In eigener Sache – Interviews

Mit Interviews ist das so eine Sache: Kaum sieht man sie Schwarz auf Weiß, wünscht man sich, man wäre es ganz anders angegangen.

Am Erker 73: Interview Marcus  Jensen, 2017

Literatopia: Interview Judith Madera, 2017

Die Zukunft: Interview Elisabeth Bösl, 2017

Die Zukunft: Interview Elisabeth Bösl, 2014

  Am Erker 73 Interview    Literatopia Interview 

Die Zukunft Interview   DieZukunftIntMorgenroete

Borne – Bin ich eine Person?

Die Welt ist wüst und leer, Luft und Wasser sind verseucht, es wächst kaum noch etwas. Rachel, die Ich-Erzählerin, lebt zusammen mit Wick in einem verschütteten, mit raffinierten Fallen geschützten Gebäudekomplex am Ufer eines toten Flusses, den Balkonklippen. Dahinter liegt die Stadt, eine Hölle des Verfalls und der Ruinen, in denen die überlebenden Menschen und allerlei biotechnisches Getier verzweifelt nach Essbarem suchen. Aufgeteilt ist die Stadt in Einflusssphären; das Gebiet der ‘Zauberin’, die Balkonklippen und das Gelände der Biotech-Fabrik, deren Kreaturen die Straßen unsicher machen und in Abfalltümpeln ein gespenstisches Leben führen. Eine dieser Kreaturen ist Mord, ein gewaltiger, unangreifbarer Bär. Er ist die größte aller Heimsuchungen, der wütende Gott eines Todeskults.

Das ist die düstere Ausgangslage, und nun könnte eine Überlebensgeschichte beginnen, wie sie schon oft erzählt wurde. VanderMeer aber spinnt zunächst eine ganze andere Geschichte, die von Loyalität und Freundschaft handelt und von unverhofftem Glück inmitten der Hoffnungslosigkeit. Im Fell des schlafenden Mord findet Rachel nämlich ein Biotechwesen, eine Mischung aus Seeanemone und Tintenfisch, das sie mit in ihre Zuflucht nimmt. Beargwöhnt von ihrem Partner Wick, entwickelt sie  alsbald Muttergefühle für das Wesen, das sie Borne tauft. Mit der Zeit entwickelt es erstaunliche Fähigkeiten. lernt sprechen, liest Bücher, führt lange Unterhaltungen und entwickelt eine naive Neugier an der Welt, die nicht nur Rachel, sondern auch dem Leser unerwartete Glücksgefühle beschert. Obendrein besitzt es eine enorme Wandlungsfähigkeit und kann nahezu jede beliebige Gestalt annehmen. ‘Ich kann nicht aufhören’, sagt es mehr als einmal, eine Bemerkung, die sich, wie sich später erweist, nicht nur auf seine Wissbegier bezieht. Und immer wieder stellt es die Frage: Bin ich eine Person? Dass es mehr sein möchte als das Produkt einer außer Kontrolle geratenen Biotech-Fabrik und doch in seinem Wesen gefangen ist, ist mehr als anrührend,  denn VanderMeer verleiht diesem Prozess der Ich-Werdung mit seiner psychologisch subtilen Darstellung eine enorme Plausibilität. Genau darin liegt aber auch schon der große Wendepunkt begründet, der die Geschichte mehr und mehr ins Tragische kippen lässt. Denn Borne, Wick und auch Rachel haben düstere Geheimnisse, und die kommen ans Licht.

Borne  ist keine lupenreine Science Fiction, keine Fantasy und kein Märchen, sondern von allem etwas. VanderMeer ist ein außergewöhnlicher Erzähler (das hat er bereits mit seiner Southern-Reach-Trilogie unter Beweis gestellt), der es versteht,  mit seiner wundervoll melodischen, präzisen und nuancenreichen Sprache eigene Welten plausibel zu machen, die zwischen den Genres angesiedelt sind. Auf jeden Fall aber ist Borne eine Dystopie, und damit ein Versuch, etwas zu bannen, das nicht Realität werden darf. Das Grauen einer entgrenzten Biotechnologie vergegenwärtigt er mit beklemmender Intensität. So großartig die Lektüre, möchte ich doch einen kleinen Einwand geltend machen. Zum Ende des Buches gewinnt leider das Märchenhafte die Oberhand, und das hat mich bei aller Bewunderung für das Buch mit einem kleinen Gefühl der Enttäuschung in den Alltag entlassen.

Anmerkung: Die Rezension bezieht sich auf die amerikanische Ausgabe. Die deutsche Übersetzung erscheint im September im Antje Kunstmann Verlag.

Bildergebnis für borne vandermeerJeff VanderMeer
Borne, Roman
Harper Collins, 2017

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Nocturnal Animals

Fettleibige nackte Frauen bewegen sich zur Musik, schlackern schamlos mit ihren tief hinabhängenden Brüsten und lassen die Bauchfalten wabbeln, tanzen selbstbewusst, erotisch aggressiv. Ist die entgrenzte Körperlichkeit schön, hässlich, peinlich, komisch? Auf jeden Fall ist es ein faszinierender, nicht einzuordnender Anblick, der mit allen Erwartungen bricht, die der Zuschauer an den Film gehabt haben mag.  Erst als sich der Kamerablick weitet, entpuppen sich die Tänzerinnen als Videoinstallation einer Vernissage. Die massigen Körper liegen inmitten der desinteressiert schnatternden Gäste reglos und nackt auf Tischen, sei es als Puppen oder im Original.

Susan Morrow (Amy Adams) ist die Besitzerin der Galerie. Sie lebt in einer makellos durchgestylten Welt der weißen Wände, weiten Räume, großformatigen Bilder, geschmackvoll arrangierten Designermöbel, der Badezimmer aus dunkelgrauem Marmor. Ihr Gatte, ein erfolgreicher Geschäftsmann, würde auch als Model für Calvin-Klein-Unterhosen eine gute Figur machen. Die Menschen sind cool, der scharfzüngige Smalltalk läuft wie geölt, doch man ahnt, dass es einen Preis fordert, will man dieser Umgebung gerecht zu werden.

Susan leidet an Schlaflosigkeit, nocturnal animal, Nachttier, hat ihr erster Ehemann  Edward Sheffield (Jake Gyllenhaal) sie genannt. Auch das Romanmanuskript, das er ihr Jahre nach der Trennung aus heiterem Himmel zuschickt, trägt den Titel Nocturnal Animals. Während ihr Mann sie auf Geschäftsreise betrügt, beginnt sie zu lesen und erinnert sich gleichzeitig an ihre Beziehung mit Edward. Dies sind die drei Erzählstränge des Films, von denen die Visualisierung des Manuskripts den größten Raum einnimmt. Im Buch ist ein Mann (ebenfalls gespielt von Jake Gyllenhaal) mit Frau und Tochter nachts im Auto unterwegs. Sie werden von mehreren Halbstarken gestoppt, ein Streit eskaliert, Grauen und Gewalttätigkeit brechen sich Bahn. Diese Geschichte, die im Staub der südtexanischen Wüste spielt, ist der radikale Gegenentwurf zu Susans makelloser Oberflächenwelt. Während sie in der Kunstwelt des Romans versinkt, erscheint ihr die eigene Realität immer künstlicher. In quälenden Erinnerungsszenen macht sie sich die Gründe für das Scheitern ihrer Beziehung bewusst: mangelnder Glaube an die Kraft seiner und ihrer eigenen Kunst, die vorauseilende Kapitulation vor der Macht der Realität, des Geldes und des Erfolgs.

Der Film ist einfach und klar gegliedert, es geht um den Verrat an der Liebe, das falsche Leben und um Rache, die mal heiß, mal kalt daherkommt. Man könnte die Inszenierung plakativ nennen, doch die intensiven durchkomponierten Bilder (effektvoll unterlegt mit der Musik von Abel Korzeniowski) und die hervorragenden Schauspieler  ziehen einen in den Bann und sorgen dafür, dass einem die mitleidlose Botschaft der Geschichte lange nachgeht.

Nocturnal Animals
Film von Tom Ford
Buchvorlage: Tony und Susan von Austin Wright

Trailer

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Ein E-Bike. Langweilig!

Das rief mir jemand hinterher, als ich an ihm vorbeifuhr. Sein Frust war verständlich, hatte er doch absteigen müssen, von einer gar nicht so großen Steigung um den Atem gebrach. Ich hingegen schnurrte locker im sechsten Gang dahin. Sorry! Aber langweilig ist ein E-Bike gewiss nicht, im Gegenteil. Wer sich beim Fahrradfahren abstrampeln möchte, kann das übrigens auch mit dem E-Bike tun, hat dann allerdings ein paar Kilos mehr zu bewegen. Der eigentliche Bestimmungszweck aber ist der situationsangepasste Wechsel der Antriebsstufen, die den Krafteinsatz je nach Terrain und Tagesform mal mehr, mal weniger unterstützen. Die Folge ist eine ungewohnt gleichmäßige Fortbewegung, eine Art Gleiten, das beinahe das Gefühl des Fliegens vermittelt. Aufgrund der im Schnitt schnelleren und weniger anstrengenden Fortbewegung ist die Reichweite auf einmal stark erweitert, das heißt, auch von daheim aus erschließt man sich ganz neue Strecken und Ausblicke. Wunderbar!

Hercules Futura F8 Gates

Für mich standen Komfort und unkomplizierte Wartung ganz oben auf der Wunschliste. Deshalb habe ich mich für ein Hercules Futura F8 mit Shimano 8-Gang-Nabenschaltung, Bosch-Active-Line-Mittelmotor und Gates-Riemenantrieb mit Rücktritt entschieden. Und das Negative gleich vorweg: Das Fahrgefühl ist nicht besonders stabil, was möglicherweise der schrägen gefederten Vordergabel geschuldet ist – kein Vergleich zu meinem Hercules-Rad aus Kindertagen. Freihändig fahren ist also nicht drin, und es empfiehlt sich, beide Hände brav am Lenker zu lassen, wenn das Terrain ein wenig holpriger ist. Das war’s auch schon mit der Nörgelei. Das Fahrrad macht rundum Spaß, die Motorleistung reicht für die Voreifelgegend aus, das Schalten mit dem Drehgriff ist eine Freude. Natürlich schrumpft die Reichweite, wenn man die hohen Antriebsstufen bevorzugt, aber etwa 70 Kilometer sind auch dann noch drin. Der besondere Clou an dem Ding aber ist zweifellos der kettenlose Antrieb. Endlich keine ölverschmierten Hosenbeine mehr! Der karbonverstärke Riemen braucht nicht geschmiert zu werden und läuft zudem auch besonders leise. Weitere Gimmicks sind der USB-Ladeanschluss und die angeblich ‘unplattbaren’ Marathon-Reifen. Fazit: Auch für einen Preis von etwa 3000 € eine lohende Anschaffung mit höchstem Nutzwert.

Gates-RiemenHinterradnabe mit Gates-Riemen

In eigener Sache

Jetzt mal ein bisschen Eigenwerbung. Im Februar ist mein neuer Roman Kolonie erschienen. Gemeint ist die erste Menschenkolonie auf dem bewohnbaren Planeten eines Sternsystems in unserer Nachbarschaft. Vor kurzem hat Stephen Hawking vorgeschlagen, mit Lichtsegeln ausgestattete Miniraumschiffe mit Lasern auf Interstellargeschwindigkeit zu beschleunigen, um unseren Nachbarsonnen einen Besuch abzustatten. Das ist immerhin ein Ansatz, aber ich glaube, dass ungeachtet der gewaltigen interstellaren Entfernungen und der für den Flug benötigten Zeiträume irgendwann auch Menschen die große Reise antreten werden, ob an Bord eines Generationenraumschiffs, als Bewusstseinskopie oder wie in diesem Fall im Schlaftank. Aber was passiert, wenn das Ziel erreicht ist? So geht mein Gedankenspiel:

Nach hundert Jahren Flugzeit haben die ersten Kolonisten nach interstellarem Flug den erdähnlichen Planeten Corazon erreicht. Schon bald treten gravierende Probleme auf. Die Bots verselbständigen sich und bauen nach gewaltsamen Auseinandersetzungen ihre eigene Stadt, die Kinder der Kolonisten entwickeln so genannte Externorgane und gelten als ansteckend, weshalb man sie im ‘Kindertrakt‘ isoliert. 30 Jahre später sind die neununddreißig überlebenden Altkolonisten weitgehend mit dem Kampf gegen das Alter und den Verfall der Station beschäftigt. Die Erforschung des Planeten ist fast zum Erliegen gekommen. Die Kinder sind inzwischen erwachsen und verlangen nach Freiheit. Die Bots haben die Stadt nahezu vollendet und warten auf die Ankunft der so genannten ‚Schöpfer‘, ihrer wahren Herren. Da taucht tatsächlich ein zweites Kolonistenschiff von der Erde auf, jedoch mit lediglich fünf Personen an Bord. Für die Alten sind sie mit ihren Implantaten Fremde. Doch auch die Hoffnungen der Bots werden enttäuscht. Die Spannungen eskalieren …

KolonieNorbert Stöbe: Kolonie
Roman, Heyne 2017

Leseprobe

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Mein Roman Der Weg nach unten ist 1991 bei Heyne erschienen und wurde jetzt vom Apex Verlag als E-Book wiederveröffentlicht. Ursprünglich wollte ich damals eine Satire auf Fantasy-Rollenspiele schreiben, eine längere Story für eine Anthologie. Die Ausgangssituation aber nahm mich gefangen und entwickelte sich zu einem durch und durch ernsthaften Roman über eine Gruppe von Spielern, die sich in einem verfallenen Megahochhaus treffen, um ihrem (technisch ein wenig modifizierten) Rollenspielhobby nachzugehen. Sie werden überfallen, der Fluchtweg ist ihnen versperrt, da die Aufzüge nicht mehr funktionieren. Das Gebäude ist ein abgeschlossener Mikrokosmos, bewohnt von zwei verfeindeten Gruppen, den so genannten Heavys und einem Stamm von Stadtindianern, die sich in dem labyrinthischen Bau eingerichtet haben und isoliert von der Außenwelt ein autarkes Nischenleben führen. Aus dem Spiel wird Ernst, der Weg nach unten wird zum Überlebenskampf.

Der Weg nach untenNorbert Stöbe: Der Weg nach unten
Roman, Apex 2017

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Westworld – Wer willst du sein?

Der weitläufige Vergnügungspark Westworld ist von menschenähnlichen Robotern bevölkert. In mythisch aufgeladener Landschaft spielen sie Wilder Westen und sind den Besuchern zu Diensten; als Sheriff, der auf der Main Street mal eben Freiwillige für die Verfolgung eines  entkommen Straftäters sucht; als Goldsucher, der eine garantiert jugendfreie Partnerschaft bei der Ausbeutung seines Reichtum verheißenden Claims anbietet; als Prostituierte, die im Saloon um Kundschaft wirbt. Im Preis von 40000 Dollar pro Tag sind alle Abenteuer inbegriffen. Moral ist hier nicht mehr als eine modische Präferenz: Welchen Hut wählst du bei der Einkleidung, den weißen oder den schwarzen? Willst du dem Recht auf die Sprünge helfen oder lieber dein Mütchen kühlen? Wer willst du sein, gut oder böse? Meistens läuft es auf Letzteres hinaus: herumballern, massakrieren, die Sau rauslassen. Nachts, wenn die Touristen schlafen, kommen die Aufräumkommandos und schaffen die beschädigten Roboter zur Wiederaufbereitung in die Werkstatt. Am Morgen treten sie ohne störende Erinnerungen erneut ihren Dienst an.

Die Exzesse der Kunden machen die Serie in Teilen schwer erträglich. Die Roboter sind einfach zu menschenähnlich. Es ist evident, dass das, was ihnen angetan wird, nicht richtig ist. Schmerzhaft spürbar wird dies in der Figur der Dolores (Evan Rachel Wood). Jeden Morgen reitet sie in ihrem hübschen blauen Kleid zum Einkaufen in die Stadt und lässt eine Büchse fallen, die einem Besucher vor die Füße rollt, als Einladung zum Einstieg in eine Geschichte, deren Vorzeichen allein der zahlende Kunde bestimmt. Während die älteren Bots noch vollständig in ihren vorprogrammierten Routinen gefangen sind, hat sie bereits das neue Update bekommen, das die Bots noch realistischer machen soll. Doch es gibt Nebenwirkungen: In Albträumen erinnert Dolores sich an Dinge, die ihr widerfahren sind. Sie fragt sich, wer sie wirklich ist. In ihrem Maschinengeist formt sich die Vorstellung einer unbekannten Welt und einer größeren Wahrheit. Man möchte sie bei ihrem allmählichen Erwachen bei der Hand nehmen und beschützen.

Die Fragen, die Westworld aufwirft, sind nicht ohne Aktualität und Relevanz: Wo beginnt Bewusstsein? Sind Roboter Maschinen oder können sie auch Personen sein? Braucht es eine neue Ethik, die den Umgang mit künstlicher Intelligenz berücksichtigt? Eingebettet ist dies alles in eine komplexe Welt mit geheimnisvollen Figuren, die alle eine eigene Agenda haben: Dr. Robert Ford (Anthony Hopkins), der genialische Schöpfer des Parks; der Chefprogrammierer, der sich allein seinen Kreaturen verpflichtet fühlt; der geheimnisvolle Schwarze Reiter (Ed Harris), Stammkunde seit vielen Jahren, der nach der Metaebene des Spiels sucht, dem verborgenen Sinn des Ganzen; die Geschäftsführerin Theresa Cullen (wunderbar irrisierend gespielt von Sidse Babett Knudsen), die den Teilhabern Rechenschaft schuldet und an einem reibungslosen Betrieb interessiert ist; der Unbekannte, der den Robotern Botschaften und eine echte Waffe zukommen lässt; und schließlich die Roboter, die gerade in ihrer Dysfunktionalität menschliche Züge entwickeln. Man wartet geradezu darauf, dass sie sich erheben gegen ihre Schöpfer und Peiniger, und nicht zuletzt diese Sympathieverlagerung auf die potenziellen Antagonisten des Menschen macht neben der üppigen Ausstattung, den durchweg überzeugenden Schauspielern und der verhandelten Problematik den Reiz der Serie aus. Allerdings seien auch ein paar Kritikpunkte nicht verschwiegen: Das technisch-kühle Ambiente der Service- und Produktionsanlagen ist zwar durchaus beeindruckend, wirkt aber auch wie ein emotionaler Dämpfer. Und die Dialoge (möglicherweise ist das auch der Synchronisation geschuldet) wirken streckenweise ausgesprochen hölzern. Wenn tiefsinnige Erörterungen über Moral und Bewusstsein sich mit klischeehaften Sätzen von Parkkunden abwechseln, die eher aus dem Mund eines veralteten Robotermodells  zu stammen scheinen als aus dem eines Menschen, wird es unfreiwillig komisch. Trotzdem: sehenswert.

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Serie von Jonathan Nolan und Lisa Joy

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Quarry – Ein Mann unter Einfluss

Quarry bedeutet ‘Steinbruch’, aber auch ‘Beute’; ein doppelsinniger Titel, der auf die Mehrschichtigkeit der Geschichte verweist. Quarry ist ein Treffpunkt, Quarry ist das Wild, das es zu erlegen gilt, und Quarry wird der Spitzname von Mac Conway (großartig verkörpert von Logan Marshall-Green), der 1972 von seinem zweiten Vietnam-Einsatz zurückkehrt. Er wurde der Teilnahme an einem Massaker angeklagt, am Ende aber freigesprochen. Mit seinen langen Haaren und dem Schnäuzer sieht er nicht anders aus als die Anti-Kriegsdemonstranten auf den Straßen, doch immer wieder blitzt ihm das Trauma des Krieges aus den traurigen Augen, und immer wieder steigert er sich in einen paranoiden Kampfmodus hinein. Dabei müht er sich redlich, sein altes Leben in Memphis an der Seite seiner Frau wieder aufzunehmen, im Vorstadthaus mit dem geliebten selbstgebauten Pool, doch als Kriegsverbrecher stigmatisiert, findet er keinen Job. Trotzdem sagt er nein, als eine geheimnisvolle Organisation ihn als Auftragskiller anheuern will. Sein farbiger Freund Arthur hingegen, mit dem er gedient hat, lässt sich auf das unmoralische Angebot ein. Als Arthur ihn bittet, ihm bei seinem ersten Auftrag Rückendeckung zu geben, lässt er sich breitschlagen. Natürlich geht alles schief; die Zielperson entkommt, Arthur wird getötet, die 30000 Dollar Vorschuss sind verschwunden. Mac hat sich verstrickt und muss fortan als Quarry die Schuld abarbeiten – 4000 Dollar werden für jeden Kill abgezogen. Das Drama nimmt seinen Lauf.

Erst nach und nach stellt sich heraus, wie sehr das katastrophenhafte Geschehen vom Vietnam-Massaker strukturiert wird und dass es um weit mehr geht als um die Bewältigung eines posttraumatischen Belastungsstörung. Quarry  ist eine Serie, welche die Genregrenzen von Krimi oder Thriller mühelos hinter sich lässt. Eingebettet ist die Geschichte in die 70er Jahre. Es ist die Zeit der langen Haare, des Soul und des Rock, der Friedendemonstrationen und des Wahlkampfs zwischen Nixon und McGovern. An den Wänden der Schwarzen hängt das berühmte Angela-Davis-Poster, schwarze Schulkinder werden mit Bussen in ‘weiße’ Schulen gebracht, rassistische Gewalttäter und gewalttätige Protestierer prallen aufeinander. Quarry  lässt die Zeit atmosphärisch dicht wieder auferstehen und gewährt dem Betrachter zum Schluss, wenn die Eingangsszene sich erschließt und die Motive zueinander finden, trotz aller Düsternis ein paar intensive cineastische Glücksmomente. Fazit: spannend, unvorhersehbar, ein Highlight.

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Serie von Graham Gordy und Michael D. Fuller, 8  Folgen

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