Der kleine Freund, auf Deutsch erschienen 2003, zehn Jahre nach Tartts gefeiertem Debüt Die geheime Geschichte, spielt Anfang der 1970er Jahre im fiktiven Ort Alexandria in Mississippi, einer gottverlassenen Kleinstadt unter drückender Hitze, bevölkert von skurrilen, oft tragikomischen Gestalten. Die Zeit scheint stillzustehen. Hier lebt die zwölfjährige Harriet Cleve Dufresnes zusammen mit ihrer Mutter Charlotte, der trägen, verschlossenen älteren Schwester Allison, Großmutter Edie und zahlreichen exzentrischen Tanten. Charlotte ist von Depressionen gelähmt, seit ihr Sohn Robin kurz nach Harriets Geburt im Garten erhängt aufgefunden wurde. Der Vater hat sich längst in ein anderes Leben verabschiedet; er arbeitet in einer anderen Stadt, lebt mit seiner Geliebten zusammen und hinterlässt nach jedem seiner Besuche Erleichterung.
Man zehrt vom verblassenden Glanz alten (weißen) Südstaatenreichtums; der Familiensitz Drangsal ist abgebrannt, die Ländereien sind verkauft, was bleibt, ist eine Mischung aus Stolz, Nostalgie und Resignation. Immerhin kann man sich noch (schwarze) Haushälterinnen leisten, ein beiläufiger Hinweis auf die sozialen Verwerfungen der Region.
Harriet ist ein eigenwilliges Mädchen, ernst, einzelgängerisch, eine Leseratte, die ihre Helden in Büchern findet, darunter Napoleon, Houdini und der tragisch gescheiterte Polarforscher Captain Scott. Ida, die schwarze Haushälterin, ist für sie Muttersatz und wird innig geliebt, doch im Grunde bleibt Harriet einsam. Auch ihr Freund Hely, ein naiver, geschwätziger, unreifer Junge, ist eher zufälliger Spielkamerad als wirklicher Verbündeter. Deshalb stellt sich schon früh die Frage, ob er der titelgebende ‘kleine Freund’ sein soll – und dieser Zweifel wächst mit fortschreitender Lektüre.
Als Harriet beginnt, Nachforschungen zum Tod ihres Bruders anzustellen, stößt sie auf den Namen Danny Ratliff. Die Ratliff-Brüder sind in in Alexandria berüchtigt, allesamt mit Knasterfahrung. Eugene hat sich zum Prediger erwecken lassen, Farish und Danny betreiben ein Speed-Labor, dessen Produkt sie selbst am eifrigsten konsumieren. Ihre sich stetig steigernde Speed-Paranoia schildert Tartt mit beklemmender Präzision. Während Harriet ihnen nachspioniert, verfestigt sich ihr Verdacht zur fixen Idee. Schließlich beschließt sie, Danny mit einer Schlange zu vergiften, ein Plan, der in eine groteske Jagd mündet.
Das klingt freilich spannender, als das Buch sich liest. Tatsächlich fragt man sich über weite Strecken dieses 770-Seiten-Opus, worum es eigentlich geht. Die angedeuteten Rassenkonflikte sind es nicht, über Politik wird kaum gesprochen. So üppig die Details, so karg die Handlung. Tartt malt mit schwelgerischer, dezidiert unmoderner Lust an Adjektiven und Metaphern, als wolle sie mit dem Einhaarpinsel noch das innerste Gewebe dieses Universums sichtbar machen. Das ist faszinierend, aber Überfülle kann ermüden.
Wer sich trotzdem auf diese Langsamkeit einlässt, wird mit einem still beglückenden Lektüreerlebnis belohnt. Besonders eindrucksvoll ist Harrietts sich über viele Seiten erstreckende Klage nach dem Tod einer geliebten Großtante, ein emotionaler Höhepunkt des Romans, der zeigt, wie tief Tartt die Innenwelt eines Kindes ausloten kann, ohne ins Sentimentale zu kippen. Spätestens hier wird klar, dass es um den Abschied von der Kindheit geht, um die schmerzhafte Erkenntnis, dass die Welt weder gerecht noch durchschaubar ist. Dazu passt die geheime Botschaft von Captain Scott, die Harriett am Schluss, fiebernd im Krankenbett, zu vernehmen meint, nämlich dass ‘Sieg und Niederlage manchmal dasselbe’ sind.
Der kleine Freund ist ein tief beeindruckender Roman, in dem sich im Kleinen das Große offenbart und in dem die eigentliche Spannung nicht im Plot liegt, sondern in der geduldigen, akribischen Schilderung einer Kindheit, die zu früh endet.

Donna Tartt
Der kleine Freund
aus dem Englischen von Rainer Schmidt
Roman, Goldmann 2003
Donna Tartt bei Amazon
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