Patricia Highsmith – Die gläserne Zelle

Als ich das Genre Kriminalroman entdeckte, ging es gleich mit einem Knaller los, nämlich mit dem Großmeister Raymond Chandler. Dann folgten Dashiell Hammett, Eric Ambler und schließlich Patricia Highsmith. Die Abfolge war nicht ganz zufällig, wurden alle vier Autoren doch Patricia-Highsmith-1962 (c) Wikipediabei Diogenes verlegt, und sie entbehrte nicht einer inneren Logik, nimmt die Erzähltemperatur in dieser Reihe doch merklich ab. Chandler und auch Hammett würzen das Genre mit lakonischen Humor  und dehnen es mit Plots, die bisweilen weit jenseits aller rational nachvollziehbaren Ermittlungsarbeit spielen, bis zum Reißen, bleiben ihm aber mit ihren Antihelden Philip Marlowe und Sam Spade gleichzeitig auch treu. Highsmith hingegen hat das Genre weit hinter sich gelassen, es stellt eigentlich nur noch einen peripheren Bezugspunkt dar, der die Einordnung in Verlagsprogramme erleichtert haben mag. Im Grunde schreibt sie psychologische Romane, die häufig eher durchschnittliche Menschen zeigen, die sich verstricken und dabei zu Verbrechern werden.

Irgend jemand, ich weiß nicht mehr wer, hat ihre traurigen Helden mit Fliegen verglichen, die sich in einem Spinnennetz verfangen haben. Das Bild ist treffend. Highsmith registriert ihr hilfloses Zappeln, schildert ihr Unglück in allen quälenden Nuancen und zeigt dabei, dass Gut und Böse große Begriffe sind, die sich im Klein-Klein des Alltags nur bedingt bewähren. Stattdessen herrscht die unerbittliche Logik der Umstände, und am Ende entscheidet der Zufall, wie der Würfel fällt. 

So ist es auch bei Philip Carter, glücklich verheiratet und Angestellter einer Baufirma. Ohne zu wissen, wie ihm geschieht, landet er wegen Betrugs für sechs Jahre im Knast. Dabei hat er doch nur auf Anweisung seines Chefs seine Unterschrift unter die Bestellungen von minderwertigem Baumaterial gesetzt. Kaum im Gefängnis, wird er von den Wärtern aus nichtigem Anlass an den Daumen aufgehängt – zwei Tage lang. Fortan kann er sie nicht mehr gebrauchen. Sein Anwalt und Freund David Sullivan scheitert mit dem Abtrag auf Revision. Und Gawill, eín Arbeitskollege, äußert den Verdacht, Philips Ehefrau Hazel habe ein Verhältnis mit David begonnen. Damit ist der Keim der Eifersucht gelegt. Halt findet Philip beim Mitgefangenen Max, Max unterrichtet ihn in Französisch und in Karate, leiht ihm Bücher und wird sein Vertrauter und seine Stütze. Als Max ermordet wird, tötet Philip bei einem Gefängnisaufstand einen der Täter. Jetzt erst ist er schuldig geworden, und es wird nicht das letzte Mal bleiben,

Highsmith schildert den bedrückenden Gefängnisalltag detailversessen, aber nicht effekthascherisch. Auch Philips Eifersucht wird nicht dramatisiert und überschreitet nicht die Grenze des nachvollziehbar Normalen, zumal sie sich im zweiten Teil des Buches als berechtigt erweist. Gerade die Nachvollziehbarkeit seiner Empfindungen macht das Verstörende dieses Romans aus. Beim Lesen fühlt man sich selbst dem unspektakulären Wirken einer Schicksalsmaschine ausgesetzt, die Unheil hervorbringt. David verglicht an einer Stelle das Gefühl, einem undurchschaubaren Komplex von Zwängen ausgesetzt zu sein, mit seiner Gefängniserfahrung. Darauf bezieht sich auch der klug gewählte Titel des Romans. Gefängnis und Außenwelt gleichen einander, und für Philip entpuppt sich die ersehnte Freiheit als gläserne Zelle. Das Symmetrie-Motiv wird übrigens mehrfach aufgegriffen, zum Beispiel in Hazels Verhältnis mit David und Philips Freundschaft mit Max. Hazel ist nämlich eifersüchtig auf Max  und bittet Philip, die Beziehung zu ihm zu beenden, vielleicht weil sie ahnt, welches Potenzial sie birgt. Dabei belassen es die beiden Gefangenen bei einer fast zufälligen Berührung an der Schulter. Darin, wie sie die verborgene Bedeutung dieser Berührung ganz nebenbei deutlich macht, zeigt sich Highsmiths Erzählkunst. Die Gläserne Zelle. hellsichtig und schnörkellos erzählt, gehört nicht zu ihren spannendsten Romanen, ist aber sicher einer der kompositorisch gelungensten. 

Die gläserne Zelle (detebe) von [Patricia Highsmith, Paul Ingendaay, Werner Richter]


Patricia Highsmith

Die gläserne Zelle, Roman

Aus dem Englischen von Werner Richter

Diogenes

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Tales From The Loop – Die Zukunft war gestern

Angesiedelt im retrofuturistischen Bildkosmos des schwedischen Künstlers Simon Stalenhag erzählt Tales From The Loop von rätselhaften Vorkommnissen in einer Kleinstadt in Ohio, die über dem Loop liegt, einem gigantischen Teilchenbeschleuniger, der die ‚Geheimnisse des Universums‘ enthüllen soll.

Warum Ohio, wenn die Vorlage doch eine schwedische ist? Vermutlich aus dem gleichen Grund, weshalb  europäische Vorlagen für amerikanische Zuschauer regelmäßig nachgedreht werden. So erging es auch Erfolgsserien wie Die Brücke oder Kommissarin Lund, deren Remakes nicht annähernd die Qualität der Vorbilder erreichen. Bei Tales From The Loop (mutmaßliches Zitat aus der Produktionsvorbesprechung bei Amazon: Ihr könnt machen, was ihr wollt, Hauptsache, das Ding spielt in Amerika!) haben die Macher jedoch gute Arbeit geleistet und eine quasi ‘europäische’ Serie abgeliefert, mit bedächtiger Erzählweise, kraftvollen Bildern und dichter, märchenhafter Atmosphäre. Zwar passen die putzigen Roboter nicht zu der im Boden schlummernden High-Tech, und der vage Zeitbezug (Wohnungseinrichtungen, Plattenspieler und klobige Röhrenfernseher verorten die Handlung irgendwann in den Siebzigern) irritiert, doch erweist sich der schwankende Unterbau als erstaunlich tragfähig für die Entfaltung einer geheimnisvollen Stimmung, in der nichts unmöglich scheint. Science Fiction ist das zwar nicht, geht aber als Mystery-Serie für große Kinder sehr in Ordnung. Wer sich jemals gefragt hat, wie es wäre, einmal jemand anderer zu sein, sich selbst als Kind zu begegnen oder die Zeit anzuhalten, wird hier fündig. Actionfans sollten freilich die Finger von der Fernbedienung lassen. Alle anderen werden mit einem beeindruckend schönen Filmerlebnis belohnt.

Tales From The LoopTales From The Loop

Mystery-Serie nach Motiven von Simon Stalenhag

Trailer

Simon Stalenhag bei Amazon

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Theodor Fontane – Der Stechlin

Der Stechlin, erstmals erschienen 1897/1898 in der Zeitschrift Land und Meer und 1898 als Buch, ist Fontanes Alterswerk – ein Roman, dessen Inhalt der Autor selbstironisch folgendermaßen zusammengefasst hat: Zum Schluss stirbt ein Alter und zwei Junge heiraten sich – das ist so ziemlich alles, was auf fünfhundert Seiten geschieht.

Der Alte, das ist der 66jährige Dubslav von Stechlin, Major außer Dienst und Bewohner von Schloss Stechlin, das ebenso fiktiv ist wie der Ort Stechlin und der Stechliner See, der, so geht die Sage, immer dann, wenn sich in der Welt Großes tut, an einer bestimmten Stelle zu sprudeln beginnt. Kommt es ganz dicke , fliegt sogar ein Hahn aus dem Unruheherd hervor. Der Stechlin bewohnt das Schloss zusammen mit seinem Faktotum Engelke und führt ein beschauliches Leben. Seine Welt ist klein. Das eintönige Einerlei wird durchbrochen von Besuchen von Förster Katzler, dem Dorflehrer, Mühlenbesitzer Gundermann und Pastor Lorenzen. Eine Visite seines Sohnes Woldemar stellt da schon einen seltenen Höhepunkt dar. Woldemar macht in Berlin den zwei Töchtern des Grafen Barby den Hof, deren eine er am Ende heiratet. Welche der beiden er wählt (so war das damals), die geschiedene Melusine oder die jüngere Armgard, ist so ziemlich das einzige Spannungselement des Buches, wenn man davon überhaupt sprechen will. Gefühlsverwicklungen, überhaupt jedwede Form von ‘Handlung’, darf man von dem Buch nicht erwarten. Hier ist alles Dialog. Man trifft sich, und man plaudert, und das tun auch die beiden Schwestern untereinander und sogar das zukünftige Paar, wenn sie denn einmal miteinander allein sind. Gefühlstiefen, falls es sie denn gibt, werden nicht ausgelotet, alles bleibt an der Oberfläche.

Wie beim Stechliner See zeigt sich im ganzen Roman das Große im Kleinen. Ausdiskutiert und ausbuchstabiert wird hier freilich nichts, vielmehr muss man sich größere Zusammenhänge aus Anspielungen und Anekdoten zusammenreimen, So entsteht in den ausführlichst wiedergegebenen Gesprächen das Bild einer Welt in der Schwebe zwischen der alten Ordnung  der Stände und des Adels auf der einen und der sich anbahnenden Demokratie auf der anderen Seite. Dafür steht die Sozialdemokratie, die für die einen (wie Dubslavs Schwester Adelheid, Vorsteherin des Damenstifts von Kloster Wutz) fast identisch mit dem Gottseibeiuns ist, während sie für andere wie den Pastor Lorenzen die nicht aufzuhaltende verheißungsvolle Zukunft verkörpert. Der Stechlin nimmt hier eine Mittelstellung ein. Vom ihm heißt es; Er hörte gern eine freie Meinung, je drastischer und extremer, desto besser. Er ist ein Vertreter des Alten, aber altersweise und unzeitgemäß tolerant. Zumindest ahnt er, dass die gesellschaftliche Ordnung, für die er steht, dem Untergang geweiht ist. Friktion entsteht daraus nicht. So abwesend wie die Leidenschaften der Protagonisten sind auch die gesellschaftlichen Konflikte, die allenfalls am Rande erörtert werden. Immerhin ist bei einem Skatabend des Kutschers der Barbys zu erfahren, dass Dienstmädchen üblicherweise im ‘Hängeboden’ in der  Küche untergebracht werden, eine Art Zwischendecke, in die die Betreffende hineinkriechen musste, um in der Hitze des Herdes zu nächtigen. Dieses Detail erscheint dem heutigen Leser ähnlich schockierend wie der ungebrochene Stolz auf die vielen Kriege des Jahrhunderts oder der latente Antisemitismus, der hier als zeitüblich erscheint.

Derlei Einsichten sind rar, machen aber einen Teil des spröden Reizes aus, den dieses Buch immer noch besitzt. Ein weiterer sind die bildhaften Schilderungen von Landschaft und Architektur, bei denen Fontane, heute vor allem noch wegen seiner Wanderungen durch die Mark Brandenburg bekannt, ganz bei sich ist. Und seine nuancenreiche Sprache, reich an Kommas und Einschüben und offen für Dialekte und soziale Unterschiede, in Zeiten der Turboliteratur einen ganz eigenen Genuss.

Da das Coronavirus um die Welt rast, während die Zeit stillzustehen scheint, ist Der Stechlin keine ganz unpassende Lektüre.

Theodor Fontane

Der Stechlin, Roman

Anaconda Verlag

Fontane bei Amazon

Walter Kempowski – Letzte Grüße

Letzte Grüße, erschienen 2003,  ist Kempowskis letzter Roman und, wie der Titel ahnen lässt, ein Abschied von seinen Lesern, vom Schreiben, vom Ehrgeiz und vom Leben überhaupt. Ein weiter Weg war’s von seinem Erstling Im Block, dem kaum verklausuliert autobiographischen Bericht über seine achtjährige Haft im Zuchthaus Bautzen, über Tadellöser und Wolff und die Deutsche Chronik  bis zur gewaltigen Weltkriegscollage Echolot und zu Letzte Grüße.

Das Schreiben hat Kempowski als erlernbares Handwerk aufgefasst und in seinen legendären Hausseminaren im Kreienhoop zu vermitteln versucht, und erlernt und gemeistert hat jedenfalls er es, auch wenn ihm der Hang zum Anekdotischen geblieben ist. Und natürlich bietet die Odyssee des fast siebzigjährigen Schriftstellers Alexander Sowtschick, vom deutschen Institut im Jahr 1989 aus Anlass der Deutschen Wochen zu einer 21 Stationen umfassenden Lesereise durch die USA eingeladen, jede Menge Anlass für vergnügliche Schnacks, denn aus der Perspektive der norddeutschen Provinz heraus betrachtet, gibt es in den Straßenschluchten von New York, im Indianerreservat, bei den Mormonen in Utah und an den Universitäten in der amerikanischen Provinz so  manch Befremdliches zu kommentieren. Auch der latente Antisemitismus, Rassismus und die vielen Obdachlosen und psychisch Kranken auf den Straßen werden registriert, doch wie es Kempowskis Art ist, wird dies nicht vertieft, sondern eher abgemildert durch allgegenwärtige Ironie. Selbst der deutsche Mauerfall, von dem Sowtschick zum Ende der Reise erfährt, ereignet sich fast nebenbei. Gerade diese Leichtigkeit wurde Kempowski bisweilen zum Vorwurf gemacht, doch ich finde, seine Kritiker verwechseln da Süffigkeit mit Harmlosigkeit. Was an der Oberfläche als humoriger Reisebericht erscheint, hat einen doppelten Boden. Kempowski versteht es, das Große im Kleinen zu spiegeln und fährt hier alles auf, was sein Werk auszeichnet: präzise Beobachtungen und sorgfältig arrangierte ‘eidetische Bilder, wiederkehrende Motive und große Klammern, hier vor allem repräsentiert durch die Figur Adolf Schätzings. Schätzing, mit ein paar Tagen Vorsprung auf der gleichen Lesereise unterwegs, ist das Gegenbild des als konservativ, ja reaktionär verschrienen Sowtschick, ein junger Lyriker, nicht unbedingt verständlich zwar, aber dem Zeitgeist angepasster, ‘links’ natürlich, beliebt bei Kritikern wie bei Frauen und, anders als Sowtschick, mit zahlreichem Publikum gesegnet. Und so reist er seinem beneideten und beargwöhnten Konkurrenten hinterher und wandelt quasi in dessen Spuren, und überall, wo er hinkommt, heißt es: Schätzing war all dor. Eine Begegnung bleibt aus, doch die Beziehung wandelt sich ganz allmählich. Eine virtuelle Annäherung findet statt, die Kempowski über den ganzen Roman hin so spannungsreich wie kunstvoll entwickelt.

Der Lektüre der Tagebücher von F. J. Raddatz  habe ich es zu verdanken, dass ich erneut auf Kempowski aufmerksam wurde, und Raddatz war auch der Lektor von Kempowskis erstem Buch Im Block. So schließt sich ein Kreis.  Ich habe Letzte Grüße mit Erheiterung und Rührung gelesen, und es hat meine Wertschätzung für den häufig unterschätzten Autor noch weiter gesteigert. Eine besondere Freude war es, in dem antiquarischen Exemplar, das ich erworben habe, Kempowskis Signatur zu entdecken.

Kemp Letzte GrüßeWalter KempowskiBildergebnis für kempowski letzte grüße

Letzte Grüße, Roman

Knaus 2003

Kempowski bei Amazon


Australische Hitze, Doppelpack

Der Zufall wollte es, dass ich, während in Down Under der Busch brannte, zwei australische Kriminalromane geschenkt bekam: Hitze von Jane Harper und Outback von Chris Hammer. Die beiden Bücher weisen ein paar oberflächliche Gemeinsamkeiten auf. Beide spielen in einer von der sengenden Sonne ausgedörrten australischen Kleinstadt, deren Bewohner ums wirtschaftliche Überleben kämpfen, und bei beiden steht am Anfang eine zunächst unerklärlich scheinende blutige Tat. Bei Jane Harper tötet ein Farmer seine Frau und seine Tochter und schließlich sich selbst, oder auch nicht; ein früherer Stadtbewohner, jetzt Polizist für Wirtschaftsverbrechen in Melbourne, kommt zur Beerdigung und bleibt, um bei den Ermittlungen zu helfen. Bei Chris Hammer erschießt ein Priester kurz vor Beginn der Messe fünf Kirchenbesucher, und ein Jahr nach der unerklärlich scheinenden Tat erhält ein Journalist den Auftrag, ein Stimmungsbild der Stadt zu zeichnen.

Damit haben  sich die Gemeinsamkeiten aber auch schon erschöpft. Um es kurz zu machen: Harpers Roman hält nicht, was er verspricht. Es ist jedenfalls kein ‘Thriller’, zu dem ja heute fast jeder Krimi zu Verkaufszwecken sprachlich hochgetunt wird, sondern ein brav heruntergeschriebenes Machwerk, von dessen Lektüre heftigst abzuraten ist. Die titelgebende Hitze kommt so flau rüber wie ein mittelwarmer Sommerabend aus deutschen Landen, die Dialoge haben das Niveau einer Vorabendserie, und weder die Tat noch irgendeine der auftauchenden Personen vermögen auch nur das geringste Interesse zu wecken. Hier ein Beispiel: Luke, Aaron und Ellie sind um die sechzehn, ein verschworenes Trio. Eines Abends taucht Luke mit Gretchen auf, den Arm um ihre Taille gelegt. Peinliches Schweigen ist die Folge. Und dann heißt es: ‘Plötzlich sah Gretchen das andere Mädchen mit einem verschwörerischen Lächeln an und ließ eine ungeheuer gemeine Bemerkung über eine von Ellies früheren Freundinnen vom Stapel. … Dann stieß Ellie ein kurzes prustendes Lachen aus.’ Das ist der Turning Point der Szene. Dass die Autorin dem Leser ausgerechnet diese ‘ungeheuer gemeine Bemerkung’ vorenthält, liegt vermutlich daran, dass sie ihr nicht eingefallen ist – kann passieren. Aber damit macht sie nicht nur die Szene kaputt, sondern leistet ganz nebenbei den schriftstellerischen Offenbarungseid. Im Übrigen ist das einzig Bemerkenswerte an diesem Buch für mich das Zitat von Ian Rankin auf dem Cover: ‘Absolut fesselnd!’. Dankeschön, Mr. Rankin, ich fasse das mal als Warnung vor Ihren eigenen Werken auf.

Outback von Chris Hammer ist da ein ganz anderes Kaliber.  Martin Scarsden, den in Rivers End recherchierenden Journalisten, stattet er mit einem scharfen Blick für die ländliche Umgebung aus. Schon auf den ersten drei Seiten erfährt man, wie das Wasser aus dem Hahn schmeckt, wie warm das kalte Duschwasser ist und wie man die Hände vor einem glühend heißen Lenkrad schützt – mehr sinnliche Details, als Harper in ihrem ganzen Roman liefert, so möchte man meinen. Hammers Schilderung einer Buschfeuerwalze, die  eine Gruppe von Feuerwehrleuten überrollt, ist buchstäblich atemberaubend.  Das Städtchen besiedelt er mit differenziert gezeichneten Originalen, die jede Begegnung mit einer neu eingeführten Figur zum Erlebnis machen: ‘Er wendet sich von der Buchladentür ab und entdeckt den schlurfenden Mann auf der anderen Straßenseite. Die Temperatur scheint bereits auf über dreißig Grad geklettert zu sein. Trotzdem watschelt der alte Knabe da drüben vorbei. Der graue Mantel scheint auf chirurgische Weise an ihm befestigt zu sein.’ Das sitzt und könnte von Chandler stammen.

Nach und nach erkundet Martin das Beziehungsgeflecht von Rivers End und setzt sich ein Bild zusammen: der amoklaufende Priester war angeblich ein Pädophiler, Harley Snouch, der Eigenbrötler von der Outback-Farm ein Vergewaltiger und Mörder. Seine Erkenntnisse packt er in eine Serie von Schnellschussartikeln, die er nacheinander raushaut. ‘Hemingway’ hat Snouch ihn scherzhaft genannt, und ein bisschen fühlt er sich auch so, zumal er mit der hübschen Buchhändlerin des Ortes auch noch im Bett gelandet ist. Aber die Wirklichkeit ist komplexer, als er zunächst meint. In Rivers End gibt es viele Wahrheiten. Wie Hammer sie mit farbiger Sprache und immer wieder überraschenden Wendungen enthüllt, ist ein wahrer Lesegenuss. Und ganz nebenbei erfährt man auch noch, wie sich das Leben im ausgedörrten australischen Outback anfühlt; ein Krimi der Extraklasse!

Bildergebnis für hitze jane harperJane Harper

Hitze, Roman
übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann

rororo 2018

Jane Harper bei Amazon




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Chris Hammer

Outback, Roman
übersetzt von Rainer Schmidt

Scherz 2018

Chris Hammer bei Amazon

Mein Jahr 2019

Es war das Jahr des Klimas. In Deutschland wurde ein Allzeit-Hitzerekord gemessen: 42,6 Grad. Greta Thunbergs Schulstreik wurde von Teilen  der  deutschen Schülerschaft aufgegriffen. In Kinderköpfen und in den Medien machte sich Weltuntergangsstimmung breit. ‘Wir streiken, bis ihr handelt’, sagen die jungen Schulschwänzer. Inspiriert von ihrer Gallionsfigur, die nach eigener Aussage nur in Schwarz und Weiß denken kann, erteilen sie dem Kompromissdenken eine Absage. Die Rettung der Welt soll und muss sofort erfolgen. Tatsächlich zeichnen sich erste ‘Erfolge’ ab: Immer mehr Städte, auch meine Heimatstadt Stolberg, erklären den Klimanotstand, was immer das bedeuten mag. In Düsseldorf begehen Schulen den Warmer-Pulli-Tag, um  symbolisch mal Heizenergie zu sparen und kollektiv zu bibbern. In den Familien wird über Fleischkonsum, Urlaubsreisen und Autonutzung diskutiert. Die Älteren sitzen als Verursacher der Klimakrise auf der Anklagebank und stehen unter Rechtfertigungsdruck.

Ich gestehe, dass mir Thunbergs Rigorismus wesensfremd ist und nicht inspirierend, sondern eher bedenklich erscheint. Wie aber ist die Diagnose der jungen Wilden einzuschätzen? Ist es für Foto: nst 2016das Klima fünf vor oder fünf oder sogar schon zwanzig nach zwölf? Geht es voran oder taumeln wir auf der Klippe? Beides ist wahr. Die Datenlage ist ernst, die Auswirkungen der Klimaerwärmung sind immer deutlicher zu spüren. Andererseits leben wir in den westlichen Wohlstandsgesellschaften in vielerlei Hinsicht in der besten aller bisherigen Welten. Seit Beginn der Industrialisierung waren Luft und Wasser noch nie so sauber wie heute, die Nahrungsmittel noch nie so sicher und gesund. Bildung ist frei verfügbar, die Lebenserwartung steigt, und trotz der bedauerlichen Ungleichverteilung des Reichtums leben wir im Grunde in einer egalitären Gesellschaft, die jedem die Teilhabe an fast allem ermöglicht. Das ist eine große Errungenschaft, aber sie geht einher mit der Freisetzung einer Menge CO2. Deshalb geht auf einmal die Flugscham um und dürfte sich demnächst im Duden wiederfinden. Wenn Thunberg jedoch behauptet, ‘wir’ hätten ihr die Kindheit gestohlen (How dare you!), ist das bodenloser Blödsinn.

Die Lösung des CO2-Problems ist und bleibt eine komplexe Unternehmung, in der sich technologische Innovation und politische Entscheidungsfindung verschränken. Da hilft es nicht weiter zu sagen: Jetzt, sofort. Irgendwas. Panik ist kein guter Ratgeber, Empörung keine Anleitung zum Handeln. Letztlich stehen nicht nur die Errungenschaften des egalitären Zeitalters auf dem Spiel, sondern auch das demokratische Prinzip, wonach der Mehrheitsbeschluss durchgesetzt wird und nicht eine von wem auch immer postulierte höhere Wahrheit. Einen quasi übergesetzlichen Notstand heraufzubeschwören, ist nicht hilfreich, sondern brandgefährlich. Technische Innovation und politische Kompromisse inklusive unvermeidbarer Irrtümer aber brauchen Zeit, von der es heißt, dass wir sie nicht mehr haben. Doch Je klarer die sozialen und ökonomischen Kosten der nötigen Veränderungen hervortreten, desto stärker dürften auch die Widerstände werden.  Nicht zufällig ist die AFD in den Braunkohlegebieten im Osten am stärksten. Nicht zufällig wurde in Amerika mit Trump ein Präsident gewählt, dessen Zukunftsvision geradewegs in eine Vergangenheit der rauchenden Industrieschlote zurückweist. Der Protest der Gelbwesten in Frankreich hat sich an einer geplanten Klimasteuer entzündet, die das Benzin um zehn Cent pro Liter verteuert hätte.

Deutschland ist verantwortlich für etwa 2,2 Prozent des weltweiten Ausstoßes an CO2. Die drei größten Verursacher sind China, die USA und Indien mit jeweils 28, 16 und 6 Prozent Anteil(Quelle: Statista). Und die Trumps und Bolsonaros sind überall. In Brasilien brannte der Amazonas – Bild des Grauens und Menetekel. Schon bald werden zehn Milliarden Menschen den Planeten bevölkern. Hat also Jens Jessen recht, der in der ZEIT Nr. 42 dieses Jahres postuliert hat, Wohlstand und Gerechtigkeit zusammen werden sich niemals in globalem Maßstab verwirklichen lassen – wer das durch einen Technologiesprung für möglich hält, glaubt auch ans Perpetuum Mobile? Sorry Herr Jessen, aber das ist nicht nur naiv, sondern auch zynisch. Ich halte diese Denkweise für dummen, gefährlichen Defätismus, entsprungen einer Fantasielosigkeit, die sich eine klimaverträgliche Zukunft nur als Zementierung der globalen Spaltung in Arm und Reich vorstellen kann. 

Allerdings fürchte ich, dass wir, egal was hier geschieht, global letztlich alle Klimaziele versemmeln und alle Vereinbarungen brechen werden. Ist das schon die Katastrophe? Ich denke nicht. Auf höhere Temperaturen kann man sich einstellen. Der Übergang zur CO2-Neutralität aber könnte möglicherweise etwas länger dauern als wünschenswert wäre. Nötig sind deshalb vor allem verstärkte Forschung, Innovation und (ja, Herr Jessen!)  technologische Lösungen. Möglich, dass wir irgendwann gezwungen sein werden, CO2 der Atmosphäre zu entnehmen und es entweder zu deponieren oder als Rohstoff zu verwenden. Technisch ist das bereits machbar, aufgrund des hohen Energiebedarfs in großem Maßstab allerdings noch utopisch. Anders verhielte es sich, wenn es billige Energie im Überfluss gäbe. Vielleicht gibt es die ja bald. Frankreich, Russland, China und die USA arbeiten derzeit an der 4. Generation von Kernreaktoren, die unangereichertes Uran als Brennstoff verwenden, ganz nebenbei den vorhandenen Atommüll verbrennen soll und einen kostengünstigeren und sichereren Betrieb  ermöglichen würde, als es bei bisherigen Kernreaktoren der Fall war. 2025 soll zudem im europäischen Forschungsreaktor ITER die erste Kernfusion zünden. Die nächste Generation, die bereits Strom liefern soll, ist in Planung. Die Chinesen haben den Forschungsreaktor EAST in Betrieb genommen und glauben, ab 2050 mit Kernfusion Nettoenergie erzeugen zu können. Noch ist das Zukunftsmusik – aber sie macht Hoffnung.

Atomreaktoren? Kernfusion? Ja, mit Solardächern und Windrädern allein wird es nichts mit der Zukunft.  Wir werden viel Energie brauchen – sehr viel Energie. Die Armen dieser Welt werden nämlich nicht aufhören, nach Wohlstand zu streben. Übrigens könnten wir ohne die vorzeitige Stilllegung von Kernkraftwerken eine Menge Kohlekraftwerke außer Betrieb nehmen, die uns die CO2-Bilanz versauen. Auch die unterirdische Lagerung von CO2 ist eine Option. Um die Zukunft zu bewältigen, sollte man Risiken und Nutzen nüchtern abwägen, anstatt aus ideologischen Gründen Möglichkeiten zu verbauen. Das gilt für die Gentechnik ebenso wie für die Antriebstechnik oder das Geoengineering, Neben der solaren Wasserstoffgewinnung in großem Maßstab ist auch die Kernfusion eine Option. Sie wird nicht morgen zur Verfügung stehen, aber vielleicht schon übermorgen. Die Welt dürfte bis dahin wärmer werden. Aber sie wird nicht untergehen.

Zum Schluss noch die üblichen persönlichen Anmerkungen: 2019 ist wenig von mir erschienen, doch einige Storys sind fertig geworden und stehen zur baldigen Veröffentlichung an. Auch ein neuer Roman wurde fertiggestellt (Kleiner Drache) und ist bereits in trockenen Tüchern, das heißt, ein Verlagsvertrag ist unterzeichnet. Das Buch soll 2020 erscheinen. Auf ins Neue Jahr!

Foto: nst 2015