Lanzarote – Lava, Licht & Meer

Enemy Mine (Wolfgang Petersen, 1985) war kein guter Film; eine kleine, sentimentale Story in bombastischem Erzählrahmen, erschütternd naiv inszeniert in zusammengebastelten Settings der Münchner Bavaria-Studios. Dass ich den Film trotzdem drei Mal gesehen habe, lag nicht zuletzt an den Außenaufnahmen, die auf Lanzarote gemacht worden waren – Bilder wie von einem anderen Stern. Mir war klar, dass ich die irgendwann dorthin musste,

Lanzarote ist eine Vulkaninsel, an einer Bruchstelle der Kontinentalplatten vor etwa 15 Millionen Jahren aus dem Meer hervorgewachsen. Fährt man von Arrecife aus ins Inselinnere, stößt man bald auf den denkbar größten Kontrast: das Schwarz der Lava, das sich in den Vulkanbergen zu Braun- und Gelbtönen abstuft, und das leuchtende Weiß der kastenförmigen Häuser mit ihren meist dunkelgrünen Türen und Fensterrahmen.


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Typische Behausung mit Garten: Lavamauer als Windschutz, Dattelpalmen als Baumersatz, ein paar Sukkulenten und Kakteen zur Verschönerung und Opuntien wegen der frischen Feigen.

Bald trifft man auf die ersten Lavafelder. Der letzte Vulkanausbruch fand 1824 statt, das Timanfaya-Naturschutzgebiet hat sich jedoch bereits bei den Ausbrüchen in den Jahren 1730 bis 1736 herausgebildet. Wie urtümliche Tiere ragen Vulkankegel und Teile abgesprengter Bergkuppen aus dem schwarzen Geröll der erstarrten Lava. In dieser Zone spürt man die Erdgewalten, die sich entladen haben. Hier herrscht die geologische Zeit, die uns nervösen Hüpfern als Stillstand erscheint. Auch die Flechten, die sich als Erste auf der Lava niederlassen, erscheinen uns statisch, obwohl sie das Geröll allmählich in Sand verwandeln und die Besiedlung durch andere Pflanzen vorbereiten.

Im Norden liegt der Aussichtspunkt El Mirador del Rio. Dort kann man einen Blick auf die kleine Nachbarinsel La Graciosa und deren Hauptort Caleta del Sebo werfen.

An der Nordwestseite der Insel, nahe dem Dorf El Golfo, lockt im Bogen eines teilweise versunkenen Vulkankraters der Lago Verde, der seine intensiv grüne Farbe Algen zu verdanken hat.

Geradezu rührend muten die landwirtschaftlichen Bemühungen der Inselbewohner an. Es fällt kaum Regen, das Trinkwasser wurde bis vor kurzem mit Tankschiffen herangeschafft. Inzwischen verrichten Meerwasserentsalzungsanlagen ihren Dienst, doch zur Bewässerung reicht das nicht aus. Alle Pflanzungen, vor allem Wein, werden von niedrigen Lavamauern vor dem Wind geschützt, die stellenweise die Landschaft prägen.

 

Weinanbaugebiet


Auf Opuntien gedeiht die Cochenilleschildlaus, aus der der Farbstoff Karmin gewonnen wird.

Niemand kommt auf Lanzarote an César Manrique (1919-92) vorbei. Der Maler, Landschaftsplaner und Architekt ist allgegenwärtig und genoss schon zu Lebzeiten quasi Heiligenstatus – man könnte auch von Narrenfreiheit sprechen. Auf Lanzarote geboren, studierte er Kunst in Madrid und ging dann nach New York, wo er genau die richtigen Leute kennenlernte (Rothko, Pollock, Warhol). 1939 kehrte er auf die Insel zurück. Ob es wirklich eine gute Idee ist, Lavahöhlen zu dekorieren, sei dahingestellt, doch auf jeden Fall hat ihm Lanzarote unter anderem das einheitliche architektonische Erscheinungsbild und die umweltverträgliche Entwicklung des Tourismus zu verdanken.


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Innenraum in der Fundación César Manrique


Atelier des Künstlers

Windmühle am Jardin de Cactus

Noch ein Wort zur Unterbringung. Das Hotel Seaside Jameos de Playa in Arrecife hat sich als idealer Ausgangsort für die Inselerkundung erwiesen. Die Anlage ist nicht unbedingt ruhig zu nennen, ist aber so weitläufig angelegt, dass auch Ruhesucher genügend Rückzugsorte finden. Verpflegung und Service sind ausgezeichnet, der nahe öffentliche Strand ist nicht überlaufen. Und der wundervolle Kakteengarten des Hotels hat uns dafür entschädigt, dass der von Manrique entworfene Jardin de Cactus wegen eines Streiks nicht zugänglich war.

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Frauenfußball!

Wenn die Champions-League-Hymne erschallt und die Spieler, angeführt vom Schiedsrichter, der den Ball wie eine Monstranz in Händen birgt, in die Arena schreiten, rieselt’s manchem weihevoll über den Rücken. Der Aufschrei der Massen tut sein Übriges. Die Spieler gucken feierlich-ernst und entschlossen. Sind sie Gladiatoren oder Halbgötter gar, die sich herablassen, die profane Menschheit mit ihrem illustren Spiel zu beglücken? Werden auf dem makellosen Rasen Kriege entschieden und die Geschicke ganzer Völker in neue Bahnen gelenkt? Und warum bin ich in letzter Zeit immun gegen die Macht der Inszenierung? Weshalb kommen mir die Bilder fadenscheinig vor, das Ritual so hohl?

Offenbar hat sich einiges angesammelt. Schaue ich den Spielern ins Gesicht, sehe ich sie in ihren Ferraris und Lotussen, wie sie vom Training nach Hause düsen und wieder zurück. Ich sehe menschliche Hamster in einer computerperfektionierten Fitnesstretmühle, umschwärmt von Ärzten, Masseuren, Ernährungsberatern, Psychologen, Videoanalysten, Scouts. Ich sehe die Spieler Spielzüge und Raumaufteilung büffeln und Standardsituationen üben, wieder und wieder. Ich sehe in früher Jugend auf wissenschaftlicher Basis selektierte Menschmaschinen, durchoptimiert, perfektioniert. Ähneln sie auf dem Platz, im Spiel, das in den letzten Jahren eine Beschleunigung erfahren hat, die mit der sich stetig steigernden Rechenkraft von Prozessoren Schritt zu wetteifern scheint, nicht längst den Figuren der Konsolenspiele, die ihren Namen tragen, und nicht umgekehrt? Sind sie vielleicht weniger Halbgöttern, sondern eher … arme Würstchen?

Und dann sind da noch die UEFA und die FIFA, selbstherrlich und korrupt, da ist Qatar mit seinen von rechtlosen Leiharbeitern errichteten Wüstenstadien, da sind die superreichen Herren, die sich ihren Club halten wie Kinder einen Goldfisch, da ist die Inflation der Gehälter und Ablösesummen, mit Neymars 222 Millionen als Krone der Megalomanie.  Wer sich da nicht angewidert abwendet, muss schon ein dickes Fan-Fell haben.

Deshalb schaue ich neuerdings Frauenfußball, mit wachsender Begeisterung. Die Zeiten, da man vor dem Bildschirm angesichts verstolperter Bälle, verirrter Flanken und peinlicher Fehlgriffe der Torfrauen zum leiden verurteilt war, sind allmählich vorbei, das hat die Frauenfußball-EM in Holland mit ihren spannenden Partien bewiesen. Die Frauen dribbeln, flanken, kombinieren und kämpfen – wie die Männer? Nein, zum Glück nicht. Die Torfrauen mögen etwas kleiner sein als ihre männlichen Pendants, die Feldspielerinnen weniger kraftvoll und antrittsstark – na und? Nach dem Ausscheiden der Deutschen im Viertelfinale ließen sich bereits Kommentatoren mit der Forderung vernehmen, Steffi Jones durch einen ‘professionelleren’ männlichen Trainer – voll daneben. Vielmehr ist dem Frauenfußball zu wünschen, dass er seine eigenen Qualitäten weiterentwickelt, so wie das Frauentennis, das gerade wegen seines geringeren Tempos reizvoller anzuschauen ist als das der Männer. Natürlich kann man es den Frauen nicht verdenken, wenn auch sie nach höheren Weihen und höheren Gehältern streben. Ich hoffe jedoch, dass ihnen die gnadenlose Gewinnmaximierung und Perfektionierung, die den Männerfußball zu ruinieren drohen, noch eine Weile erspart bleiben.

James Lee Burke – Fremdes Land

Dass ein texanischer Junge eine prägende Begegnung mit Bonnie und Clyde hat; dass er als Soldat bei der Ardennenoffensive hinter die feindlichen Linien gerät, in einem von den Deutschen geräumten KZ eine Jüdin aus einem Leichenberg zieht und diese Frau später heiratet; dass er er zusammen mit seinem Lieutenant mit Maschinen der besiegten Deutschen in den Staaten ein erfolgreiches Pipelineunternehmen aufbaut; dass die Frau des Lieutenants von Hollywood entdeckt wird und eine undurchsichtige Gruppe von Konkurrenten aus dem Ölbusiness alles daransetzt, seine Firma und ihn und seine Frau zu zerstören – das hat etwas von einer Räuberpistole. Dennoch enttäuscht der Roman nicht. Das tut Burke nie, denn seine Figuren leben, und die Landschaften, in denen sie angesiedelt sind, tun es auch.

‘Ich war schon immer überzeugt, dass der amerikanische Westen – genau wie Hollywood – ein Ort der Magie ist, das größte Bühnenbild dieser Erde. Außerdem glaube ich, dass er von den Geistern der Indianer heimgesucht wird, der Gangster, Jesuitenmissionare, Viehtreiber, Pistolenhelden, Konquistadoren, Landstreicher, chinesischen und irischen Gleisarbeiter, Whiskeyhändler, Abstinenzverfechter, Goldwäscher, Büffeljäger, Trapper, Prostituierten und Geisteskranken jeglicher Couleur.‘

Burkes von Geschichte, Traum und Imagination aufgeladene Bühne verleiht den Figuren Größe und der Erzählung geradezu mythische Wucht. Nicht zufällig bezieht der Icherzähler Weldon Holland sich immer wieder auf das mittelalterliche Rolandslied und die hehren Ideale des Rittertums. Die profane Gier und Missgunst der Protagonisten wird so zum Bösen stilisiert, während der Erzähler bei all seinen Charakterschwächen das Prinzip des Guten verkörpert. Wie so oft erzählt Burke auch hier im Grunde einen Western, in dem es auf den Showdown der Antagonisten hinausläuft. Das klingt ein wenig nach Vereinfachung und Klischee, greift aber daneben. Dafür hat Burke einfach zu viel Klasse. Seine Figuren sind zu facettenreich, als dass man sie mit Stereotypen verwechseln könnte, und seine bildmächtige Sprache ist gegen hohles Pathos gefeit. Burke mag unmodern sein, aber er ist ein fesselnder Autor, und Fremdes Land ist ein großer Roman über ein Amerika, das seine Ideale verrät – ein Thema, das wiederum so aktuell ist wie schon lange nicht.

Bildergebnis für lee burke fremdes landJames Lee Burke
Fremdes Land, Roman
Heyne Hardcore 2016

Übersetzung: Ulrich Thiele

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Serienschmäh & Ozark

Das hochgelobte und vielgeliebte Format Fernsehserie ist inzwischen arriviert. Ein Milliardenmarkt ist geschaffen, die Fangemeinde des zeitverschlingenden Medienmonsters zählt nach hunderten Millionen, und erste Ermüdungserscheinungen sind nicht zu übersehen. Während Deadwood, The Wire und Breaking Bad in der Erinnerung immer besser und besser werden, zeugen die immer schneller aufeinanderfolgenden Neuerscheinungen davon, dass zwar Viele vom Trend profitieren wollen, aber nur Wenige berufen sind, von ein paar nicht sonderlich populären einstaffeligen Preziosen wie Quarry oder The Night Of einmal abgesehen. Dass die dritte Staffel von Fargo sich vom unübertroffenen Filmvorbild zu lösen und formal wie inhaltlich eigene Wege zu beschreiten versucht, ist an und für sich honorig. Leider bleibt bei Splitscreen und infantilen Zeichentrickeinlagen die Atmosphäre auf der Strecke, der abgründige Humor des Originals verplätschert im Klamauk. Auch bei True Detective bleibt die erste Staffel ein Solitär, der als manieriertes Selbstzitat fortgeschrieben wird. In House of Cards wiederum, mittlerweile in der vierten Staffel angelangt, erweist sich der machtversessene, skrupellose Präsident Underwood zunehmend als Doppelung des real existierenden Trump, was eine gewisse Langeweile mit sich bringt. Game of Thrones tritt mit Staffel 7 allmählich zum Finale an und wird, wenn die Drohungen von HBO sich bewahrheiten sollten, mit einer Flut von Sequels posthum totgeritten werden. Bewährte Serienvitalität (sic!) zeigen freilich noch The Walking Dead, während Homeland  es wunderbarerweise noch immer schafft, von Folge zu Folge Hochspannung mit Realitätsbezug zu verbinden.

Und jetzt also Ozark. Vielleicht ist das Besondere an dieser Serie, dass sie nichts Besonderes sein will. Ein Mann bekommt während eines Beratungsgesprächs per Email ein anonymes Video zugeschickt. Während er seiner Frau beim Ehebruch zuschaut, setzt er gefasst, wenn auch ein wenig verunsichert die Beratung fort. Dann fährt er nach Hause – und schweigt. Dieser Mann ist Marty Byrde (Jason Bateman). Wie sich später zeigt, bleibt seine Stimme auch dann noch ruhig und geschäftsmäßig, wenn man ihm die Zehennägel ausreißt. Seine Miene verrutscht selten. Er ist ein liberaler Mensch, der das Gute will und seine Familie liebt – seine pubertierende Tochter Charlotte, seinen einzelgängerischen neunjährigen Sohn Jonah und seine Frau Wendy (Laura Linney). Alles könnte so schön sein, doch es liegt eine seltsame Erstarrung über dieser Familie, als hätte sich mit den Jahren die Patina einer schwer fassbaren Enttäuschung auf den Beziehungen niedergeschlagen.

Zusammen mit einem Partner (der hier aus gutem Grund namenlos bleibt) betreibt Marty eine Vermögensberatung. Neue Privatkunden sind allerdings nicht willkommen, handelt es sich doch um eine Firma, welche die Einkünfte des zweitgrößten mexikanischen Drogenkartells wäscht. In der dritten Folge, ein Rückblick, wird erzählt, wie der brave, anständige Marty dazu kam, seine Seele an den Teufel zu verkaufen. Die Szene, wie er und Wendy sich die Folgen des Deals schönreden (Reichtum, eine sichere Zukunft für die Kinder etc.), wie sie sich die Möglichkeit einer ganz anderen Zukunft erst ausmalen, bis das Spiel wie beiläufig, so zu sagen aus Langeweile geboren, in eine unumkehrbare Entscheidung mündet, ist einer der großen, stillen Höhepunkte von Ozark.

Schon bald sind Martys Geschäftspartner und etliche Mitarbeiter tot, und die Familie muss mit Sack und Pack in den Ozark-Bezirk fliehen, eine idyllische Seenlandschaft, bewohnt von hinterwäldlerischen Originalen. Martys Leben ist zur Bewährung ausgesetzt, sein Auftrag: acht Millionen innerhalb von drei Monaten waschen. Das ist gar nicht so leicht, denn wie wir inzwischen aus der Politik wissen, handeln die sturen Provinzler oft anders, als dem vernünftigen, modernen Städter lieb ist. Breaking Bad hat das Prinzip des eskalierenden Unheils stilbildend vorexerziert: Ein gelöstes Problem schafft zwei neue, ein Schneeballsystem, das von Katastrophe zu Katastrophe taumelt. Der Eindruck eines Déja-vu stellt sich indes nicht ein. Dass die Bilder ohne irgendwelche dramaturgischen Tricks den Zuschauer schon nach wenigen Minuten in ihren Bann schlagen, ist der unauffälligen, aber mehr als soliden Kameraarbeit, der ernsthaften Erzählweise  und der subtilen Darstellung der Schauspieler zu verdanken. Laura Linney, die zuletzt im Kinofilm Nocturnal Animals glänzte, vermittelt ausdrucksstark und doch stets verhalten Wendys Verunsicherung in der von außen bedrohten, zwischen Geschäftsbeziehung und emotionaler Nostalgie balancierenden Ehe. Daneben ist vor allem die Figur der Ruth zu erwähnen, gespielt von Julia Garner. Ruth hat es auf die acht Millionen abgesehen und wird von Marty als Küchenhilfe eingestellt. Wie dieses frühreife,  scheinbar mit allen Wasser gewaschene Luder sich von der Kleinkriminellen erst zur Stripclubmanagerin und dann zu Martys Lebensretterin mausert, ist äußerst sehenswert.

Ozark Netflix

Ozark ist derzeit bei Netflix zu sehen

Trailer

In eigener Sache – Interviews

Mit Interviews ist das so eine Sache: Kaum sieht man sie Schwarz auf Weiß, wünscht man sich, man wäre es ganz anders angegangen.

Am Erker 73: Interview Marcus  Jensen, 2017

Literatopia: Interview Judith Madera, 2017

Die Zukunft: Interview Elisabeth Bösl, 2017

Die Zukunft: Interview Elisabeth Bösl, 2014

  Am Erker 73 Interview    Literatopia Interview 

Die Zukunft Interview   DieZukunftIntMorgenroete

Borne – Bin ich eine Person?

Die Welt ist wüst und leer, Luft und Wasser sind verseucht, es wächst kaum noch etwas. Rachel, die Ich-Erzählerin, lebt zusammen mit Wick in einem verschütteten, mit raffinierten Fallen geschützten Gebäudekomplex am Ufer eines toten Flusses, den Balkonklippen. Dahinter liegt die Stadt, eine Hölle des Verfalls und der Ruinen, in denen die überlebenden Menschen und allerlei biotechnisches Getier verzweifelt nach Essbarem suchen. Aufgeteilt ist die Stadt in Einflusssphären; das Gebiet der ‘Zauberin’, die Balkonklippen und das Gelände der Biotech-Fabrik, deren Kreaturen die Straßen unsicher machen und in Abfalltümpeln ein gespenstisches Leben führen. Eine dieser Kreaturen ist Mord, ein gewaltiger, unangreifbarer Bär. Er ist die größte aller Heimsuchungen, der wütende Gott eines Todeskults.

Das ist die düstere Ausgangslage, und nun könnte eine Überlebensgeschichte beginnen, wie sie schon oft erzählt wurde. VanderMeer aber spinnt zunächst eine ganze andere Geschichte, die von Loyalität und Freundschaft handelt und von unverhofftem Glück inmitten der Hoffnungslosigkeit. Im Fell des schlafenden Mord findet Rachel nämlich ein Biotechwesen, eine Mischung aus Seeanemone und Tintenfisch, das sie mit in ihre Zuflucht nimmt. Beargwöhnt von ihrem Partner Wick, entwickelt sie  alsbald Muttergefühle für das Wesen, das sie Borne tauft. Mit der Zeit entwickelt es erstaunliche Fähigkeiten. lernt sprechen, liest Bücher, führt lange Unterhaltungen und entwickelt eine naive Neugier an der Welt, die nicht nur Rachel, sondern auch dem Leser unerwartete Glücksgefühle beschert. Obendrein besitzt es eine enorme Wandlungsfähigkeit und kann nahezu jede beliebige Gestalt annehmen. ‘Ich kann nicht aufhören’, sagt es mehr als einmal, eine Bemerkung, die sich, wie sich später erweist, nicht nur auf seine Wissbegier bezieht. Und immer wieder stellt es die Frage: Bin ich eine Person? Dass es mehr sein möchte als das Produkt einer außer Kontrolle geratenen Biotech-Fabrik und doch in seinem Wesen gefangen ist, ist mehr als anrührend,  denn VanderMeer verleiht diesem Prozess der Ich-Werdung mit seiner psychologisch subtilen Darstellung eine enorme Plausibilität. Genau darin liegt aber auch schon der große Wendepunkt begründet, der die Geschichte mehr und mehr ins Tragische kippen lässt. Denn Borne, Wick und auch Rachel haben düstere Geheimnisse, und die kommen ans Licht.

Borne  ist keine lupenreine Science Fiction, keine Fantasy und kein Märchen, sondern von allem etwas. VanderMeer ist ein außergewöhnlicher Erzähler (das hat er bereits mit seiner Southern-Reach-Trilogie unter Beweis gestellt), der es versteht,  mit seiner wundervoll melodischen, präzisen und nuancenreichen Sprache eigene Welten plausibel zu machen, die zwischen den Genres angesiedelt sind. Auf jeden Fall aber ist Borne eine Dystopie, und damit ein Versuch, etwas zu bannen, das nicht Realität werden darf. Das Grauen einer entgrenzten Biotechnologie vergegenwärtigt er mit beklemmender Intensität. So großartig die Lektüre, möchte ich doch einen kleinen Einwand geltend machen. Zum Ende des Buches gewinnt leider das Märchenhafte die Oberhand, und das hat mich bei aller Bewunderung für das Buch mit einem kleinen Gefühl der Enttäuschung in den Alltag entlassen.

Anmerkung: Die Rezension bezieht sich auf die amerikanische Ausgabe. Die deutsche Übersetzung erscheint im September im Antje Kunstmann Verlag.

Bildergebnis für borne vandermeerJeff VanderMeer
Borne, Roman
Harper Collins, 2017

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Nocturnal Animals

Fettleibige nackte Frauen bewegen sich zur Musik, schlackern schamlos mit ihren tief hinabhängenden Brüsten und lassen die Bauchfalten wabbeln, tanzen selbstbewusst, erotisch aggressiv. Ist die entgrenzte Körperlichkeit schön, hässlich, peinlich, komisch? Auf jeden Fall ist es ein faszinierender, nicht einzuordnender Anblick, der mit allen Erwartungen bricht, die der Zuschauer an den Film gehabt haben mag.  Erst als sich der Kamerablick weitet, entpuppen sich die Tänzerinnen als Videoinstallation einer Vernissage. Die massigen Körper liegen inmitten der desinteressiert schnatternden Gäste reglos und nackt auf Tischen, sei es als Puppen oder im Original.

Susan Morrow (Amy Adams) ist die Besitzerin der Galerie. Sie lebt in einer makellos durchgestylten Welt der weißen Wände, weiten Räume, großformatigen Bilder, geschmackvoll arrangierten Designermöbel, der Badezimmer aus dunkelgrauem Marmor. Ihr Gatte, ein erfolgreicher Geschäftsmann, würde auch als Model für Calvin-Klein-Unterhosen eine gute Figur machen. Die Menschen sind cool, der scharfzüngige Smalltalk läuft wie geölt, doch man ahnt, dass es einen Preis fordert, will man dieser Umgebung gerecht zu werden.

Susan leidet an Schlaflosigkeit, nocturnal animal, Nachttier, hat ihr erster Ehemann  Edward Sheffield (Jake Gyllenhaal) sie genannt. Auch das Romanmanuskript, das er ihr Jahre nach der Trennung aus heiterem Himmel zuschickt, trägt den Titel Nocturnal Animals. Während ihr Mann sie auf Geschäftsreise betrügt, beginnt sie zu lesen und erinnert sich gleichzeitig an ihre Beziehung mit Edward. Dies sind die drei Erzählstränge des Films, von denen die Visualisierung des Manuskripts den größten Raum einnimmt. Im Buch ist ein Mann (ebenfalls gespielt von Jake Gyllenhaal) mit Frau und Tochter nachts im Auto unterwegs. Sie werden von mehreren Halbstarken gestoppt, ein Streit eskaliert, Grauen und Gewalttätigkeit brechen sich Bahn. Diese Geschichte, die im Staub der südtexanischen Wüste spielt, ist der radikale Gegenentwurf zu Susans makelloser Oberflächenwelt. Während sie in der Kunstwelt des Romans versinkt, erscheint ihr die eigene Realität immer künstlicher. In quälenden Erinnerungsszenen macht sie sich die Gründe für das Scheitern ihrer Beziehung bewusst: mangelnder Glaube an die Kraft seiner und ihrer eigenen Kunst, die vorauseilende Kapitulation vor der Macht der Realität, des Geldes und des Erfolgs.

Der Film ist einfach und klar gegliedert, es geht um den Verrat an der Liebe, das falsche Leben und um Rache, die mal heiß, mal kalt daherkommt. Man könnte die Inszenierung plakativ nennen, doch die intensiven durchkomponierten Bilder (effektvoll unterlegt mit der Musik von Abel Korzeniowski) und die hervorragenden Schauspieler  ziehen einen in den Bann und sorgen dafür, dass einem die mitleidlose Botschaft der Geschichte lange nachgeht.

Nocturnal Animals
Film von Tom Ford
Buchvorlage: Tony und Susan von Austin Wright

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