Archiv der Kategorie: Lifestyle

Im Streaming-Labyrinth

Neulich, als die Pandemie begann und ich Theater, Kino und Konzerte schmerzlich vermisste, veranstaltete ich bei Amazon Prime Video meine ganz private Chabrol-Retrospektive.  Das Angebot war vielfältig, es wurden für Prime-Kunden einige kostenlose Titel angeboten, der Rest war zu leihen und zu kaufen. Neben dem Wiedersehen mit bekannten Filmen gab es auch noch einiges für mich zu entdecken: Vor Einbruch der Nacht beispielsweise hatte ich noch nie gesehen. Wunderbar!

Jetzt wollte ich die Erfahrung mit Truffaut wiederholen. Dann kam der Schock: Sämtliche Truffaut-Titel, die bei Amazon vor kurzem noch gestreamt werden konnten, sind derzeit als ‘nicht verfügbar’ gelistet. Die Internet-Recherche ergab, dass Truffau aktuell über die Rakuten-App gesehen werden kann. Rakuten wird allerdings weder von meinem Philips-Fernseher noch vom Amazon-App-Store angeboten. Fündig wurde ich durch Zufall auf  meiner X-Box-Spielkonsole, als ich dort die Sky-App aktivierte, um mir Mare of Easttown mit der wundervoll griesgrämigen Kate Winslet anzuschauen. Eine Alternative wäre auch, Tablet und TV zu verbinden, sei es drahtlos oder mit HDMI-Kabel. Lässt sich alles hinfriemeln. Ich habe erst mal verzichtet, denn vielleicht liegen die Rechte ja nächsten Monat schon wieder ganz woanders.

Streaming war mal ein großes Versprechen: alles, überall, jederzeit. Aber wie so vieles, was am Internet damals, als die Zukunft noch utopisch war, gehypt wurde, sieht die Streaming-Realität eher trübe aus. Immer mehr Anbieter drängen auf den Markt und wollen ein Stück vom Kuchen – Netflix, Disney, Apple, DAZN, Magenta, you name it. Dabei wird mit harten Bandagen gekämpft, und die schärfste Waffe sieht man offenbar in der Bindung von Abonnenten mittels Exklusivrechten. Was der Eine hat, soll der Andere nicht haben.  Und was Du nicht abonniert hast, sollst Du nicht sehen. Deshalb hat Amazon soeben MGM gekauft. Und der nächste Mega-Deal ist vermutlich bereits in Planung. Mein Eindruck ist, dass Rechteinhaber früher bereitwilliger Lizenzen erteilt haben. Heute werden sie gehütet wie die Dracheneier in Game of Thrones.  So kommt es, dass man Sky abonniert (und gleich wieder kündigt), um sich Der Pass anzuschauen, und anschließend das nächste Monatsabo bei Disney eingeht, weil die Liebste Gefallen an Baby Yoda gefunden hat und The Mandalorian nur dort zu sehen ist. Bestimmt gibt es auch Menschen, die ihre Abos laufen lassen. Da kommt mit der Zeit einiges zusammen. Ich möchte nicht die Rechnung sehen.

Ich habe mir die Streamingdienste früher naiv als riesige Filmbibliotheken vorgestellt, in denen alles zu haben ist, was das Herz (und das Auge) begehrt. Aber vielleicht frisst der Erfolg ja seine Kinder. Und vielleicht sehen die Anbieter dann ein, dass man mit Teilen im Sandkasten besser klarkommt. Wer Lizenzen hat, soll sie ja nicht verschenken. Aber bei ‘seinem’ Anbieter das Gesuchte zu finden, ist doch eigentlich nicht zu viel verlangt. Zumindest der Fundus der Filmgeschichte sollte allgemein verfügbar und (gegen Bezahlung) zu sehen sein, ohne dass man gezwungen wird, ständig neue Apps zu aktivieren und die lästigen Anmeldungs- und Kündigungsprozeduren zu absolvieren.

ARD Buffet – Tollhaus der Möglichkeiten

Vermutlich gehe ich nicht fehl in der Annahme, dass kulturell Interessierte einen weiten Bogen um das ARD Buffet machen. Viele haben vermutlich noch nicht einmal davon gehört. Das ist bedauerlich, denn der Banalitätennebel, den die Moderatoren schwadenweise verströmen, ersetzt nicht nur eine Handvoll Baldriparan-Pillen. Er ist ein nur scheinbarer. Tatsächlich klafft in dieser Sendung ein breiter Riss im Vorhang des Gewohnten. In der Kreativ-Rubrik ist er am weitesten. Was selbstbegeisterte Blumenfuzzis und emsige Basteltanten hier anstellen, sprengt die Grenzen der Vorstellungskraft. Wenn ein Rodelschlitten zum Wandregal umgesägt wird oder eine Klopapierrolle zum Platzkartenhalter für festliche Gelegenheiten mutiert, wird eine neue Wirklichkeit sichtbar, die den Zuschauer in einen kaleidoskopischen Synapsentaumel versetzt. Kein Ding ist nur das, was es ist, sondern gleichzeitig auch das, woran niemand je gedacht hat. In diesem Tollhaus der Möglichkeiten vollführt die Fantasie die putzigsten Kapriolen. Ein Muss für alle Freunde des bewusstseinserweiternden Fernsehkonsums.

Zum Nachbauen: Garderobe aus altem Schlitten

Das ARD Buffet läuft an manchen Tagen von 12 Uhr 15 bis 13 Uhr. An den anderen Tagen läuft es nicht.

Copyright: ARD

Red Dead Redemption II – Der Ruf des Wilden Westens

1 – Angespielt

Eins vorweg: Ich bin kein Zocker. Eine Partie Schach oder einen zünftigen Doppelkopfabend ziehe ich dem Gaming am Bildschirm allemal vor. Meine Erfahrungen mit Computerspielen lassen sich mühelos an einer Hand abzählen und endeten alle in einer Sackgasse. Bei Leisure Suit Larry irrte ich  Larry auf der Straßeverwirrt und unbeweibt auf der Straße herum, bei Space Quest blieb ich in einer Weltraumfahrerkneipe hängen, ohne jede Aussicht auf den Erwerb eines Raumschiffs, und bei Mafia, meinem dritten Versuch, war in einer Kirche Schluss – der geweihte Boden war zwar gepflastert mit Leichen, wie die Storyline es verlangte, doch ich konnte den verdammten Ausgang nicht finden. Vermutlich hatte ich irgendwas Essentielles übersehen und hätte einen früheren Spielstand laden müssen, um das Versäumte nachzuholen – Nachsitzen am Computer, nicht mein Ding. Das Spiel war unflexibel und dumm.

Jetzt also ein neuer Versuch mit Red Dead Redemption II. Die enthusiastischen Rezensionen in den Feuilletons renommierter Publikationen wie FAZ, ZEIT und NYT waren mir Anlass genug, mal etwas tiefer in die Tasche zu greifen. Eine XBox One X mit Wasserkühlung und einem Terabyte Speicherplatz sollte es schon sein, wegen des im Vergleich zur PS4-Konsole leiseren Laufs und XBox Controllerder zu erwartenden besseren Grafikleistung mit 4K-Auflösung und UHD-Unterstützung, um endlich mal die Fähigkeiten meines Fernsehers so richtig auszureizen. Im Black-Friday-Angebot zu 379 Euro war Shadow of the Tomb Raider dabei, Gelegenheit, mal ein bisschen den Umgang mit der neuen Technik einzuüben (die Lieferung von RDR II sollte noch 2 Tage auf sich warten lassen). Die erste Überraschung: das haptische Feedback des Controllers. Mit Gebrumm und Gerüttel verpasst er dem Flugzeugabsturz in der Eingangssequenz des Spiels eine unerwartet dramatische Note.  Die zweite Überraschung: Das ist ja fast wie im Film! Flüssiger Bildlauf, keine Artefakte, viele Details. Nach einem kurzen Aufenthalt bei einem grellbunt inszenierten mexikanischen Totenfest geht’s hinunter in eine unterirdische Pyramide. Da warten natürlich jede Menge Fallen. Also ducken, springen, klettern, abseilen, tauchen, Gegenstände Lara hat etwas gefundensammeln. Lara wirkt, ich sag’s mal so, sympathisch und nimmt trotz eifrigster Sammelei nicht an Körperumfang zu. Sie trägt auch keinen Rucksack, aber egal. Ich lerne, die richtigen Knöpfe zum richtigen Zeitpunkt zu drücken. Das Spiel speichert automatisch nach jeder haarigen Situation. Wenn man eine Turnübung versemmelt hat und einen der vielen Tode gestorben ist, geht es also zügig weiter mit einem neuen Anlauf zur Hindernisbewältigung. Diese permanente Wiedergeburt kam mir schon bei meinem Mafia-Experiment unlogisch vor. Und nachdem der erste Wow-Effekt abgeklungen ist, fühle ich mich wie die Versuchsperson in einem erweiterten Lernexperiment für Affen. Leider erweise ich mich als ziemlich lernresistent. Zum Glück gibt’s Hilfe im Internet in Form von Komplettlösungen. An der abstrusen Geschichte und den peinlichen Dialogen ändert das freilich nichts. Mir wird langweilig, und im Kopf macht sich wattige Leere breit. Also warten auf RDR II.

Dann ist es da. Und wieder Wow! Auch hier ruckelt nichts, Framerate und Auflösung lassen keine Wünsche offen, und der Einstieg in die Geschichte ist beeindruckend. Die Handlung spielt 1899, der Wilde Westen ist fast schon Vergangenheit, und am fernen Horizont lodern die Schlote der Industrialisierung. Es ist Winter. Planwagen und ein paar Reiter bahnen sich einen Weg durch einen Schneesturm: verfrorene Gesichter, heulender Wind, die klirrende Kälte nahezu greifbar. Doch das sind keine Siedler, sondern eine von den Hütern des Gesetzes gejagte Gang. Zuflucht bietet eine leerstehende Farm. Eines der Bandenmitglieder ist unterwegs verstorben und wird von meinem alter Ego Arthur Morgan mit bewegenden Worten verabschiedet. Schon in dieser Szene zeigt sich, wie stimmig die Dialoge sind. Ich schalte die deutschen Untertitel aus, die lenken zu sehr ab. Dann geht es auch schon auf Nahrungssuche. Die Konsolensteuerung wird eingeübt. In einer anderen nahe gelegenen Farm werden wir fündig, doch andere Bösewichter waren schon vor uns da. Es kommt zum ersten Feuergefecht: Waffe ziehen, zielen, schießen, nachladen. Was Computerkids vermutlich nur ein müdes Grinsen entlockt, ist für mich alles andere als eine leichte Übung. So ähnlich hat sich vermutlich seinerzeit meine Mutter gefühlt, als ich ihr die Bedienung einer Maus beizubringen versuchte. Aber da muss ich durch. Bei der sich anschließenden Begegnung mit Wölfen stellt sich heraus, dass auch hier die Spielfigur sterben kann. Vermutlich wird sie es im Laufe dieses epischen Spiels noch viele Male tun. Aber irgend etwas ist anders als bei Lara Croft. Das Game fühlt sich erwachsener an. Die von 200 Tierarten bevölkerte Natur wirkt authentisch, die Detailfülle ist frappierend. Überall kreucht und fleucht, huscht und krabbelt es, das Gras und das Laub bewegen sich im Wind, das Wetter wechselt ständig, die Kleidung wird schmutzig und beim Baden im Fluss wieder sauber. Streichelt man einen Hund, wedelt er bei der nächsten Begegnung freundlich mit dem Schwanz. Die Siedlungen sind bevölkert von Leuten, die scheinbar eine eigene Agenda haben. Die Spielfiguren zeigen im Rahmen ihrer engen Programmierung Ansätze von Charakter, und Arthur Morgan ist bemerkenswert ‘gebrochen’: ein mal humorvoller, mal zynischer Halunke mit Reibeisenstimme und ausbaufähigem menschlichem Kern. Im Laufe der Zeit lerne ich jagen und häuten, sitze am pittoresken Lagerfeuer und erkunde die Landschaft. Hin und wieder pokere ich im Saloon mit zwielichtigen Gestalten. Für Falschspieler habe ich da was am Gürtel. Gewinne ich, gönne ich mir einen Besuch beim Friseur. Meinen eigentlichen Job lasse ich vorerst schleifen. Überfälle sind nicht so mein Ding. Aber mal sehen, was noch passiert.

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2 – Ausgespielt

Was macht einen großen Western aus? Er ist episch und tragisch und stellt das menschliche Streben, Irren und Scheitern in eine großartige Landschaftskulisse, die dem unausweichlichen Verhängnis eine tröstliche Schönheit verleiht.

Dies alles trifft auf Red Dead Redemption II zu, und in diesem Sinne – und nicht nur in diesem – ist es eine große Westernerzählung. Die New York Times hat recht: Die pralle Schönheit der Natur, die komplexen Charaktere und lebendigen Dialoge, die Inszenierung, Kameraführung, das Licht und nicht zuletzt die kongeniale Musik machen dieses Game zu einem Kunstwerk. Blicke ich auf das Spielgeschehen zurück, sehe ich eine lange Kette großer und kleiner Ereignisse, manche bizarr und komisch, einige nervenzerfetzend spannend, andere rührend oder dramatisch. Nicht ohne einen gewissen Stolz kann ich sagen, dass ich mich bemüht habe, meine Spielfigur Arthur Morgan so anständig durch das Geschehen zu führen, wie es unter den Prämissen des Spiels möglich ist. Arthur hat Hunde gestreichelt, Pferde gestriegelt, Blinden Geld gespendet und einen entlaufenen Sträfling von seinen Fußfesseln befreit, was freilich erst bei der zweiten Begegnung gelang, da es ihm bei der ersten im Gebrauch des Schießeisens noch an Übung mangelte. Er hat 10.12.2018_22-08-56-scwevfzkEntführte befreit, umgekippte Kutschen aufgerichtet, verirrte Ladies in die Stadt zurückgebracht und an der Seite der Indianer gegen eine skrupellose Erdölfirma gekämpft. Er hat einem kleinen Jungen geduldig das Angeln beigebracht und beim Schuldeneintreiben auch schon mal ein Auge zugedrückt. Er ist wunderbaren Charakteren begegnet: der amazonenhaften Sadie Adler mit dieser umwerfend brüchigen Stimme, dem versoffenen Uncle, dem wortkargen Indianer Charles und vielen anderen. Und ja, er war auch an Zugüberfällen, Bankraub und Diebstahl beteiligt. Wenn Dutch, der Anführer der Outlawbande, einen verwegenen Plan vorstellte, der es seiner ‚Family‘ endlich ermöglichen sollte, die Verfolger dauerhaft abzuschütteln und irgendwo, am besten auf Tahiti, ein neues, ehrliches Leben zu begegnen, hat er nicht nein gesagt, sondern mitgemacht, obwohl er seinen Versprechungen immer weniger glauben konnte. Arthurs Sarkasmus wurde entsprechend beißender, und während die Bande zerfiel, schwand seine Hoffnung, bis nichts mehr davon übrigblieb. Doch auch als bei ihm Tuberkulose diagnostiziert wurde (damals eine unbehandelbare Krankheit mit tödlichem Ausgang), ritt er unermüdlich weiter. Es tat weh, seinen körperlichen Verfall mitzuerleben, und es war aufwühlend, seinem letzten Aufbäumen beizuwohnen.

Im Nachhinein bedaure ich, nicht genug Zeit in der Spielwelt verbracht zu haben. Zweieinhalb Monate mögen viel erscheinen, doch es gab so viel mehr zu tun und zu entdecken. Ich hätte mich am Trapperleben versuchen und offener sein sollen für Begegnungen mit Fremden. Und auch die eine oder andere Pokerpartie habe ich versäumt. Und ich denke mit einer gewissen Sehnsucht an die langen Ritte bei Tag und bei Nacht zurück, an die Regenschauer und Gewitter, den funkelnden Sternenhimmel über dem Lagerfeuer. Ich habe gelesen, es gebe eine Fast-Travel-Funktion, die es ermöglicht, im Handumdrehen von Ort zu Ort zu reisen. Also ehrlich: Wer die benutzt, versäumt das Beste.

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Copyright der Bilder aus RDR II: Rockstar Games

Cover-Verschwörung

Book Cover Challenge bei Facebook:

Poste eine Woche lang jeden Tag das Cover eines Buches, das Dir etwas bedeutet. Keine Erläuterung, kein Kommentar, nur das Cover. Und nominiere täglich eine andere Person.

Das Kettenbriefprinzip liegt auf der Hand. Zweifellos sind die Challenges Teil eines perfiden Plans, Facebook in einer explosionsartig anschwellenden Flut geposteter Cover zu ertränken und letztlich lahmzulegen. Buchdeckel statt Katzencontent – nun, es gibt Schlimmeres, und je nachdem, von wem man nominiert wird, kann man schlecht ablehnen. Wie sich herausstellte, machte es mir sogar Spaß zu überlegen, welche Bücher mir etwas bedeuten und warum dieses mehr als jenes. Hinzu kommt, dass man die Cover in einen Zusammenhang stellen und versteckt kommentieren kann.

Hier meine Auswahl:

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2017 – Mein Jahr

Wie das Jahr war? Nun, es gab wenig Schnecken. Im Vorjahr machten die schleimigen Weichtiere jeden Spaziergang zum Slalomlauf (ja, ich weiche Schnecken aus!) und knabberten sich durch die Blumenpracht des Gartens. Dieses Jahr gab es kaum welche – fast war man geneigt, die sporadischen Einzelgänger als Überlebende zu begrüßen. Ebenfalls bemerkenswert, dass die Kapuzinerkresse, die 2016 den Raupen zum Opfer gefallen war, diesmal bis in den Oktober hinein blühen durfte.

Und dann war da Trump. Ich muss gestehen, dass ich ein wenig besessen von ihm war. Seine Tweets, abgefeuert aus dem Zentrum des amerikanischen Wahnsinns, erreichten mich auch ohne eigenen Twitter-Account mit enervierender Regelmäßigkeit. Nach der Inaugurationsrede, mit der er Dampfmaschinenkapitalismus als Zukunftsvision zu verkaufen suchte und die wie eine Drohung an Freund wie Feind rüberkam, gab es einfach kein Entkommen mehr. Meine Fassungslosigkeit darüber, dass ein kompetenzfreies Großmaul amerikanischer Präsident Trumswwerden kann, dass ein rückwärtsgewandter, bauchgesteuerter Populist ohne Respekt vor Verfassung, Demokratie und dem Unterschied zwischen Wahrheit und Lüge im Weißen Haus eine Clique aus Familienangehörigen, Karrieristen und Jasagern um sich schart, die so manche Oligarchendikatur in den Schatten stellt, erneuerte sich zuverlässig von Mal zu Mal. Die Fernsehnachrichten machten es auch nicht besser; seine Körpersprache und Mimik waren für mich ein rotes Tuch, dagegen kam ich nicht an. Erkenntnisgewinn versprachen zahllose politische Artikel, soziologische Analysen und psychologische Ferndiagnosen. Ich habe viele gelesen. Das meiste erschien mir zutreffend. Aber schlauer bin ich letztlich nicht geworden.

„Meine Unterstützer sind so klug. Das sagen auch die Umfragen. Sie zeigen, dass ich die loyalsten Anhänger habe. Wussten Sie das schon? Ich könnte quasi mitten auf der 5th Avenue stehen und jemanden erschießen, und würde trotzdem keine Wähler verlieren. Okay?! Das ist unglaublich!“

Ja, Mr. President, das ist unglaublich. Man nennt es wohl Vasallentreue. Was müsste geschehen, damit das ihm ergebene Drittel der amerikanischen Bevölkerung von seinem selbstgewählten Führer abfällt? Ich mag es mir nicht vorstellen und nehme Zuflucht bei Bertolt Brecht: Nur die dümmsten Schafe wählen ihre Schlächter selber. Offenbar befindet sich das politische System der USA in einer tiefen Krise. Die unheilvolle Allianz aus evangelikalem Fundamentalismus, einem vom Großkapital finanzierten Wahlkampf und interessengesteuertem Verblödungsfernsehen haben eine Wahrnehmungsblase erzeugt, in der Menschen ihr Fell nicht verkaufen, sondern mit Freuden verschenken, nur weil sie dazu ermuntert werden, die Sau ihrer Ressentiments rauzulassen.

Ich habe die amerikanische Politik nie unkritisch gesehen, aber trotz aller Fehler und Irrtümer war da im Innern immer auch ein Leuchten, das gespeist wurde von den Idealen der amerikanischen Verfassung und das seinen Widerschein fand in der Vitalität der im besten Sinne populären Kultur, der Literatur, der Musik und dem Film. Jetzt ist dieses Leuchten nur noch ein Glimmen. Aber dennoch: Außer dem Auftrieb, den Trump der Satirebranche verschafft hat, scheint er noch etwas anderes Gutes bewirkt zu haben, das zeigt der Ausgang der Wahlen in den Niederlanden und in Frankreich. Sein Rechtspopulismus ohne Maske kommt in Europa weniger gut an als bei ihm daheim. Vielen und auch mir hat seine America-First-Litanei verstärkt bewusst gemacht, wie wichtig es ist, dass die europäischen Länder politisch und wirtschaftlich mit gemeinsamer Stimme sprechen, denn nur zu gern würden die Trumps dieser Welt uns bilateral in die Mangel nehmen. Dass nach dem Brexit allerorten mit Begeisterung EU-Fähnchen geschwenkt werden, ist auch Pulse of Europe zu verdanken – eine tolle Initiative!

Und weiter mit dem Positiven. Nach Arrival im Vorjahr hat Villeneuve sich mit Blade Runner 2049 erneut als bildmächtiger  Weltenbauer erwiesen, der sich mehr für gedanklichen Hintergrund interessiert als für oberflächliche Action. Das war ein echtes Filmhighlight, von dem ich noch eine Weile zehren werde. Das gleiche gilt für meinen Lanzarote-Urlaub. Die Flugreise ist ja vong Morahl her in manchen Kreisen anrüchig geworden, deshalb wäre es vielleicht opportun, von einer Expedition zu sprechen (cool). Tu ich aber nicht. Viele Jahre lang habe ich mir gewünscht, die schwarzen Strände und die Vulkanlandschaften wie von einem anderen Stern kennenzulernen,  jetzt war es so weit. Und ja, es war eine Luxusreise, aber ich bereue nichts!

Last but not least sind ein paar Veröffentlichungen zu vermelden. Anfang des Jahres ist bei Heyne mein Roman Kolonie erschienen, der das Schicksal der ersten extrasolaren Weltraumkolonisten erzählt, dreißig Jahre nach der Ankunft auf dem Planeten Corazon – eine melancholische Bestandsaufnahme, die letztlich neue Handlungsoptionen eröffnet. Es folgten die Storys UWU XP4 macht den Touring-Test in Spektrum der Wissenschaft und Andrea/s im Erker, wo auch ein längeres Interview mit mir erschienen ist. Für mich eine besondere Freude: Die Neuveröffentlichung meines Romans Der Weg nach unten von 1992.

Rückblick

Ein E-Bike. Langweilig!

Das rief mir jemand hinterher, als ich an ihm vorbeifuhr. Sein Frust war verständlich, hatte er doch absteigen müssen, von einer gar nicht so großen Steigung um den Atem gebrach. Ich hingegen schnurrte locker im sechsten Gang dahin. Sorry! Aber langweilig ist ein E-Bike gewiss nicht, im Gegenteil. Wer sich beim Fahrradfahren abstrampeln möchte, kann das übrigens auch mit dem E-Bike tun, hat dann allerdings ein paar Kilos mehr zu bewegen. Der eigentliche Bestimmungszweck aber ist der situationsangepasste Wechsel der Antriebsstufen, die den Krafteinsatz je nach Terrain und Tagesform mal mehr, mal weniger unterstützen. Die Folge ist eine ungewohnt gleichmäßige Fortbewegung, eine Art Gleiten, das beinahe das Gefühl des Fliegens vermittelt. Aufgrund der im Schnitt schnelleren und weniger anstrengenden Fortbewegung ist die Reichweite auf einmal stark erweitert, das heißt, auch von daheim aus erschließt man sich ganz neue Strecken und Ausblicke. Wunderbar!

Hercules Futura F8 Gates

Für mich standen Komfort und unkomplizierte Wartung ganz oben auf der Wunschliste. Deshalb habe ich mich für ein Hercules Futura F8 mit Shimano 8-Gang-Nabenschaltung, Bosch-Active-Line-Mittelmotor und Gates-Riemenantrieb mit Rücktritt entschieden. Und das Negative gleich vorweg: Das Fahrgefühl ist nicht besonders stabil, was möglicherweise der schrägen gefederten Vordergabel geschuldet ist – kein Vergleich zu meinem Hercules-Rad aus Kindertagen. Freihändig fahren ist also nicht drin, und es empfiehlt sich, beide Hände brav am Lenker zu lassen, wenn das Terrain ein wenig holpriger ist. Das war’s auch schon mit der Nörgelei. Das Fahrrad macht rundum Spaß, die Motorleistung reicht für die Voreifelgegend aus, das Schalten mit dem Drehgriff ist eine Freude. Natürlich schrumpft die Reichweite, wenn man die hohen Antriebsstufen bevorzugt, aber etwa 70 Kilometer sind auch dann noch drin. Der besondere Clou an dem Ding aber ist zweifellos der kettenlose Antrieb. Endlich keine ölverschmierten Hosenbeine mehr! Der karbonverstärke Riemen braucht nicht geschmiert zu werden und läuft zudem auch besonders leise. Weitere Gimmicks sind der USB-Ladeanschluss und die angeblich ‘unplattbaren’ Marathon-Reifen. Fazit: Auch für einen Preis von etwa 3000 € eine lohnende Anschaffung mit höchstem Nutzwert.

Gates-RiemenHinterradnabe mit Gates-Riemen

Powershoppen

Der alte Fernseher zeigte Ausfallerscheinungen, ein neuer musste her, natürlich mit allerneuester, allerbester Technik. Aber wie so oft lauerte der Teufel im Detail. Eigentlich sollte man ja meinen, die mit 3-D, UHD, WLAN und allen erdenklichen Smartfunktionen ausgestatteten Fernseherboliden beherrschten wenigstens die archaischen Grundfunktionen, die bereits ihre röhrenbestückten Vorgänger anzubieten hatten. Weit gefehlt. Beim ersten internetgeshoppten Modell (ein Philips 7509) brummte der Kopfhörer. Ich höre gern über Kopfhörer, da ist ein solcher Fehler ein Knock-Out-Ding. Beim zweiten (noch mal das gleiche Modell) brummte ebenfalls der Kopfhörer; dass zudem der Bildschirm gesplittert war, kann man freilich nicht der Technik ankreiden. Beim dritten Modell (Philips 7100) rauscht es in dem einen Kanal, dafür kommt der Ton dort nur gedämpft an. Der analoge Ausgang steht offenbar nicht gerade im Fokus der Entwicklungstechniker besagter Firma. Kurz davor, einen vierten Shoppingversuch zu wagen, diesmal mit Sony, probierte ich den optischen Ausgang aus. Jetzt brummte der dadurch notwendig gewordene Kopfhörerverstärker (SMLS Tarion) vor sich hin. Schließlich die rettende Idee: ein über Toslink-Kabel verbundener D/A-Wandler (Deluxecable Digital), daran angeschlossen ein regelbarer Funkkopfhörer (Sennheiser). Jetzt rauscht und brummt es nicht mehr, aber auf den Workaround muss man erst mal kommen.

Jedenfalls ist das Ambilight schön bunt.

Philips PUK7100, 108 cm

Rost

Schön, wenn Menschen hingebungsvoll alte Rostlauben restaurieren.

Irgendwie auch schön, wenn sie’s lassen.

Fotografiert bei Aachen-Krauthausen

Geocaching – ran an den Schatz!

In jedem Manne ist ein Kind versteckt; das will spielen … heißt es bei Nietzsche (Zarathustra). Kriegt Mann erstmals ein Smartphone in die Hände, trifft das sicherlich zu, denn schnell wird klar, dass es hier nicht vorrangig ums schnöde Telefonieren geht. Vielmehr hat er einen leistungsfähigen elektronischen Werkzeugkasten vor sich, den es mit den entsprechenden Apps zu bestücken gilt.

Stimmt es eigentlich, dass die Taschenlampe die beliebteste App ist? Jedenfalls darf sie auf keinen Fall fehlen. Dann kommen Wettervorhersage, Trip Advisor, Hotelsuche, Webradio, Skype, Musiksammlung, Karten, Navigation und Kompass 7 von 8hinzu, und vielleicht stößt man irgendwann  auch aufs Geocaching. Ich habe vor Jahren davon gelesen. Damals brauchte es für die GPS-gestützte Schatzsuche noch spezielle Empfänger, die es mit meist teurem Kartenmaterial zu bestücken galt. Heute reicht jedes beliebige Smartphone aus. Lädt man sich eine Geocaching–App herunter und lässt sich die Umgebungskarte anzeigen, tauchen auf dem Display zahlreiche Fragezeichen und Symbole auf. Das sind die so genannten Caches. Überraschend ist die Entdeckung, dass der nächste Schatz gerade mal ein paar Schritte von der Haustür entfernt ist. Überhaupt wimmelt es auf der Karte geradezu von Verstecken. Offenbar gibt es eine gar nicht so kleine Subkultur von Geocachern, die im Verborgenen ihrem Hobby nachgehen. Und tatsächlich: Allein bei Geocaching.com sind über sechs Millionen Cacher sowie über zweieinhalb Millionen Caches weltweit registriert.

Und wie funktioniert’s? Man wählt auf der Portalseite einen Cache aus, loggt ihn in der App und navigiert sich möglichst dicht an das Versteck heran. Erfahrungsgemäß bleibt aufgrund der GPS-Ungenauigkeit zuletzt ein Kreis mit mehreren Metern Durchmesser übrig, in dem sich der Cache befindet. Dann heißt es suchen – unter Steinen, in Bäumen, Höhlen. Meist findet man eine wasserdichte Plastikbox, darin ein Logbuch, in das man sich mit seinem Profilnamen einträgt, und ein paar Gimmicks. Es gilt die Regel, wer etwas zurücklässt, darf auch etwas mitnehmen. Zuletzt packt man die Kiste wieder so weg, wie man sie gefunden hat, und loggt den Fund auf seinem Konto.

Was das alles soll? Ich finde, es gibt fadere Freizeitbeschäftigungen. Natürlich geht es nicht nur um die Caches, sondern auch um Entdeckungen. Sich an unbekannte Orte führen zu lassen, hat seinen eigenen Reiz. Für Spaziergehmuffel mit Motivationsschwäche, Gewohnheitstiere und solche, die sich eh gern im Freien bewegen, eine tolle Sache. Und natürlich nicht nur was für kleine und große Jungs, sondern auch für kleine und große Mädchen.

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Cache Kloster Maria Königin Zweifall, GC 11FKF

 


Geocaching-Sites

Geocaching.com
Opencaching.de

Empfehlenswerte Apps für Windows-Smartphones

Geocaching Live
Geocaching Pro

Für andere Betriebssysteme gibt es im zuständigen Store natürlich entsprechende Apps.

In der Salzgrotte

Die Herbsterkältung hatte mich erwischt, und meine Liebste kündigte einen Überraschungsausflug an. Sie wollte mir was Gutes tun. Das Ziel: ein Etablissement mit orangefarbenem Schummerschaufenster, das Innere eine Mischung aus Esoterikladen und Schwarzwaldstüberl: “Da gehe ich nicht  rein.” Natürlich ging ich doch.

Ich gehöre zu den notorischen Skeptikern, die sich ein überlegenes Lächeln nicht verkneifen können, wenn von homöopathischen Blitzheilungen, Wunder wirkenden Orgon-Generatoren und bewusstseinsverändernden Steinen die Rede ist. Je näher Salz - Foto: nstich dem Phänomen komme, desto allergischer fallen meine Reaktionen aus. Und jetzt saß oder vielmehr lag ich auf einmal mitten in der Stadt in einer Salzgrotte mit Gips-Stalaktiten an der Decke. Der Boden war mit rosafarbenen Steinchen bestreut. Ich klaubte eins auf und leckte daran: Ja, es war Salz, aus dem Himalaya, wie die blond lächelnde Dame zur Einführung stolz erklärte. Auch die orangefarbenen Lampen, die das Schummerlicht verbreiteten, waren aus Salz, allerdings innen hohl. Hinter mir plätscherte ein Rinnsal, das die Luftfeuchtigkeit angeblich auf optimale 60 % steigerte. Rechts von mir ein Salzbrunnen, der von einer Lichtorgel abwechselnd rot, grün und blau gefärbt wurde.  War das nun Esoterik oder ging es um Wellness – die Schleimhäute, das Immunsystem? Auf jeden Fall war es Kitsch. Da wir während der 45-minütigen Sitzung (11 Euro pro Nase, im Abo 7,50) nicht sprechen sollten, erging ich mich notgedrungen in Revanche-Fantasien. Ich stellte mir vor, meine verstummte Begleiterin zu einem Spaziergang über die Felder abzuholen. Plötzlich fiele mir ein Termin ein, und wir landeten bei einer Vernissage. Alle starrten ihre dreckverklumpten Gummistiefel an. Gemein.

Unter der Kuscheldecke nahm ich einen tiefen Zug aus meiner eingeschmuggelten E-Zigarette. Was Blondie wohl dazu sagen würde? Nur mit Mühe konnte ich mir ein Kichern verkneifen. Anhand der Wabermusik versuchte ich die verstreichende Zeit zu schätzen. Unter vier Minuten würden sie’s nicht tun, alles ändere wäre zu hektisch. Doch die Stücke mit den ins musikalische Nirwana mäandernden Harmonien glichen einander wie ein Salzkorn dem andern. Bei Nummer sechs verlor ich den Faden. Schicksalsergebene Benommenheit hüllte mich ein. Mit geschlossenen Augen trieb ich durch eine fade Leere. Vielleicht war ich dem Satori noch nie so nah.

Dann war es vorbei. Ich muss gestehen, in der Nacht schlief ich so selig wie ein Baby. Lag’s am Salz? Seitdem schraube ich in meiner Küche hin und wieder das Glas mit dem iodierten Meersalz auf und schnuppere daran. Und solltest auch du auf den Geschmack gekommen sein – eine Salzgrotte gibt es bestimmt auch in deiner Nähe. Die sind jetzt angesagt.

Zuletzt noch ein fieser Spoiler: Das in Szenekreisen hochgeschätzte Himalaya-Salz stammt nicht aus dem Himalaya, sondern aus der pakistanischen Provinz Punjab und zu einem kleinen Teil aus Polen.