Nocturnal Animals

Fettleibige nackte Frauen bewegen sich zur Musik, schlackern schamlos mit ihren tief hinabhängenden Brüsten und lassen die Bauchfalten wabbeln, tanzen selbstbewusst, erotisch aggressiv. Ist die entgrenzte Körperlichkeit schön, hässlich, peinlich, komisch? Auf jeden Fall ist es ein faszinierender, nicht einzuordnender Anblick, der mit allen Erwartungen bricht, die der Zuschauer an den Film gehabt haben mag.  Erst als sich der Kamerablick weitet, entpuppen sich die Tänzerinnen als Videoinstallation einer Vernissage. Die massigen Körper liegen inmitten der desinteressiert schnatternden Gäste reglos und nackt auf Tischen, sei es als Puppen oder im Original.

Susan Morrow (Amy Adams) ist die Besitzerin der Galerie. Sie lebt in einer makellos durchgestylten Welt der weißen Wände, weiten Räume, großformatigen Bilder, geschmackvoll arrangierten Designermöbel, der Badezimmer aus dunkelgrauem Marmor. Ihr Gatte, ein erfolgreicher Geschäftsmann, würde auch als Model für Calvin-Klein-Unterhosen eine gute Figur machen. Die Menschen sind cool, der scharfzüngige Smalltalk läuft wie geölt, doch man ahnt, dass es einen Preis fordert, will man dieser Umgebung gerecht zu werden.

Susan leidet an Schlaflosigkeit, nocturnal animal, Nachttier, hat ihr erster Ehemann  Edward Sheffield (Jake Gyllenhaal) sie genannt. Auch das Romanmanuskript, das er ihr Jahre nach der Trennung aus heiterem Himmel zuschickt, trägt den Titel Nocturnal Animals. Während ihr Mann sie auf Geschäftsreise betrügt, beginnt sie zu lesen und erinnert sich gleichzeitig an ihre Beziehung mit Edward. Dies sind die drei Erzählstränge des Films, von denen die Visualisierung des Manuskripts den größten Raum einnimmt. Im Buch ist ein Mann (ebenfalls gespielt von Jake Gyllenhaal) mit Frau und Tochter nachts im Auto unterwegs. Sie werden von mehreren Halbstarken gestoppt, ein Streit eskaliert, Grauen und Gewalttätigkeit brechen sich Bahn. Diese Geschichte, die im Staub der südtexanischen Wüste spielt, ist der radikale Gegenentwurf zu Susans makelloser Oberflächenwelt. Während sie in der Kunstwelt des Romans versinkt, erscheint ihr die eigene Realität immer künstlicher. In quälenden Erinnerungsszenen macht sie sich die Gründe für das Scheitern ihrer Beziehung bewusst: mangelnder Glaube an die Kraft seiner und ihrer eigenen Kunst, die vorauseilende Kapitulation vor der Macht der Realität, des Geldes und des Erfolgs.

Der Film ist einfach und klar gegliedert, es geht um den Verrat an der Liebe, das falsche Leben und um Rache, die mal heiß, mal kalt daherkommt. Man könnte die Inszenierung plakativ nennen, doch die intensiven durchkomponierten Bilder (effektvoll unterlegt mit der Musik von Abel Korzeniowski) und die hervorragenden Schauspieler  ziehen einen in den Bann und sorgen dafür, dass einem die mitleidlose Botschaft der Geschichte lange nachgeht.

Nocturnal Animals
Film von Tom Ford
Buchvorlage: Tony und Susan von Austin Wright

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Ein E-Bike. Langweilig!

Das rief mir jemand hinterher, als ich an ihm vorbeifuhr. Sein Frust war verständlich, hatte er doch absteigen müssen, von einer gar nicht so großen Steigung um den Atem gebrach. Ich hingegen schnurrte locker im sechsten Gang dahin. Sorry! Aber langweilig ist ein E-Bike gewiss nicht, im Gegenteil. Wer sich beim Fahrradfahren abstrampeln möchte, kann das übrigens auch mit dem E-Bike tun, hat dann allerdings ein paar Kilos mehr zu bewegen. Der eigentliche Bestimmungszweck aber ist der situationsangepasste Wechsel der Antriebsstufen, die den Krafteinsatz je nach Terrain und Tagesform mal mehr, mal weniger unterstützen. Die Folge ist eine ungewohnt gleichmäßige Fortbewegung, eine Art Gleiten, das beinahe das Gefühl des Fliegens vermittelt. Aufgrund der im Schnitt schnelleren und weniger anstrengenden Fortbewegung ist die Reichweite auf einmal stark erweitert, das heißt, auch von daheim aus erschließt man sich ganz neue Strecken und Ausblicke. Wunderbar!

Hercules Futura F8 Gates

Für mich standen Komfort und unkomplizierte Wartung ganz oben auf der Wunschliste. Deshalb habe ich mich für ein Hercules Futura F8 mit Shimano 8-Gang-Nabenschaltung, Bosch-Active-Line-Mittelmotor und Gates-Riemenantrieb mit Rücktritt entschieden. Und das Negative gleich vorweg: Das Fahrgefühl ist nicht besonders stabil, was möglicherweise der schrägen gefederten Vordergabel geschuldet ist – kein Vergleich zu meinem Hercules-Rad aus Kindertagen. Freihändig fahren ist also nicht drin, und es empfiehlt sich, beide Hände brav am Lenker zu lassen, wenn das Terrain ein wenig holpriger ist. Das war’s auch schon mit der Nörgelei. Das Fahrrad macht rundum Spaß, die Motorleistung reicht für die Voreifelgegend aus, das Schalten mit dem Drehgriff ist eine Freude. Natürlich schrumpft die Reichweite, wenn man die hohen Antriebsstufen bevorzugt, aber etwa 70 Kilometer sind auch dann noch drin. Der besondere Clou an dem Ding aber ist zweifellos der kettenlose Antrieb. Endlich keine ölverschmierten Hosenbeine mehr! Der karbonverstärke Riemen braucht nicht geschmiert zu werden und läuft zudem auch besonders leise. Weitere Gimmicks sind der USB-Ladeanschluss und die angeblich ‘unplattbaren’ Marathon-Reifen. Fazit: Auch für einen Preis von etwa 3000 € eine lohende Anschaffung mit höchstem Nutzwert.

Gates-RiemenHinterradnabe mit Gates-Riemen

In eigener Sache

Jetzt mal ein bisschen Eigenwerbung. Im Februar ist mein neuer Roman Kolonie erschienen. Gemeint ist die erste Menschenkolonie auf dem bewohnbaren Planeten eines Sternsystems in unserer Nachbarschaft. Vor kurzem hat Stephen Hawking vorgeschlagen, mit Lichtsegeln ausgestattete Miniraumschiffe mit Lasern auf Interstellargeschwindigkeit zu beschleunigen, um unseren Nachbarsonnen einen Besuch abzustatten. Das ist immerhin ein Ansatz, aber ich glaube, dass ungeachtet der gewaltigen interstellaren Entfernungen und der für den Flug benötigten Zeiträume irgendwann auch Menschen die große Reise antreten werden, ob an Bord eines Generationenraumschiffs, als Bewusstseinskopie oder wie in diesem Fall im Schlaftank. Aber was passiert, wenn das Ziel erreicht ist? So geht mein Gedankenspiel:

Nach hundert Jahren Flugzeit haben die ersten Kolonisten nach interstellarem Flug den erdähnlichen Planeten Corazon erreicht. Schon bald treten gravierende Probleme auf. Die Bots verselbständigen sich und bauen nach gewaltsamen Auseinandersetzungen ihre eigene Stadt, die Kinder der Kolonisten entwickeln so genannte Externorgane und gelten als ansteckend, weshalb man sie im ‘Kindertrakt‘ isoliert. 30 Jahre später sind die neununddreißig überlebenden Altkolonisten weitgehend mit dem Kampf gegen das Alter und den Verfall der Station beschäftigt. Die Erforschung des Planeten ist fast zum Erliegen gekommen. Die Kinder sind inzwischen erwachsen und verlangen nach Freiheit. Die Bots haben die Stadt nahezu vollendet und warten auf die Ankunft der so genannten ‚Schöpfer‘, ihrer wahren Herren. Da taucht tatsächlich ein zweites Kolonistenschiff von der Erde auf, jedoch mit lediglich fünf Personen an Bord. Für die Alten sind sie mit ihren Implantaten Fremde. Doch auch die Hoffnungen der Bots werden enttäuscht. Die Spannungen eskalieren …

KolonieNorbert Stöbe: Kolonie
Roman, Heyne 2017

Leseprobe

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Mein Roman Der Weg nach unten ist 1991 bei Heyne erschienen und wurde jetzt vom Apex Verlag als E-Book wiederveröffentlicht. Ursprünglich wollte ich damals eine Satire auf Fantasy-Rollenspiele schreiben, eine längere Story für eine Anthologie. Die Ausgangssituation aber nahm mich gefangen und entwickelte sich zu einem durch und durch ernsthaften Roman über eine Gruppe von Spielern, die sich in einem verfallenen Megahochhaus treffen, um ihrem (technisch ein wenig modifizierten) Rollenspielhobby nachzugehen. Sie werden überfallen, der Fluchtweg ist ihnen versperrt, da die Aufzüge nicht mehr funktionieren. Das Gebäude ist ein abgeschlossener Mikrokosmos, bewohnt von zwei verfeindeten Gruppen, den so genannten Heavys und einem Stamm von Stadtindianern, die sich in dem labyrinthischen Bau eingerichtet haben und isoliert von der Außenwelt ein autarkes Nischenleben führen. Aus dem Spiel wird Ernst, der Weg nach unten wird zum Überlebenskampf.

Der Weg nach untenNorbert Stöbe: Der Weg nach unten
Roman, Apex 2017

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Westworld – Wer willst du sein?

Der weitläufige Vergnügungspark Westworld ist von menschenähnlichen Robotern bevölkert. In mythisch aufgeladener Landschaft spielen sie Wilder Westen und sind den Besuchern zu Diensten; als Sheriff, der auf der Main Street mal eben Freiwillige für die Verfolgung eines  entkommen Straftäters sucht; als Goldsucher, der eine garantiert jugendfreie Partnerschaft bei der Ausbeutung seines Reichtum verheißenden Claims anbietet; als Prostituierte, die im Saloon um Kundschaft wirbt. Im Preis von 40000 Dollar pro Tag sind alle Abenteuer inbegriffen. Moral ist hier nicht mehr als eine modische Präferenz: Welchen Hut wählst du bei der Einkleidung, den weißen oder den schwarzen? Willst du dem Recht auf die Sprünge helfen oder lieber dein Mütchen kühlen? Wer willst du sein, gut oder böse? Meistens läuft es auf Letzteres hinaus: herumballern, massakrieren, die Sau rauslassen. Nachts, wenn die Touristen schlafen, kommen die Aufräumkommandos und schaffen die beschädigten Roboter zur Wiederaufbereitung in die Werkstatt. Am Morgen treten sie ohne störende Erinnerungen erneut ihren Dienst an.

Die Exzesse der Kunden machen die Serie in Teilen schwer erträglich. Die Roboter sind einfach zu menschenähnlich. Es ist evident, dass das, was ihnen angetan wird, nicht richtig ist. Schmerzhaft spürbar wird dies in der Figur der Dolores (Evan Rachel Wood). Jeden Morgen reitet sie in ihrem hübschen blauen Kleid zum Einkaufen in die Stadt und lässt eine Büchse fallen, die einem Besucher vor die Füße rollt, als Einladung zum Einstieg in eine Geschichte, deren Vorzeichen allein der zahlende Kunde bestimmt. Während die älteren Bots noch vollständig in ihren vorprogrammierten Routinen gefangen sind, hat sie bereits das neue Update bekommen, das die Bots noch realistischer machen soll. Doch es gibt Nebenwirkungen: In Albträumen erinnert Dolores sich an Dinge, die ihr widerfahren sind. Sie fragt sich, wer sie wirklich ist. In ihrem Maschinengeist formt sich die Vorstellung einer unbekannten Welt und einer größeren Wahrheit. Man möchte sie bei ihrem allmählichen Erwachen bei der Hand nehmen und beschützen.

Die Fragen, die Westworld aufwirft, sind nicht ohne Aktualität und Relevanz: Wo beginnt Bewusstsein? Sind Roboter Maschinen oder können sie auch Personen sein? Braucht es eine neue Ethik, die den Umgang mit künstlicher Intelligenz berücksichtigt? Eingebettet ist dies alles in eine komplexe Welt mit geheimnisvollen Figuren, die alle eine eigene Agenda haben: Dr. Robert Ford (Anthony Hopkins), der genialische Schöpfer des Parks; der Chefprogrammierer, der sich allein seinen Kreaturen verpflichtet fühlt; der geheimnisvolle Schwarze Reiter (Ed Harris), Stammkunde seit vielen Jahren, der nach der Metaebene des Spiels sucht, dem verborgenen Sinn des Ganzen; die Geschäftsführerin Theresa Cullen (wunderbar irrisierend gespielt von Sidse Babett Knudsen), die den Teilhabern Rechenschaft schuldet und an einem reibungslosen Betrieb interessiert ist; der Unbekannte, der den Robotern Botschaften und eine echte Waffe zukommen lässt; und schließlich die Roboter, die gerade in ihrer Dysfunktionalität menschliche Züge entwickeln. Man wartet geradezu darauf, dass sie sich erheben gegen ihre Schöpfer und Peiniger, und nicht zuletzt diese Sympathieverlagerung auf die potenziellen Antagonisten des Menschen macht neben der üppigen Ausstattung, den durchweg überzeugenden Schauspielern und der verhandelten Problematik den Reiz der Serie aus. Allerdings seien auch ein paar Kritikpunkte nicht verschwiegen: Das technisch-kühle Ambiente der Service- und Produktionsanlagen ist zwar durchaus beeindruckend, wirkt aber auch wie ein emotionaler Dämpfer. Und die Dialoge (möglicherweise ist das auch der Synchronisation geschuldet) wirken streckenweise ausgesprochen hölzern. Wenn tiefsinnige Erörterungen über Moral und Bewusstsein sich mit klischeehaften Sätzen von Parkkunden abwechseln, die eher aus dem Mund eines veralteten Robotermodells  zu stammen scheinen als aus dem eines Menschen, wird es unfreiwillig komisch. Trotzdem: sehenswert.

Bildergebnis für westworld hboWestworld

Serie von Jonathan Nolan und Lisa Joy

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Quarry – Ein Mann unter Einfluss

Quarry bedeutet ‘Steinbruch’, aber auch ‘Beute’; ein doppelsinniger Titel, der auf die Mehrschichtigkeit der Geschichte verweist. Quarry ist ein Treffpunkt, Quarry ist das Wild, das es zu erlegen gilt, und Quarry wird der Spitzname von Mac Conway (großartig verkörpert von Logan Marshall-Green), der 1972 von seinem zweiten Vietnam-Einsatz zurückkehrt. Er wurde der Teilnahme an einem Massaker angeklagt, am Ende aber freigesprochen. Mit seinen langen Haaren und dem Schnäuzer sieht er nicht anders aus als die Anti-Kriegsdemonstranten auf den Straßen, doch immer wieder blitzt ihm das Trauma des Krieges aus den traurigen Augen, und immer wieder steigert er sich in einen paranoiden Kampfmodus hinein. Dabei müht er sich redlich, sein altes Leben in Memphis an der Seite seiner Frau wieder aufzunehmen, im Vorstadthaus mit dem geliebten selbstgebauten Pool, doch als Kriegsverbrecher stigmatisiert, findet er keinen Job. Trotzdem sagt er nein, als eine geheimnisvolle Organisation ihn als Auftragskiller anheuern will. Sein farbiger Freund Arthur hingegen, mit dem er gedient hat, lässt sich auf das unmoralische Angebot ein. Als Arthur ihn bittet, ihm bei seinem ersten Auftrag Rückendeckung zu geben, lässt er sich breitschlagen. Natürlich geht alles schief; die Zielperson entkommt, Arthur wird getötet, die 30000 Dollar Vorschuss sind verschwunden. Mac hat sich verstrickt und muss fortan als Quarry die Schuld abarbeiten – 4000 Dollar werden für jeden Kill abgezogen. Das Drama nimmt seinen Lauf.

Erst nach und nach stellt sich heraus, wie sehr das katastrophenhafte Geschehen vom Vietnam-Massaker strukturiert wird und dass es um weit mehr geht als um die Bewältigung eines posttraumatischen Belastungsstörung. Quarry  ist eine Serie, welche die Genregrenzen von Krimi oder Thriller mühelos hinter sich lässt. Eingebettet ist die Geschichte in die 70er Jahre. Es ist die Zeit der langen Haare, des Soul und des Rock, der Friedendemonstrationen und des Wahlkampfs zwischen Nixon und McGovern. An den Wänden der Schwarzen hängt das berühmte Angela-Davis-Poster, schwarze Schulkinder werden mit Bussen in ‘weiße’ Schulen gebracht, rassistische Gewalttäter und gewalttätige Protestierer prallen aufeinander. Quarry  lässt die Zeit atmosphärisch dicht wieder auferstehen und gewährt dem Betrachter zum Schluss, wenn die Eingangsszene sich erschließt und die Motive zueinander finden, trotz aller Düsternis ein paar intensive cineastische Glücksmomente. Fazit: spannend, unvorhersehbar, ein Highlight.

Bildergebnis für quarry serieQuarry
Serie von Graham Gordy und Michael D. Fuller, 8  Folgen

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J. J. Voskuil – Schmutzige Hände

‘Wie ein langer, ruhiger Fluss plätschern im Amsterdamer Büro für Volkskunde auch die Jahre 1965 -1972 dahin: die Zeit der Studentenbewegung und des revolutionären Aufbruchs. Doch davon ist im Büro selbst nicht viel zu spüren’. So beginnt der Klappentext des zweiten Bandes von Voskuils siebenbändiger Büro-Saga – mehr Antiklimax war nie. Von diesem Aufreißer kann man gewiss nicht sagen, dass er zu viel verspricht – danke, Verbrecher Verlag, für Augenmaß und Aufrichtigkeit!

Und da ist sind sie wieder, die wohlvertrauten Gestalten: Maarten Koning und seine streitbare Frau Nicolien, Dr. Beerta, der auch nach der Pensionierung noch täglich an seinem alten Schreibtisch Briefe tippt, Kaatje Kater (Miau!), die Vorsitzende der Kommission für die Abteilung Volkskultur, das Faktotum Slofstra und all die Wegducker, Krankfeierer und mehr oder weniger (meist weniger) engagierten Sammler und Archivierer. Man begrüßt sie wie alte Bekannte und möchte gleich den einen oder anderen Kaffee mit ihnen trinken. Doch es kommen auch neue Leute dazu, immer mehr Leute: Aushilfskräfte,  Doktoranden, wissenschaftliche Mitarbeiter, Sekretärinnen. Das Büro wächst, schon wird ein Umzug fällig in ein repräsentatives dreistöckiges Gebäude, im Keller ein Tresorraum und vor der Eingangstreppe die Gracht. Maarten, nach dem wortkargen, autoritären Büroleiter Balk die Nummer Zwei und zuständig fürs Tagesgeschäft, übernimmt notgedrungen immer mehr Verantwortung. Dabei fehlen ihm praktisch alle Voraussetzungen dafür, denn er kann einfach nicht nein sagen. Jobbewerber und Heimarbeiter haben es leicht bei ihm, und wenn er nach sechswöchiger Dienstabwesenheit wegen Krankheit einen Mitarbeiter aufsucht (der im Schuppen gerade munter Holz hackt), bringt er ihm Blumen mit, und es fällt kein einziges böses Wort.

Immerhin rafft Maarten sich dazu auf, das Kooperationsgesuch eines südafrikanischen Forschungsinstituts aus politischen Gründen abzulehnen. Das wirft mächtig Wellen; Kommissionen tagen, Briefe gehen hin und her, vertrauliche Gespräche werden  geführt. Da kommt beinahe so etwas wie Spannung auf, doch auch dieser Aufruhr erweist sich als Sturm im Wasserglas, und während es in der Welt draußen gärt und brodelt, beweist sich das Büro als Ort autonomer Selbstbeharrung, als Oase der Beständigkeit und der Menschlichkeit.

Mit der Lektüre wächst auch das Verständnis für Maarten, der Verantwortung auf sich nimmt, ohne an den Sinn des Ganzen zu glauben, und gleichzeitig wächst die Bewunderung für dieses eigensinnige, große Romanwerk. Vielleicht liegt es auch an der neuen Unübersichtlichkeit der Verhältnisse, dass ich die Variation des Immergleichen zunehmend schätzen lerne. Wenn die Nachrichten aus Amerika wieder einmal Appetit und Laune verderben, ist dieses Buch beruhigende, nebenwirkungsfreie Medizin.

Das Büro 2: Schmutzige HändeJ. J. Voskuil
Das Büro: Schmutzige Hände
Roman, Verbrecher Verlag 2014

aus dem Niederländischen übersetzt von Gerd Busse

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Cixin Liu – Die Drei Sonnen

Dieses Buch, der erste Teil der Three-Body-Trilogie, ist vieles – Ökopamphlet, Kriminalgeschichte, Geschichtsdrama, Wissenschaftsspekulation, Verschwörungstheorie und Erstkontakt-Thriller. Der zeitliche Bogen spannt sich von der chinesischen Kulturrevolution bis in die Gegenwart.

Erzählt wird aus mehreren Perspektiven, die mit Rückblenden verschachtelt sind. Eine der Hauptfiguren ist Ye Wenjie, eine Astrophysikerin, die in den Wirren der Kulturrevolution erlebt, wie ihr Vater von Rotgardisten gedemütigt und ermordet wird, eine Eröffnungsszene, die unter die Haut geht und den ernsten Grundton der Gesamterzählung setzt. Wenjie landet in einem Arbeitslager auf dem Land. Ganz in der Nähe befindet sich die streng abgeschirmte militärische Forschungsstation Rotes Ufer. Dort gibt es eine  gigantische  Antennenanlage mit unbestimmtem Zweck. Es wird vermutet, dass es sich um eine Waffe handelt. Als Wenjie sich eine politische Verfehlung zuschulden kommen lässt, wird sie zu ihrer Überraschung nicht in Haft gebracht, sondern in die Station, denn nach der Kulturrevolution herrscht ein eklatanter Mangel an wissenschaftlichen Fachkräften. Wenjie erhält zunächst unbedeutendere Aufgaben zugeteilt, erwirbt sich aber das Vertrauen der Vorgesetzten und bekommt nach und nach immer mehr Verantwortung übertragen. Erst nach Jahren erfährt sie die wahre Bestimmung von Rotes Ufer: Die Suche nach außerirdischen Intelligenzen. Doch als Wenjie tatsächlich eine Botschaft von Aliens empfängt, hält sie dies geheim. In weiten Teilen erzählt der Roman die Geschichte ihres Lebens, das geprägt ist vom Revolutionstrauma ihrer Jugend. Dieses ist der Schlüssel zum Verständnis ihrer komplexen Persönlichkeit, die sie zur Anführerin einer Verschwörung gegen die Menschheit werden lässt. In ihrer

Eine weitere Hauptfigur des Romans ist der Wissenschaftler Wang Miao, der angewandte Forschung auf dem Gebiet der Nanotechnologie betreibt. Ohne zu wissen, wie ihm geschieht, wird er zum Berater eines geheimnisvollen Gremiums berufen, das mit hohen Militärs und ebenso hochrangigen Wissenschaftlern besetzt ist. Sogar militärische Vertreter aus dem Ausland sind zugegen, von einem Krieg wird gemunkelt. Anlass seiner Berufung ist eine Serie von Selbstmorden unter Grundlagenwissenschaftlern. Man bittet ihn, sich der Organisation Frontiers of Science anzuschließen, die möglicherweise mit den Selbstmorden in Verbindung steht. Was die Aufgabe des Gremium angeht, tappt Wang Miao (und mit ihm der Leser) lange im Dunkeln. Gespenstische Alltagserfahrungen steigern seine Verwirrung. Schließlich macht ihn eine Kollegin auf das Computerspiel Three Body aufmerksam. Ausgerüstet mit einem VR-Anzug loggt Wang Miao sich ein und gerät in die merkwürdige Welt eines Drei-Sonnen-Systems. Aufgrund des chaotischen Laufs der Gestirne wechseln sich Stabile und Chaotische Zeitalter ab, die nicht vorauszuberechnen sind. Das oberste Ziel der Zivilisation scheint die Lösung des Dreikörperproblems zu sein, das sich bislang mathematischen Berechnungen entzieht. Zu diesem Zweck lässt der Kaiser komplizierte Apparaturen bauen und zieht die kompetentesten Spieler als Berater heran. Schon bald ist Wang Miao überzeugt, dass es mit dem höchst anspruchsvollen Spiel Three Body eine besondere Bewandtnis hat, doch die wahre Erklärung findet er erst spät – zu spät vielleicht.

Cixin Lius mit dem Hugo Award und dem Galaxy Award ausgezeichneter vielschichtiger Roman ist nicht nur reich an lebendig geschilderten Personen, sondern auch voller politischer Bezüge. Immer wieder nimmt er aus unterschiedlichen Perspektiven die Umweltproblematik ins Visier, die hier nicht nur eine Gefahr für das ökologische Gleichgewicht auf der Erde darstellt, sondern quasi im kosmischen Maßstab gespiegelt wird. Cixin Liu dreht ein großes Rad. Seine technisch-wissenschaftlichen Schilderungen sind akkurat im Detail und gehen bis an die Grenze des heutigen Wissens. Waghalsig extrapolierend greift er auch weit darüber hinaus. Das Buch ist eine hochspannende Lektüre. Dies liegt nicht zuletzt an dessen Welthaltigkeit und der überzeugenden Figurenzeichnung. Die wissenschaftlich fundierten und überzeugend extrapolierten Elemente fügen sich da wunderbar ein. Einen nicht minder großen Anteil hat die bildstarke, klare Sprache. Da ich selbst Übersetzer bin, nehme ich normalerweise davon Abstand, für Kollegen Schulnoten zu verteilen. Hier möchte ich ausnahmsweise die beeindruckende Leistung der Übersetzerin Martina Hasse erwähnen.

Ein kleines Manko aber sollte nicht unerwähnt bleiben. Die Schilderung von Aliens ist eine der größten Herausforderungen der Science Fiction. Am überzeugendsten gelingt sie dort, wo der Eindruck von Fremdheit sich mit einem Rest Unbegreifbarem paart, so  wie in Lems Solaris, im Picknick am Wegesrand der Strugatzki-Brüder oder zuletzt im Film Arrival. Viele dieser Darstellungen sind nicht frei von Erlösungsromantik. Cixin Liu ist ein Vertreter des anderen Pols, ein Alien-Skeptiker. Leider muten ausgerechnet die Erzählpassagen aus der Perspektive der Aliens ein wenig naiv an und stellen den schwächsten Teil des Buches dar. Da verpufft doch einiges, was sich an Erwartungshaltung aufgebaut hat. Diese Enttäuschung schmälert den Gesamteindruck seines Buches ein wenig.  Trotzdem hat mich seit VanderMeers Southern-Reach-Trilogie kein SF-Werk so fasziniert wie Die Drei Sonnen

Cixin Liu
Die Drei Sonnen
Roman, Heyne 2016

übersetzt von Martina Hasse

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