Das Büro 4 – Das A. P. Beerta-Institut

Die Lektüre der siebenbändigen Büro-Saga des niederländischen Autors J. J. Voskuil fordert den Leser auf ganz spezielle Weise. So wie der Angestellte gehalten ist, mit dem Weckerklingeln aufzustehen und den Tag zu beginnen, obwohl Müdigkeit und ein chronischer Verdruss an der Vorhersagbarkeit des Büroalltags ein Verweilen im Bett als unendlich reizvoller erscheinen lassen, sieht sich auch der Leser disziplinmäßig erheblich gefordert. Es braucht Durchhaltevermögen und eine gewisse Leidensfähigkeit, um die Wiederkehr des Immergleichen zu bewältigen. Und da man quasi selbst in die Abläufe  verwickelt wird, gibt es auch Anlass zum Ärgern im Überfluss.

Da sind der ständig krankfeiernde Hypochonder Ad, der haarspalterische Bart, die inkompetente und uninteressierte Tjiske, der unfreundliche Chef Balk und all die anderen Mitarbeiter des Amsterdamer Büros für Volkskultur, die ihre Hauptaufgabe darin zu sehen scheinen, Sand ins Getriebe zu streuen. Und da ist Maarten Koning, Voskuils alter Ego und derzeit noch die Nummer Zwei, also der stellvertretende Büroleiter. Keiner zweifelt so grundlegend am Sinn des Büros im Besonderen und der Wissenschaft im Allgemeinen wie er selbst, und doch reibt er sich auf und häuft Amt auf Amt und Aufgabe auf Aufgabe, getrieben von zwanghaftem Pflichtgefühl. Er ist ein Mann der inneren Widersprüche, schwankend zwischen Misanthropie und überbordendem guten Willen, zwischen eingebildeter Ohnmacht und exzessiven Gewaltfantasien. Man möchte mit der Faust dreinschlagen, wenn Maarten, anstatt ein Machtwort zu sprechen und die Folterinstrumente des Arbeitsrechts hervorzuholen, wieder einmal den Fehler bei sich selber sucht und sich eine Aufgabe, der seine Mitarbeiter sich verweigern, selber aufbürdet. So gesehen, ist er nicht weniger dysfunktional als diese. Allerdings ändern sich die Zeiten und mit ihnen auch die Menschen. Die Siebziger Jahre sind angebrochen. Die niederländische Wissenschaftslandschaft wird umstrukturiert. Erstmals werden von außen Forderungen ans Büro gestellt: mehr Veröffentlichungen werden verlangt, Forschungsergebnisse sollen nach außen sichtbar  gemacht werden. Werden die Überarbeiteten und Fußkranken demnächst beim Fernbleiben gar ärztliche Atteste vorweisen müssen? All diese Zumutungen kitzeln natürlich den Widerstand der Belegschaft wach. Das Arbeitsklima verschlechtert sich. Maarten verspürt zudem zunehmend Selbstrechtfertigungsdruck, doch seine Versuche, dem diffusen Fach der Volkskulturforschung ein solideres Fundament zu verschaffen, stoßen  bei seinen Mitarbeitern auf wenig Verständnis und noch weniger Gegenliebe. Sein Engagement und seine intellektuelle Überlegenheit machen ihn einsam. Leider hat er von seiner xanthippenhaften Gemahlin Nicolien keinen Trost zu erwarten, im Gegenteil. Und A. P. Beerta, der längst pensionierte Begründer des Büros für Volkskultur, liegt nach einem Schlaganfall im Krankenhaus und blickt dem Ende entgegen. Auch wenn hier die Mäuse auf dem Tisch tanzen, nachdem sie im Archiv vor dem grausamen Gifttod bewahrt wurden, ist das Büro weiß Gott kein Ponyhof.

Dies wirft eine Frage auf: Warum tut man sich die Fron der Lektüre an? Die Antwort: Weil Voskuil ein toller Autor ist. Immer wieder tauchen wundervolle Miniaturen auf, Impressionen von Maartens Arbeitsweg entlang den Amsterdamer Grachten, präzise Schilderungen von Begegnungen auf Dienstreisen, schreiend komische Kommissionssitzungen, berührende Momente jenseits der Absurdität des Alltäglichen. Von Band zu Band treten auch die weiten Bögen deutlicher hervor, die das Klein-Klein durchziehen und dem Werk eine solide Statik verleihen. Wie die Zeiten sich kaum merklich wandeln und die Figuren altern, wird von Voskuil so unaufdringlich wie souverän geschildert. Und dann schafft Maarten es doch tatsächlich einmal, sich durchzusetzen. Da geht über dem Büro für Volkskunde für einen Moment die Sonne auf.

Das 1000-Seiten-Buch kommt in einem dunkelgrünen Leineneinband mit Namensanhang und Lesebändchen daher – sehr schlicht, sehr funktional, bürotauglich.

Bildergebnis für voskuil das Büro band 4

J. J. Voskuil

Das Büro 4: Das A. P. Beerta-Institut
Roman, Verbrecher Verlag 2015

aus dem Niederländischen übersetzt von Gerd Busse

Amazon

 

Advertisements

The Crown

In meiner Kindheit waren die Erzeugnisse des Klatschpresse allgegenwärtig – Gala, das Neue Blatt, die Bunte und wie sie alle hießen. Dies war die Lektüre meiner Mutter. Die Welt der prächtigen Kleider und schönen Frauen, der großen und kleinen Skandale und der heilen, wenn auch stets gefährdeten Familienwelt waren ihr zweites Zuhause. Ich nehme an, dass ich als Kind in den einschlägigen Zeitschriften geblättert habe wie in bunten Bilderbüchern. Später entwickelte ich eine hochmütige Abneigung gegen die Yellow Press, die mich freilich nicht daran hinderte, bei Arztbesuchen meiner Sitznachbarin im Wartezimmer neugierig und nicht immer dezent in die Schmuddellektüre zu linsen. Die Männer bevorzugten ja den Spiegel oder Auto, Motor und Sport.

Der frühen Antiprägung ist es geschuldet, dass ich erst jetzt auf die wunderbare Serie The Crown aufmerksam geworden bin. Mit geschätzten achtzig Millionen Dollar Produktionskosten allein für die erste Staffel ist sie eine der teuersten Eigenproduktionen von Netflix, und das sieht man ihr an. Die Kostüme sind fabelhaft, die Schauplätze (die Kathedrale von Ely statt Westminster Abbey, Lancaster House statt Buckingham Palace) machen die Originale vergessen, Licht und Regie sind makellos. Der englische Cast, allen voran Claire Foye als Elizabeth II., ist umwerfend. Und die Musik (Filmmusik von Hans Zimmer) macht mächtig Lust auf einen Konzertabend.

Im Mittelpunkt von The Crown steht Elizabeth II., deren gesamte Regentschaft die Serie einmal abbilden soll, mit jeweils zehn Regierungsjahren pro Staffel. Die Handlung beginnt mit der Vermählung mit Prinz Philipp und einer fotogenen Rundreise durch den Commonwealth, die allerdings schon in Kenia abrupt endet, da Elizabeths Vater, König George VI., verstorben ist.  Was zunächst wie eine Fortsetzung von Downton Abbey beginnt, bekommt auf einmal Tragik und Tiefe. Ja, es geht Bildergebnis für the crownum prachtvolle Roben, scharf gebügelte Hosen und vollendet geknotete Krawatten, um Snobismus und Dünkel, Liebe und Leidenschaft, Intrige und Politik. Schon bald aber kristallisiert sich heraus, dass das eigentliche Drama der Konflikt zwischen Institution und Individuum ist, ein Spannungsverhältnis, das prägend war für das zwanzigste Jahrhundert. Wie Elizabeth zunächst zaghaft aufbegehrt und sich letzten Endes doch den Regeln unterwirft, ist schmerzhaft anzusehen. Nicht nur sie und vor allem ihr Mann Philipp stellen sich die Frage, was den Wert der konstitutionellen Monarchie ausmacht und was sie den Protagonisten abverlangen darf. Wer Westminster Abbey besucht und vor Parlament und Buckingham Palace gestanden hat, der spürt, welche Kraft diese Institution noch heute hat. Elizabeths Antwort fällt, wie bekannt, eindeutig aus, und so ist in den bislang vorliegenden zwei Staffeln ihre Verwandlung in einen Menschen zu besichtigen, dem die Rolle zur Identität wird.

Erst der zeitgeschichtliche Hintergrund machte die Serie wahrhaft faszinierend. Die zweite Amtszeit des 83jährigen Winston Churchills und sein Kampf gegen den Verfall, der in der symbolträchtigen Zerstörung des im Auftrag des Kabinetts gemalten Porträts von Sutherland seinen ohnmächtigen Höhepunkt findet, eröffnet die Parade der historischen Ereignisse. Die (mir bislang unbekannte) Londoner Smogkatastrophe  von 1952, die Profumo-Affäre unter Premierminister Macmillan, die Veröffentlichung der Marburg-Papiere, welche die  Nazi-Verstrickung des abgedankten Königs Edward belegen, und Kennedys Ermordung – dies alles passiert in den ersten zwanzig Folgen Revue und macht Lust auf die weiteren Staffeln dieser herausragenden Serie. Und die persönlichen Dramen und Intrigen, Prinzessin Margrets Beziehung zum verheirateten Oberst Townsend und Prinz Philipps Affären? Ich sage nur: Shakespeare.

Bildergebnis für the crown staffel 1The Crown

Serie von Peter Morgan

Trailer

Amazon


China Miéville – Dieser Volkszähler

Auf einem Berg lebt der Schlüsselmacher mit seiner Frau und seinem Sohn. Die Schlüssel, die er anfertigt, verkauft er an die Dorfbewohner im Tal. Es scheinen ganze besondere Schlüssel zu sein, geeignet zum Wettermachen und für andere magische Zwecke. Das Leben ist hart. Eines Tages meint der Sohn zu sehen, wie der Vater die Mutter erschlägt. Er flüchtet sich ins Dorf und findet Zuflucht bei den wilden Kindern, die in den Häusern auf der Brücke leben.  Nachforschungen werden angestellt, doch die Tat lässt sich nicht nachweisen. So kehrt der Junge gezwungenermaßen zum Vater zurück, den er fürchtet und hasst.

Angesiedelt ist die Geschichte in einer postapokalyptischen Welt. Es hat Kämpfe gegeben und Maschinenstürmerei, viel mehr erfährt der Leser nicht. Die Überlebenden bewohnen die Ruinen. Sie sind die Gespenster einer Vergangenheit, die sich in Mythos verwandelt. Sie wissen wenig, doch es schert sie nicht, denn das Überleben fordert ihre ganze Kraft. An die Stelle von Wissen treten Raunen und Ahnen. Die Welt nimmt den Charakter eines Traums an, erfüllt von mehrdeutiger Konturlosigkeit. Nichts ist mehr gewiss.

Miévilles klare, nuancenreiche Sprache bildet einen merkwürdigen Kontrast zu dieser Welt des Vagen. Ein weiteres Spannungselement ist die Konstruktion der Geschichte, denn der Ich-Erzähler ist der Junge vom Berg als Mann. Im Dienste eines ominösen ‘Vorgesetzten’  schreibt er drei Bücher; eines der Aufzählungen, eines der Geheimnisse und dieses, das wir lesen – ein persönliches Buch, das von Erlebtem handelt. Der ‘Vorgesetzte’ und die Undurchschaubarkeit der Erzählwelt lassen an Kafka denken, während die Grundkonstellation – Postapokalypse/Vater/Sohn – Erinnerungen an McCormacs Meisterwerk Die Straße weckt. Beide Vergleiche aber überfordern das Buch. Weder hat Dieser Volkszähler die existenzielle Eindringlichkeit Kafkas noch die düstere emotionale Wucht von Die Straße.  Zu seinen Figuren stellt sich nur ein distanziertes Verhältnis ein, das einem Mitleiden nicht förderlich ist. Aber es ist ein rundes Stück Literatur, das seine gedämpfte Wirkung nach und nach entfaltet, möglicherweise sogar erst in der Erinnerung.

China Miéville
Dieser Volkszähler

Roman, Liebeskind 2016
übersetzt von Peter Torberg

Amazon

Rachel Kushner – The Mars Room

Romy Hall, benannt nach der deutschen Schauspielerin, die seinerzeit in einer legendär gewordenen Talkshow den attraktiven Bankräuber anmachte, ist zusammen mit anderen Frauen auf dem Weg in den Knast. Nomen est omen, heißt es. In diesem Fall ist der Name bittere Ironie.

Die Fahrt dauert lange. In harten Schnitten wechseln sich Dialogfetzen mit Blicken auf die vorbeiziehende Landschaft und kurzen Rückblenden ab, disparate Fragmente eines kaputten Lebens im Zustand des Übergangs. Dieser Einstieg ist grandios: gewalttätig und radikal in Form und Inhalt. Erst mit der Ankunft im Frauengefängnis stabilisiert sich die Erzählweise und findet in einen ruhigeren Rhythmus. Romy Hall lernt die brutalen Regeln kennen, nach denen der Knastalltag funktioniert, und arrangiert sich mit den Mitbewohnerinnen´ihrer Zelle. Da sind der Intersexuelle Conan (Scheckbetrug), die kindhafte Sammy (Raubmord) und in der Etage darüber Betty La France, der Knaststar aus der Death Row, mit dem man sich über die Abflussleitung unterhalten kann (schuldig gesprochen des Mordes am Ehemann und des Mordes am Auftragskiller). Die Insassen sind keine Unschuldsschafe, und die Wärter sind keine Sadisten. Das ist auch gar nicht nötig. Das Arrangements ist grausam und effizient, und wie ein Mantra der Selbstbeschwichtigung klingt der ständige Verweis der Wärter, alles, was die Frauen erleiden müssten, sei Folge ihrer eigenen Entscheidungen.

Ich-Erzählerin Romy Hall, verurteilt zu zwei Mal lebenslänglich und ohne die geringste Hoffnung, jemals wieder frei zu kommen, ist keine sympathische ‘Heldin’, aber eine äußerst scharfsinnige Beobachterin. Schon als Kind neben der Spur gelandet, aufgewachsen mit Drogen und Diebstahl, findet sie nach der Geburt ihres Sohnes im Mars Room eine Anstellung als Tänzerin. Der Mars Room stellt keine hohen Ansprüche an seine Angestellten und schon gar nicht an seine Gäste. Hier wird Kurt Kennedy ihr regelmäßiger Lapdance-Kunde. Er stalkt sie, bis sie ihn erschlägt.   Diese Geschichte wiederum kontrastiert mit der von Gordon, genannt Doc, der in einer Waldhütte lebt und im Frauenknast einen Lesekurs gibt. Vorgestellt wird er als Thoureau-Adept, der im Wald Stachelschweine jagt und fachkundig zubereitet. Gordon verliebt sich in Romy, doch diese Welt kennt kein Happyend. Der Wald entpuppt sich am Ende als Mandelplantage, das wilde Tal als öde Kulturlandschaft, so als wäre die Essenz des Frauenknasts in die Umgebung ausgesickert und hätte sie vergiftet – eine literarische Entzauberung, die ein Amerika ohne Hoffnung enthüllt.

The Mars Room ist kein Krimi. Das Buch kommt fast ohne Krimispannung aus. Lesenswert ist es wegen der Intensität der Darstellung, die einen in den Knast hineinversetzt und zum Komplizen der hoffnungslosen Frauen macht, die um ein bisschen Leben kämpfen. Rachel Kushners enzyklopädische Kenntnis des Gefängnisalltags und ihr Blick für Biographien und Motivationen ist verblüffend. The Mars Room ist faszinierende Lektüre.

Rachel Kushner
The Mars Room

Roman, Jonathan Cape 2018

Amazon

Strike – Schlag ins Leere

Hitzewatte im Kopf. BBC-Krimiserie Strike geguckt. Autorin der Buchvorlage ist immerhin Erfolgsautorin J. K. Rowling. Aber: o je.

Privatdetektiv Cormoran Strike ist ein kriegsversehrter Knuddelbär, Assistentin Robin zum Anbeißen süß, aber verlobt mit einem Langeweiler (macht irgendwas mit Banken).  Die Handlung schleppt sich so betulich wie ein Krimi von Agatha Christie. Die drei Fälle papierene Konstrukte, die Motive hanebüchen. Die Überraschung: als eine Straßenhure einen Handjob für fünf Pfund anbietet. Das Spannungselement: ob Cormoran und Robin einander kriegen. Man spürt die Absicht: kein Zynismus, keine Gewaltorgien – die klassische Detektivgeschichte soll es sein, elegant und humorvoll. Doch die Geschichten zünden nicht, nirgends. Dann naht endlich das Ende. Robin steht mit dem, der was mit Banken macht, vor dem Traualter. Cormoran rast mit dem Auto heran, eilt humpelnd zur Kirche. Der Film zitiert das Finale der Reifeprüfung! Cormoran wird Robins fades Schicksal wenden! Da wirft er auch schon eine Blechvase um. Alle Blicken richten sich auf ihn, auch Robins. Doch anstatt in die Arme ihres Retters zu stürzen, lächelt sie und spricht: Ja, ich will. Ätsch! Die Autorin dreht mir und Cormoran und Robin eine lange Nase! Es war gar kein Zitat, es war eine Variante. Man könnte auch sagen: ein Schlag ins Leere. Oder positiv formuliert: Bei drohendem Hitzekoller kann diese Serie eine Valium überflüssig machen.

Nachtrag: Der erste Teil der Strike-Serie wurde unter Pseudonym veröffentlicht. Es heißt, es wurden lediglich 1200 Exemplare verkauft. Erst als Rowlings Pseudonym gelüftet war, wurde ein Bestseller draus.

Bildergebnis für strike serieStrike
Serie nach Buchvorlagen von J. K. Rowling

Trailer

Amazon

Abteikirche Rolduc

Wenige Kilometer vom Aachener Dom entfernt liegt Rolduc, der größte Abteikomplex der Niederlande. Die Abteikirche aus dem zwölften Jahrhundert, zuletzt erweitert im Rokoko, scheint, obwohl UNESCO-Denkmal, wenig bekannt zu sein, denn wir konnten sie ganz allein bewundern.

Draußen wird an der Fassade gewerkelt …

… drinnen herrscht kontemplative Stille.


IMG_4048

Unter dem Bodengitter ruht Walram III., Graf von Limburg und Herzog von Niederlothringen.  Ein Schelm, wer dabei an Darth Vader denkt.

Rolduc bei Wikipedia

Koordinaten: 50° 52′ 5″ N, 6° 4′ 55,6″ O

Marion Poschmann – Die Kieferninseln

Eine Sommerlektüre, so leicht wie der Milchschaum im Cappuccino – das schon mal vorweg. Das Fazit ist umso bemerkenswerter, als die Ausgangslage  durchaus ernst ist: Gilbert Silvester, Privatdozent und drittmittelfinanzierter Bartforscher, träumt, seine Frau Mathilde habe ihn betrogen. Plötzlich erscheint ihm sein ganzes Leben nichtig und falsch, und aus einem spontanen Impuls heraus setzt er sich in einen Flieger nach Japan, das hier für das ganz Andere steht, das Fremde, Verborgene, das Verlorene und Gesuchte. In der U-Bahn von Tokyo begegnet er dem Studenten Yosa und vereitelt dessen geplanten Selbstmord. Fortan sind sie Reisegefährten. Yosa, bewaffnet mit einem Handbuch für Selbstmörder, sucht nach dem geeigneten Ort zur Umsetzung seines Absicht, während Gilbert, ausgestattet mit Reiseführern und einem Packen klassischer japanischer Literatur, der Pilgerroute des Dichters Basho folgt, deren Ziel die Kieferninseln sind.

Poschmann bedient sich bei der Schilderung der Reise eines erzählerischen Tricks. Da Yosa verschlossen und des Englischen nur eingeschränkt mächtig ist, übernimmt Gilbert die Rolle des Reiseleiters. Dem Leser tritt Japan deshalb fast ausschließlich aus seiner touristischen Außenperspektive entgegen. Da werden Sushi und Salzpflaumen verspeist, Haikus verfasst, Koans zitiert und Kiefernformen aufgezählt, auch eine Kabuki-Vorstellung darf nicht fehlen. Gilberts kommentierende Gedanken sind klug, manchmal tiefgründig, doch das Angelesene und Erlebte ist ihm vor allem Stoff für dozierende Briefe an seine daheim gebliebene Mathilde. Das klassische Japan bleibt ihm (und dem Leser) verschlossen, das moderne Einerlei hat die alten Orte überwuchert, und überhaupt lässt die parlierende Erzählweise allzu viel Anverwandlung und Anteilnahme nicht aufkommen. So kümmert es den Leser wenig, ob Yosa seinen Selbstmord verwirklicht oder nicht, und dass er irgendwann plötzlich verschwindet, nimmt man mit zenhafter Gelassenheit zur Kenntnis. Das entspricht zweifellos der Absicht des 165-Seiten-Romans, den man früher wohl als Erzählung bezeichnet hätte. Wenn das Leben (so der Klappentext) ein Traum ist, dann ist diese Prosa Schaum.

Bildergebnis für poschmann die kieferninselnMarion Poschmann
Die Kieferninseln

Roman, Suhrkamp 2017

Amazon