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Für immer Adaline – Zur Unsterblichkeit verdammt

Nach News gesucht, bei Film hängengeblieben und plötzlich gebannt, obwohl auf den ersten Blick alles nach belangloser Schmonzette aussieht. Es heißt ja, alle guten Geschichten seien bereits erzählt und würden nur noch nacherzählt, beziehungsweise variiert und rekombiniert. Das gilt insbesondere für Geschichten über potenziell Unsterbliche wie etwa Melmoth der  Wanderer in dem Roman von Charles Robert Maturin, der Highlander aus dem gleichnamigen Film von Russell Mulcahy oder auch der Gerichtsmediziner Henry H. Morgan aus der Fernsehserie Forever, ganz zu schweigen von den vielen Unsterblichen auf Zeit, die in murmeltiertaghaften Zeitschleifen gefangen sind und denen sich die Wiederkehr des Immergleichen zu einer mehr oder weniger langen Ewigkeit dehnt. Je nach Veranlagung leben sie den Traum von zügellosem Hedonismus und maßlosem Reichtum, häufen Wissen an oder machen sich nützlich. Meist probieren sie unterschiedliche Lebensentwürfe aus, mal erfolgreich, mal scheiternd, und verzweifeln regelmäßig an ihrer Einsamkeit und Langeweile.

Auch die Geschichte der 1908 geborenen Adaline Bowman (Blake Lively) gehört zu diesem Genre. Mit ihrem Ehemann, einem Ingenieur, der am Bau der Golden Gate Bridge beteiligt ist, hat sie eine Tochter. Kurz nachdem er tödlich verunglückt, kommt sie mit dem Wagen von der Straße ab und stürzt in einen eiskalten Fluss. Ein Blitz erweckt sie aus ihrer katatonischen Starre, und fortan altert sie nicht mehr. Die pseudowissenschaftliche Erklärung des Phänomens kann man getrost vergessen. Adaline versucht ihr Leben zunächst fortzuführen wie bisher, doch als das FBI sich für sie zu interessieren beginnt, flieht sie und wechselt fortan alle zehn Jahre Identität und Wohnsitz. Traumatisch ist der Verzicht auf ihre zweite große Liebe in den siebziger Jahren,  Von emotionalen Verstrickungen hält sie sich fern, allein zu ihrer alternden Tochter hält sie Kontakt. Anstatt zu verzweifeln, kultiviert sie einen gefassten Fatalismus, lernt Sprachen, liest viel und bestreitet ihren Lebensunterhalt mit normalen Jobs. Erst im Alter von 107 Jahren wagt sie es, sich erneut zu verlieben – und begegnet kurz darauf ihrer gealterten Jugendliebe, was sie vor neue harte Entscheidungen stellt. So weit, so unspektakulär.

Doch Lively gelingt es, die Figur der Adaline unaufdringlich, subtil und überzeugend mit einer Tiefe auszustatten, die ihr wahres Alter immer wieder durchscheinen lassen. Die Wirkung des Film verdankt sich aber vor allem der unaufgeregten Ernsthaftigkeit, mit der er Adaline durch ihr langes Leben folgt. Hier ist weniger mal wieder mehr. Krieger, der Regisseur, lässt das alte Thema in neuem Licht erscheinen. So hat man das Gefühl, diese  Geschichte von der Unsterblichkeit werde zum allerersten Mal erzählt, was den Film zu einer berührenden Erfahrung macht. Dass Harrison Ford als alte Liebe auftritt, ist dabei ein Extra-Schmankerl.

Für Immer Adaline - Film streamen | Sky Store

Für immer Adaline (The Age of Adaline)

Regie: Lee Toland Krieger, 2015

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John le Carré – Silverview

Eine junge Frau, Lily, überbringt jn London einen Brief ihrer todkranken Mutter Deborah an Proctor, den Chef des britischen Geheimdienstes. ‘In einem kleinen Küstenstädtchen irgendwo an den äußeren Gestaden von East Anglia’ bekommt Julian, Ex-Broker und seit kurzem stolzer, wenn auch nicht unbedingt kenntnisreicher Besitzer einer Buchhandlung, Besuch von Edward, einem alten Freund seines verstorbenen Vaters. Edward begeistert Julian für den Plan, im Keller seiner Buchhandlung eine ‘literarische Republik’ auszurufen: sechshundert wegweisende Bücher an einem Ort versammelt. Sein besonderes Interesse gilt freilich den Computern, die es für das Projekt anzuschaffen gilt …

Damit ist das Spiel eröffnet. Le Carré beschwört das klassische Inventar des Spionagethrillers herauf, inklusive Codenamen, schillernder Agentenführer, konspirativer Treffen und einer Begegnung in Englands supergeheimen Atomwaffenbunkern. Irgendwie geht es wieder mal um alles, doch in die Karten schauen lässt er uns nicht. So erfahren wir nie, was in dem Brief stand, den Deborah durch ihre Tochter übermitteln lässt. Auch viele andere Details bleiben im Dunkeln.  Das geheimdienstliche Treiben schildert le Carré mit ironischer Distanz. Mehr zu interessieren scheinen ihnen die ‘höflichen Sprachknäuel’, mit denen seine Figuren einander umtanzen, und die nicht minder verschlungenen Biographien, in denen sie gefangen sind.

Silverview ist le Carrés Alterswerk, erschienen erst nach seinem Tod im Jahr 2020. Und es ist ein augenzwinkernder Abschied von der obskuren Nebenwelt, um die sein gesamtes literarisches Werk kreist und die er nun zurückzulassen scheint. Der Alte gibt die Stafette gewissermaßen an die Jungen ab, verkörpert durch Lily und Julian, die sich um die Regeln des Geheimdienstes ebenso wenig scheren wie der Autor um die einst ehernen Regeln des Spionageromans. Dabei bleibt er sich selbst doch treu und feiert die Literatur in kunstvoll verschlungenen Dialogen und einer Sprache, die keinen Umweg scheut. In einer Zeit, da so mancher Autor bereits bei Verwendung des Semikolons Rechtfertigungsdruck verspürt, wirkt das wundervoll subversiv.

John le Carré war ein großer Autor, und ich persönlich bedaure, dass  ich ihn nach ‘Der Spion, der aus der Kälte kam’, mit dem er 1963 den literarischen Durchbruch schaffte, aus dem Blick verloren habe. Es gibt viel nachzuholen.

John le CarréSilverview : Le Carre, John: Amazon.de: Bücher
Silverview (Silverview)

Aus dem Englischen von Peter Torberg

Ullstein 2021

John le Carré bei Amazon

Hilary Mantel – Brüder

Mantels 1100-Seiten-Roman Brüder  (A Place of Greater Safety),  bereits in den Siebzigerjahren begonnen und erst 1992 auf Englisch und auf Deutsch erschienen, erzählt die Geschichte der Französischen Revolution. Nun ist es ja so eine Sache mit historischen Romanen: Sie malen die bisweilen trockene Wahrheit der Geschichtsbücher in lebendigen Farben und nachempfundenen Szenen aus, die man, wenn das Unternehmen glückt, für die Wirklichkeit nimmt. Dass sich dabei Ausgedachtes mit Belegtem mischt, geht da bisweilen unter. Dieses Dilemmas ist sich auch die Autorin wohl bewusst und spricht es im Vorwort deutlich an – um es gleich darauf mit ihrer Erzählkunst vergessen zu machen.

Drei Personen stehen im Zentrum des Romans; Camille Desmoulins, Georges Danton und Maximilien de Robespierre. Sie sind die drei titelgebenden Brüder im Geiste. Alle drei stammen aus der Provinz, absolvieren eine Anwaltsausbildung und nehmen in der Revolution eine herausragende Stellung ein.

Demoulins, ein stotternder, aufmüpfiger Junge mit herausragender Intelligenz, wird von den Eltern auf ein Pariser Internat geschickt, wo er sich mit Robespierre anfreundet und durch die Literatur der Aufklärung (Rousseau) in seiner monarchiekritischen Haltung bestärkt wird. Später wird er zum scharfzüngigen Herausgeber von Zeitungen und Autor aufrührerischer Pamphlete.  Er ist es, der die hungernde, zornige Menge 1789 zum Sturm auf die Bastille anfeuert. Zusammen mit Danton und Robespierre leitet er den Tuileriensturm und das Septembermassaker von 1792 in die Wege, dem mehr als tausend angebliche Royalisten und Verschwörer zum Opfer fallen. Der auch heute wieder besonders in rechten Kreisen beliebte Volkswille, Rousseaus  naive Fiktion einer einheitlichen Gemeinschaft, die alle gesellschaftlichen Widersprüche in sich auflöst, zeigt hier erstmals seine blutige Fratze. Die drei Brüder stehen hier noch eng beisammen; Camille, der wilde Theoretiker und Schreiber; Danton, der Mann, der die umstürzenden Verhältnisse auch als Gelegenheit ansieht, sich zu bereichern und seiner Lebenslust zu frönen; und der anfangs so rechtschaffene, idealistische Robespierre, der mit seinem Wohlfahrtsausschuss zum Inquisitor mutiert. Der Terror wird zu Staatspolitik erhoben, die Revolution frisst ihre Kinder. Es entwickelt sich eine Eigendynamik, die aus Antreibern Getriebene macht und alle Ideale, auch das hehre Revolutionsmotto Liberté, Égalité, Fraternité, in ihr Gegenteil verkehrt. Jeder beargwöhnt jeden, Verschwörungen werden aufgedeckt und erfunden, mit demagogischen Reden vor dem Volkskonvent suchen die Fraktionen Unterstützer, um den Gegner zu eliminieren, und das heißt, ihn der Guillotine zu überantworten. Camille bekommt kalte Füße und versucht zusammen mit Danton den Terror zu beenden, doch da ist es bereits zu spät. Die Institutionen sind zerschlagen, Recht und Gesetz zur Farce geworden. Das Biest der Revolution duldet keinen Reiter mehr.

Mantel zeichnet diese Entwicklung bis zum Jahr 1794 als vielstimmiges Wimmelbild, mit ausgedehnten, nuancenreichen Dialogen voller Witz, die zeitverbunden wirken, aber niemals historisierend, sondern quicklebendig. Der Fokus liegt auf der Lebenswirklichkeit der großen und kleinen Protagonisten. Lucile, Camilles scharfsichtige Ehefrau, kommentiert Ehe, Politik und Revolutionsmode, der Henker beklagt sich über seine Arbeitsbelastung, Marie Antoinette sieht im Kerker der Hinrichtung entgegen, de Sade räsoniert über wahrgewordene Blutfantasien, Camilles Vater schämt sich für seinen missratenen Sohn, die Politiker intrigieren, was das Zeug hält. Wie das Brechtsche epische Theater bricht Mantel immer wieder den Erzählstrom, lässt Zitate aus Dokumenten, Zeitungen und Reden einfließen, macht Anmerkungen zu Brotpreis und Tagelöhnersold, als wollte sie den Leser daran erinnern, dass alles Fleisch auf dem Gerippe der Fakten Fiktion ist.

Bei all den politischen Gruppierungen, den Hébertisten, Sansculotten, Cordeliers, Girondisten und so weiter kann man schon mal den Überblick verlieren und wünscht sich, die großen Linien , so es sie denn gibt, träten deutlicher hervor, die erste ausgearbeitete Verfassung würde stärker gewürdigt und Frankreichs Krieg mit den Kontinentalmächten ein wenig ausführlicher geschildert, doch das ist Erbsenpickerei. Mantels Roman Brüder  ist eine faszinierende Lektüre mit historischem Erkenntniszugewinn und macht mächtig Lust auf ihre vielgerühmte Chromwell-Trilogie.

Hilary Mantel
Brüder (A Place of Greater Safety)

Aus dem Englischen von Kathrin Rhazum und Sabine Roth

Dumont 2012

Hilary Mantel bei Amazon

Dune – mit Maus und Wurm

Als David Lynch 1984 seine Dune-Version ins Kino brachte, war die Enttäuschung groß; zu gewaltig das Panorama, das Frank Herbert in der Buchvorlage ausmalt,  und zu wackelig die Filmkulissen, zu krude die Effekte und vor allem zu klein der Sandkastenwurm, der das Finale bestreiten musste.

Frank Herberts Dune erschien unter dem Titel Der Wüstenplanet erstmals 1967 auf Deutsch, fünf Folgebände kamen hinterher. Für viele, auch für mich, war dies eines der großen  SF-Leseerlebnisse. Die Handlung spielt in ferner Zukunft und setzt 10290 Jahre nach Gründung der Raumfahrergilde ein. Tausende von Menschen besiedelte Planeten sind über die ganze Galaxis verteilt. Beherrscht werden sie von den Häusern, auf Erbfolge beruhenden Familien, und über allen thront der Imperator. Ein großer Dschihad hat die Computer und künstlichen Intelligenzen ausradiert. Allein mit Hilfe der psychotropen Droge Spice sind die Raumfahrer in der Lage, ihre Schiffe mit Überlichtgeschwindigkeit durch den Hyperraum zu manövrieren.  Der Imperator entzieht nun dem Haus Harkonnen das Lehen für den Wüstenplaneten Arrakis und bestimmt das Haus Atreides zu dessen neuem Herrscher – eine bedeutsame Entscheidung, da dort das Spice gewonnen wird. Also steht ein Umzug an. Die Familie Atreides fliegt nach Arrakis. Um das Wüstenvolk der Femen zur Zusammenarbeit zu bewegen, wurde das Gerücht gestreut, Paul, der Sohn des Herzogs, sei der neue Mahdi oder Messias. Das könnte sogar etwas dran sein, denn Paul hat Wahrträume, und im Hintergrund zieht seine Mutter die Strippen. Sie gehört dem Nonnenorden der Bene Gesserit an, der mit allerlei okkulten Ritualen und Psychotricks seine eigenen Ziele verfolgt.

Ökologie, Ressourcenknappheit, Kolonialismus, Personenkult, Dschihadismus, antiwissenschaftliche Maschinenstürmerei, Esoterik und Mystizismus – viele der Themen, die Frank Herbert anspricht, sind heute aktueller denn je. Und Villeneuve ist ein wundervoller Regisseur. Deshalb stimmt bei ihm vieles, zum Beispiel das Verhältnis zwischen Groß und Klein, also den Weltraum- und Planetenszenen auf der einen und den eindrucksvoll inszenierten Dialogen und Details wie dem windbewegten rieselnden Wüstensand oder der putzigen Maus auf einem Dünenkamm auf der anderen Seite.  An CGI-Kapazität herrscht kein Mangel, deshalb erschafft er imposante Landschaften, frappierend realistisch wirkende Libellenflügler und eine Überwältigungsarchitektur, die irgendwo zwischen Mayatempeln und Albert-Speer-Gigantismus angesiedelt ist. Doch den riesigen, meist düsteren Hallen wohnt, um mit Hermann Hesse zu sprechen, ‘kein Zauber inne’, sondern eine große Leere. Die Häuser sind doch reich, wieso statten die Adeligen ihre Betonburgen dann nicht mit Kunstwerken und Luxus aus?  Und um gleich weiter zu fragen: Weshalb sind auch die Raumschiffe so groß und leer? Sind die Aufhebung der Gravitation, Körperschilde und interstellarer Raumflug, Spice hin oder her, ohne Computertechnik überhaupt denkbar? Wovon leben eigentlich die bis zu vierhundert Meter langen Sandwürmer? Und war es wirklich nötig, das durch und durch böse Haus Harkonnen auch noch auf einem verregneten Planeten anzusiedeln?

Es ist, als wollte Hans Zimmer mit seinem dröhnenden Soundtrack diese Fragen schon im Ansatz ersticken. Aus anderer Perspektive aber machte die Akustikattacke durchaus Sinn, kam es mir nach zwei Jahren Corona-Pause doch so vor, als wohnte ich, untermalt von Pauken und Trompeten, dem Untergang des Kinos bei. Dune, vorab zum Post-Corona-Hoffnungsträger der Kinobranche gehypt, vermochte den Saal einen Tag nach der Premiere jedenfalls nicht mal zu einem Drittel zu füllen. Für die einen dürfte der Film zu ‘langsam’ sein, für die anderen zu verschwurbelt. Die größte Katastrophe aber war das Seherlebnis: Das Bild so ungewohnt kontrastarm, die Projektion unscharf, die Sitznachbarn, obwohl auf Abstand platziert, so laut. Der ketzerische Gedanke ging mir durch den Sinn, dass die Immersion vor dem heimischen Fernseher womöglich besser gewesen wäre. Lag es am Realitätsschock nach langer Corona-Enthaltsamkeit? Oder wird das Streamen dem Kino den Garaus machen? Ist Vereinzelung angesagt statt Gemeinschaftserlebnis? Sind wir dazu verdammt, unser TV-Equipment immer weiter hochzurüsten, bis wir real und virtuell nicht mehr unterscheiden können?

Die Zukunft wird es erweisen. 

Dune - Film 2021 - FILMSTARTS.deDune

Regie: Denis Villeneuve 2021

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Patricia Highsmith – Das Zittern des Fälschers

“Die Wüste verändert einen”, sagt Howard Ingham irgendwann. Der Prozess ist im Roman zu besichtigen. Zunächst aber herrscht Ferienstimmung. In einem kleinen Städtchen in Tunesien erwartet der Schriftsteller Ingham in einem Luxushotel das Eintreffen eines New Yorker Regisseurs, mit dem zusammen er ein Drehbuch entwickeln möchte. Doch der lässt ebenso auf sich warten wie die Post seiner Verlobten Ina. Also macht er Urlaub, schwimmt im Meer und schließt Bekanntschaft mit dem dänischen Maler  Jensen und dem Amerikaner Adams, einem bibelfesten Propagandisten des American Way of Life. Fünfzig Seiten lang geschieht beinahe nichts. Man ahnt, dass die Idylle nicht von Dauer ist, und Ingham ahnt es auch. Seine Nachfragen an der Hotelrezeption werden erst hektischer, dann versiegen sie allmählich.

Die Dinge geraten in Bewegung. Inghams Zeitgefühl löst sich auf, und er beginnt einen Roman mit dem Arbeitstitel Das Zittern des Fälschers. Der Regisseur hat sich in Inghams Wohnung umgebracht,  Ina hatte eine Affäre mit ihm. Jensens Hund verschwindet, und Ingham wirft einem Einbrecher seine Schreibmaschine an den Kopf. Der Mann bricht vor der Tür zusammen, die Hotelboys schleifen ihn fort. Ingham weiß nicht mit Sicherheit, ob der Eindringling tot ist, doch er nimmt es an. Für ihn hat das keine Konsequenzen. Was ist wichtig, was unwichtig? Er ist nicht nicht mehr sicher. Jensen sagt, der tote Araber sei nicht mehr wert als ein Floh. Das erscheint ihm plausibel. Befindet er sich nicht in einer fremden Welt, in der andere Maßstäbe gelten?

Wie um seinen Verwandlungsprozess zu beschleunigen, zieht Ingham zu Jensen ins Araberviertel. Die Beziehung zu dem schwulen Mann ist das eigentliche Zentrum des Romans. Während Ingham grübelt, was sein Wertesystem legitimiert und ob er nicht in der Lage sei, aus sich heraus autonom seine eigenen Werte zu schaffen, findet er bei dem nihilistischen Jensen Halt. Die homoerotische Komponente ihrer Beziehung ist dabei, wie vieles im Roman, nur angedeutet. Das Trinken aus einer Flasche bei einem Wüstenausflug ist auch schon der intimste Moment, den sie teilen. Überhaupt ist die Subtilität der Erzählung staunenswert. Nicht nur bleibt die große Katastrophe aus, in die Highsmith-Romane für gewöhnlich münden; alle Figuren sind ohne Wertung mit all ihrer Uneindeutigkeit und ihren Widersprüchen gezeichnet. Gedankengänge schlagen blitzschnell in ihr Gegenteil um. Selbst der tumbe, aufdringliche Adams, der heute vermutlich ein fanatischer Trumpist wäre, erweist sich immer wieder als sympathische, mitfühlende Person, und die arabischen Nachbarn, zunächst der Tötung von Jensens Hund verdächtigt, betrachtet Ingham am Ende auf einmal als ‘Freunde’.

Im lesenswerten Nachwort analysiert der Herausgeber Ingendaay akribisch die kunstvolle Komposition des Romans. Davon merkt man beim Lesen nichts; das heißt, man merkt es schon, wird sich dessen aber erst im Nachhinein bewusst. Nicht zufällig erschien Das Zittern des Fälschers 1969 nicht als Genreroman, sondern in der Hauptreihe ihres Verlages. Der amerikanische Herausgeber schrieb ihr, sie sei eine ‘große Schriftstellerin’. Wohl wahr.

Patricia Highsmith
Das Zittern des Fälschers (The Tremor of Forgery)

Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren

Diogenes 2002

Patricia Highsmith bei Amazon

Alex Michaelides – Die verschwundenen Studentinnen

Tragik liegt in der Luft

In seinem Erstling Die stumme Patientin  verblüfft Michaelides mit einem Stunt in Form zweier parallel erzählter Handlungsstränge, die vom Leser  in derselben Zeitebene angesiedelt werden. Dass sie ‘in Wirklichkeit’ zeitlich versetzt spielen, erschließt sich erst zum Schluss und lässt die Geschichte in ganz neuem Licht erscheinen. Die Wirkung ist frappierend und lohnt allein schon die Lektüre. Jetzt ist Michaelides’ zweites Buch erschienen, und es stellt sich die Frage, ob es dem Autor gelingt, an seinen frappierenden Erstling anzuschließen.

Jedenfalls bleibt er bei seinen bewährten Leisten. Nach dem Psychotherapeuten Faber in Die stumme Patientin steht diesmal die Gruppentherapeutin Mariana Andros im Mittelpunkt. Als eine Kommilitonin ihrer Nichte und Ziehtochter Zoe ermordet wird, reist Mariana zu ihr nach Cambridge, um  ihr beizustehen, und bleibt, um auf eigene Faust Ermittlungen anzustellen. Schon bald hat sie sich auf einen undurchsichtigen Professor versteift, der Griechisch unterrichtet und einem Geheimbund junger Studentinnen vorsteht, genannt ‘Die Mädchen’. Das Mordopfer kommt aus diesem Kreis, und bald ist auch schon das zweite Mädchen. Weitere Zutaten zu der Geschichte sind gewichtige Zitate von Tennyson und Shakespeare, die griechischen Tragödien mit besonderer Betonung auf Euripides, die romantischen Gemäuer und stillen Höfe von Cambridge, ein eifersüchtiger Patient, der Mariana nachstellt, ein zudringlich-charmanter Physikstudent, ein auffälliger Portier und eine dreiste Reinemachfrau. Doch das Gericht mag nicht recht schmecken. Für Mariana, die sehr auffällig ihrem auf Naxos (!) verstorbenen Mann nachtrauert, gilt das Motto ‘Denn sie weiß nicht, was sie tut’. Ihre Ermittlungsbemühungen wirken unbeabsichtigt tapsig, ihr psychologischer Durchblick ist durch eine beschlagene Brille getrübt, und wenn es knifflig wird, ist sie hilflos und muss schon mal weinen. In der Rolle der Ermittlerin ist sie eine glatte Fehlbesetzung. Dass der oben erwähnte Professor von Anfang an als Hauptverdächtiger aufgebaut wird, ist der Spannung ebenfalls nicht zuträglich, weiß man doch, dass er den ungeschriebenen Gesetzen der Kriminalliteratur nach der Täter nicht sein kann.

Leider ist die aus dem Ruder gelaufene Gruppensitzung vom Anfang des Buches bereits eine der spannendsten Episoden. Und es ist klar, dass sich der erzählerische Trick aus dem ersten Buch nicht wiederholen lässt. Stattdessen offenbaren sich am Ende haarsträubende Verwicklungen, die eher Kopfschütteln als emotionale Betroffenheit auslösen. Das gilt übrigens auch für den deutschen Titel. ‘Verschwunden’ sind die Studentinnen nämlich nicht wirklich, werden sie doch recht schnell aufgefunden, wenn auch tot. Der neutrale englische Titel ‚The Maidens  trifft es besser.

Alex Michaelides
Die verschwundenen Studentinnen (The Maidens)

Aus dem Englischen von Kristina Lake-Zapp

Droemer 2021

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Brian Greene – Bis zum Ende der Zeit

Wie schon in Der Stoff aus dem der Kosmos ist und Die verborgene Wirklichkeit, nimmt Brian Greene auch in Bis zum Ende der Zeit wieder das  größte erforschbare Ganze in den Blick, nämlich den Kosmos aus physikalischer Sicht, diesmal ergänzt mit einer umfassenden Darstellung von Entstehung und Evolution von Leben und Bewusstsein.

Daraus ergibt sich logischerweise eine Dreiteilung. Der erste Teil des Buches beginnt mit dem Urknall und schildert die daran anschließende überlichtschnelle Ausdehnung des Raums (Inflation), die Kondensation der Energie zu Wasserstoff, die Verdichtung der Gasmoleküle zu Sonnen, die Zündung der Kernfusion und die Bildung von Filamenten und  Galaxien. Im letzten Teil  schließlich nimmt er die Zukunft des Kosmos in den Blick und beschreibt dessen Alterung bis zum Ausbrennen der letzten Sterne, dem Erstarren jeder Bewegung im Zustand maximaler Entropie und schließlich dem Zerreißen der Atome und Elementarteilchen. Dies entspricht dem derzeit  von der Mehrheit der Wissenschaftler favorisierten kosmologischen Konzept der von Dunkler Energie angetriebenen beschleunigten Expansion des Universums. Auch wenn die Darstellung aufgrund der Konzeption des Buches weniger in die Tiefe geht als bei seinen beiden oben genannten Büchern, läuft Greene als Mathematiker und Physiker bei diesen Themen zu Hochform aus und erweist sich wieder einmal als ein Meister des populären Sachbuchs. Seine Fähigkeit, komplizierte Sachverhalte zu veranschaulichen, zeigt sich auch hier. Auch die offenen Fragen der Grundlagenphysik werden angesprochen: Bislang weiß niemand, was genau sich hinter den Begriffen Dunkle Energie und Dunkle Materie verbirgt. Es könnte auch sein, dass es sie gar nicht gibt und dass stattdessen bislang unbekannte Gravitationseffekte für die mit ihnen erklärten Phänomene verantwortlich sind. Ebenso vorläufig ist auch das Konzept der beschleunigten Expansion. Möglich wäre unter bestimmten Bedingungen auch ein zyklisches Universum, in dem die Expansionsgeschwindigkeit irgendwann wieder abnimmt und  in Kontraktion übergeht, worauf ein  weiter Urknall folgen könnte. Dass Greene Schwach- und Leerstellen der Forschung anspricht und Vertretern anderer Deutungen Raum gibt, ist einer seiner vielen Vorzüge.

Der mittlere Teil hat mich weniger überzeugt. Vielleicht liegt es daran, dass Greene hier den sicheren Boden seines Fachgebiets verlässt. Wenn er die Bildung der ersten sich selbst replizierenden Moleküle schildert, macht sich das noch kaum bemerkbar, doch wo es um Bewusstsein, Sprache, Religion, Literatur und Musik geht, wird ein gewisser Schematismus erkennbar: dieser Forscher sagt dies zum Thema, jener das. Die vorgestellten Wissenschaftler mögen den aktuellen Forschungsstand repräsentieren, und die Auswahl der Zitate scheint treffend, doch es mangelt ein bisschen an der sonstigen Stringenz, auch wenn Greene konsequent den evolutionären Selektionsvorteil als Leitfaden verwendet.  

Ein Kritikpunkt

Greene, der sich selbst als Reduktionisten bezeichnet, ist ein Vertreter des Super-Determinismus. Für ihn gibt es nur Teilchen und Schwingungen, die physikalischen Gesetze und eine Kausalkette, die vom Urknall bis in die Gegenwart reicht. Das Kausalitätsprinzip gilt in dieser Interpretation auch für die Welt der Quanten. In letzter Konsequenz bedeutet dies, dass die Gegenwart bis in ihre kleinsten Verästelungen hinein im Ausgangspunkt angelegt ist. Der kleine Arbeitsplatz, an dem ich diesen Post tippe, der Teefleck vor mir auf der Tischplatte und der Kater, der mich in diesem Moment mit seinen grünen Augen fragend anschaut, das alles wäre demnach prädeterminiert, eine notwendige Folge der Ausgangsbedingungen . Selbst die Gedanken, die ich denke und die von der Teilchenanordnung, den elektrischen Strömen und Feldern meines Gehirn erzeugt werden, wären zwangsläufig. Für freien Willen ist in dieser Welt kein Platz. Konzepte wie Schuld, Verantwortung, Kreativität würden fadenscheinig, und wir wären nichts weiter als die Beobachter eines Schauspiels, das bereits vor 13,8 Milliarden Jahren bis ins allerkleinste Detail festgelegt worden wäre. Es ist wohl nicht falsch, dieses Konzept als Wiederauflage des mechanistischen Weltbilds unter Einbeziehung der Quantenmechanik zu bezeichnen. Da es weder verifizierbar noch falsifizierbar ist, handelt es sich um Spekulation. Ich finde Vorstellung so grauenhaft, dass mir im Vergleich selbst die Fron des Sisyphus als Selbsterfahrungsurlaub erscheint. Greene selbst gibt zu, deprimiert und erschüttert gewesen zu sein, als er während des Studiums zu dieser Erkenntnis gelangte. 

Dass einem eine Erkenntnis nicht behagt, ist natürlich kein Argument dafür, dass sie falsch ist. Und leider fehlt es mir als Laien am nötigen Wissen, um kompetent argumentieren zu können. Allerdings leuchtet mir nicht ein, weshalb auch die Quantenwahrscheinlichkeiten kausal bedingt sein sollen. Wurde die Theorie der verborgenen Variablen nicht längst verworfen? Kurzum: Ich lehne den Superdeterminismus aus ganzem Herzen ab. Die Gegenpositionen hat Greene meiner Meinung nach nicht ausreichend berücksichtigt. Es soll aber nicht verschwiegen werden, dass auch er so lebt und schreibt, als gäbe es den Superdeterminismus nicht, und dass diese These im weiteren Verlauf des Buches keine große Rolle mehr spielt. 

Was ich gelernt habe

Diese beiden Dinge waren unter anderem neu für mich.

Erstens: Die Dichte eines Schwarzen Lochs nimmt mit steigendem Radius ab. Ein Schwarzes Loch mit der viermilliardenfachen Sonnenmasse hätte demnach gerade mal die Dichte der Luft, die wir atmen. Trotzdem hätte es einen Ereignishorizont. Das widerspricht der landläufigen Vorstellung eines gierigen, hochverdichteten schwarzen Monsters völlig. Erstaunlich!

Zweitens: Die Sache mit den Boltzmann-Gehirnen im Kapitel über die Zukunft des Denkens. Stellt man sich das Ende des Kosmos als leeren Raum mit zerfallenen Teilchen vor, hätte diese Leere einen Horizont, der Strahlung abgibt, vergleichbar der Hawking-Strahlung, die Schwarze Löcher mit der Zeit verdampfen lässt. Wäre der Endzustand von ‘ewiger’ Dauer, würden die in der Leere der Unendlichkeit umherschwirrenden Teilchen sich irgendwann begegnen und nach und nach alle möglichen Konfigurationen annehmen, darunter auch die eines mit Pseudoerinnerungen ausgestatteten Gehirns. Gruselig! Greene liebt solche Gedankenspiele, auch wenn sie nicht sonderlich plausibel sind.

Fazit

Leibniz’ große Frage ‘Warum ist überhaupt etwas und nicht nichts?’ kann das Buch natürlich nicht beantworten.  Aber es beschreibt anschaulich das kosmische Schauspiel, in dem wir als ameisenhafte Kreaturen das Rätsel unserer Existenz in den Blick nehmen. Trotz der oben aufgeführten Kritik kann ich Bis zum Ende der Zeit empfehlen. Wer sich allerdings speziell für Kosmologie interessiert, der ist mit Der Stoff, aus dem der Kosmos ist  besser bedient.

Ein Tipp

Wem Leibniz’ Frage keine Ruhe lässt, der sei auf die Vorlesung Was war vor dem Urknall von Prof. Ganteföhr von der Uni Konstanz verwiesen; allgemeinverständlich und unterhaltsam eröffnet sie einen hochinteressanten Ausblick auf ein neues Konzept von Gaßner, wonach der Urknall auf die Quantenfluktuation eines höherdimensionalen Raums zurückzuführen ist. Die Reise geht weiter.

Brian Greene: Bis zum Ende der Zeit. Siedler Verlag (Hardcover)

Brian Greene
Bis zum Ende der Zeit

Aus dem Englischen von Sebastian Vogel

Siedler 2020

Brian Greene bei Amazon

The Undoing – auf dem schmalen Grat

Im Zentrum der sechsteiligen Mini-Serie von HBO steht eine Familie wie aus dem Bilderbuch der Reichen und Schönen, und entsprechend idyllisch gestaltet sich der Auftakt, mit dem die Protagonisten eingeführt werden: Grace Fraser (Nicole Kidman), makellos attraktiv wie eh und je,  ist emsige Mutter, aufmerksame Ehefrau und kluge Psychotherapeutin, ihr Ehemann Jonathan (Hugh Grant), Kinderchirurg auf der Krebsstation, ist nie um einen Scherz verlegen und weint im Ehebett, wenn er einen seiner jungen Patienten verloren hat, Sohn Henry (Noah Jupe) ist Musterschüler an einer elitären Privatschule, die 50000 Dollar im Jahr verlangt, und Franklin Reinhardt, grandios gespielt von Donald Sutherland, hier gütiger Großvater und Nicoles umsichtig sorgender Vater, sitzt nachts, wenn der Portwein im Glas leuchtet,  am Flügel mit dem Schachbrett im Hintergrund. Das alles macht durchaus Sinn. Schließlich sehen wir gern schöne Menschen in perfekt sitzender Kleidung in dunkle Limousinen und Hubschrauber steigen, in edlen Restaurants dinieren und in teuren Fitnessclubs trainieren. Außerdem, und das ist bei einem Thriller nicht belanglos, ist die Fallhöhe größer; wer mit den Adlern fliegt, kann sehr tief stürzen.

Natürlich erweist sich die geradezu paradiesische Harmonie als schöner Schein, und die High-Society-Idylle zerbröselt. Jonathan hat eine Geliebte, die grausam verunstaltet tot aufgefunden wird. Da er in derselben Nacht verschwindet, ist er auch bald schon der Hauptverdächtige. Bereits in Folge zwei wird er verhaftet, und die Handlung steuert auf den eigentlichen Höhepunkt zu, die Gerichtsverhandlung. Hier entpuppt sich die Serie als klassischer Whodunit-Plot. Dass nahezu jede und jeder im Dunstkreis des Opfers in den Kreis der Verdächtigen rückt, kennt man aus vielen Tatorten. Hier ist es meisterhaft umgesetzt. Dass die Serie den Zuschauer dazu bringt, am Ende sogar Kindern die Tat mit dem Hammer zuzutrauen, ist das, was man von einem guten Thriller erwarten darf, nämlich dass er einem den Teppich unter den Füßen wegzieht. Genau das leistet The Undoing. Von der Schauspielern verlangt dies, auf dem schmalen Grat der Unentschiedenheit zu wandeln. Nicole Kidman gelingt das mit anstrengungsloser Perfektion. Ihr nimmt man das Familientier ebenso gläubig ab wie die eiskalte Intrigantin. Der grimassierende Hugh Grant als Jonathan meistert das weniger gut; seine Unentschiedenheit ist eher ein heftiges Schwanken, und dabei trägt er ein bisschen zu dick auf.

Aber geschenkt. The Undoing  ist ein nervenzerfetzender Psychotriller, eindrucksvoll bebildert und hervorragend besetzt – ein Muss für alle Freunde des Genres.

4946040The Undoing

Thriller-Serie nach dem Roman Du hättest es wissen können von Jean Hanff Korelitz

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Im Streaming-Labyrinth

Neulich, als die Pandemie begann und ich Theater, Kino und Konzerte schmerzlich vermisste, veranstaltete ich bei Amazon Prime Video meine ganz private Chabrol-Retrospektive.  Das Angebot war vielfältig, es wurden für Prime-Kunden einige kostenlose Titel angeboten, der Rest war zu leihen und zu kaufen. Neben dem Wiedersehen mit bekannten Filmen gab es auch noch einiges für mich zu entdecken: Vor Einbruch der Nacht beispielsweise hatte ich noch nie gesehen. Wunderbar!

Jetzt wollte ich die Erfahrung mit Truffaut wiederholen. Dann kam der Schock: Sämtliche Truffaut-Titel, die bei Amazon vor kurzem noch gestreamt werden konnten, sind derzeit als ‘nicht verfügbar’ gelistet. Die Internet-Recherche ergab, dass Truffau aktuell über die Rakuten-App gesehen werden kann. Rakuten wird allerdings weder von meinem Philips-Fernseher noch vom Amazon-App-Store angeboten. Fündig wurde ich durch Zufall auf  meiner X-Box-Spielkonsole, als ich dort die Sky-App aktivierte, um mir Mare of Easttown mit der wundervoll griesgrämigen Kate Winslet anzuschauen. Eine Alternative wäre auch, Tablet und TV zu verbinden, sei es drahtlos oder mit HDMI-Kabel. Lässt sich alles hinfriemeln. Ich habe erst mal verzichtet, denn vielleicht liegen die Rechte ja nächsten Monat schon wieder ganz woanders.

Streaming war mal ein großes Versprechen: alles, überall, jederzeit. Aber wie so vieles, was am Internet damals, als die Zukunft noch utopisch war, gehypt wurde, sieht die Streaming-Realität eher trübe aus. Immer mehr Anbieter drängen auf den Markt und wollen ein Stück vom Kuchen – Netflix, Disney, Apple, DAZN, Magenta, you name it. Dabei wird mit harten Bandagen gekämpft, und die schärfste Waffe sieht man offenbar in der Bindung von Abonnenten mittels Exklusivrechten. Was der Eine hat, soll der Andere nicht haben.  Und was Du nicht abonniert hast, sollst Du nicht sehen. Deshalb hat Amazon soeben MGM gekauft. Und der nächste Mega-Deal ist vermutlich bereits in Planung. Mein Eindruck ist, dass Rechteinhaber früher bereitwilliger Lizenzen erteilt haben. Heute werden sie gehütet wie die Dracheneier in Game of Thrones.  So kommt es, dass man Sky abonniert (und gleich wieder kündigt), um sich Der Pass anzuschauen, und anschließend das nächste Monatsabo bei Disney eingeht, weil die Liebste Gefallen an Baby Yoda gefunden hat und The Mandalorian nur dort zu sehen ist. Bestimmt gibt es auch Menschen, die ihre Abos laufen lassen. Da kommt mit der Zeit einiges zusammen. Ich möchte nicht die Rechnung sehen.

Ich habe mir die Streamingdienste früher naiv als riesige Filmbibliotheken vorgestellt, in denen alles zu haben ist, was das Herz (und das Auge) begehrt. Aber vielleicht frisst der Erfolg ja seine Kinder. Und vielleicht sehen die Anbieter dann ein, dass man mit Teilen im Sandkasten besser klarkommt. Wer Lizenzen hat, soll sie ja nicht verschenken. Aber bei ‘seinem’ Anbieter das Gesuchte zu finden, ist doch eigentlich nicht zu viel verlangt. Zumindest der Fundus der Filmgeschichte sollte allgemein verfügbar und (gegen Bezahlung) zu sehen sein, ohne dass man gezwungen wird, ständig neue Apps zu aktivieren und die lästigen Anmeldungs- und Kündigungsprozeduren zu absolvieren.