Brian Greene – Die verborgene Wirklichkeit

Dass es andere Sonnensysteme mit Planeten gibt, ist inzwischen wissenschaftlich erwiesen. Dass es irgendwo dort draußen andere Lebensformen gibt, ist mehr als wahrscheinlich. Das Leben auf der Erde wäre demnach nichts Einzigartiges, sondern eine realisierte Möglichkeit unter vielen.

Doch wie sieht es mit dem All als Ganzem aus, mit dem sich ausdehnenden Kosmos, in dem irgendwo unser kleiner Planet um die Sonne kreist? Es ist noch nicht lange her, da galt der Urknall, aus dem nach gängiger Lesart die Raumzeit mitsamt aller Energie und Materie hervorgegangen ist, als ebenso einzigartig wie der mythische Schöpfungsakt der Bibel. Doch so wie unsere Sonne Teil einer Galaxis mit Milliarden anderen Sonnen ist und diese Galaxis wiederum Teil eines Galaxienhaufens unter zahllosen anderen, könnte auch unser Universum Teil einer viel größeren Wirklichkeit sein – Teil eines Multiversums, das selbst die an Relativitätstheorie und Quantenmechanik gestählte Vorstellungskraft vor ganz neue Herausforderung stellt. In seinem Buch stellt Greene neun verschiedene Konzepte für Paralleluniversen vor:

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Tabelle aus Briane Greene, Die Verborgene Wirklichkeit, Siedler 2012

Abgesehen von dem Hinweis, dass das erste Modell, das Patchwork-Universum, bei mir auf flammenden Widerspruch trifft, möchte ich nicht im Einzelnen darauf eingehen. Gemeinsam ist den Modellen allerdings, dass sie eine Antwort geben auf die merkwürdige Anthropie des Kosmos. Darunter versteht man die verblüffende Tatsache, dass die Andromeda - Quelle: NASANaturkonstanten exakt so beschaffen sind, dass die Voraussetzungen für die Entstehung von Leben gegeben sind. Ein paar Beispiele: Wäre die starke Kernkraft nur geringfügig stärker, wäre die Kernfusion nicht in Gang gekommen, und es gäbe keine Sonnen, die Kohlenstoff ausbrüten könnten. Wäre sie ein wenig schwächer, gäbe es nicht einmal Wasserstoff. Das gleiche gilt für die kosmische Konstante, die Gravitationskonstante und viele andere Eigenschaften des Kosmos. Schon geringfüge Abweichungen würden die Welt, wie wir sie kennen, unmöglich machen. Die Frage, weshalb diese Eigenschaften genau so sind, wie sie sind, ist unbeantwortet. Hätten sich die Konstanten beim Urknall so zu sagen ‘zufällig’ herausgebildet, wäre es viel wahrscheinlicher, dass ein Kosmos entstanden wäre, der unsere Existenz unmöglich gemacht hätte. Unserer Welt haftet damit das Label des statistisch Unwahrscheinlichen an. Umgekehrt hingegen wird ein Schuh draus. Geht man davon aus, dass es viele Universen mit unterschiedlichen Naturkonstanten gibt, wäre unser Kosmos nur einer unter vielen, und die Frage nach dem Grund für uns so günstigen Naturkonstanten würde sich erübrigen.

Der Physiker Greene, selbst an vorderster Front der physikalischen Grundlagenforschung tätig, ist ein beredter und überzeugter Anhänger des Multiversenkonzepts. Die Modelle, die er präsentiert, sind  abgeleitet aus mathematischen Konstruktionen wie der Stringtheorie. Greene lässt keinen Zweifel daran, dass es sich bei all diesen Konzepten um Spekulationen handelt, die unbewiesen sind und vielleicht immer unbeweisbar bleiben werden. Andererseits zeigt er Wege auf, wie sich vielleicht schon in naher Zukunft zum Beispiel durch Experimente in Teilchenbeschleunigern Hinweise ergeben könnten, die den Modellen eine Plausibilität verleihen, die über die mathematische Schlüssigkeit hinausgeht.  Das ist ein überaus spannender Stoff. Wer eine Reise an die Grenze der Erkenntnis und darüber hinaus unternehmen möchte, ist bei Greene gut aufgehoben. Wie in seinem vorigen Buch Der Stoff aus dem der Kosmos ist versteht Greene es auch hier, komplizierteste kosmologische Konzepte anschaulich darzustellen, und hält für besonders wissbegierige (oder besonders sachkundige) Leser einen umfangreichen Anmerkungsapparat bereit.

Brian Greene
Die Verborgene Wirklichkeit, Sachbuch

aus dem Amerikanischen von Sebastian Vogel
Pantheon 2013

Brian Greene bei Amazon

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2017 – Mein Jahr

Wie das Jahr war? Nun, es gab wenig Schnecken. Im Vorjahr machten die schleimigen Weichtiere jeden Spaziergang zum Slalomlauf (ja, ich weiche Schnecken aus!) und knabberten sich durch die Blumenpracht des Gartens. Dieses Jahr gab es kaum welche – fast war man geneigt, die sporadischen Einzelgänger als Überlebende zu begrüßen. Ebenfalls bemerkenswert, dass die Kapuzinerkresse, die 2016 den Raupen zum Opfer gefallen war, diesmal bis in den Oktober hinein blühen durfte.

Und dann war da Trump. Ich muss gestehen, dass ich ein wenig besessen von ihm war. Seine Tweets, abgefeuert aus dem Zentrum des amerikanischen Wahnsinns, erreichten mich auch ohne eigenen Twitter-Account mit enervierender Regelmäßigkeit. Nach der Inaugurationsrede, mit der er Dampfmaschinenkapitalismus als Zukunftsvision zu verkaufen suchte und die wie eine Drohung an Freund wie Feind rüberkam, gab es einfach kein Entkommen mehr. Meine Fassungslosigkeit darüber, dass ein kompetenzfreies Großmaul amerikanischer Präsident Trumswwerden kann, dass ein rückwärtsgewandter, bauchgesteuerter Populist ohne Respekt vor Verfassung, Demokratie und dem Unterschied zwischen Wahrheit und Lüge im Weißen Haus eine Clique aus Familienangehörigen, Karrieristen und Jasagern um sich schart, die so manche Oligarchendikatur in den Schatten stellt, erneuerte sich zuverlässig von Mal zu Mal. Die Fernsehnachrichten machten es auch nicht besser; seine Körpersprache und Mimik waren für mich ein rotes Tuch, dagegen kam ich nicht an. Erkenntnisgewinn versprachen zahllose politische Artikel, soziologische Analysen und psychologische Ferndiagnosen. Ich habe viele gelesen. Das meiste erschien mir zutreffend. Aber schlauer bin ich letztlich nicht geworden.

„Meine Unterstützer sind so klug. Das sagen auch die Umfragen. Sie zeigen, dass ich die loyalsten Anhänger habe. Wussten Sie das schon? Ich könnte quasi mitten auf der 5th Avenue stehen und jemanden erschießen, und würde trotzdem keine Wähler verlieren. Okay?! Das ist unglaublich!“

Ja, Mr. President, das ist unglaublich. Man nennt es wohl Vasallentreue. Was müsste geschehen, damit das ihm ergebene Drittel der amerikanischen Bevölkerung von seinem selbstgewählten Führer abfällt? Ich mag es mir nicht vorstellen und nehme Zuflucht bei Bertolt Brecht: Nur die dümmsten Schafe wählen ihre Schlächter selber. Offenbar befindet sich das politische System der USA in einer tiefen Krise. Die unheilvolle Allianz aus evangelikalem Fundamentalismus, einem vom Großkapital finanzierten Wahlkampf und interessengesteuertem Verblödungsfernsehen haben eine Wahrnehmungsblase erzeugt, in der Menschen ihr Fell nicht verkaufen, sondern mit Freuden verschenken, nur weil sie dazu ermuntert werden, die Sau ihrer Ressentiments rauzulassen.

Ich habe die amerikanische Politik nie unkritisch gesehen, aber trotz aller Fehler und Irrtümer war da im Innern immer auch ein Leuchten, das gespeist wurde von den Idealen der amerikanischen Verfassung und das seinen Widerschein fand in der Vitalität der im besten Sinne populären Kultur, der Literatur, der Musik und dem Film. Jetzt ist dieses Leuchten nur noch ein Glimmen. Aber dennoch: Außer dem Auftrieb, den Trump der Satirebranche verschafft hat, scheint er noch etwas anderes Gutes bewirkt zu haben, das zeigt der Ausgang der Wahlen in den Niederlanden und in Frankreich. Sein Rechtspopulismus ohne Maske kommt in Europa weniger gut an als bei ihm daheim. Vielen und auch mir hat seine America-First-Litanei verstärkt bewusst gemacht, wie wichtig es ist, dass die europäischen Länder politisch und wirtschaftlich mit gemeinsamer Stimme sprechen, denn nur zu gern würden die Trumps dieser Welt uns bilateral in die Mangel nehmen. Dass nach dem Brexit allerorten mit Begeisterung EU-Fähnchen geschwenkt werden, ist auch Pulse of Europe zu verdanken – eine tolle Initiative!

Und weiter mit dem Positiven. Nach Arrival im Vorjahr hat Villeneuve sich mit Blade Runner 2049 erneut als bildmächtiger  Weltenbauer erwiesen, der sich mehr für gedanklichen Hintergrund interessiert als für oberflächliche Action. Das war ein echtes Filmhighlight, von dem ich noch eine Weile zehren werde. Das gleiche gilt für meinen Lanzarote-Urlaub. Die Flugreise ist ja vong Morahl her in manchen Kreisen anrüchig geworden, deshalb wäre es vielleicht opportun, von einer Expedition zu sprechen (cool). Tu ich aber nicht. Viele Jahre lang habe ich mir gewünscht, die schwarzen Strände und die Vulkanlandschaften wie von einem anderen Stern kennenzulernen,  jetzt war es so weit. Und ja, es war eine Luxusreise, aber ich bereue nichts!

Last but not least sind ein paar Veröffentlichungen zu vermelden. Anfang des Jahres ist bei Heyne mein Roman Kolonie erschienen, der das Schicksal der ersten extrasolaren Weltraumkolonisten erzählt, dreißig Jahre nach der Ankunft auf dem Planeten Corazon – eine melancholische Bestandsaufnahme, die letztlich neue Handlungsoptionen eröffnet. Es folgten die Storys UWU XP4 macht den Touring-Test in Spektrum der Wissenschaft und Andrea/s im Erker, wo auch ein längeres Interview mit mir erschienen ist. Für mich eine besondere Freude: Die Neuveröffentlichung meines Romans Der Weg nach unten von 1992.

Rückblick

Top of the Lake – China Girl

Jane Campion hat es trotz gegenteiliger Absichtserklärung doch wieder getan und eine zweite Staffel von Top of the Lake gedreht. Detective Robin Griffin (herzerwärmend gebrochen gespielt von der wunderbaren Elizabeth Moss) ist von Neuseeland, dem Schauplatz der ersten Staffel, nach Sydney zurückgekehrt. Nach der Auseinandersetzung mit ihrem neuseeländischen Vorgesetzten Alan Parker, der in die Machenschaften eines Pädophilenrings verwickelt war, ist sie noch verletzlicher und einsamer geworden. Von den (männlichen) Kollegen geschnitten, tritt sie ihren schwierigen Dienst an. Als am Strand ein Koffer mit einer ermordeten jungen Prostituierten angespült wird, übernimmt sie die Ermittlungen und stößt schon bald auf ein organisiertes Geschäft mit Leihmüttern. Parallel dazu nimmt sie Kontakt mit ihrer Tochter Mary (Alice Englert) auf, die sie nach einer Vergewaltigung im Alter von sechzehn Jahren zur Adoption freigegeben hat. Die trotzige, verstörte Mary hadert mit ihrer Adoptivmutter Julia (Nicole Kidman) und ist liiert mit dem undurchsichtigen, diabolischen Alexander ‘Puss’ (David Dencik), der in einem Asia-Bordell haust und sich dort um die Prostituierten kümmert. Wie sich herausstellt, geht es dem angeblichen Professor aus Deutschland nicht nur um die Sprachkompetenz seiner Schützlinge.

Damit ist der Rahmen gesetzt für eine atmosphärisch dichte Geschichte, die an die Intensität und die berückende Bildsprache der ersten Staffel nahtlos anknüpft. Die  Kriminalhandlung nimmt dabei nur einen kleinen Teil ein. In manchen Rezensionen ist zu lesen, dies sei ein feministischer Film. Das ist zum Glück nicht der Fall. Campion hat es vielmehr darauf angelegt, mit schwarzem Humor und doppelbödigem Ernst die modernen Geschlechterbeziehungen auszuloten. Die befinden sich in einem Zustand heilloser Verwirrung. Es herrschen Verunsicherung, Sprachlosigkeit und Rollenchaos. Da ist Marys Mutter, die nervöse Julia, die vor kurzem lesbisch geworden ist. Ihre Tochter hat sich einer unbedingten romantischen Liebe verschrieben, die unmittelbar einem russischen Roman des neunzehnten Jahrhunderts entsprungen scheint. Ein Kollege macht Robin Avancen, die ein Holzklotz nicht gründlicher versemmeln könnte. Ein besonders amüsantes Bild für den Stand der Dinge liefert eine Gruppe junger Studenten, die sich regelmäßig in der Mensa versammeln. Halb hinter ihren aufgeklappten Notebooks verborgen, diskutieren die männlichen Nerds, allesamt treue Kunden des Asia-Bordells, prahlerisch und so derb wie die Wahlfänger aus Moby Dick die Vorzüge und Nachteile der Sexarbeiterinnen. Naht die weibliche Bedienung, werden die Notebooks flugs zugeklappt, und die Vertreter der Generation Youporn verwandeln sich in schüchterne Burschis, wie sie früher fünfzehnjährig in der Tanzstunde zu finden waren – zum Schreien komisch und  traurig zugleich. Trotzdem wirkt die Erzählung niemals klischeehaft oder ideologisch beschränkt – ganz im Gegenteil. Das ist auch Elisabeth Moss zu verdanken, die mit ihrer sensiblen Darstellung für emotionale Erdung sorgt.

Top of the Lake ist ein thematisch hochaktueller Film, der  mit zeitloser, eigenwilliger Ästhetik, großer Ernsthaftigkeit, emotionaler  Intensität und einem abgeklärten Blick für die skurrilen Aspekte der modernen Geschlechterwelt besticht. Ein Meisterwerk und für mich die beste Serie des Jahres.

Top of the Lake – China Girl

Serie von Jane Campion und Gerard Lee

Trailer

Top of the Lake bei Arte

Blade Runner 2049

Fünfunddreißig Realjahre und dreißig Filmjahre sind vergangen, seit 1982 Blade Runner ins Kino kam, die ikonische Verfilmung der Buches Träumen Androiden von elektrischen Schafen?  von Philip K. Dick, ein Kultfilm, der weit über das Science-Fiction-Genre hinaus Wirkung entfaltet hat. Was Regisseur Ridley Scott zusammen mit seinem Team damals, im vordigitalen Zeitalter, in einem 40-Meter-Studio erschaffen hatte, war nicht weniger als eine nie gesehene Welt; düster, melancholisch, zukunftsskeptisch und gleichzeitig so detailstrotzend und vital, dass auch der fünfte Kinobesuch noch Gänsehaut produzierte und Überraschungen offenbarte.

Seitdem ist in Los Angeles nichts besser geworden. Der Smog ist noch dichter, die Hologramme sind noch größer und dreister, unablässig fällt Regen oder Schnee – oder sind es Ascheflocken? Forderten damals schwebende Werbemonster lautstark und farbenfroh zur Kolonisierung des Weltraums auf, während unter ihnen in den Straßenschluchten, gehüllt in die babylonische Kakophonie des Cityspeak, trotzig das Leben wimmelte, so hat sich nun alle Farbe verflüchtigt. Bläulich-grau liegt diese Stadt im Nebel, die Menschen am Boden und in den Slumtürmen zeigen kaum jemals ihr Gesicht. Alles ist von tiefer Traurigkeit durchdrungen, von einer Ermattung, die von Hoffnungslosigkeit rührt. Nur hin und wieder bricht Gewalt hervor, dann setzt der Lähmungszustand sich fort, als wäre nichts geschehen. Um diese Atmosphäre auszuloten, nimmt Villeneuve sich alle Zeit der Welt. Mit langsamen Kamerabewegungen und einem hartnäckigen Interesse an Details erkundet er Innenräume, Stadtpanoramen und Ruinen. Die Wirkung ist hypnotisch. Selten war das digitale Worldbuilding so überzeugend. Zusammen mit der unaufdringlich, aber wirkungsvoll eingesetzten 3-D-Optik ergibt sich eine unerhörte Immersion. Erstaunlicherweise fühlte ich mich an Tarkowskij erinnert, zumal an dessen meditatives Meisterwerk Nostalghia. Der ständige Regen, die flirrenden Wasserreflexe in der Firmenzentrale von Neander Wallace, der überflutete Keller, in dem die aufständischen Replikanten leben, und nicht zuletzt Deckards Hund weckten Erinnerungen an diesen Ausnahmeregisseur, der es verstand, vertraute Dinge so zu zeigen, als wären sie Chiffren. Doch während bei Tarkowskij Wasser und Schäferhund auf die Sehnsucht nach Transzendenz und die verlorene spirituelle Heimat verweisen, geht es hier um Identität und die Frage Wer-bin-ich. Gott spielt längst keine Rolle mehr, die Stelle der Religion hat der sich selbst genügende Kapitalismus  eingenommen, der Mensch ist an den Rand gerückt. Den Großteil des Films bestreiten Replikanten.

Blade Runner Officer K (wie in Trance: Ryan Gosling) , der sich später Joe nennen wird, jagt ein Kind, das Rick Deckard (so gut wie nie: Harrison Ford) seinerzeit mit der Replikantin Rachel gezeugt hat. Die damaligen Modelle der Nexus-Serie neigten nicht nur zur Verselbstständigung, sondern einige waren offenbar auch fortpflanzungsfähig. Die Polizei befürchtet, das Kind könnte irgendwann einen Aufstand der Replikanten  auslösen. Erinnerungsfetzen lassen Officer K vermuten, dass er dieses Kind gewesen sein könnte. So wird die Jagd nach dem Kind zu seiner ganz persönlichen Spurensuche. Sind seine Erinnerungen echt? Was ist wahr und was ist Täuschung? Während die Menschen längst aufgehört haben, Fragen zu stellen, und sich in ihr Schicksal gefügt zu haben scheinen, arbeitet er sich stellvertretend für seine Artgenossen am Rätsel seiner synthetischen Existenz ab. Interessanterweise ist auch seine holografische Partnerin mit Identitätsfragen beschäftigt.  Joi leistet Officer K Gesellschaft, wenn er nach der Arbeit nach Hause kommt. Dort spielt auch eine der intensivsten Szenen des Films. Officer K alias Joe ist auf der Straße einer schönen Hure begegnet. Als sie irgendwann an seine Tür klopft, erklärt Joi, sie habe die Frau herbestellt, weil Joe sie gemocht habe und sie ihm endlich nahe sein wolle. Wie die körperlich reale Prostituierte und das Softwarekonstrukt Joi sich einander überlagern, zeitweise miteinander verschmelzen, sich wieder voneinander lösen und dabei Officer K annähern, ist wunderschön anzusehen und gleichzeitig todtraurig – ein Liebesakt voller Vergeblichkeit.

Villeneuve hat nach Arrival  einen weiteren eindrucksvollen, wenn auch weit pessimistischeren Film vorgelegt. Zugegeben, der Handlungsmotor ist schwächer als beim Vorläufer, es fehlt ein starkes emotionales Zentrum. Trotzdem ist Blade Runner 2049 nicht weniger als ein monumentaler Abgesang auf die Menschheit. Die Replikanten sind ganz offenbar die besseren Menschen. Sie zweifeln, stellen Fragen, wollen sich nicht abfinden. Allein aus ihren Augen rinnen noch Tränen. Ihnen gehört die verwüstete Welt und die Zukunft.

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Film von Denis Villeneuve

Trailer

Lanzarote – Lava, Licht & Meer

Enemy Mine (Wolfgang Petersen, 1985) war kein guter Film; eine kleine, sentimentale Story in bombastischem Erzählrahmen, erschütternd naiv inszeniert in zusammengebastelten Settings der Münchner Bavaria-Studios. Dass ich den Film trotzdem drei Mal gesehen habe, lag nicht zuletzt an den Außenaufnahmen, die auf Lanzarote gemacht worden waren – Bilder wie von einem anderen Stern. Mir war klar, dass ich die irgendwann dorthin musste,

Lanzarote ist eine Vulkaninsel, an einer Bruchstelle der Kontinentalplatten vor etwa 15 Millionen Jahren aus dem Meer hervorgewachsen. Fährt man von Arrecife aus ins Inselinnere, stößt man bald auf den denkbar größten Kontrast: das Schwarz der Lava, das sich in den Vulkanbergen zu Braun- und Gelbtönen abstuft, und das leuchtende Weiß der kastenförmigen Häuser mit ihren meist dunkelgrünen Türen und Fensterrahmen.


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Typische Behausung mit Garten: Lavamauer als Windschutz, Dattelpalmen als Baumersatz, ein paar Sukkulenten und Kakteen zur Verschönerung und Opuntien wegen der frischen Feigen.

Bald trifft man auf die ersten Lavafelder. Der letzte Vulkanausbruch fand 1824 statt, das Timanfaya-Naturschutzgebiet hat sich jedoch bereits bei den Ausbrüchen in den Jahren 1730 bis 1736 herausgebildet. Wie urtümliche Tiere ragen Vulkankegel und Teile abgesprengter Bergkuppen aus dem schwarzen Geröll der erstarrten Lava. In dieser Zone spürt man die Erdgewalten, die sich entladen haben. Hier herrscht die geologische Zeit, die uns nervösen Hüpfern als Stillstand erscheint. Auch die Flechten, die sich als Erste auf der Lava niederlassen, erscheinen uns statisch, obwohl sie das Geröll allmählich in Sand verwandeln und die Besiedlung durch andere Pflanzen vorbereiten.

Im Norden liegt der Aussichtspunkt El Mirador del Rio. Dort kann man einen Blick auf die kleine Nachbarinsel La Graciosa und deren Hauptort Caleta del Sebo werfen.

An der Nordwestseite der Insel, nahe dem Dorf El Golfo, lockt im Bogen eines teilweise versunkenen Vulkankraters der Lago Verde, der seine intensiv grüne Farbe Algen zu verdanken hat.

Geradezu rührend muten die landwirtschaftlichen Bemühungen der Inselbewohner an. Es fällt kaum Regen, das Trinkwasser wurde bis vor kurzem mit Tankschiffen herangeschafft. Inzwischen verrichten Meerwasserentsalzungsanlagen ihren Dienst, doch zur Bewässerung reicht das nicht aus. Alle Pflanzungen, vor allem Wein, werden von niedrigen Lavamauern vor dem Wind geschützt, die stellenweise die Landschaft prägen.

 

Weinanbaugebiet


Auf Opuntien gedeiht die Cochenilleschildlaus, aus der der Farbstoff Karmin gewonnen wird.

Niemand kommt auf Lanzarote an César Manrique (1919-92) vorbei. Der Maler, Landschaftsplaner und Architekt ist allgegenwärtig und genoss schon zu Lebzeiten quasi Heiligenstatus – man könnte auch von Narrenfreiheit sprechen. Auf Lanzarote geboren, studierte er Kunst in Madrid und ging dann nach New York, wo er genau die richtigen Leute kennenlernte (Rothko, Pollock, Warhol). 1939 kehrte er auf die Insel zurück. Ob es wirklich eine gute Idee ist, Lavahöhlen zu dekorieren, sei dahingestellt, doch auf jeden Fall hat ihm Lanzarote unter anderem das einheitliche architektonische Erscheinungsbild und die umweltverträgliche Entwicklung des Tourismus zu verdanken.


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Innenraum in der Fundación César Manrique


Atelier des Künstlers

Windmühle am Jardin de Cactus

Noch ein Wort zur Unterbringung. Das Hotel Seaside Jameos de Playa in Arrecife hat sich als idealer Ausgangsort für die Inselerkundung erwiesen. Die Anlage ist nicht unbedingt ruhig zu nennen, ist aber so weitläufig angelegt, dass auch Ruhesucher genügend Rückzugsorte finden. Verpflegung und Service sind ausgezeichnet, der nahe öffentliche Strand ist nicht überlaufen. Und der wundervolle Kakteengarten des Hotels hat uns dafür entschädigt, dass der von Manrique entworfene Jardin de Cactus wegen eines Streiks nicht zugänglich war.

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Frauenfußball!

Wenn die Champions-League-Hymne erschallt und die Spieler, angeführt vom Schiedsrichter, der den Ball wie eine Monstranz in Händen birgt, in die Arena schreiten, rieselt’s manchem weihevoll über den Rücken. Der Aufschrei der Massen tut sein Übriges. Die Spieler gucken feierlich-ernst und entschlossen. Sind sie Gladiatoren oder Halbgötter gar, die sich herablassen, die profane Menschheit mit ihrem illustren Spiel zu beglücken? Werden auf dem makellosen Rasen Kriege entschieden und die Geschicke ganzer Völker in neue Bahnen gelenkt? Und warum bin ich in letzter Zeit immun gegen die Macht der Inszenierung? Weshalb kommen mir die Bilder fadenscheinig vor, das Ritual so hohl?

Offenbar hat sich einiges angesammelt. Schaue ich den Spielern ins Gesicht, sehe ich sie in ihren Ferraris und Lotussen, wie sie vom Training nach Hause düsen und wieder zurück. Ich sehe menschliche Hamster in einer computerperfektionierten Fitnesstretmühle, umschwärmt von Ärzten, Masseuren, Ernährungsberatern, Psychologen, Videoanalysten, Scouts. Ich sehe die Spieler Spielzüge und Raumaufteilung büffeln und Standardsituationen üben, wieder und wieder. Ich sehe in früher Jugend auf wissenschaftlicher Basis selektierte Menschmaschinen, durchoptimiert, perfektioniert. Ähneln sie auf dem Platz, im Spiel, das in den letzten Jahren eine Beschleunigung erfahren hat, die mit der sich stetig steigernden Rechenkraft von Prozessoren Schritt zu wetteifern scheint, nicht längst den Figuren der Konsolenspiele, die ihren Namen tragen, und nicht umgekehrt? Sind sie vielleicht weniger Halbgöttern, sondern eher … arme Würstchen?

Und dann sind da noch die UEFA und die FIFA, selbstherrlich und korrupt, da ist Qatar mit seinen von rechtlosen Leiharbeitern errichteten Wüstenstadien, da sind die superreichen Herren, die sich ihren Club halten wie Kinder einen Goldfisch, da ist die Inflation der Gehälter und Ablösesummen, mit Neymars 222 Millionen als Krone der Megalomanie.  Wer sich da nicht angewidert abwendet, muss schon ein dickes Fan-Fell haben.

Deshalb schaue ich neuerdings Frauenfußball, mit wachsender Begeisterung. Die Zeiten, da man vor dem Bildschirm angesichts verstolperter Bälle, verirrter Flanken und peinlicher Fehlgriffe der Torfrauen zum leiden verurteilt war, sind allmählich vorbei, das hat die Frauenfußball-EM in Holland mit ihren spannenden Partien bewiesen. Die Frauen dribbeln, flanken, kombinieren und kämpfen – wie die Männer? Nein, zum Glück nicht. Die Torfrauen mögen etwas kleiner sein als ihre männlichen Pendants, die Feldspielerinnen weniger kraftvoll und antrittsstark – na und? Nach dem Ausscheiden der Deutschen im Viertelfinale ließen sich bereits Kommentatoren mit der Forderung vernehmen, Steffi Jones durch einen ‘professionelleren’ männlichen Trainer – voll daneben. Vielmehr ist dem Frauenfußball zu wünschen, dass er seine eigenen Qualitäten weiterentwickelt, so wie das Frauentennis, das gerade wegen seines geringeren Tempos reizvoller anzuschauen ist als das der Männer. Natürlich kann man es den Frauen nicht verdenken, wenn auch sie nach höheren Weihen und höheren Gehältern streben. Ich hoffe jedoch, dass ihnen die gnadenlose Gewinnmaximierung und Perfektionierung, die den Männerfußball zu ruinieren drohen, noch eine Weile erspart bleiben.