mit einer Trauerrede, die er über einen ihm unbekannten Verstorbenen der Station hält, vermag er zu Tränen zu rühren. Doch so undoktrinär, modern und berührend seine Bibelauslegung auch daherkommt, ist sie doch im Kern kreationistisch: ‘‘Aber darauf verstanden sich die Gottlosen ja immer. Die falschen Fragen stellen, den Fortschritt in der falschen Ecke suchen. … Der Herr wusste, was er tat, als er diese Welt erschuf, genauso wie er es bei allen anderen wusste. Das Klima war ein überaus raffiniertes System, nicht zu verbessern und selbstregulierend.’

Für Glaubensskeptiker wie mich, die mit den Konzepten von Schöpfung, liebendem Gott, Vergebung und Wiederauferstehung nichts anfangen können, ist das eine Zumutung, und irgendwann regt sich der Verdacht, hier sollten nicht nur die Ozeanier missioniert werden, sondern auch ich, der Leser.  Dass ich trotzdem bei der Stange geblieben bin, ist der wunderbaren Erzählweise zu verdanken. Obwohl die Handlung weitgehend ohne Dramatisierungen auskommt, wird die Lektüre niemals langweilig. In der USIC-Station, in der Ozeaniersiedlung und selbst in den Shoot-Nachrichten, die Peter und Bea austauschen,  begegnet man lebendigen, vielschichtigen Menschen (bzw. Aliens). Peters Erfahrungen sind so sinnlich geschildert, dass man mit ihm den nach Melonen schmeckenden Regen zu trinken meint. Und dann kommt er doch, der große Twist, die Erschütterung, die alles vorherige in neuem Licht zeigt, Peter zur Überprüfung seines Glaubens und seiner Liebe zu Bea und den Leser zu einer Neubewertung seiner Leseerfahrung zwingt. Die hier vorgebrachten Einwände gegen das Buch relativieren sich und machen Bewunderung Platz. Was zunächst, in Phasen des Leseunmuts, wie ein als Literatur verkleidetes Traktat erschien, erweist sich auf einmal als große Literatur. Es verbietet sich, hier in die Einzelheiten zu gehen, doch so viel sei gesagt: Seit langem hat mich kein Buch so herausgefordert und berührt wie dieses. Die Lektüre erfordert langen Atem, aber sie lohnt sich.

Michel Faber
Das Buch der seltsamen neuen Dinge, Roman

Aus dem Englischen von Malte Krutzsch

Kein & Aber 2014

Michel Faber bei Amazon

Der Steinkauz nebenan

Da im alten Birnbaum wohnt er, der Steinkauz, mit Blick auf die mausreichen Gärten und Wiesen. An uns stört er sich kaum, dafür umso mehr an Kater Karlo, der mit lautem Gezeter bedacht wird.

Steinkauz

Genau genommen ist es eine Käuzin, das lässt ihr Ruf erkennen: nicht das unheimliche Bu-huu, das man von abendlichen Waldspaziergängen her kennt, sondern ein kurzes, helles Zirpen.  Vier Mäuse benötigt sie Tag für Tag. Möge die Jagd erfolgreich sein!

Steinkauz


Fakten, Fakten, Fakten

Auch Zahlen können eine spannende Lektüre sein. Das gilt umso mehr, seit Donald Trump am 20. Januar 2017 bei seiner Inauguration eine als ‘America First’ deklarierte Drohung an Freunde wie Feinde richtete und in der Folge im Weißen Haus eine wahrheitsverdrehende, reaktionäre Clique von Jasagern installierte. Seit dieser Rede, die mir mit ihrer rückwärtsgewandten biestigen Verbohrtheit einen Schauer über den Rücken jagte, verfolge ich die amerikanische Politik aufmerksamer denn je. Neben CNN und der New York Times gehört Real Clear Politics beim morgendlichen Check der Nachrichtenlage zu meinen ersten Anlaufstellen im Netz.

RCP wurde im Jahr 2000 von McIntyre, einem ehemaligen Börsentrader, und Bevan gegründet, der aus der Werbung kommt. Beide sind eigentlich wirtschaftsliberal und eher republikanisch eingestellt, doch die Seite, die sie da auf die Beine und ins  Netz gestellt haben, kommt nicht nur politisch neutral daher, sie ist sogar ausgesprochen gelungen. Ihre Zahlen lügen nicht.

Seine Drohung hat Trump inzwischen weitgehend wahr gemacht; internationale Verträge wurden gebrochen oder aufgekündigt, das Land ist gespalten, die Regierungsinstitutionen sind bis zur Funktionsfähigkeit geschrumpft, die Behörden und das Oberste Gericht wurden mit rechtsnationalen Gefolgsleuten infiltriert und die Umweltgesetzgebung um viele Jahre zurückgedreht. Doch wenige Monate vor der Präsidentschaftswahl im November signalisieren die Umfragewerte und Wettquoten (meist ein verlässlicher Indikator) zum ersten Mal Hoffnung auf eine Trendwende. Real Clear Politics mit seinen eifrigen Faktensammlern verspricht spannende Lektüre.

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Quelle: Real Clear Politics

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Real Clear Politics


1917–Krieg der Steadiecam

1917, mit zehn Oscarnominierungen ins Rennen gegangen und immerhin in den Kategorien Kamera und visuelle Effekte auf der Siegerseite, kann jetzt auch gestreamt werden. Die Enttäuschung ließ etwa eine Stunde auf sich warten. Zu eindrucksvoll sind die scheinbar schnittlosen Kamerafahrten durch die englischen und deutschen Schützengräben und über das Niemandsland dazwischen. Wie die Fußbegleitung mit der Steadicam nahtlos in weitläufige Kamerabewegungen übergeht, ist frappierend. Auch bei dem abgeschossenen Flieger, der in einer Scheune landet und in Flammen aufgeht, fragt man sich unwillkürlich, wie das gemacht wurde.

Und genau das ist vielleicht der Punkt. Kameratechnische Brillanz und inszenatorische Perfektion nehmen eine Zeitlang gefangen, doch die Geschichte der beiden Lance Corporals Will Schofield und Tom Blake, die durch feindliches Gebiet eine Warnung vor einer Finte der Deutschen an ein britisches Bataillon überbringen sollen, fügt den Bildern, die sich vom Ersten Weltkrieg dem Gedächtnis eingeprägt haben, nichts hinzu. Der ganze technische Aufwand dient nicht der Vertiefung des Films, er ist der Film. Spätestens als der überlebende Corporal durch die brennenden Kulissen einer Trümmerlandschaft sprintet und im Keller der Kirche einer madonnenhaften Mutter mit Kind begegnet (N’ais pas peur!), wird klar, dass es sich um technisch makellosen Kitsch handelt. Daran hat die uninspirierte Musik einen nicht unwesentlichen Anteil. Zwischen hohlem Bombast und dem ratternden Stakkato, wie es in einem mittelmäßigem Tatort der obligatorischen Verfolgungsjagd Nervenprickel verleihen soll, stellt sich nach einer Weile Überdruss ein.

Ich muss gestehen, dass ich den Film in der Mitte abgebrochen habe. Wie viel fesselnder ist allein der Trailer zu Peter Jacksons Weltkriegsdokumentation They Shall Not Grow Old! Die nachgeschärften und kolorierten Bilder bringen einem die verschwommenen, schwarzweißen Zeitdokumente, die der Historizität anheimgefallen sind, geradezu schmerzhaft nahe. Der steht für mich als nächster auf der Liste. Ich muss nur noch ein bisschen Mut fassen.

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Regie: Sam Mendes 2019

Trailer

1917 bei Amazon

Patricia Highsmith – Die gläserne Zelle

Als ich das Genre Kriminalroman entdeckte, ging es gleich mit einem Knaller los, nämlich mit dem Großmeister Raymond Chandler. Dann folgten Dashiell Hammett, Eric Ambler und schließlich Patricia Highsmith. Die Abfolge war nicht ganz zufällig, wurden alle vier Autoren doch Patricia-Highsmith-1962 (c) Wikipediabei Diogenes verlegt, und sie entbehrte nicht einer inneren Logik, nimmt die Erzähltemperatur in dieser Reihe doch merklich ab. Chandler und auch Hammett würzen das Genre mit lakonischen Humor  und dehnen es mit Plots, die bisweilen weit jenseits aller rational nachvollziehbaren Ermittlungsarbeit spielen, bis zum Reißen, bleiben ihm aber mit ihren Antihelden Philip Marlowe und Sam Spade gleichzeitig auch treu. Highsmith hingegen hat das Genre weit hinter sich gelassen, es stellt eigentlich nur noch einen peripheren Bezugspunkt dar, der die Einordnung in Verlagsprogramme erleichtert haben mag. Im Grunde schreibt sie psychologische Romane, die häufig eher durchschnittliche Menschen zeigen, die sich verstricken und dabei zu Verbrechern werden.

Irgend jemand, ich weiß nicht mehr wer, hat ihre traurigen Helden mit Fliegen verglichen, die sich in einem Spinnennetz verfangen haben. Das Bild ist treffend. Highsmith registriert ihr hilfloses Zappeln, schildert ihr Unglück in allen quälenden Nuancen und zeigt dabei, dass Gut und Böse große Begriffe sind, die sich im Klein-Klein des Alltags nur bedingt bewähren. Stattdessen herrscht die unerbittliche Logik der Umstände, und am Ende entscheidet der Zufall, wie der Würfel fällt. 

So ist es auch bei Philip Carter, glücklich verheiratet und Angestellter einer Baufirma. Ohne zu wissen, wie ihm geschieht, landet er wegen Betrugs für sechs Jahre im Knast. Dabei hat er doch nur auf Anweisung seines Chefs seine Unterschrift unter die Bestellungen von minderwertigem Baumaterial gesetzt. Kaum im Gefängnis, wird er von den Wärtern aus nichtigem Anlass an den Daumen aufgehängt – zwei Tage lang. Fortan kann er sie nicht mehr gebrauchen. Sein Anwalt und Freund David Sullivan scheitert mit dem Abtrag auf Revision. Und Gawill, eín Arbeitskollege, äußert den Verdacht, Philips Ehefrau Hazel habe ein Verhältnis mit David begonnen. Damit ist der Keim der Eifersucht gelegt. Halt findet Philip beim Mitgefangenen Max, Max unterrichtet ihn in Französisch und in Karate, leiht ihm Bücher und wird sein Vertrauter und seine Stütze. Als Max ermordet wird, tötet Philip bei einem Gefängnisaufstand einen der Täter. Jetzt erst ist er schuldig geworden, und es wird nicht das letzte Mal bleiben,

Highsmith schildert den bedrückenden Gefängnisalltag detailversessen, aber nicht effekthascherisch. Auch Philips Eifersucht wird nicht dramatisiert und überschreitet nicht die Grenze des nachvollziehbar Normalen, zumal sie sich im zweiten Teil des Buches als berechtigt erweist. Gerade die Nachvollziehbarkeit seiner Empfindungen macht das Verstörende dieses Romans aus. Beim Lesen fühlt man sich selbst dem unspektakulären Wirken einer Schicksalsmaschine ausgesetzt, die Unheil hervorbringt. David verglicht an einer Stelle das Gefühl, einem undurchschaubaren Komplex von Zwängen ausgesetzt zu sein, mit seiner Gefängniserfahrung. Darauf bezieht sich auch der klug gewählte Titel des Romans. Gefängnis und Außenwelt gleichen einander, und für Philip entpuppt sich die ersehnte Freiheit als gläserne Zelle. Das Symmetrie-Motiv wird übrigens mehrfach aufgegriffen, zum Beispiel in Hazels Verhältnis mit David und Philips Freundschaft mit Max. Hazel ist nämlich eifersüchtig auf Max  und bittet Philip, die Beziehung zu ihm zu beenden, vielleicht weil sie ahnt, welches Potenzial sie birgt. Dabei belassen es die beiden Gefangenen bei einer fast zufälligen Berührung an der Schulter. Darin, wie sie die verborgene Bedeutung dieser Berührung ganz nebenbei deutlich macht, zeigt sich Highsmiths Erzählkunst. Die Gläserne Zelle. hellsichtig und schnörkellos erzählt, gehört nicht zu ihren spannendsten Romanen, ist aber eine runde Sache, deren Lektüre sich noch immer lohnt.

Die gläserne Zelle (detebe) von [Patricia Highsmith, Paul Ingendaay, Werner Richter]


Patricia Highsmith

Die gläserne Zelle, Roman

Aus dem Englischen von Werner Richter

Diogenes

Patricia Highsmith bei Amazon

Tales From The Loop – Die Zukunft war gestern

Angesiedelt im retrofuturistischen Bildkosmos des schwedischen Künstlers Simon Stalenhag erzählt Tales From The Loop von rätselhaften Vorkommnissen in einer Kleinstadt in Ohio, die über dem Loop liegt, einem gigantischen Teilchenbeschleuniger, der die ‚Geheimnisse des Universums‘ enthüllen soll.

Warum Ohio, wenn die Vorlage doch eine schwedische ist? Vermutlich aus dem gleichen Grund, weshalb  europäische Vorlagen für amerikanische Zuschauer regelmäßig nachgedreht werden. So erging es auch Erfolgsserien wie Die Brücke oder Kommissarin Lund, deren Remakes nicht annähernd die Qualität der Vorbilder erreichen. Bei Tales From The Loop (mutmaßliches Zitat aus der Produktionsvorbesprechung bei Amazon: Ihr könnt machen, was ihr wollt, Hauptsache, das Ding spielt in Amerika!) haben die Macher jedoch gute Arbeit geleistet und eine quasi ‘europäische’ Serie abgeliefert, mit bedächtiger Erzählweise, kraftvollen Bildern und dichter, märchenhafter Atmosphäre. Zwar passen die putzigen Roboter nicht zu der im Boden schlummernden High-Tech, und der vage Zeitbezug (Wohnungseinrichtungen, Plattenspieler und klobige Röhrenfernseher verorten die Handlung irgendwann in den Siebzigern) irritiert, doch erweist sich der schwankende Unterbau als erstaunlich tragfähig für die Entfaltung einer geheimnisvollen Stimmung, in der nichts unmöglich scheint. Science Fiction ist das zwar nicht, geht aber als Mystery-Serie für große Kinder sehr in Ordnung. Wer sich jemals gefragt hat, wie es wäre, einmal jemand anderer zu sein, sich selbst als Kind zu begegnen oder die Zeit anzuhalten, wird hier fündig. Actionfans sollten freilich die Finger von der Fernbedienung lassen. Alle anderen werden mit einem beeindruckend schönen Filmerlebnis belohnt.

Tales From The LoopTales From The Loop

Mystery-Serie nach Motiven von Simon Stalenhag

Trailer

Simon Stalenhag bei Amazon

Tales From The Loop bei Amazon

Theodor Fontane – Der Stechlin

Der Stechlin, erstmals erschienen 1897/1898 in der Zeitschrift Land und Meer und 1898 als Buch, ist Fontanes Alterswerk – ein Roman, dessen Inhalt der Autor selbstironisch folgendermaßen zusammengefasst hat: Zum Schluss stirbt ein Alter und zwei Junge heiraten sich – das ist so ziemlich alles, was auf fünfhundert Seiten geschieht.

Der Alte, das ist der 66jährige Dubslav von Stechlin, Major außer Dienst und Bewohner von Schloss Stechlin, das ebenso fiktiv ist wie der Ort Stechlin und der Stechliner See, der, so geht die Sage, immer dann, wenn sich in der Welt Großes tut, an einer bestimmten Stelle zu sprudeln beginnt. Kommt es ganz dicke , fliegt sogar ein Hahn aus dem Unruheherd hervor. Der Stechlin bewohnt das Schloss zusammen mit seinem Faktotum Engelke und führt ein beschauliches Leben. Seine Welt ist klein. Das eintönige Einerlei wird durchbrochen von Besuchen von Förster Katzler, dem Dorflehrer, Mühlenbesitzer Gundermann und Pastor Lorenzen. Eine Visite seines Sohnes Woldemar stellt da schon einen seltenen Höhepunkt dar. Woldemar macht in Berlin den zwei Töchtern des Grafen Barby den Hof, deren eine er am Ende heiratet. Welche der beiden er wählt (so war das damals), die geschiedene Melusine oder die jüngere Armgard, ist so ziemlich das einzige Spannungselement des Buches, wenn man davon überhaupt sprechen will. Gefühlsverwicklungen, überhaupt jedwede Form von ‘Handlung’, darf man von dem Buch nicht erwarten. Hier ist alles Dialog. Man trifft sich, und man plaudert, und das tun auch die beiden Schwestern untereinander und sogar das zukünftige Paar, wenn sie denn einmal miteinander allein sind. Gefühlstiefen, falls es sie denn gibt, werden nicht ausgelotet, alles bleibt an der Oberfläche.

Wie beim Stechliner See zeigt sich im ganzen Roman das Große im Kleinen. Ausdiskutiert und ausbuchstabiert wird hier freilich nichts, vielmehr muss man sich größere Zusammenhänge aus Anspielungen und Anekdoten zusammenreimen, So entsteht in den ausführlichst wiedergegebenen Gesprächen das Bild einer Welt in der Schwebe zwischen der alten Ordnung  der Stände und des Adels auf der einen und der sich anbahnenden Demokratie auf der anderen Seite. Dafür steht die Sozialdemokratie, die für die einen (wie Dubslavs Schwester Adelheid, Vorsteherin des Damenstifts von Kloster Wutz) fast identisch mit dem Gottseibeiuns ist, während sie für andere wie den Pastor Lorenzen die nicht aufzuhaltende verheißungsvolle Zukunft verkörpert. Der Stechlin nimmt hier eine Mittelstellung ein. Vom ihm heißt es; Er hörte gern eine freie Meinung, je drastischer und extremer, desto besser. Er ist ein Vertreter des Alten, aber altersweise und unzeitgemäß tolerant. Zumindest ahnt er, dass die gesellschaftliche Ordnung, für die er steht, dem Untergang geweiht ist. Friktion entsteht daraus nicht. So abwesend wie die Leidenschaften der Protagonisten sind auch die gesellschaftlichen Konflikte, die allenfalls am Rande erörtert werden. Immerhin ist bei einem Skatabend des Kutschers der Barbys zu erfahren, dass Dienstmädchen üblicherweise im ‘Hängeboden’ in der  Küche untergebracht werden, eine Art Zwischendecke, in die die Betreffende hineinkriechen musste, um in der Hitze des Herdes zu nächtigen. Dieses Detail erscheint dem heutigen Leser ähnlich schockierend wie der ungebrochene Stolz auf die vielen Kriege des Jahrhunderts oder der latente Antisemitismus, der hier als zeitüblich erscheint.

Derlei Einsichten sind rar, machen aber einen Teil des spröden Reizes aus, den dieses Buch immer noch besitzt. Ein weiterer sind die bildhaften Schilderungen von Landschaft und Architektur, bei denen Fontane, heute vor allem noch wegen seiner Wanderungen durch die Mark Brandenburg bekannt, ganz bei sich ist. Und seine nuancenreiche Sprache, reich an Kommas und Einschüben und offen für Dialekte und soziale Unterschiede, in Zeiten der Turboliteratur einen ganz eigenen Genuss.

Da das Coronavirus um die Welt rast, während die Zeit stillzustehen scheint, ist Der Stechlin keine ganz unpassende Lektüre.

Theodor Fontane

Der Stechlin, Roman

Anaconda Verlag

Fontane bei Amazon