Dune – mit Maus und Wurm

Als David Lynch 1984 seine Dune-Version ins Kino brachte, war die Enttäuschung groß; zu gewaltig das Panorama, das Frank Herbert in der Buchvorlage ausmalt,  und zu wackelig die Filmkulissen, zu krude die Effekte und vor allem zu klein der Sandkastenwurm, der das Finale bestreiten musste.

Frank Herberts Dune erschien unter dem Titel Der Wüstenplanet erstmals 1967 auf Deutsch, fünf Folgebände kamen hinterher. Für viele, auch für mich, war dies eines der großen  SF-Leseerlebnisse. Die Handlung spielt in ferner Zukunft und setzt 10290 Jahre nach Gründung der Raumfahrergilde ein. Tausende von Menschen besiedelte Planeten sind über die ganze Galaxis verteilt. Beherrscht werden sie von den Häusern, auf Erbfolge beruhenden Familien, und über allen thront der Imperator. Ein großer Dschihad hat die Computer und künstlichen Intelligenzen ausradiert. Allein mit Hilfe der psychotropen Droge Spice sind die Raumfahrer in der Lage, ihre Schiffe mit Überlichtgeschwindigkeit durch den Hyperraum zu manövrieren.  Der Imperator entzieht nun dem Haus Harkonnen das Lehen für den Wüstenplaneten Arrakis und bestimmt das Haus Atreides zu dessen neuem Herrscher – eine bedeutsame Entscheidung, da dort das Spice gewonnen wird. Also steht ein Umzug an. Die Familie Atreides fliegt nach Arrakis. Um das Wüstenvolk der Femen zur Zusammenarbeit zu bewegen, wurde das Gerücht gestreut, Paul, der Sohn des Herzogs, sei der neue Mahdi oder Messias. Das könnte sogar etwas dran sein, denn Paul hat Wahrträume, und im Hintergrund zieht seine Mutter die Strippen. Sie gehört dem Nonnenorden der Bene Gesserit an, der mit allerlei okkulten Ritualen und Psychotricks seine eigenen Ziele verfolgt.

Ökologie, Ressourcenknappheit, Kolonialismus, Personenkult, Dschihadismus, antiwissenschaftliche Maschinenstürmerei, Esoterik und Mystizismus – viele der Themen, die Frank Herbert anspricht, sind heute aktueller denn je. Und Villeneuve ist ein wundervoller Regisseur. Deshalb stimmt bei ihm vieles, zum Beispiel das Verhältnis zwischen Groß und Klein, also den Weltraum- und Planetenszenen auf der einen und den eindrucksvoll inszenierten Dialogen und Details wie dem windbewegten rieselnden Wüstensand oder der putzigen Maus auf einem Dünenkamm auf der anderen Seite.  An CGI-Kapazität herrscht kein Mangel, deshalb erschafft er imposante Landschaften, frappierend realistisch wirkende Libellenflügler und eine Überwältigungsarchitektur, die irgendwo zwischen Mayatempeln und Albert-Speer-Gigantismus angesiedelt ist. Doch den riesigen, meist düsteren Hallen wohnt, um mit Hermann Hesse zu sprechen, ‘kein Zauber inne’, sondern eine große Leere. Die Häuser sind doch reich, wieso statten die Adeligen ihre Betonburgen dann nicht mit Kunstwerken und Luxus aus?  Und um gleich weiter zu fragen: Weshalb sind auch die Raumschiffe so groß und leer? Sind die Aufhebung der Gravitation, Körperschilde und interstellarer Raumflug, Spice hin oder her, ohne Computertechnik überhaupt denkbar? Wovon leben eigentlich die bis zu vierhundert Meter langen Sandwürmer? Und war es wirklich nötig, das durch und durch böse Haus Harkonnen auch noch auf einem verregneten Planeten anzusiedeln?

Es ist, als wollte Hans Zimmer mit seinem dröhnenden Soundtrack diese Fragen schon im Ansatz ersticken. Aus anderer Perspektive aber machte die Akustikattacke durchaus Sinn, kam es mir nach zwei Jahren Corona-Pause doch so vor, als wohnte ich, untermalt von Pauken und Trompeten, dem Untergang des Kinos bei. Dune, vorab zum Post-Corona-Hoffnungsträger der Kinobranche gehypt, vermochte den Saal einen Tag nach der Premiere jedenfalls nicht mal zu einem Drittel zu füllen. Für die einen dürfte der Film zu ‘langsam’ sein, für die anderen zu verschwurbelt. Die größte Katastrophe aber war das Seherlebnis: Das Bild so ungewohnt kontrastarm, die Projektion unscharf, die Sitznachbarn, obwohl auf Abstand platziert, so laut. Der ketzerische Gedanke ging mir durch den Sinn, dass die Immersion vor dem heimischen Fernseher womöglich besser gewesen wäre. Lag es am Realitätsschock nach langer Corona-Enthaltsamkeit? Oder wird das Streamen dem Kino den Garaus machen? Ist Vereinzelung angesagt statt Gemeinschaftserlebnis? Sind wir dazu verdammt, unser TV-Equipment immer weiter hochzurüsten, bis wir real und virtuell nicht mehr unterscheiden können?

Die Zukunft wird es erweisen. 

Dune - Film 2021 - FILMSTARTS.deDune

Regie: Denis Villeneuve 2021

Trailer

Patricia Highsmith – Das Zittern des Fälschers

“Die Wüste verändert einen”, sagt Howard Ingham irgendwann. Der Prozess ist im Roman zu besichtigen. Zunächst aber herrscht Ferienstimmung. In einem kleinen Städtchen in Tunesien erwartet der Schriftsteller Ingham in einem Luxushotel das Eintreffen eines New Yorker Regisseurs, mit dem zusammen er ein Drehbuch entwickeln möchte. Doch der lässt ebenso auf sich warten wie die Post seiner Verlobten Ina. Also macht er Urlaub, schwimmt im Meer und schließt Bekanntschaft mit dem dänischen Maler  Jensen und dem Amerikaner Adams, einem bibelfesten Propagandisten des American Way of Life. Fünfzig Seiten lang geschieht beinahe nichts. Man ahnt, dass die Idylle nicht von Dauer ist, und Ingham ahnt es auch. Seine Nachfragen an der Hotelrezeption werden erst hektischer, dann versiegen sie allmählich.

Die Dinge geraten in Bewegung. Inghams Zeitgefühl löst sich auf, und er beginnt einen Roman mit dem Arbeitstitel Das Zittern des Fälschers. Der Regisseur hat sich in Inghams Wohnung umgebracht,  Ina hatte eine Affäre mit ihm. Jensens Hund verschwindet, und Ingham wirft einem Einbrecher seine Schreibmaschine an den Kopf. Der Mann bricht vor der Tür zusammen, die Hotelboys schleifen ihn fort. Ingham weiß nicht mit Sicherheit, ob der Eindringling tot ist, doch er nimmt es an. Für ihn hat das keine Konsequenzen. Was ist wichtig, was unwichtig? Er ist nicht nicht mehr sicher. Jensen sagt, der tote Araber sei nicht mehr wert als ein Floh. Das erscheint ihm plausibel. Befindet er sich nicht in einer fremden Welt, in der andere Maßstäbe gelten?

Wie um seinen Verwandlungsprozess zu beschleunigen, zieht Ingham zu Jensen ins Araberviertel. Die Beziehung zu dem schwulen Mann ist das eigentliche Zentrum des Romans. Während Ingham grübelt, was sein Wertesystem legitimiert und ob er nicht in der Lage sei, aus sich heraus autonom seine eigenen Werte zu schaffen, findet er bei dem nihilistischen Jensen Halt. Die homoerotische Komponente ihrer Beziehung ist dabei, wie vieles im Roman, nur angedeutet. Das Trinken aus einer Flasche bei einem Wüstenausflug ist auch schon der intimste Moment, den sie teilen. Überhaupt ist die Subtilität der Erzählung staunenswert. Nicht nur bleibt die große Katastrophe aus, in die Highsmith-Romane für gewöhnlich münden; alle Figuren sind ohne Wertung mit all ihrer Uneindeutigkeit und ihren Widersprüchen gezeichnet. Gedankengänge schlagen blitzschnell in ihr Gegenteil um. Selbst der tumbe, aufdringliche Adams, der heute vermutlich ein fanatischer Trumpist wäre, erweist sich immer wieder als sympathische, mitfühlende Person, und die arabischen Nachbarn, zunächst der Tötung von Jensens Hund verdächtigt, betrachtet Ingham am Ende auf einmal als ‘Freunde’.

Im lesenswerten Nachwort analysiert der Herausgeber Ingendaay akribisch die kunstvolle Komposition des Romans. Davon merkt man beim Lesen nichts; das heißt, man merkt es schon, wird sich dessen aber erst im Nachhinein bewusst. Nicht zufällig erschien Das Zittern des Fälschers 1969 nicht als Genreroman, sondern in der Hauptreihe ihres Verlages. Der amerikanische Herausgeber schrieb ihr, sie sei eine ‘große Schriftstellerin’. Wohl wahr.

Patricia Highsmith
Das Zittern des Fälschers (The Tremor of Forgery)

Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren

Diogenes 2002

Patricia Highsmith bei Amazon

Alex Michaelides – Die verschwundenen Studentinnen

Tragik liegt in der Luft

In seinem Erstling Die stumme Patientin  verblüfft Michaelides mit einem Stunt in Form zweier parallel erzählter Handlungsstränge, die vom Leser  in derselben Zeitebene angesiedelt werden. Dass sie ‘in Wirklichkeit’ zeitlich versetzt spielen, erschließt sich erst zum Schluss und lässt die Geschichte in ganz neuem Licht erscheinen. Die Wirkung ist frappierend und lohnt allein schon die Lektüre. Jetzt ist Michaelides’ zweites Buch erschienen, und es stellt sich die Frage, ob es dem Autor gelingt, an seinen frappierenden Erstling anzuschließen.

Jedenfalls bleibt er bei seinen bewährten Leisten. Nach dem Psychotherapeuten Faber in Die stumme Patientin steht diesmal die Gruppentherapeutin Mariana Andros im Mittelpunkt. Als eine Kommilitonin ihrer Nichte und Ziehtochter Zoe ermordet wird, reist Mariana zu ihr nach Cambridge, um  ihr beizustehen, und bleibt, um auf eigene Faust Ermittlungen anzustellen. Schon bald hat sie sich auf einen undurchsichtigen Professor versteift, der Griechisch unterrichtet und einem Geheimbund junger Studentinnen vorsteht, genannt ‘Die Mädchen’. Das Mordopfer kommt aus diesem Kreis, und bald ist auch schon das zweite Mädchen. Weitere Zutaten zu der Geschichte sind gewichtige Zitate von Tennyson und Shakespeare, die griechischen Tragödien mit besonderer Betonung auf Euripides, die romantischen Gemäuer und stillen Höfe von Cambridge, ein eifersüchtiger Patient, der Mariana nachstellt, ein zudringlich-charmanter Physikstudent, ein auffälliger Portier und eine dreiste Reinemachfrau. Doch das Gericht mag nicht recht schmecken. Für Mariana, die sehr auffällig ihrem auf Naxos (!) verstorbenen Mann nachtrauert, gilt das Motto ‘Denn sie weiß nicht, was sie tut’. Ihre Ermittlungsbemühungen wirken unbeabsichtigt tapsig, ihr psychologischer Durchblick ist durch eine beschlagene Brille getrübt, und wenn es knifflig wird, ist sie hilflos und muss schon mal weinen. In der Rolle der Ermittlerin ist sie eine glatte Fehlbesetzung. Dass der oben erwähnte Professor von Anfang an als Hauptverdächtiger aufgebaut wird, ist der Spannung ebenfalls nicht zuträglich, weiß man doch, dass er den ungeschriebenen Gesetzen der Kriminalliteratur nach der Täter nicht sein kann.

Leider ist die aus dem Ruder gelaufene Gruppensitzung vom Anfang des Buches bereits eine der spannendsten Episoden. Und es ist klar, dass sich der erzählerische Trick aus dem ersten Buch nicht wiederholen lässt. Stattdessen offenbaren sich am Ende haarsträubende Verwicklungen, die eher Kopfschütteln als emotionale Betroffenheit auslösen. Das gilt übrigens auch für den deutschen Titel. ‘Verschwunden’ sind die Studentinnen nämlich nicht wirklich, werden sie doch recht schnell aufgefunden, wenn auch tot. Der neutrale englische Titel ‚The Maidens  trifft es besser.

Alex Michaelides
Die verschwundenen Studentinnen (The Maidens)

Aus dem Englischen von Kristina Lake-Zapp

Droemer 2021

Amazon

Brian Greene – Bis zum Ende der Zeit

Wie schon in Der Stoff aus dem der Kosmos ist und Die verborgene Wirklichkeit, nimmt Brian Greene auch in Bis zum Ende der Zeit wieder das  größte erforschbare Ganze in den Blick, nämlich den Kosmos aus physikalischer Sicht, diesmal ergänzt mit einer umfassenden Darstellung von Entstehung und Evolution von Leben und Bewusstsein.

Daraus ergibt sich logischerweise eine Dreiteilung. Der erste Teil des Buches beginnt mit dem Urknall und schildert die daran anschließende überlichtschnelle Ausdehnung des Raums (Inflation), die Kondensation der Energie zu Wasserstoff, die Verdichtung der Gasmoleküle zu Sonnen, die Zündung der Kernfusion und die Bildung von Filamenten und  Galaxien. Im letzten Teil  schließlich nimmt er die Zukunft des Kosmos in den Blick und beschreibt dessen Alterung bis zum Ausbrennen der letzten Sterne, dem Erstarren jeder Bewegung im Zustand maximaler Entropie und schließlich dem Zerreißen der Atome und Elementarteilchen. Dies entspricht dem derzeit  von der Mehrheit der Wissenschaftler favorisierten kosmologischen Konzept der von Dunkler Energie angetriebenen beschleunigten Expansion des Universums. Auch wenn die Darstellung aufgrund der Konzeption des Buches weniger in die Tiefe geht als bei seinen beiden oben genannten Büchern, läuft Greene als Mathematiker und Physiker bei diesen Themen zu Hochform aus und erweist sich wieder einmal als ein Meister des populären Sachbuchs. Seine Fähigkeit, komplizierte Sachverhalte zu veranschaulichen, zeigt sich auch hier. Auch die offenen Fragen der Grundlagenphysik werden angesprochen: Bislang weiß niemand, was genau sich hinter den Begriffen Dunkle Energie und Dunkle Materie verbirgt. Es könnte auch sein, dass es sie gar nicht gibt und dass stattdessen bislang unbekannte Gravitationseffekte für die mit ihnen erklärten Phänomene verantwortlich sind. Ebenso vorläufig ist auch das Konzept der beschleunigten Expansion. Möglich wäre unter bestimmten Bedingungen auch ein zyklisches Universum, in dem die Expansionsgeschwindigkeit irgendwann wieder abnimmt und  in Kontraktion übergeht, worauf ein  weiter Urknall folgen könnte. Dass Greene Schwach- und Leerstellen der Forschung anspricht und Vertretern anderer Deutungen Raum gibt, ist einer seiner vielen Vorzüge.

Der mittlere Teil hat mich weniger überzeugt. Vielleicht liegt es daran, dass Greene hier den sicheren Boden seines Fachgebiets verlässt. Wenn er die Bildung der ersten sich selbst replizierenden Moleküle schildert, macht sich das noch kaum bemerkbar, doch wo es um Bewusstsein, Sprache, Religion, Literatur und Musik geht, wird ein gewisser Schematismus erkennbar: dieser Forscher sagt dies zum Thema, jener das. Die vorgestellten Wissenschaftler mögen den aktuellen Forschungsstand repräsentieren, und die Auswahl der Zitate scheint treffend, doch es mangelt ein bisschen an der sonstigen Stringenz, auch wenn Greene konsequent den evolutionären Selektionsvorteil als Leitfaden verwendet.  

Ein Kritikpunkt

Greene, der sich selbst als Reduktionisten bezeichnet, ist ein Vertreter des Super-Determinismus. Für ihn gibt es nur Teilchen und Schwingungen, die physikalischen Gesetze und eine Kausalkette, die vom Urknall bis in die Gegenwart reicht. Das Kausalitätsprinzip gilt in dieser Interpretation auch für die Welt der Quanten. In letzter Konsequenz bedeutet dies, dass die Gegenwart bis in ihre kleinsten Verästelungen hinein im Ausgangspunkt angelegt ist. Der kleine Arbeitsplatz, an dem ich diesen Post tippe, der Teefleck vor mir auf der Tischplatte und der Kater, der mich in diesem Moment mit seinen grünen Augen fragend anschaut, das alles wäre demnach prädeterminiert, eine notwendige Folge der Ausgangsbedingungen . Selbst die Gedanken, die ich denke und die von der Teilchenanordnung, den elektrischen Strömen und Feldern meines Gehirn erzeugt werden, wären zwangsläufig. Für freien Willen ist in dieser Welt kein Platz. Konzepte wie Schuld, Verantwortung, Kreativität würden fadenscheinig, und wir wären nichts weiter als die Beobachter eines Schauspiels, das bereits vor 13,8 Milliarden Jahren bis ins allerkleinste Detail festgelegt worden wäre. Es ist wohl nicht falsch, dieses Konzept als Wiederauflage des mechanistischen Weltbilds unter Einbeziehung der Quantenmechanik zu bezeichnen. Da es weder verifizierbar noch falsifizierbar ist, handelt es sich um Spekulation. Ich finde Vorstellung so grauenhaft, dass mir im Vergleich selbst die Fron des Sisyphus als Selbsterfahrungsurlaub erscheint. Greene selbst gibt zu, deprimiert und erschüttert gewesen zu sein, als er während des Studiums zu dieser Erkenntnis gelangte. 

Dass einem eine Erkenntnis nicht behagt, ist natürlich kein Argument dafür, dass sie falsch ist. Und leider fehlt es mir als Laien am nötigen Wissen, um kompetent argumentieren zu können. Allerdings leuchtet mir nicht ein, weshalb auch die Quantenwahrscheinlichkeiten kausal bedingt sein sollen. Wurde die Theorie der verborgenen Variablen nicht längst verworfen? Kurzum: Ich lehne den Superdeterminismus aus ganzem Herzen ab. Die Gegenpositionen hat Greene meiner Meinung nach nicht ausreichend berücksichtigt. Es soll aber nicht verschwiegen werden, dass auch er so lebt und schreibt, als gäbe es den Superdeterminismus nicht, und dass diese These im weiteren Verlauf des Buches keine große Rolle mehr spielt. 

Was ich gelernt habe

Diese beiden Dinge waren unter anderem neu für mich.

Erstens: Die Dichte eines Schwarzen Lochs nimmt mit steigendem Radius ab. Ein Schwarzes Loch mit der viermilliardenfachen Sonnenmasse hätte demnach gerade mal die Dichte der Luft, die wir atmen. Trotzdem hätte es einen Ereignishorizont. Das widerspricht der landläufigen Vorstellung eines gierigen, hochverdichteten schwarzen Monsters völlig. Erstaunlich!

Zweitens: Die Sache mit den Boltzmann-Gehirnen im Kapitel über die Zukunft des Denkens. Stellt man sich das Ende des Kosmos als leeren Raum mit zerfallenen Teilchen vor, hätte diese Leere einen Horizont, der Strahlung abgibt, vergleichbar der Hawking-Strahlung, die Schwarze Löcher mit der Zeit verdampfen lässt. Wäre der Endzustand von ‘ewiger’ Dauer, würden die in der Leere der Unendlichkeit umherschwirrenden Teilchen sich irgendwann begegnen und nach und nach alle möglichen Konfigurationen annehmen, darunter auch die eines mit Pseudoerinnerungen ausgestatteten Gehirns. Gruselig! Greene liebt solche Gedankenspiele, auch wenn sie nicht sonderlich plausibel sind.

Fazit

Leibniz’ große Frage ‘Warum ist überhaupt etwas und nicht nichts?’ kann das Buch natürlich nicht beantworten.  Aber es beschreibt anschaulich das kosmische Schauspiel, in dem wir als ameisenhafte Kreaturen das Rätsel unserer Existenz in den Blick nehmen. Trotz der oben aufgeführten Kritik kann ich Bis zum Ende der Zeit empfehlen. Wer sich allerdings speziell für Kosmologie interessiert, der ist mit Der Stoff, aus dem der Kosmos ist  besser bedient.

Ein Tipp

Wem Leibniz’ Frage keine Ruhe lässt, der sei auf die Vorlesung Was war vor dem Urknall von Prof. Ganteföhr von der Uni Konstanz verwiesen; allgemeinverständlich und unterhaltsam eröffnet sie einen hochinteressanten Ausblick auf ein neues Konzept von Gaßner, wonach der Urknall auf die Quantenfluktuation eines höherdimensionalen Raums zurückzuführen ist. Die Reise geht weiter.

Brian Greene: Bis zum Ende der Zeit. Siedler Verlag (Hardcover)

Brian Greene
Bis zum Ende der Zeit

Aus dem Englischen von Sebastian Vogel

Siedler 2020

Brian Greene bei Amazon

The Undoing – auf dem schmalen Grat

Im Zentrum der sechsteiligen Mini-Serie von HBO steht eine Familie wie aus dem Bilderbuch der Reichen und Schönen, und entsprechend idyllisch gestaltet sich der Auftakt, mit dem die Protagonisten eingeführt werden: Grace Fraser (Nicole Kidman), makellos attraktiv wie eh und je,  ist emsige Mutter, aufmerksame Ehefrau und kluge Psychotherapeutin, ihr Ehemann Jonathan (Hugh Grant), Kinderchirurg auf der Krebsstation, ist nie um einen Scherz verlegen und weint im Ehebett, wenn er einen seiner jungen Patienten verloren hat, Sohn Henry (Noah Jupe) ist Musterschüler an einer elitären Privatschule, die 50000 Dollar im Jahr verlangt, und Franklin Reinhardt, grandios gespielt von Donald Sutherland, hier gütiger Großvater und Nicoles umsichtig sorgender Vater, sitzt nachts, wenn der Portwein im Glas leuchtet,  am Flügel mit dem Schachbrett im Hintergrund. Das alles macht durchaus Sinn. Schließlich sehen wir gern schöne Menschen in perfekt sitzender Kleidung in dunkle Limousinen und Hubschrauber steigen, in edlen Restaurants dinieren und in teuren Fitnessclubs trainieren. Außerdem, und das ist bei einem Thriller nicht belanglos, ist die Fallhöhe größer; wer mit den Adlern fliegt, kann sehr tief stürzen.

Natürlich erweist sich die geradezu paradiesische Harmonie als schöner Schein, und die High-Society-Idylle zerbröselt. Jonathan hat eine Geliebte, die grausam verunstaltet tot aufgefunden wird. Da er in derselben Nacht verschwindet, ist er auch bald schon der Hauptverdächtige. Bereits in Folge zwei wird er verhaftet, und die Handlung steuert auf den eigentlichen Höhepunkt zu, die Gerichtsverhandlung. Hier entpuppt sich die Serie als klassischer Whodunit-Plot. Dass nahezu jede und jeder im Dunstkreis des Opfers in den Kreis der Verdächtigen rückt, kennt man aus vielen Tatorten. Hier ist es meisterhaft umgesetzt. Dass die Serie den Zuschauer dazu bringt, am Ende sogar Kindern die Tat mit dem Hammer zuzutrauen, ist das, was man von einem guten Thriller erwarten darf, nämlich dass er einem den Teppich unter den Füßen wegzieht. Genau das leistet The Undoing. Von der Schauspielern verlangt dies, auf dem schmalen Grat der Unentschiedenheit zu wandeln. Nicole Kidman gelingt das mit anstrengungsloser Perfektion. Ihr nimmt man das Familientier ebenso gläubig ab wie die eiskalte Intrigantin. Der grimassierende Hugh Grant als Jonathan meistert das weniger gut; seine Unentschiedenheit ist eher ein heftiges Schwanken, und dabei trägt er ein bisschen zu dick auf.

Aber geschenkt. The Undoing  ist ein nervenzerfetzender Psychotriller, eindrucksvoll bebildert und hervorragend besetzt – ein Muss für alle Freunde des Genres.

4946040The Undoing

Thriller-Serie nach dem Roman Du hättest es wissen können von Jean Hanff Korelitz

Trailer

The Undoing bei Amazon


Im Streaming-Labyrinth

Neulich, als die Pandemie begann und ich Theater, Kino und Konzerte schmerzlich vermisste, veranstaltete ich bei Amazon Prime Video meine ganz private Chabrol-Retrospektive.  Das Angebot war vielfältig, es wurden für Prime-Kunden einige kostenlose Titel angeboten, der Rest war zu leihen und zu kaufen. Neben dem Wiedersehen mit bekannten Filmen gab es auch noch einiges für mich zu entdecken: Vor Einbruch der Nacht beispielsweise hatte ich noch nie gesehen. Wunderbar!

Jetzt wollte ich die Erfahrung mit Truffaut wiederholen. Dann kam der Schock: Sämtliche Truffaut-Titel, die bei Amazon vor kurzem noch gestreamt werden konnten, sind derzeit als ‘nicht verfügbar’ gelistet. Die Internet-Recherche ergab, dass Truffau aktuell über die Rakuten-App gesehen werden kann. Rakuten wird allerdings weder von meinem Philips-Fernseher noch vom Amazon-App-Store angeboten. Fündig wurde ich durch Zufall auf  meiner X-Box-Spielkonsole, als ich dort die Sky-App aktivierte, um mir Mare of Easttown mit der wundervoll griesgrämigen Kate Winslet anzuschauen. Eine Alternative wäre auch, Tablet und TV zu verbinden, sei es drahtlos oder mit HDMI-Kabel. Lässt sich alles hinfriemeln. Ich habe erst mal verzichtet, denn vielleicht liegen die Rechte ja nächsten Monat schon wieder ganz woanders.

Streaming war mal ein großes Versprechen: alles, überall, jederzeit. Aber wie so vieles, was am Internet damals, als die Zukunft noch utopisch war, gehypt wurde, sieht die Streaming-Realität eher trübe aus. Immer mehr Anbieter drängen auf den Markt und wollen ein Stück vom Kuchen – Netflix, Disney, Apple, DAZN, Magenta, you name it. Dabei wird mit harten Bandagen gekämpft, und die schärfste Waffe sieht man offenbar in der Bindung von Abonnenten mittels Exklusivrechten. Was der Eine hat, soll der Andere nicht haben.  Und was Du nicht abonniert hast, sollst Du nicht sehen. Deshalb hat Amazon soeben MGM gekauft. Und der nächste Mega-Deal ist vermutlich bereits in Planung. Mein Eindruck ist, dass Rechteinhaber früher bereitwilliger Lizenzen erteilt haben. Heute werden sie gehütet wie die Dracheneier in Game of Thrones.  So kommt es, dass man Sky abonniert (und gleich wieder kündigt), um sich Der Pass anzuschauen, und anschließend das nächste Monatsabo bei Disney eingeht, weil die Liebste Gefallen an Baby Yoda gefunden hat und The Mandalorian nur dort zu sehen ist. Bestimmt gibt es auch Menschen, die ihre Abos laufen lassen. Da kommt mit der Zeit einiges zusammen. Ich möchte nicht die Rechnung sehen.

Ich habe mir die Streamingdienste früher naiv als riesige Filmbibliotheken vorgestellt, in denen alles zu haben ist, was das Herz (und das Auge) begehrt. Aber vielleicht frisst der Erfolg ja seine Kinder. Und vielleicht sehen die Anbieter dann ein, dass man mit Teilen im Sandkasten besser klarkommt. Wer Lizenzen hat, soll sie ja nicht verschenken. Aber bei ‘seinem’ Anbieter das Gesuchte zu finden, ist doch eigentlich nicht zu viel verlangt. Zumindest der Fundus der Filmgeschichte sollte allgemein verfügbar und (gegen Bezahlung) zu sehen sein, ohne dass man gezwungen wird, ständig neue Apps zu aktivieren und die lästigen Anmeldungs- und Kündigungsprozeduren zu absolvieren.

Jonas Karlsson – Das Zimmer

Björn, den Ich-Erzähler des kurzen Romans von Jonas Karlsson, als Sonderling zu bezeichnen,  wäre stark untertrieben. Zunächst scheint es, als wäre er irgend so ein Einzelgänger, der Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Menschen hat; ein Pedant, der das Pech hat, dass sich seine Weltsicht mangels zwischenmenschlicher Kommunikation nicht mit dem Denken Anderer abgleicht und deshalb zu Verschrobenheit wird. Doch nachdem er von seinem Arbeitsplatz in eine ominöse Behörde hochgelobt (beziehungsweise abgeschoben) wurde, entdeckt er das Zimmer. Es liegt auf dem Gang vor dem Großraumbüro, zwischen dem Lift und den Toiletten. Eigentlich ist es nicht viel anders als sein Arbeitsplatz; es gibt darin einen Schreibtisch, einen Stuhl, einen Schrank, einen Lampe und allerlei Büroutensilien. Doch allem ist eine nahezu mystische Vollkommenheit zu eigen. Während er sich von seinen Kollegen verunsichert und bedrängt fühlt, findet Björn im Zimmer Ruhe und Kraft. Zusammen mit der hübschen jungen Frau von der Rezeption erlebt er bei der Weihnachtsfeier sogar einen Moment ekstatischen Glücks. Pech nur, dass er allein den Eingang des Zimmers sehen und hindurchtreten kann.

Das alles wird erzählt in klaren, einfachen, aber niemals trivialen Sätzen. Aus akribisch geschilderten Details setzt sich das Bild eines beliebigen Großraumbüros zusammen, ein Ort der öden Verrichtungen, der kleinlichen Geplänkel und Reibereien. Nach etwa dreißig Seiten meint man nicht nur, man könne dem Protagonisten die Diagnose stellen, Zwangsneurose mit autistischen Zügen und psychotischen Tendenzen etwa, sondern man befürchtet,  die Geschichte könne sich so fortsetzen und selbst die gerade mal 173 großzügig  bedruckten Seiten seien womöglich noch zu lang.

Doch dann kommt plötzlich Dynamik auf. Dass ihr Kollege Björn immer mal wieder minutenlang weggetreten im Flur an der Wand lehnt, verunsichert die Kollegen und bringt sie auf gegen den Außenseiter. Ihr Widerstand verstärkt sich, als sie vom verborgenen Zimmer erfahren. Der Fall schein klar, siehe obige Diagnose. Doch dann schnappt sich Björn, ermüdet von den Idiotenjobs, mit denen man ihn beschäftigt, eine Akte seines Tischnachbarn, nimmt sie mit in das Zimmer und formuliert den gewünschten ‘Rahmenbeschluss’. Das gelingt ihm überraschend gut, und schon steht der vermeintliche Versager als Bürostar da.

Allmählich wird dem Leser klar, dass er ein kleines Juwel in Händen hält, eine Geschichte voller Überraschungen, Wendungen und Spiegelungen. Denn so wie Björns Arbeitsrealität sich in der Vollkommenheitsutopie des Zimmers spiegelt, spiegelt sich in der Trostlosigkeit des Büros auch etwas Allgemeineres. So heißt es an einer Stelle: “Mehr Menschen sollten lernen, ihre schlechten Seiten zu sehen. Das Schlechte ist uns allen gemeinsam. Wie heißt es so schön in Ekelöfs Gedicht: ‘Was das Seichte in Dir, ist auch das Seichte bei anderen.” Man denkt an Kafka und Beckett, und wenn erörtert wird, ob das Zimmer, das Björn sieht, aber die anderen nicht, vielleicht doch ‘ein bisschen’ vorhanden ist, kommt einem unwillkürlich Schrödingers bedauernswerte Katze in den Sinn, die gleichzeitig tot und lebendig ist. Ein großer kleiner Roman.

Jonas Karlsson
Das Zimmer, Roman

Aus dem Schwedischen von Paul Berf

Luchterhand 2016

Jonas Karlsson bei Amazon

Aravind Adiga – Der Weisse Tiger

Wer beim Lesen des Titels an Fritz Langs Abenteuerklassiker Der Tiger von Eschnapur denken sollte, liegt falsch. Mit der idealisierten Maharadschapracht des Films und den Klischees von Sadhu-Mystizismus, Goa-Freizügigkeit und Taj-Mahal-Romantik, die in den Köpfen so mancher Indientouristen spuken mögen, hat das Buch nichts gemein. Was Adiga in seinem erstaunlichen Erstling auftischt, ist harte Kost.

Der Weisse Tiger ist ein Briefroman. Genauer gesagt, er besteht aus einem einzigen langen Brief, den Balram Halwai an den Ministerpräsidenten Chinas ‘in Peking, der Hauptstadt der freiheitsliebenden Nation China’ in mehreren Nächten verfasst. Anlass ist der geplante Besuch des Ministerpräsidenten in Indien.  Bei der Gelegenheit dürfte die indische Regierung das Land als aufstrebende asiatische Fortschrittsnation präsentieren, als leuchtendes Beispiel des freien Wirkens von Kapital und Wissen. Alles Lügen, findet Balram. Er fühlt sich als erfolgreicher Taxiunternehmer berufen, dem hohen Besuch reinen Wein über das indische Unternehmertum  einzuschenken und ihm den ein oder anderen Tipp mitzugeben. Im Folgenden erzählt er seine haarsträubende Gesichte, mit dreistem Sendungsbewusstsein, derbem Humor und einem schonungslosen Blick auf die finsteren Seiten des Landes.

Geboren im kleinen Dorf Laxmangarh, sind seine Aussichten alles anderes als rosig. Die Eltern haben keine Zeit, ihm einen Namen zu geben, deshalb ist er Munna, der Junge. In der Schule gibt es nicht viel zu lernen; der Lehrer schläft tagsüber seinen Rausch aus, die Schuluniformen und Lehrmaterialien verkauft er, weil das Gehalt ausbleibt. Da ist die Anstellung im Teehaus als Kohlenknacker schon ein echter Karrieresprung. Ganz nebenbei erhält er beim Stimmenkauf  für die nächste Wahl auch seinen Namen, denn Wähler brauchen einen, ob gekauft oder nicht. Aber Balram will sich mit dem vorgezeichneten Weg nicht zufriedengeben. Er wird Fahrer  und landet mit seinem Herrn in Delhi – von der Finsternis ins Licht. Aber dieses Licht wirft harte Schatten. Unter jeder luxuriösen Wohnanlage für die Reichen gibt es einen fensterlosen Keller, die Behausung der Bediensteten,  in der es Kakerlaken von der Decke regnet. Und hinter jeder prachtvollen Shopping-Mall liegt ein schäbiger Markt für die Armen. Wenn Balram seinen Herrn beim Abheben von Bestechungsgeld von Geldautomat zu Geldautomat und mit seiner attraktiven New Yorker Frau durchs Nachtleben der Stadt kutschiert, werden beide Welten, die der Herren und die der Diener, in krassen Bildern ausgeleuchtet. Manche dieser Bilder brennen sich unvergesslich ein: die Mutter auf dem zu kleinen Arme-Leute-Scheiterhaufen am Ganges, die einfach nicht verbrennen will; der verletzte Hund, der sich wie rasend im Kreis dreht, weil er vergeblich nach der offenen Wunde in seiner Flanke schnappt; die Obdachlosen, die auf dem Bürgersteig wohnen; die roten Paanflecken, die auf den Boden gespuckt werden. Aber die Diener mucken nicht auf, denn sie haben ihre Rolle verinnerlicht, Sie sind wie die Hühner in den gestapelten Käfigen auf dem Markt, die lethargisch zusehen, wie ihre Leidgenossen geschlachtet und ausgenommen werden. Der Hühnerkäfig ist Adigas Sinnbild für ein Indien geprägt von Korruption, Unwissenheit, Aberglaube, Dreck und Gewalt.

Balram aber will anders sein. Er ist der weiße Tiger, entschlossen, aus seinem Käfig auszubrechen. Er ist der unerbittliche Beobachter, der amoralische Freiheitskämpfer in eigener Sache. Um sein Ziel zu erreichen, ist ihm kein Preis zu hoch, und wenn es sein muss, opfert er sogar seine siebzehnköpfige Familie. Am Ende gleicht der Diener seinem verhassten Herrn. Erst ganz zum Schluss dieses flott erzählten, bitterbösen Schelmenromans, endlich Chef seines eigenen Taxiunternehmes und stolzer Besitzer gleich dreier Kronleuchter, beschließt Balram, es besser zu machen, ein bisschen jedenfalls. Deshalb zahlt er der Familie des überfahrenen Radfahrers freiwillig eine Entschädigung, nachdem die bestochene Polizei die Anzeige abgewimmelt hat. Mehr Läuterung wäre zum Schluss auch unglaubwürdig gewesen.  Balrams Geschichte ist leider alles andere als das.

Wer sich für das ungeschminkte  Indien interessiert, dem seien noch zwei weitere großartige Bücher empfohlen: Das Gleichgewicht der Welt von Rohinton Mistry und Bombay: Maximum City von Suketu Mehta.

Aravind Adiga
Der Weisse Tiger, Roman

Aus dem Englischen von Ingo Herzke

C. H. Beck 2017

A. Adiga bei Amazon

Un-Su Kim – Die Plotter

Raeseng, gefunden in einer Mülltonne, aufgewachsen in einer Bibliothek, wird mit siebzehn Jahren Profikiller. Wir lernen ihn kennen bei der Ausführung eines Auftrags. Zielperson ist ein alter General. Raeseng beobachtet durchs Zielfernrohr, wie er im Garten Blumen gießt, liebevoll an den Blüten schnuppert und mit seinem  Hund  spielt. Doch er drückt nicht ab, warum weiß er selbst nicht. Stattdessen verkriecht er sich in seinem Zelt im Wald, wo er vom spazierengehenden General angesprochen und in dessen Haus eingeladen wird. Daraus entwickelt sich ein netter Abend  mit Gesprächen, rustikalem Mahl und reichlich Alkohol – ein kleines Fest der Gastfreundschaft. Am nächsten Abend blickt Raeseng erneut durchs Zielfernrohr, und diesmal drückt er ab und erschießt Hund und alten Mann.

Schauplatz des Romans ist Südkorea. Auftragsmorde sind an der Tagesordnung, der zuständige Wirtschaftszweig wird als Fleischmarkt bezeichnet. Tracker spüren die Zielperson auf und sammeln Informationen, Plotter planen den exakten Tatablauf, Cleaner räumen den Tatort auf und eliminieren die Killer, die versagt haben oder zu alt geworden sind für ihren Job. Entsorgt werden sie wie die Leichen ihrer Opfer in Bears Tierkrematorium. Ausgehandelt werden die Geschäfte in Old Racoons Bibliothek. Wieso wird er nicht als Alter Waschbär vorgestellt? Die englischen Bezeichnungen irritieren ein wenig. Da die deutsche Übersetzung auf der englischen Vorlage beruht, bleibt unklar, wie es sich mit dem koreanischen Originaltext verhält. Doch das ist nicht die einzige Merkwürdigkeit dieses Thrillers.

Kim interessiert sich genreuntypisch vor allem für das Periphere. Er erzählt ausschweifend und abschweifend, stattet seine meist skurrilen Figuren verschwenderisch mit Eigenschaften aus, illustriert sie mit Anekdoten, Rückblenden und koreanischen Sprichworten (Man kann sich nicht in die Hose scheißen, nur weil das Klo schmutzig ist.) Raesengs Bierwoche (alles Essbare aus dem Kühlschrank räumen, Bierdosen reinpacken) widmet er ein ganzes ausführliches Kapitel, desgleichen der oben erwähnten Bibliothek oder Raesengs zarter Affäre mit einer Fabrikarbeiterin. Diese Episode ist besonders berührend. Vorübergehend gezwungen,  mit falscher Identität in der Fremde unterzutauchen, heuert er in einer Fabrik an und lernt dort eine junge Frau kennen. Sie kommen sich näher, ziehen zusammen. Das neue Leben zieht Raeseng in seinen Bann. Doch als Old Racoon meldet, die Luft sei wieder rein, vernichtet er noch am selben Tag alle Spuren, kehrt zurück nach Seoul und nimmt sein altes Leben wieder auf. Eine psychologische Erklärung wird nicht angeboten. Ganz generell enthält Kim sich der wohlfeilen Tiefenpsychologie, mit der gängige Thriller ihre Monstrositäten verdaulich zu machen suchen. Kims Erzählweise ist so unpsychologisch, wie der Fleischmarkt, der ‘kapitalistischste aller Märkte’, amoralisch ist. Aber vielleicht ist ‘unpsychologisch’ auch nicht das richtige Wort, denn der Leser gewinnt tiefen Einblick in Raesengs Gefühlswelt und Denkweise. Vielleicht ist es treffender zu sagen, dass Kim nicht schematisiert, sondern seinen Geschöpfen ihr Geheimnis lässt.

Übrigens hat das Buch auch einen Handlungsfaden: Raeseng findet in der Bierwoche eine Bombe in seiner Kloschüssel, und Old Racoon bekommt mit dem jungen Hanja einen Rivalen, der ihm seine Stellung streitig macht. Es droht ein Krieg der Unterweltler. Als Raeseng sich auf die Suche nach dem Bombenbauer macht, gerät seine festgefügte Welt zusehends aus dem Lot. Der Killer, der nie etwas anderes sein wollte, beginnt sich zu wandeln und wird vom Befehlsempfänger zum Handelnden. Dass das nicht gutgehen kann, ahnt man. Thrillermäßige Hochspannung im üblichen Sinn stellt sich dabei nicht ein, doch das ist bei diesem ungewöhnlichen, äußerst lesenswerten  Roman fast schon nebensächlich.

Un-Su Kim
Die Plotter, Roman

Aus dem Englischen von Rainer Schmidt

Europa Verlag 2018

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