Chernobyl – Blick in den Abgrund

Am 26. April 1986 explodierte in Tschernobyl der Reaktorblock 4 des Atomkomplexes und machte die ukrainische Stadt auf einen Schlag weltbekannt. ‘Das Atom, das wasch ich ab’ zitierte die BILDzeitung einen Rentner, als die strahlende Isotopenwolke Deutschland bereits erreicht hatte, und verfehlte damit die Bedeutung des Augenblicks, nun ja, haarscharf. Vielmehr handelte es sich um eines jener Ereignisse, die sich wie auch 9/11 in das Gedächtnis all jener eingebrannt haben, die es miterlebten. Es war etwas geschehen, was niemals hätte geschehen dürfen. In der Folgezeit, als die Bekömmlichkeit von Pilzen, Milch und Beeren nach Becquerel bemessen wurde, mutierten viele, die bislang der Kernkraft eher aufgeschlossen gegenüberstanden, zu überzeugten Gegnern deren ziviler Nutzung.

Jetzt haben HBO und Sky die Katastrophe verfilmt, mit äußerst sehenswertem Ergebnis. In nahezu dokumentarischem Stil wird der Gang der Ereignisse in fünf Folgen geschildert, angefangen von der Explosion im Reaktorkern nach einem gescheiterten Experiment, bis zu den todesmutigen Einsätzen der so genannten Liquidatoren, die das aus dem Reaktor herausgeschleuderte ‘heiße’ Material teils mit den Händen zurück in die Ruine beförderten.

Zu besichtigen sind zunächst überforderte Techniker, inkompetente Verantwortliche und verantwortungskose Apparatschiks, die Vertuschung und Beschwichtigung nach altsowjetischem Muster betreiben und die Hilfskräfte ohne Schutzausrüstung ins atomare Feuer und damit ihr Verderben schicken. Ein irrwitziges Detail: Das gebräuchliche Dosimeter geht nur bis 3,6 Röntgen, das ‘gute’ ist in einem Schrank eingeschlossen, dessen Schlüssel zunächst nicht auffindbar ist. Später erweist sich, dass auch dessen Skala, die bei 3600 Röntgen endet, bei weitem nicht ausreicht, um die Strahlenbelastung zu quantifizieren. Im Tschernobyler Krankenhaus sind nicht mal Iodtabletten vorhanden, die Bevölkerung darf ungewarnt der Schaulust frönen, während die Kinder im Ascheregen spielen. Gorbatschow kommt dabei noch vergleichsweise gut weg, erteilt er doch bei einer ZK-Sitzung dienstbeflissener Beschwichtiger dem eher zufällig anwesenden Atomphysiker Legassow (Jared Harris) das Wort. So kann mehr als 30 Stunden nach der Katastrophe endlich die Evakuierung Tschernobyls eingeleitet werden.

Chernobyl findet für das ungeheuerliche Geschehen überzeugende, authentisch wirkende Bilder. Auf dramatisierende Zuspitzungen und emotionalisierende Musik wurde weitgehend verzichtet, aber nicht ganz.  So kam es laut WHO und IAEA zu 9000 tödlichen Krebserkrankungen infolge des Unglücks, den Folgen akuter Strahlenkrankheit erlagen jedoch  ‘nur’ etwa 50 Menschen; in der Serie wird der Eindruck erweckt, dass es eine wesentlich höhere Zahl von Betroffenen gab. Dessen ungeachtet erzählt die Serie eher unaufgeregt. Trotzdem stellt sich eine nervenzerfetzende Spannung ein, die der Wucht der Ereignisse entspricht. In der letzten Folge, die dem Gerichtsprozess gewidmet ist, der die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen soll, wird allerdings deutlich, dass die Katastrophe von Tschernobyl nicht zum Beleg für die prinzipielle Unbeherrschbarkeit der Kernkraft taugt. Vielmehr stellt sich heraus, dass der dort verwendete Reaktortyp inhärent unsicher war und dass seine Risiken selbst den Bedienmannschaften verschwiegen wurden. So erscheint der apokalyptische Blick in den qualmenden Schlund des zerstörten Kraftwerks weniger als Menetekel der Atomtechnik, sondern vielmehr als Sinnbild für das Scheitern eines dysfunktionalen politischen Systems, nämlich der Sowjetunion.

Bildergebnis für sky chernobylChernobyl

Fernsehserie

Regie: Johan Renck
Drehbuch: Craig Mazin

zu streamen bei Sky Ticket

Foto: Copyright HBO/Sky

Zero Dark Thirty

Kathryn Bigelow, die Frau für’s Harte, versteht es, ihre filmischen Mittel einzusetzen. Das beweist sie schon mit der Eingangssequenz, in der buchstäblich nichts zu sehen ist. Zu hören ist eine Tonmontage aus Nachrichtenfetzen, Notrufen und letzten Telefonaten. Diese quälenden langen Momente beschwören den 11. September 2001 herauf, als islamistische Terroristen das New Yorker World Trade Center und das Pentagon angriffen und dabei fast dreitausend Menschen töteten. Dieser Tag hat sich nicht nur uns nationale Gedächtnis der Vereinigten Staaten eingebrannt; wohl keiner, der damals die Nachrichten verfolgt und die Wiederholungsschleife der brennenden Türme und der in in den Tod springenden Menschen gesehen hat, wird ihn je vergessen können. Und was wäre besser geeignet, um die Erinnerung daran als Kopfkino zu reanimieren, als eine schwarze Leinwand?

Dann befindet sich der Zuschauer auch schon in einem jener Dark Sites genannten illegalen Gefängnisse der USA, in denen Terrorverdächtige nach den Anschlägen mit Billigung des amerikanischen Präsidenten W. Bush gefoltert wurden. Die gezeigte Gewalt ist explizit und leider vielfach belegt. Zu sehen sind all die barbarischen ‘Techniken’, die in diesem Zusammenhang zu trauriger Berühmtheit gelangt sind: Schlafenzug, Prügel, Aufhängen an den Armen, Einsperren in einer engen Truhe, Demütigung und Waterboarding. Dem Gefangenen (und dem Zuschauer) wird bei diesen langen Einstellungen nichts erspart. Dabei ist der Verhörleiter Dan alles andere als ein menschenverachtender Folterknecht, eher ein bärtiger, umgänglicher Bär von einem Mann, der erfüllt ist vom Sinn und der Notwendigkeit seines Tuns – einer, der tut, was getan werden muss. Er tut es nicht gern, doch er zweifelt auch nicht. Zumindest ein wenig Skepsis zeigt  hingegen zumindest anfangs CIA-Analytikerin Maya, die sich der Suche nach Osama Bin Laden verschrieben hat, auch sie übrigens eine sympathische, sogar verletzlich wirkende Person. Später, an einem anderen ‘dunklen’ Ort, lässt sie selber foltern. Der Gefangene gibt die Information preis, die zu bin Ladens Aufenthaltsort in Pakistan führt. Bushs Nachfolger Obama persönlich genehmigt die Hubschrauberaktion, die das Ziel verfolgt, den Anführer von Al Qaida zu töten. In diesen minutiös geschilderten Passagen erweist Bigelow sich als begnadete Action-Regisseurin. Die Aktion, die nach dem Absturz eines der beteiligten Stealth-Hubschrauber auf der Kippe steht, ist, das muss man sagen, nervenzerfetzend spannend. Auch hier wird, wie in den Szenen zuvor, auf Sieges-Pathos verzichtet. Immer wieder sieht man in bin Ladens Unterschlupf die Angst der Frauen und Kinder und die Toten, die sich in die lange Reihe der so genannten Kollateralschäden einfügen, die der Drohnenkrieg gegen den Terror gefordert hat. Der tote bin Laden hingegen wird, auch dies wie die Eingangssequenz des Films ein äußerst wirkungsvoller Kniff, nur andeutungsweise gezeigt.

In Europa wurde der Film recht kritisch aufgenommen, weil man Bigelow vorgeworfen hat, den Einsatz der Folter letztlich durch deren Erfolge zu rechtfertigen. Inzwischen weiß man, dass zumindest bin Laden nicht aufgrund von erpressten Informationen lokalisiert und zur Rechenschaft gezogen wurde, dargelegt in einem amtlichen Bericht der Regierung Obama. Ob Bigelow, die von Geheimdienstleuten beraten wurde, sich aus dramaturgischen oder anderen Gründen für ihre Darstellung entschieden hat,  ist ungewiss. Eine Rechtfertigung von Folter sehe ich darin allerdings nicht. Zero Dark Thirty wirft eine grundlegende Frage auf: Kann es es gerechtfertigt sein, in Notsituationen Menschenrechte und Verfassung außer Kraft zu setzen, Gefangene zu quälen und Unschuldige zu töten? Oder einfacher formuliert: Rechtfertigt der Erfolg die Mittel? Hätte die Folter nichts gebracht, wäre die Antwort leicht und eindeutig. War sie ‘erfolgreich’, fällt die  Antwort ein klein wenig schwerer, man erinnere sich nur an den Fall des Kindesentführers Gäfgen und den vor Gericht wegen Gewaltandrohung verurteilten Verhörleiter. Bigelow spitzt die Frage somit maximal zu und lässt die Antwort offen. Für mich lautet sie: Nein. Kritisch anmerken würde ich allein, dass die Darstellung der Figuren letztlich an der Oberfläche bleibt. Am Ende des Films, als bin Laden tot ist und ihre selbstgewählte Aufgabe vollbracht, bricht Maya immerhin zusammen und weint, zum ersten Mal. Und es sind keine Tränen des Triumphs.

Zero Dark Thirty (2012)

Zero Dark Thirty

Regie: Kathryn Bigelow, 2012

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True Detective – Staffel 3

Schwer von Hitze und Staub und beißend von Schweiß ist die Luft im Südstaatenkaff West Finger, Arkansas. Whiskybrauner Dunst liegt über den Bildern. Zwei Kinder fahren mit dem Fahrrad zum Spielen. Abends kehren sie nicht zurück. Bald darauf wird der Junge tot aufgefunden, das Mädchen bleibt verschwunden. 

Wayne Hays (Mahershala Ali) und Roland West (Stephen Dorff) ermitteln, beide abgebrühte Bullen, infiziert von der Schwermut der Landschaft. Geistesblitze sind ihre Sache nicht. Ihre Unterhaltungen sind lakonisch und so träge wie ihre Bewegungen, langsame Erkundungen einer inneren Leere, die sie mit vielen der Looser und Durchhalter teilen, denen sie begegnen, und in der sie nach Sinn schürfen wie Goldsucher am falschen Claim.  Bei ihrer Arbeit sind sie stur wie Esel und verbeißen sich in den Fall, der sie ein Leben lang begleiten, fordern und immer wieder enttäuschen soll. Dabei gehen sie alles andere als zimperlich vor. So kann es schon mal vorkommen, dass ein Verdächtiger zu einer abgelegenen Scheune gebracht und weichgeklopft wird. Einmal kommt jemand dabei zu Tode. Wenig später stehen sie im Wald und schaufeln ein Grab. Ihr Ethos ist archaischer als das Gesetz  erlaubt und wurzelt in den blutigen amerikanischen Mythen. Damit ist das Motiv der Zeitlosigkeit gesetzt, und dem entspricht die Erzählweise der Staffel, die auf drei Zeitebenen spielt: 1980, 1990 und 2015. Die Verknüpfung der Ebenen erzeugt eine faszinierende Parallelität der Ereignisse: der Anfang steht neben dem Ende, der Aufbruch neben dem Scheitern, die Vergangenheit kommentiert die Gegenwart und umgekehrt.

Erzählt wird von der konfliktreichen Liebe des farbigen Wayne zu einer Lehrerin, die er heiratet und wieder verliert, und von der Freundschaft der beiden Polizisten, die sich annähern, zerstreiten und wiederfinden. Auf der ersten Zeitebene wird der falsche Mann erschossen und posthum des Mordes an den beiden Kindern schuldig gesprochen. Auf der zweiten Ebene wird der Fall wieder aufgenommen, als nach einem Supermarktüberfall Fingerabdrücke des tot geglaubten Mädchens gefunden werden. Auf der dritten Ebene wird der Fall gelöst. Wayne leidet da bereits an Alzheimer, Roland ist zum trinkenden Einsiedler geworden. Dennoch raffen sie sich noch einmal auf, nicht zum letzten Gefecht, sondern zum Versuch, ihrem Leben am Ende doch noch eine Geschichte abzuringen, die im Nachhinein einen verborgenen Sinn enthüllt. Was sie stattdessen finden, ist die Wahrheit, die sich als Enttäuschung entpuppt. Aber das ist noch nicht alles.

Überhaupt sei jeder, der sich an der bedächtigen Erzählweise stören mag, auf die achte und letzte Folge verwiesen. Wie  die drei Erzählebenen der Serie sich hier verweben, als sollte die Linearität der Zeit ad absurdum geführt werden, wie abgrundtiefe Desillusionierung und hoffnungsloses Scheitern konterkariert werden durch eine Wendung, die so märchenhaft wie selbstverständlich ist, und wie sich die Möglichkeit des Glücks gleich wieder verflüchtigt, ist schauspielerisch grandios verkörpert und meisterhaft umgesetzt. Wer hier keine Tränen vergießt, wem nicht der Atem stockt und wer nicht in stillen Jubel ausbricht über diesen Triumph des filmischen Erzählens, sollte dazu verdonnert werden, fünf Marvel-Adaptionen hintereinander zu gucken – ohne Popcorn und ohne Pause.

Die Staffel im Stream unter anderem bei Sky Ticket und Amazon.

True Detective TV show on HBO: season 3 ratings (canceled or renewed season 4?)True Detective – Staffel 3

Serie von Nic Pizzolatto

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Martin Suter – Der letzte Weynfeldt

Adrian Weynfeldt, Mitte fünfzig, ledig, muss man sich als glücklichen Menschen vorstellen. Reich dank Erbschaft, hat er als Kunstexperte eines Züricher Auktionshauses sein Hobby zum Beruf gemacht. Sein Leben ist aufs Vortrefflichste geordnet: Seine Anzüge sind vom besten Schneider der Stadt, seine Mahlzeiten von erlesener Qualität, und in seinem weitläufigen Zuhause liest ihm eine Haushälterin jeden Wunsch von den Augen ab.  Sein chronisches Junggesellentum scheint ihn nicht zu stören. Der Freundeskreis, gepflegt bei wöchentlichen Treffen,  ist praktischerweise zweigeteilt in ältere Herrschaften aus ähnlich wohlgeordneten Verhältnissen und einen Haufen junger Leute, Künstler zumeist, für die er nicht nur diskret die Restaurantrechnung begleicht, sondern bei Bedarf auch als Mäzen in die finanzielle Bresche springt. Und der Bedarf ergibt sich häufig. Weynfeldt zahlt immer, denn geizig ist er nicht. Eher schämt er sich ein bisschen seines Reichtums und ist geradezu dankbar für Gelegenheiten, tätig Abbitte zu leisten. Sein gleichförmiges Leben durchmisst er mit einem freundlichen Gleichmut, der ihn zum Vertreter jener Schar von Männern ohne Eigenschaften zu machen scheint, die in der Behäbigkeit ihres Alltags gleichsam zu verschwinden scheinen.

Gleich zu Beginn des Buches aber tritt Lorena auf, eine attraktive Mittdreißigerin, Ex-Model und Gelegenheitsjobberin, ein bisschen Lasterweib und ein bisschen Lebenskünstlerin, stil- und geheimnisvoll, findet jedenfalls Weynfeldt. Nachdem er sie von einem halbherzigen Selbstmordversuch abgebracht hat, tritt sie immer wieder in sein Leben. Mal löst er sie nach ertapptem Ladendiebstahl aus, mal zahlt er ihr die Taxirechnung. Man muss es wohl Liebe nennen. Jedenfalls erweist Lorena sich als das destabilisierende Element in Weynfeldts Leben – und er genießt es. Bald kommt auch noch ein Gemälde hinzu, das Baier, ein alter Freund der Familie, versteigern möchte. Wie sich herausstellt, handelt es sich um eine Fälschung. Damit wird nicht nur ein munterer Diskurs über das Wesen des Kunstwerks, das Wesen des Echten und das Verhältnis von Fälschung und Original eröffnet. Weynfeldt muss die ausgetretenen Pfade verlassen und Grenzen überschreiten. Dabei kommt es zu einem Verwirrspiel, das auf den letzten fünfzig Seiten mit haarsträubenden Verwicklungen geradezu krimihafte Prickelspannung erzeugt. Vom überraschenden Schluss sei nur so viel verraten, dass das Happyend, das Suter dem Leser schenkt, für so manche Situation entschädigt, in der man den Protagonisten am liebsten lautstark auffordern möchte, doch mal mit der Faust auf den Tisch zu hauen. Das freilich liefe seinem Charakter ganz und gar zuwider. Langweilig wird die sich zeitweise etwas zäh entwickelnde Geschichte freilich nie, dafür fallen die Erkundungen der unterschiedlichen Milieus,  angefangen von der Auktions- und Kunstszene bis zu dem Alltag eines Grid-Girls, letztlich zu vergnüglich aus.

Dass man als Leser Suters Sätze am liebsten siezen möchte, weil sie so schön seien (wie im Klappentext verwegenerweise behauptet wird), kann ich so nicht bestätigen. Ich hatte noch nie den Wunsch, einen Satz zu siezen. Es erscheint mir sinnfrei. Manchmal möchte ich mir einen Satz merken oder ihn streichen, aber auch das habe ich nicht getan. Wie gesagt, es kommt eher selten vor.

Bildergebnis für der letzte WeynfeldtMartin Suter
Der letzte Weynfeldt, Roman

Diogenes, 2009

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ARD Buffet – Tollhaus der Möglichkeiten

Vermutlich gehe ich nicht fehl in der Annahme, dass kulturell Interessierte einen weiten Bogen um das ARD Buffet machen. Viele haben vermutlich noch nicht einmal davon gehört. Das ist bedauerlich, denn der Banalitätennebel, den die Moderatoren schwadenweise verströmen, ersetzt nicht nur eine Handvoll Baldriparan-Pillen. Er ist ein nur scheinbarer. Tatsächlich klafft in dieser Sendung ein breiter Riss im Vorhang des Gewohnten. In der Kreativ-Rubrik ist er am weitesten. Was selbstbegeisterte Blumenfuzzis und emsige Basteltanten hier anstellen, sprengt die Grenzen der Vorstellungskraft. Wenn ein Rodelschlitten zum Wandregal umgesägt wird oder eine Klopapierrolle zum Platzkartenhalter für festliche Gelegenheiten mutiert, wird eine neue Wirklichkeit sichtbar, die den Zuschauer in einen kaleidoskopischen Synapsentaumel versetzt. Kein Ding ist nur das, was es ist, sondern gleichzeitig auch das, woran niemand je gedacht hat. In diesem Tollhaus der Möglichkeiten vollführt die Fantasie die putzigsten Kapriolen. Ein Muss für alle Freunde des bewusstseinserweiternden Fernsehkonsums.

Zum Nachbauen: Garderobe aus altem Schlitten

Das ARD Buffet läuft an manchen Tagen von 12 Uhr 15 bis 13 Uhr. An den anderen Tagen läuft es nicht.

Copyright: ARD

Der Pass – Der Krampus geht um

Die Konstellation ist nicht neu: Da treibt ein Serientäter sein Unwesen, um seiner wahnhaften Privatideologie mit aufwändig inszenierten Morden Aufmerksamkeit zu verschaffen, und ein dysfunktionales Ermittlerteam hechelt den Untaten hinterher, nimmt allerlei falsche Verdächtige ins Visier, folgt mäandrierenden Spuren und bringt den Täter schließlich zur Strecke – oder auch nicht.

Angelehnt ist Der Pass an Die Brücke, eine der besten Serien, die im deutschen Fernsehen zu sehen waren. Die Brücke  war  angesiedelt in der Öresund-Region, das schwedisch-dänische Ermittlerteam hatte es zunächst mit zwei Toten zu tun, deren abgesägte Hälften mitten auf der Staatsgrenze zu einem neuen Ganzen zusammengefügt waren. Vor allem Kommissarin Saga Norén (Sofia Helin) mit ihrem Asperger-Syndrom nahm den Zuschauer dermaßen für sich ein, dass er bereit war, ihr in die schauerlichsten Abgründe der Ermittlung  hinab zu folgen. Der Pass  spielt nun in den Alpen im Grenzgebiet von Deutschland und Österreich, und das Ermittlerteam ist so zu sagen spiegelverkehrt aufgestellt. Die deutsche Kommissarin Ellie Stocker (Julia Jentsch) ist die Normalo, der österreichische Kommissar Gedeon Winter (Nicholas Ofczarek) gibt den Freak. In die Provinz strafversetzt, erfüllt er seine Ermittlerpflicht mehr als unwillig. Wenn er morgens mit Kokskater auf dem Boden erwacht und sich mit fettigem Haar und zerknautschten Klamotten zur Arbeit schleppt, ist seine Stimmung erwartungsgemäß grantig. Das Österreichische, das noch dem argsten Schmäh widerborstigen Charme verleiht, passt ihm wie der Wurst die Pelle. Am Tatort bleibt er lieber im Auto sitzen und überlässt seiner ehrgeizigen deutschen Kollegin die Besichtigung des ersten Opfers, das, wenig überraschend, auf einem Grenzstein kniend gefunden wird. Erst als weitere Morde folgen, erwacht allmählich sein Interesse, und das Teambuilding kann beginnen.

Manches an Der Pass ist Variante, einiges wie die Schwangerschaft der Kommissarin wirkt aufgesetzt und überflüssig, dennoch ist die Serie unbedingt sehenswert. Das liegt nicht nur an der fantastischen Kulisse, nämlich der verschneiten Berglandschaft mit ihren dunklen Tälern und archaischen Bräuchen, der Musik von Hans Zimmer und den schauerlichen Krampusmasken, derer sich der Täter bedient, sondern vor allem an der filmischen Erzählweise.  Philip Peschlow hat hier hervorragende Kameraarbeit geleistet, die einhergeht mit einer komplexen Erzählweise  samt Vor- und Rückblenden, Szenen mit abgeblendetem Ton und atmosphärisch dichten Bildern, die der Imagination des Betrachters Raum geben.  Ganz schön dreist, dass ab Folge 3 der Täter dem Zuschauer bekannt ist. Der Spannung tut es keinen Abbruch. Sky hat Das Boot  versemmelt, aber mit Der Pass  fast alles richtig gemacht. Hier stimmt so gut wie jede Einstellung, und herausgekommen ist eine Serie, die ihrem Vorbild Die Brücke anders als das amerikanische Remake keine Schande macht. 

Zu sehen ist Der Pass derzeit auf Sky und bei Skyticket.

Krampus

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Jennifer Egan – Manhattan Beach

Jennifer Egans neuer Roman spielt in den 30er und 40er Jahren, in der Zeit der Großen Depression und des Zweiten Weltkriegs. Im Mittelpunkt der Handlung steht Anna Kerrigan, die mit Ihren Eltern und der behinderten Schwester Lydia in New York lebt, gar nicht weit von den Hafenanlagen und den Schiffswerfen von Manhattan Beach. Während ihr Vater Eddie sich der Halbwelt verdingt, kümmert sie sich aufopferungsvoll um ihre Schwester, bis diese stirbt. Lydias Tod und das unerklärliche Verschwinden des Vaters sind die beiden traumatischen Ereignisse ihrer Kindheit. Doch Anna lässt sich nicht unterkriegen.

Als der Krieg ausbricht und ihre Mutter aus New York wegzieht, bleibt sie in der Stadt und nimmt einen Job auf der Werft an. Dass die Männer gegen Nazi-Deutschland in den Krieg ziehen, eröffnet den daheimgebliebenen Frauen neue Möglichkeiten. Auf einmal  stehen ihnen  Arbeitsfelder offen, die ihnen bislang verschlossen waren – so zu sagen der Krieg als Vater der Emanzipation. Anna sortiert zunächst Kleinteile für den Bau von Kriegsschiffen, doch das genügt ihr nicht – sie will Taucherin werden, zu der Zeit ein unerhörter Wunsch. Wie sie sie sich gegen die Widerstände der Männerwelt durchsetzt, erzählt Egan mit Humor, einem scharfen Blick für Details und großer Sachkunde. Man merkt einfach, dass sie (nach eigenem Bekunden) zehn Jahre an dem Roman gearbeitet und ausgiebig recherchiert hat. Herausgekommen sind nicht nur ein paar äußerst beklemmende Tauchszenen, sondern auch die Schilderung eines Schiffbruchs, die es in sich hat. Egan kann alles, auch einen historischen Roman, aber manchmal konnte ich mich bei der Lektüre des Gefühls nicht erwehren, das irgendetwas nicht stimmt. Ich habe mich gefragt, warum ich das lese – und weshalb Egan diesen Roman geschrieben hat. Die Antwort auf die erste Frage lautet natürlich: Weil der Roman von Jennifer Egan ist. Die zweite Antwort hat sich mir nicht erschlossen. Jedenfalls ist es kein gutes Zeichen, wenn man sich als Leser diese Frage überhaupt stellt. Vielleicht lag mein zeitweiliges Fremdeln aber auch daran, dass es für Anna einfach zu dicke kommt. Nicht nur freundet sie sich mit Dexter Styles, dem mutmaßlichen Mörder ihres Vaters an, sie wird auch noch von ihm schwanger. Und dann folgt eine zentrale Szene, die nicht nur die Grenzen der Plausibilität sprengt. Anna wird von Dexter an den Ort geführt, wo ihr Vater im  Meer versenkt wurde. Dass der Bootsführer nach Jahren bis auf zehn Meter genau in offenem Gewässer diese Stelle wiederfindet, ist schlichtweg ausgeschlossen, schließlich gab es damals noch kein GPS. Und dass Anna, die aufmerksame Beobachterin, die ständig überlegt und reflektiert, keinen Gedanken an Dexters Rolle beim Verschwinden ihres Vaters verschwendet, ist mir unverständlich.

Es lässt sich nicht anders sagen: Der Dreh- und Angelpunkt des Plots ist überkonstruiert und kann nicht überzeugen. Im Zentrum des Roman quietscht und knarzt es mächtig. Davon abgesehen funktioniert er aber hervorragend, die Atmosphäre ist dicht, die Figuren sind lebendig. Trotzdem erreicht er nicht die Qualität anderer Egan-Werke. Er ist nicht so innovativ wie Der grössere Teil der Welt, nicht so zwingend wie Im Bann, nicht so avantgardistisch wie Black Box. Man könnte sagen, er ist konventionell. Vielleicht ist das der Grund, weshalb die deutsche Kritik ihn weniger enthusiastisch aufgenommen hat als beispielsweise die amerikanische. Trotzdem habe ich das Buch mit Lust gelesen – die anderen Egan-Werke aber schätze ich mehr.

Manhattan Beach - Jennifer Egan

Jennifer Egan
Manhattan Beach (Manhattan Beach), Roman

übersetzt von Henning Ahrens
S. Fischer, 2018

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