Jennifer Egan – Manhattan Beach

Jennifer Egans neuer Roman spielt in den 30er und 40er Jahren, in der Zeit der Großen Depression und des Zweiten Weltkriegs. Im Mittelpunkt der Handlung steht Anna Kerrigan, die mit Ihren Eltern und der behinderten Schwester Lydia in New York lebt, gar nicht weit von den Hafenanlagen und den Schiffswerfen von Manhattan Beach. Während ihr Vater Eddie sich der Halbwelt verdingt, kümmert sie sich aufopferungsvoll um ihre Schwester, bis diese stirbt. Lydias Tod und das unerklärliche Verschwinden des Vaters sind die beiden traumatischen Ereignisse ihrer Kindheit. Doch Anna lässt sich nicht unterkriegen.

Als der Krieg ausbricht und ihre Mutter aus New York wegzieht, bleibt sie in der Stadt und nimmt einen Job auf der Werft an. Dass die Männer gegen Nazi-Deutschland in den Krieg ziehen, eröffnet den daheimgebliebenen Frauen neue Möglichkeiten. Auf einmal  stehen ihnen  Arbeitsfelder offen, die ihnen bislang verschlossen waren – so zu sagen der Krieg als Vater der Emanzipation. Anna sortiert zunächst Kleinteile für den Bau von Kriegsschiffen, doch das genügt ihr nicht – sie will Taucherin werden, zu der Zeit ein unerhörter Wunsch. Wie sie sie sich gegen die Widerstände der Männerwelt durchsetzt, erzählt Egan mit Humor, einem scharfen Blick für Details und großer Sachkunde. Man merkt einfach, dass sie (nach eigenem Bekunden) zehn Jahre an dem Roman gearbeitet und ausgiebig recherchiert hat. Herausgekommen sind nicht nur ein paar äußerst beklemmende Tauchszenen, sondern auch die Schilderung eines Schiffbruchs, die es in sich hat. Egan kann alles, auch einen historischen Roman, aber manchmal konnte ich mich bei der Lektüre des Gefühls nicht erwehren, das irgendetwas nicht stimmt. Ich habe mich gefragt, warum ich das lese – und weshalb Egan diesen Roman geschrieben hat. Die Antwort auf die erste Frage lautet natürlich: Weil der Roman von Jennifer Egan ist. Die zweite Antwort hat sich mir nicht erschlossen. Jedenfalls ist es kein gutes Zeichen, wenn man sich als Leser diese Frage überhaupt stellt. Vielleicht lag mein zeitweiliges Fremdeln aber auch daran, dass es für Anna einfach zu dicke kommt. Nicht nur freundet sie sich mit Dexter Styles, dem mutmaßlichen Mörder ihres Vaters an, sie wird auch noch von ihm schwanger. Und dann folgt eine zentrale Szene, die nicht nur die Grenzen der Plausibilität sprengt. Anna wird von Dexter an den Ort geführt, wo ihr Vater im  Meer versenkt wurde. Dass der Bootsführer nach Jahren bis auf zehn Meter genau in offenem Gewässer diese Stelle wiederfindet, ist schlichtweg ausgeschlossen, schließlich gab es damals noch kein GPS. Und dass Anna, die aufmerksame Beobachterin, die ständig überlegt und reflektiert, keinen Gedanken an Dexters Rolle beim Verschwinden ihres Vaters verschwendet, ist mir unverständlich.

Es lässt sich nicht anders sagen: Der Dreh- und Angelpunkt des Plots ist überkonstruiert und kann nicht überzeugen. Im Zentrum des Roman quietscht und knarzt es mächtig. Davon abgesehen funktioniert er aber hervorragend, die Atmosphäre ist dicht, die Figuren sind lebendig. Trotzdem erreicht er nicht die Qualität anderer Egan-Werke. Er ist nicht so innovativ wie Der grössere Teil der Welt, nicht so zwingend wie Im Bann, nicht so avantgardistisch wie Black Box. Man könnte sagen, er ist konventionell. Vielleicht ist das der Grund, weshalb die deutsche Kritik ihn weniger enthusiastisch aufgenommen hat als beispielsweise die amerikanische. Trotzdem habe ich das Buch mit Lust gelesen – die anderen Egan-Werke aber schätze ich mehr.

Manhattan Beach - Jennifer Egan

Jennifer Egan
Manhattan Beach (Manhattan Beach), Roman

übersetzt von Henning Ahrens
S. Fischer, 2018

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Zwischen den Jahren 18/19

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Tor in Belluno, Italien

Mein Jahr 2018

Manchmal, ganz selten, überkommt mich das bizarre Verlangen, mich einer der geschlossenen Foren oder Facebook-Gruppen anzuschließen, die sich mit Reptiloiden,  Chemtrails, der Flacherde oder Kreationismus beschäftigen. Dahinter steht wohl einerseits Neugier, andererseits drückt sich darin möglicherweise auch der irgendwo im Verborgenen gärende Wunsch aus, die anstrengende Rationalität zumindest auf Zeit mal abzustreifen wie, nun ja, eine Reptilienhaut. Warum immerzu bloß das glauben, was man glauben soll und wissen kann, und nicht das, was man glauben will? Braucht man zum Denken wirklich das Gehirn, oder tut es nicht auch der dicke Zeh? Zum Teufel mit den verfluchten Experten und ihrem selbstverliebten Geschwafel!

Zum Einstand hätte ich meine ganze eigene Verschwörungstheorie anzubieten, und die geht so: Putin hat in einem streng geheimen KGB-Labor ein besonders tückisches Virus entwickeln lassen. Freigesetzt im verhassten liberalen, pluralistischen, demokratischen Westen, entfaltet es unbemerkt seine diabolische Wirkung und bringt die Menschen dazu, an allem zu zweifeln, was Rust and Furor - Foto: nst 2018ihnen jahrzehntelang Stabilität und wachsenden Wohlstand beschert hat. Die staatlichen und internationalen Institutionen erscheinen auf einmal obsolet, die Demokratie mit ihrer komplizierten Gewaltenteilung – ein Fliegenschiss der Geschichte. Globaler Handel nützt nur den anderen. Die EU raubt uns die Identität! Das Virus verengt den Blickwinkel, schrumpft den geistigen Horizont, setzt Logik, Selbstkritik und Anstand außer Kraft. Mehr oder weniger plötzlich dumm geworden, erliegen die Betroffenen wehrlos den abstrusesten Beschwörungen. Das Gewohnte verbreitet bleierne Langeweile, die unbezähmbare Lust auf Neues macht; schmecken die alten Gerichte fad, müssen kräftige Gewürze her. Die liefern die Tabuverletzter, Grenzüberschreiter und notorischen Vereinfacher, deren Propaganda am Facebook-Stammtisch vervielfacht wird. Hier kann jeder ein Influencer sein,  und jeder findet auch sein ganz spezielles Grüppchen, womit wir wieder bei den Flachweltlern und ihren Geistesverwandten angelangt wären.

Das ist natürlich blanker Unsinn. Und ich schwöre, ich war nie Mitglied in einer der genannten FB-Gruppen und werde es auch nie sein. Allerdings schaue ich manchmal den Kondensstreifen am Himmel hinterher und frage mich …

Schluss damit. Das Jahr 2018 hatte mehr zu bieten als Trump-Getwitter, Nationalistengedröhn und populistische Disruption. Zum Beispiel … einen Sommer. Keine westeuropäische Regenzeit, sondern einen Sommer, wie er sonst nur im Buche steht. Einen Sommer mit gelben Wiesen, braungebrannten Beinen und langen Abenden im Freien. Mediterrane Gelassenheit machte sich breit. Doch dann dehnte sich die Hitzeperiode, der Regen blieb hartnäckig aus, und störende Gedanken stellten sich ein: Ist das jetzt der Klimaumschwung? Geht es so weiter? Was kostet eine Klimaanlage? Müssen auch wir bald mit Waldbränden und sommerlichem Wassermangel leben? Wann siedeln sich die ersten Palmen an, und welche Krankheiten überträgt die Tigermücke? An der Klimaerwärmung besteht kein vernünftiger Zweifel, und die obigen rhetorischen Fragen könnten bald relevanter werden, als einem lieb ist. Dennoch habe ich den Sommer genossen und werde ihn im Gedächtnis behalten als einen, wie er sonst nur in der Erinnerung an Kindheitstage vorkommt.

Zum Abschluss der übliche Arbeitsbericht. 2018 sind für meine Verhältnisse ungewöhnlich viele Storys erschienen, nämlich vier: Das Museum der toten Dinge in Nova 25, Das Versprechen in Spektrum d. Wissenschaft 4, Wir kommen in Nova 26 und Der Wächter in Exodus 38.

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Des Weiteren habe ich eine Sammlung mit 10 SF-Storys aus den Jahren 2013 bis 2018 rausgebracht (Honeypot), und meine Romane Der Weg nach unten von 1992 sowie New York ist himmlisch von 1988 wurden bei Apex wiederveröffentlicht. Honeypot und Der Weg nach unten sind als Paperback und E-Book erhältlich, New York ist himmlisch ausschließlich als E-Book.

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Red Dead Redemption II – Der Ruf des Wilden Westens

1 – Angespielt

Eins vorweg: Ich bin kein Zocker. Eine Partie Schach oder einen zünftigen Doppelkopfabend ziehe ich dem Gaming am Bildschirm allemal vor. Meine Erfahrungen mit Computerspielen lassen sich mühelos an einer Hand abzählen und endeten alle in einer Sackgasse. Bei Leisure Suit Larry irrte ich  Larry auf der Straßeverwirrt und unbeweibt auf der Straße herum, bei Space Quest blieb ich in einer Weltraumfahrerkneipe hängen, ohne jede Aussicht auf den Erwerb eines Raumschiffs, und bei Mafia, meinem dritten Versuch, war in einer Kirche Schluss – der geweihte Boden war zwar gepflastert mit Leichen, wie die Storyline es verlangte, doch ich konnte den verdammten Ausgang nicht finden. Vermutlich hatte ich irgendwas Essentielles übersehen und hätte einen früheren Spielstand laden müssen, um das Versäumte nachzuholen – Nachsitzen am Computer, nicht mein Ding. Das Spiel war unflexibel und dumm.

Jetzt also ein neuer Versuch mit Red Dead Redemption II. Die enthusiastischen Rezensionen in den Feuilletons renommierter Publikationen wie FAZ, ZEIT und NYT waren mir Anlass genug, mal etwas tiefer in die Tasche zu greifen. Eine XBox One X mit Wasserkühlung und einem Terabyte Speicherplatz sollte es schon sein, wegen des im Vergleich zur PS4-Konsole leiseren Laufs und XBox Controllerder zu erwartenden besseren Grafikleistung mit 4K-Auflösung und UHD-Unterstützung, um endlich mal die Fähigkeiten meines Fernsehers so richtig auszureizen. Im Black-Friday-Angebot zu 379 Euro war Shadow of the Tomb Raider dabei, Gelegenheit, mal ein bisschen den Umgang mit der neuen Technik einzuüben (die Lieferung von RDR II sollte noch 2 Tage auf sich warten lassen). Die erste Überraschung: das haptische Feedback des Controllers. Mit Gebrumm und Gerüttel verpasst er dem Flugzeugabsturz in der Eingangssequenz des Spiels eine unerwartet dramatische Note.  Die zweite Überraschung: Das ist ja fast wie im Film! Flüssiger Bildlauf, keine Artefakte, viele Details. Nach einem kurzen Aufenthalt bei einem grellbunt inszenierten mexikanischen Totenfest geht’s hinunter in eine unterirdische Pyramide. Da warten natürlich jede Menge Fallen. Also ducken, springen, klettern, abseilen, tauchen, Gegenstände Lara hat etwas gefundensammeln. Lara wirkt, ich sag’s mal so, sympathisch und nimmt trotz eifrigster Sammelei nicht an Körperumfang zu. Sie trägt auch keinen Rucksack, aber egal. Ich lerne, die richtigen Knöpfe zum richtigen Zeitpunkt zu drücken. Das Spiel speichert automatisch nach jeder haarigen Situation. Wenn man eine Turnübung versemmelt hat und einen der vielen Tode gestorben ist, geht es also zügig weiter mit einem neuen Anlauf zur Hindernisbewältigung. Diese permanente Wiedergeburt kam mir schon bei meinem Mafia-Experiment unlogisch vor. Und nachdem der erste Wow-Effekt abgeklungen ist, fühle ich mich wie die Versuchsperson in einem erweiterten Lernexperiment für Affen. Leider erweise ich mich als ziemlich lernresistent. Zum Glück gibt’s Hilfe im Internet in Form von Komplettlösungen. An der abstrusen Geschichte und den peinlichen Dialogen ändert das freilich nichts. Mir wird langweilig, und im Kopf macht sich wattige Leere breit. Also warten auf RDR II.

Dann ist es da. Und wieder Wow! Auch hier ruckelt nichts, Framerate und Auflösung lassen keine Wünsche offen, und der Einstieg in die Geschichte ist beeindruckend. Die Handlung spielt 1899, der Wilde Westen ist fast schon Vergangenheit, und am fernen Horizont lodern die Schlote der Industrialisierung. Es ist Winter. Planwagen und ein paar Reiter bahnen sich einen Weg durch einen Schneesturm: verfrorene Gesichter, heulender Wind, die klirrende Kälte nahezu greifbar. Doch das sind keine Siedler, sondern eine von den Hütern des Gesetzes gejagte Gang. Zuflucht bietet eine leerstehende Farm. Eines der Bandenmitglieder ist unterwegs verstorben und wird von meinem alter Ego Arthur Morgan mit bewegenden Worten verabschiedet. Schon in dieser Szene zeigt sich, wie stimmig die Dialoge sind. Ich schalte die deutschen Untertitel aus, die lenken zu sehr ab. Dann geht es auch schon auf Nahrungssuche. Die Konsolensteuerung wird eingeübt. In einer anderen nahe gelegenen Farm werden wir fündig, doch andere Bösewichter waren schon vor uns da. Es kommt zum ersten Feuergefecht: Waffe ziehen, zielen, schießen, nachladen. Was Computerkids vermutlich nur ein müdes Grinsen entlockt, ist für mich alles andere als eine leichte Übung. So ähnlich hat sich vermutlich seinerzeit meine Mutter gefühlt, als ich ihr die Bedienung einer Maus beizubringen versuchte. Aber da muss ich durch. Bei der sich anschließenden Begegnung mit Wölfen stellt sich heraus, dass auch hier die Spielfigur sterben kann. Vermutlich wird sie es im Laufe dieses epischen Spiels noch viele Male tun. Aber irgend etwas ist anders als bei Lara Croft. Das Game fühlt sich erwachsener an. Die von 200 Tierarten bevölkerte Natur wirkt authentisch, die Detailfülle ist frappierend. Überall kreucht und fleucht, huscht und krabbelt es, das Gras und das Laub bewegen sich im Wind, das Wetter wechselt ständig, die Kleidung wird schmutzig und beim Baden im Fluss wieder sauber. Streichelt man einen Hund, wedelt er bei der nächsten Begegnung freundlich mit dem Schwanz. Die Siedlungen sind bevölkert von Leuten, die scheinbar eine eigene Agenda haben. Die Spielfiguren zeigen im Rahmen ihrer engen Programmierung Ansätze von Charakter, und Arthur Morgan ist bemerkenswert ‘gebrochen’: ein mal humorvoller, mal zynischer Halunke mit Reibeisenstimme und ausbaufähigem menschlichem Kern. Im Laufe der Zeit lerne ich jagen und häuten, sitze am pittoresken Lagerfeuer und erkunde die Landschaft. Hin und wieder pokere ich im Saloon mit zwielichtigen Gestalten. Für Falschspieler habe ich da was am Gürtel. Gewinne ich, gönne ich mir einen Besuch beim Friseur. Meinen eigentlichen Job lasse ich vorerst schleifen. Überfälle sind nicht so mein Ding. Aber mal sehen, was noch passiert.

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2 – Ausgespielt

Was macht einen großen Western aus? Er ist episch und tragisch und stellt das menschliche Streben, Irren und Scheitern in eine großartige Landschaftskulisse, die dem unausweichlichen Verhängnis eine tröstliche Schönheit verleiht.

Dies alles trifft auf Red Dead Redemption II zu, und in diesem Sinne – und nicht nur in diesem – ist es eine große Westernerzählung. Die New York Times hat recht: Die pralle Schönheit der Natur, die komplexen Charaktere und lebendigen Dialoge, die Inszenierung, Kameraführung, das Licht und nicht zuletzt die kongeniale Musik machen dieses Game zu einem Kunstwerk. Blicke ich auf das Spielgeschehen zurück, sehe ich eine lange Kette großer und kleiner Ereignisse, manche bizarr und komisch, einige nervenzerfetzend spannend, andere rührend oder dramatisch. Nicht ohne einen gewissen Stolz kann ich sagen, dass ich mich bemüht habe, meine Spielfigur Arthur Morgan so anständig durch das Geschehen zu führen, wie es unter den Prämissen des Spiels möglich ist. Arthur hat Hunde gestreichelt, Pferde gestriegelt, Blinden Geld gespendet und einen entlaufenen Sträfling von seinen Fußfesseln befreit, was freilich erst bei der zweiten Begegnung gelang, da es ihm bei der ersten im Gebrauch des Schießeisens noch an Übung mangelte. Er hat 10.12.2018_22-08-56-scwevfzkEntführte befreit, umgekippte Kutschen aufgerichtet, verirrte Ladies in die Stadt zurückgebracht und an der Seite der Indianer gegen eine skrupellose Erdölfirma gekämpft. Er hat einem kleinen Jungen geduldig das Angeln beigebracht und beim Schuldeneintreiben auch schon mal ein Auge zugedrückt. Er ist wunderbaren Charakteren begegnet: der amazonenhaften Sadie Adler mit dieser umwerfend brüchigen Stimme, dem versoffenen Uncle, dem wortkargen Indianer Charles und vielen anderen. Und ja, er war auch an Zugüberfällen, Bankraub und Diebstahl beteiligt. Wenn Dutch, der Anführer der Outlawbande, einen verwegenen Plan vorstellte, der es seiner ‚Family‘ endlich ermöglichen sollte, die Verfolger dauerhaft abzuschütteln und irgendwo, am besten auf Tahiti, ein neues, ehrliches Leben zu begegnen, hat er nicht nein gesagt, sondern mitgemacht, obwohl er seinen Versprechungen immer weniger glauben konnte. Arthurs Sarkasmus wurde entsprechend beißender, und während die Bande zerfiel, schwand seine Hoffnung, bis nichts mehr davon übrigblieb. Doch auch als bei ihm Tuberkulose diagnostiziert wurde (damals eine unbehandelbare Krankheit mit tödlichem Ausgang), ritt er unermüdlich weiter. Es tat weh, seinen körperlichen Verfall mitzuerleben, und es war aufwühlend, seinem letzten Aufbäumen beizuwohnen.

Im Nachhinein bedaure ich, nicht genug Zeit in der Spielwelt verbracht zu haben. Zweieinhalb Monate mögen viel erscheinen, doch es gab so viel mehr zu tun und zu entdecken. Ich hätte mich am Trapperleben versuchen und offener sein sollen für Begegnungen mit Fremden. Und auch die eine oder andere Pokerpartie habe ich versäumt. Und ich denke mit einer gewissen Sehnsucht an die langen Ritte bei Tag und bei Nacht zurück, an die Regenschauer und Gewitter, den funkelnden Sternenhimmel über dem Lagerfeuer. Ich habe gelesen, es gebe eine Fast-Travel-Funktion, die es ermöglicht, im Handumdrehen von Ort zu Ort zu reisen. Also ehrlich: Wer die benutzt, versäumt das Beste.

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Copyright der Bilder aus RDR II: Rockstar Games

Zug der Kraniche

Heute war es wieder so weit: Die Kraniche zogen vorbei, dem warmen Afrika entgegen. Mich flügellosen Erdling zuckte es in den Füßen.

Das Büro 4 – Das A. P. Beerta-Institut

Die Lektüre der siebenbändigen Büro-Saga des niederländischen Autors J. J. Voskuil fordert den Leser auf ganz spezielle Weise. So wie der Angestellte gehalten ist, mit dem Weckerklingeln aufzustehen und den Tag zu beginnen, obwohl Müdigkeit und ein chronischer Verdruss an der Vorhersagbarkeit des Büroalltags ein Verweilen im Bett als unendlich reizvoller erscheinen lassen, sieht sich auch der Leser disziplinmäßig erheblich gefordert. Es braucht Durchhaltevermögen und eine gewisse Leidensfähigkeit, um die Wiederkehr des Immergleichen zu bewältigen. Und da man quasi selbst in die Abläufe  verwickelt wird, gibt es auch Anlass zum Ärgern im Überfluss.

Da sind der ständig krankfeiernde Hypochonder Ad, der haarspalterische Bart, die inkompetente und uninteressierte Tjiske, der unfreundliche Chef Balk und all die anderen Mitarbeiter des Amsterdamer Büros für Volkskultur, die ihre Hauptaufgabe darin zu sehen scheinen, Sand ins Getriebe zu streuen. Und da ist Maarten Koning, Voskuils alter Ego und derzeit noch die Nummer Zwei, also der stellvertretende Büroleiter. Keiner zweifelt so grundlegend am Sinn des Büros im Besonderen und der Wissenschaft im Allgemeinen wie er selbst, und doch reibt er sich auf und häuft Amt auf Amt und Aufgabe auf Aufgabe, getrieben von zwanghaftem Pflichtgefühl. Er ist ein Mann der inneren Widersprüche, schwankend zwischen Misanthropie und überbordendem guten Willen, zwischen eingebildeter Ohnmacht und exzessiven Gewaltfantasien. Man möchte mit der Faust dreinschlagen, wenn Maarten, anstatt ein Machtwort zu sprechen und die Folterinstrumente des Arbeitsrechts hervorzuholen, wieder einmal den Fehler bei sich selber sucht und sich eine Aufgabe, der seine Mitarbeiter sich verweigern, selber aufbürdet. So gesehen, ist er nicht weniger dysfunktional als diese. Allerdings ändern sich die Zeiten und mit ihnen auch die Menschen. Die Siebziger Jahre sind angebrochen. Die niederländische Wissenschaftslandschaft wird umstrukturiert. Erstmals werden von außen Forderungen ans Büro gestellt: mehr Veröffentlichungen werden verlangt, Forschungsergebnisse sollen nach außen sichtbar  gemacht werden. Werden die Überarbeiteten und Fußkranken demnächst beim Fernbleiben gar ärztliche Atteste vorweisen müssen? All diese Zumutungen kitzeln natürlich den Widerstand der Belegschaft wach. Das Arbeitsklima verschlechtert sich. Maarten verspürt zudem zunehmend Selbstrechtfertigungsdruck, doch seine Versuche, dem diffusen Fach der Volkskulturforschung ein solideres Fundament zu verschaffen, stoßen  bei seinen Mitarbeitern auf wenig Verständnis und noch weniger Gegenliebe. Sein Engagement und seine intellektuelle Überlegenheit machen ihn einsam. Leider hat er von seiner xanthippenhaften Gemahlin Nicolien keinen Trost zu erwarten, im Gegenteil. Und A. P. Beerta, der längst pensionierte Begründer des Büros für Volkskultur, liegt nach einem Schlaganfall im Krankenhaus und blickt dem Ende entgegen. Auch wenn hier die Mäuse auf dem Tisch tanzen, nachdem sie im Archiv vor dem grausamen Gifttod bewahrt wurden, ist das Büro weiß Gott kein Ponyhof.

Dies wirft eine Frage auf: Warum tut man sich die Fron der Lektüre an? Die Antwort: Weil Voskuil ein toller Autor ist. Immer wieder tauchen wundervolle Miniaturen auf, Impressionen von Maartens Arbeitsweg entlang den Amsterdamer Grachten, präzise Schilderungen von Begegnungen auf Dienstreisen, schreiend komische Kommissionssitzungen, berührende Momente jenseits der Absurdität des Alltäglichen. Von Band zu Band treten auch die weiten Bögen deutlicher hervor, die das Klein-Klein durchziehen und dem Werk eine solide Statik verleihen. Wie die Zeiten sich kaum merklich wandeln und die Figuren altern, wird von Voskuil so unaufdringlich wie souverän geschildert. Und dann schafft Maarten es doch tatsächlich einmal, sich durchzusetzen. Da geht über dem Büro für Volkskunde für einen Moment die Sonne auf.

Das 1000-Seiten-Buch kommt in einem dunkelgrünen Leineneinband mit Namensanhang und Lesebändchen daher – sehr schlicht, sehr funktional, bürotauglich.

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J. J. Voskuil

Das Büro 4: Das A. P. Beerta-Institut
Roman, Verbrecher Verlag 2015

aus dem Niederländischen übersetzt von Gerd Busse

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The Crown

In meiner Kindheit waren die Erzeugnisse des Klatschpresse allgegenwärtig – Gala, das Neue Blatt, die Bunte und wie sie alle hießen. Dies war die Lektüre meiner Mutter. Die Welt der prächtigen Kleider und schönen Frauen, der großen und kleinen Skandale und der heilen, wenn auch stets gefährdeten Familienwelt waren ihr zweites Zuhause. Ich nehme an, dass ich als Kind in den einschlägigen Zeitschriften geblättert habe wie in bunten Bilderbüchern. Später entwickelte ich eine hochmütige Abneigung gegen die Yellow Press, die mich freilich nicht daran hinderte, bei Arztbesuchen meiner Sitznachbarin im Wartezimmer neugierig und nicht immer dezent in die Schmuddellektüre zu linsen. Die Männer bevorzugten ja den Spiegel oder Auto, Motor und Sport.

Der frühen Antiprägung ist es geschuldet, dass ich erst jetzt auf die wunderbare Serie The Crown aufmerksam geworden bin. Mit geschätzten achtzig Millionen Dollar Produktionskosten allein für die erste Staffel ist sie eine der teuersten Eigenproduktionen von Netflix, und das sieht man ihr an. Die Kostüme sind fabelhaft, die Schauplätze (die Kathedrale von Ely statt Westminster Abbey, Lancaster House statt Buckingham Palace) machen die Originale vergessen, Licht und Regie sind makellos. Der englische Cast, allen voran Claire Foye als Elizabeth II., ist umwerfend. Und die Musik (Filmmusik von Hans Zimmer) macht mächtig Lust auf einen Konzertabend.

Im Mittelpunkt von The Crown steht Elizabeth II., deren gesamte Regentschaft die Serie einmal abbilden soll, mit jeweils zehn Regierungsjahren pro Staffel. Die Handlung beginnt mit der Vermählung mit Prinz Philipp und einer fotogenen Rundreise durch den Commonwealth, die allerdings schon in Kenia abrupt endet, da Elizabeths Vater, König George VI., verstorben ist.  Was zunächst wie eine Fortsetzung von Downton Abbey beginnt, bekommt auf einmal Tragik und Tiefe. Ja, es geht Bildergebnis für the crownum prachtvolle Roben, scharf gebügelte Hosen und vollendet geknotete Krawatten, um Snobismus und Dünkel, Liebe und Leidenschaft, Intrige und Politik. Schon bald aber kristallisiert sich heraus, dass das eigentliche Drama der Konflikt zwischen Institution und Individuum ist, ein Spannungsverhältnis, das prägend war für das zwanzigste Jahrhundert. Wie Elizabeth zunächst zaghaft aufbegehrt und sich letzten Endes doch den Regeln unterwirft, ist schmerzhaft anzusehen. Nicht nur sie und vor allem ihr Mann Philipp stellen sich die Frage, was den Wert der konstitutionellen Monarchie ausmacht und was sie den Protagonisten abverlangen darf. Wer Westminster Abbey besucht und vor Parlament und Buckingham Palace gestanden hat, der spürt, welche Kraft diese Institution noch heute hat. Elizabeths Antwort fällt, wie bekannt, eindeutig aus, und so ist in den bislang vorliegenden zwei Staffeln ihre Verwandlung in einen Menschen zu besichtigen, dem die Rolle zur Identität wird.

Erst der zeitgeschichtliche Hintergrund machte die Serie wahrhaft faszinierend. Die zweite Amtszeit des 83jährigen Winston Churchills und sein Kampf gegen den Verfall, der in der symbolträchtigen Zerstörung des im Auftrag des Kabinetts gemalten Porträts von Sutherland seinen ohnmächtigen Höhepunkt findet, eröffnet die Parade der historischen Ereignisse. Die (mir bislang unbekannte) Londoner Smogkatastrophe  von 1952, die Profumo-Affäre unter Premierminister Macmillan, die Veröffentlichung der Marburg-Papiere, welche die  Nazi-Verstrickung des abgedankten Königs Edward belegen, und Kennedys Ermordung – dies alles passiert in den ersten zwanzig Folgen Revue und macht Lust auf die weiteren Staffeln dieser herausragenden Serie. Und die persönlichen Dramen und Intrigen, Prinzessin Margrets Beziehung zum verheirateten Oberst Townsend und Prinz Philipps Affären? Ich sage nur: Shakespeare.

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Serie von Peter Morgan

Trailer

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