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John le Carré – Silverview

Eine junge Frau, Lily, überbringt jn London einen Brief ihrer todkranken Mutter Deborah an Proctor, den Chef des britischen Geheimdienstes. ‘In einem kleinen Küstenstädtchen irgendwo an den äußeren Gestaden von East Anglia’ bekommt Julian, Ex-Broker und seit kurzem stolzer, wenn auch nicht unbedingt kenntnisreicher Besitzer einer Buchhandlung, Besuch von Edward, einem alten Freund seines verstorbenen Vaters. Edward begeistert Julian für den Plan, im Keller seiner Buchhandlung eine ‘literarische Republik’ auszurufen: sechshundert wegweisende Bücher an einem Ort versammelt. Sein besonderes Interesse gilt freilich den Computern, die es für das Projekt anzuschaffen gilt …

Damit ist das Spiel eröffnet. Le Carré beschwört das klassische Inventar des Spionagethrillers herauf, inklusive Codenamen, schillernder Agentenführer, konspirativer Treffen und einer Begegnung in Englands supergeheimen Atomwaffenbunkern. Irgendwie geht es wieder mal um alles, doch in die Karten schauen lässt er uns nicht. So erfahren wir nie, was in dem Brief stand, den Deborah durch ihre Tochter übermitteln lässt. Auch viele andere Details bleiben im Dunkeln.  Das geheimdienstliche Treiben schildert le Carré mit ironischer Distanz. Mehr zu interessieren scheinen ihnen die ‘höflichen Sprachknäuel’, mit denen seine Figuren einander umtanzen, und die nicht minder verschlungenen Biographien, in denen sie gefangen sind.

Silverview ist le Carrés Alterswerk, erschienen erst nach seinem Tod im Jahr 2020. Und es ist ein augenzwinkernder Abschied von der obskuren Nebenwelt, um die sein gesamtes literarisches Werk kreist und die er nun zurückzulassen scheint. Der Alte gibt die Stafette gewissermaßen an die Jungen ab, verkörpert durch Lily und Julian, die sich um die Regeln des Geheimdienstes ebenso wenig scheren wie der Autor um die einst ehernen Regeln des Spionageromans. Dabei bleibt er sich selbst doch treu und feiert die Literatur in kunstvoll verschlungenen Dialogen und einer Sprache, die keinen Umweg scheut. In einer Zeit, da so mancher Autor bereits bei Verwendung des Semikolons Rechtfertigungsdruck verspürt, wirkt das wundervoll subversiv.

John le Carré war ein großer Autor, und ich persönlich bedaure, dass  ich ihn nach ‘Der Spion, der aus der Kälte kam’, mit dem er 1963 den literarischen Durchbruch schaffte, aus dem Blick verloren habe. Es gibt viel nachzuholen.

John le CarréSilverview : Le Carre, John: Amazon.de: Bücher
Silverview (Silverview)

Aus dem Englischen von Peter Torberg

Ullstein 2021

John le Carré bei Amazon

Patricia Highsmith – Das Zittern des Fälschers

“Die Wüste verändert einen”, sagt Howard Ingham irgendwann. Der Prozess ist im Roman zu besichtigen. Zunächst aber herrscht Ferienstimmung. In einem kleinen Städtchen in Tunesien erwartet der Schriftsteller Ingham in einem Luxushotel das Eintreffen eines New Yorker Regisseurs, mit dem zusammen er ein Drehbuch entwickeln möchte. Doch der lässt ebenso auf sich warten wie die Post seiner Verlobten Ina. Also macht er Urlaub, schwimmt im Meer und schließt Bekanntschaft mit dem dänischen Maler  Jensen und dem Amerikaner Adams, einem bibelfesten Propagandisten des American Way of Life. Fünfzig Seiten lang geschieht beinahe nichts. Man ahnt, dass die Idylle nicht von Dauer ist, und Ingham ahnt es auch. Seine Nachfragen an der Hotelrezeption werden erst hektischer, dann versiegen sie allmählich.

Die Dinge geraten in Bewegung. Inghams Zeitgefühl löst sich auf, und er beginnt einen Roman mit dem Arbeitstitel Das Zittern des Fälschers. Der Regisseur hat sich in Inghams Wohnung umgebracht,  Ina hatte eine Affäre mit ihm. Jensens Hund verschwindet, und Ingham wirft einem Einbrecher seine Schreibmaschine an den Kopf. Der Mann bricht vor der Tür zusammen, die Hotelboys schleifen ihn fort. Ingham weiß nicht mit Sicherheit, ob der Eindringling tot ist, doch er nimmt es an. Für ihn hat das keine Konsequenzen. Was ist wichtig, was unwichtig? Er ist nicht nicht mehr sicher. Jensen sagt, der tote Araber sei nicht mehr wert als ein Floh. Das erscheint ihm plausibel. Befindet er sich nicht in einer fremden Welt, in der andere Maßstäbe gelten?

Wie um seinen Verwandlungsprozess zu beschleunigen, zieht Ingham zu Jensen ins Araberviertel. Die Beziehung zu dem schwulen Mann ist das eigentliche Zentrum des Romans. Während Ingham grübelt, was sein Wertesystem legitimiert und ob er nicht in der Lage sei, aus sich heraus autonom seine eigenen Werte zu schaffen, findet er bei dem nihilistischen Jensen Halt. Die homoerotische Komponente ihrer Beziehung ist dabei, wie vieles im Roman, nur angedeutet. Das Trinken aus einer Flasche bei einem Wüstenausflug ist auch schon der intimste Moment, den sie teilen. Überhaupt ist die Subtilität der Erzählung staunenswert. Nicht nur bleibt die große Katastrophe aus, in die Highsmith-Romane für gewöhnlich münden; alle Figuren sind ohne Wertung mit all ihrer Uneindeutigkeit und ihren Widersprüchen gezeichnet. Gedankengänge schlagen blitzschnell in ihr Gegenteil um. Selbst der tumbe, aufdringliche Adams, der heute vermutlich ein fanatischer Trumpist wäre, erweist sich immer wieder als sympathische, mitfühlende Person, und die arabischen Nachbarn, zunächst der Tötung von Jensens Hund verdächtigt, betrachtet Ingham am Ende auf einmal als ‘Freunde’.

Im lesenswerten Nachwort analysiert der Herausgeber Ingendaay akribisch die kunstvolle Komposition des Romans. Davon merkt man beim Lesen nichts; das heißt, man merkt es schon, wird sich dessen aber erst im Nachhinein bewusst. Nicht zufällig erschien Das Zittern des Fälschers 1969 nicht als Genreroman, sondern in der Hauptreihe ihres Verlages. Der amerikanische Herausgeber schrieb ihr, sie sei eine ‘große Schriftstellerin’. Wohl wahr.

Patricia Highsmith
Das Zittern des Fälschers (The Tremor of Forgery)

Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren

Diogenes 2002

Patricia Highsmith bei Amazon

Jonas Karlsson – Das Zimmer

Björn, den Ich-Erzähler des kurzen Romans von Jonas Karlsson, als Sonderling zu bezeichnen,  wäre stark untertrieben. Zunächst scheint es, als wäre er irgend so ein Einzelgänger, der Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Menschen hat; ein Pedant, der das Pech hat, dass sich seine Weltsicht mangels zwischenmenschlicher Kommunikation nicht mit dem Denken Anderer abgleicht und deshalb zu Verschrobenheit wird. Doch nachdem er von seinem Arbeitsplatz in eine ominöse Behörde hochgelobt (beziehungsweise abgeschoben) wurde, entdeckt er das Zimmer. Es liegt auf dem Gang vor dem Großraumbüro, zwischen dem Lift und den Toiletten. Eigentlich ist es nicht viel anders als sein Arbeitsplatz; es gibt darin einen Schreibtisch, einen Stuhl, einen Schrank, einen Lampe und allerlei Büroutensilien. Doch allem ist eine nahezu mystische Vollkommenheit zu eigen. Während er sich von seinen Kollegen verunsichert und bedrängt fühlt, findet Björn im Zimmer Ruhe und Kraft. Zusammen mit der hübschen jungen Frau von der Rezeption erlebt er bei der Weihnachtsfeier sogar einen Moment ekstatischen Glücks. Pech nur, dass er allein den Eingang des Zimmers sehen und hindurchtreten kann.

Das alles wird erzählt in klaren, einfachen, aber niemals trivialen Sätzen. Aus akribisch geschilderten Details setzt sich das Bild eines beliebigen Großraumbüros zusammen, ein Ort der öden Verrichtungen, der kleinlichen Geplänkel und Reibereien. Nach etwa dreißig Seiten meint man nicht nur, man könne dem Protagonisten die Diagnose stellen, Zwangsneurose mit autistischen Zügen und psychotischen Tendenzen etwa, sondern man befürchtet,  die Geschichte könne sich so fortsetzen und selbst die gerade mal 173 großzügig  bedruckten Seiten seien womöglich noch zu lang.

Doch dann kommt plötzlich Dynamik auf. Dass ihr Kollege Björn immer mal wieder minutenlang weggetreten im Flur an der Wand lehnt, verunsichert die Kollegen und bringt sie auf gegen den Außenseiter. Ihr Widerstand verstärkt sich, als sie vom verborgenen Zimmer erfahren. Der Fall schein klar, siehe obige Diagnose. Doch dann schnappt sich Björn, ermüdet von den Idiotenjobs, mit denen man ihn beschäftigt, eine Akte seines Tischnachbarn, nimmt sie mit in das Zimmer und formuliert den gewünschten ‘Rahmenbeschluss’. Das gelingt ihm überraschend gut, und schon steht der vermeintliche Versager als Bürostar da.

Allmählich wird dem Leser klar, dass er ein kleines Juwel in Händen hält, eine Geschichte voller Überraschungen, Wendungen und Spiegelungen. Denn so wie Björns Arbeitsrealität sich in der Vollkommenheitsutopie des Zimmers spiegelt, spiegelt sich in der Trostlosigkeit des Büros auch etwas Allgemeineres. So heißt es an einer Stelle: “Mehr Menschen sollten lernen, ihre schlechten Seiten zu sehen. Das Schlechte ist uns allen gemeinsam. Wie heißt es so schön in Ekelöfs Gedicht: ‘Was das Seichte in Dir, ist auch das Seichte bei anderen.” Man denkt an Kafka und Beckett, und wenn erörtert wird, ob das Zimmer, das Björn sieht, aber die anderen nicht, vielleicht doch ‘ein bisschen’ vorhanden ist, kommt einem unwillkürlich Schrödingers bedauernswerte Katze in den Sinn, die gleichzeitig tot und lebendig ist. Ein großer kleiner Roman.

Jonas Karlsson
Das Zimmer, Roman

Aus dem Schwedischen von Paul Berf

Luchterhand 2016

Jonas Karlsson bei Amazon

Aravind Adiga – Der Weisse Tiger

Wer beim Lesen des Titels an Fritz Langs Abenteuerklassiker Der Tiger von Eschnapur denken sollte, liegt falsch. Mit der idealisierten Maharadschapracht des Films und den Klischees von Sadhu-Mystizismus, Goa-Freizügigkeit und Taj-Mahal-Romantik, die in den Köpfen so mancher Indientouristen spuken mögen, hat das Buch nichts gemein. Was Adiga in seinem erstaunlichen Erstling auftischt, ist harte Kost.

Der Weisse Tiger ist ein Briefroman. Genauer gesagt, er besteht aus einem einzigen langen Brief, den Balram Halwai an den Ministerpräsidenten Chinas ‘in Peking, der Hauptstadt der freiheitsliebenden Nation China’ in mehreren Nächten verfasst. Anlass ist der geplante Besuch des Ministerpräsidenten in Indien.  Bei der Gelegenheit dürfte die indische Regierung das Land als aufstrebende asiatische Fortschrittsnation präsentieren, als leuchtendes Beispiel des freien Wirkens von Kapital und Wissen. Alles Lügen, findet Balram. Er fühlt sich als erfolgreicher Taxiunternehmer berufen, dem hohen Besuch reinen Wein über das indische Unternehmertum  einzuschenken und ihm den ein oder anderen Tipp mitzugeben. Im Folgenden erzählt er seine haarsträubende Gesichte, mit dreistem Sendungsbewusstsein, derbem Humor und einem schonungslosen Blick auf die finsteren Seiten des Landes.

Geboren im kleinen Dorf Laxmangarh, sind seine Aussichten alles anderes als rosig. Die Eltern haben keine Zeit, ihm einen Namen zu geben, deshalb ist er Munna, der Junge. In der Schule gibt es nicht viel zu lernen; der Lehrer schläft tagsüber seinen Rausch aus, die Schuluniformen und Lehrmaterialien verkauft er, weil das Gehalt ausbleibt. Da ist die Anstellung im Teehaus als Kohlenknacker schon ein echter Karrieresprung. Ganz nebenbei erhält er beim Stimmenkauf  für die nächste Wahl auch seinen Namen, denn Wähler brauchen einen, ob gekauft oder nicht. Aber Balram will sich mit dem vorgezeichneten Weg nicht zufriedengeben. Er wird Fahrer  und landet mit seinem Herrn in Delhi – von der Finsternis ins Licht. Aber dieses Licht wirft harte Schatten. Unter jeder luxuriösen Wohnanlage für die Reichen gibt es einen fensterlosen Keller, die Behausung der Bediensteten,  in der es Kakerlaken von der Decke regnet. Und hinter jeder prachtvollen Shopping-Mall liegt ein schäbiger Markt für die Armen. Wenn Balram seinen Herrn beim Abheben von Bestechungsgeld von Geldautomat zu Geldautomat und mit seiner attraktiven New Yorker Frau durchs Nachtleben der Stadt kutschiert, werden beide Welten, die der Herren und die der Diener, in krassen Bildern ausgeleuchtet. Manche dieser Bilder brennen sich unvergesslich ein: die Mutter auf dem zu kleinen Arme-Leute-Scheiterhaufen am Ganges, die einfach nicht verbrennen will; der verletzte Hund, der sich wie rasend im Kreis dreht, weil er vergeblich nach der offenen Wunde in seiner Flanke schnappt; die Obdachlosen, die auf dem Bürgersteig wohnen; die roten Paanflecken, die auf den Boden gespuckt werden. Aber die Diener mucken nicht auf, denn sie haben ihre Rolle verinnerlicht, Sie sind wie die Hühner in den gestapelten Käfigen auf dem Markt, die lethargisch zusehen, wie ihre Leidgenossen geschlachtet und ausgenommen werden. Der Hühnerkäfig ist Adigas Sinnbild für ein Indien geprägt von Korruption, Unwissenheit, Aberglaube, Dreck und Gewalt.

Balram aber will anders sein. Er ist der weiße Tiger, entschlossen, aus seinem Käfig auszubrechen. Er ist der unerbittliche Beobachter, der amoralische Freiheitskämpfer in eigener Sache. Um sein Ziel zu erreichen, ist ihm kein Preis zu hoch, und wenn es sein muss, opfert er sogar seine siebzehnköpfige Familie. Am Ende gleicht der Diener seinem verhassten Herrn. Erst ganz zum Schluss dieses flott erzählten, bitterbösen Schelmenromans, endlich Chef seines eigenen Taxiunternehmes und stolzer Besitzer gleich dreier Kronleuchter, beschließt Balram, es besser zu machen, ein bisschen jedenfalls. Deshalb zahlt er der Familie des überfahrenen Radfahrers freiwillig eine Entschädigung, nachdem die bestochene Polizei die Anzeige abgewimmelt hat. Mehr Läuterung wäre zum Schluss auch unglaubwürdig gewesen.  Balrams Geschichte ist leider alles andere als das.

Wer sich für das ungeschminkte  Indien interessiert, dem seien noch zwei weitere großartige Bücher empfohlen: Das Gleichgewicht der Welt von Rohinton Mistry und Bombay: Maximum City von Suketu Mehta.

Aravind Adiga
Der Weisse Tiger, Roman

Aus dem Englischen von Ingo Herzke

C. H. Beck 2017

A. Adiga bei Amazon

In eigener Sache – Neuer Roman Kleiner Drache

Mein achter Roman  ist erschienen: Kleiner Drache. Und darum geht’s:

KleinerDracheCoverAm Anfang hatte ich einen alten Mann (Onkel Wu), der auf einer Bank im Schatten eines Gingkobaums sitzt, und meine Fassungslosigkeit über die Arbeitsbedingungen in einer Abwrackwerft in Bangladesch, über die ich in einem Dokumentarfilm auf Arte gestolpert war. Daraus entwickelt hat sich die Geschichte Wei Xialongs, angesiedelt in einem zukünftigen China, das sich hinter der Großen Mauer nach außen hin gegen Klimaflüchtlinge und Arbeitsmigranten, nach innen gegen ausreisewillige Staatsbürger abschottet. Xialong ist ausersehen, eines Tages die Leitung des Roboterkonzerns Jiqiren zu übernehmen, und wähnt sich auf der Seite der Privilegierten. Doch dann nimmt eine Doppelgängerin ihren Platz im Konzern ein und trachtet ihr nach dem Leben. In Begleitung des Sexbots Litse flieht Xialong und wird nach dem Grenzübertritt als Arbeitssklavin nach Bangladesch verkauft. Sie flüchtet erneut, diesmal in den Space Market des nahen Raumhafens, wo alles zu haben ist, was es für Geld zu kaufen gibt: illegale Augmente, Designerdrogen aus den Mondkolonien und Sex. Xialong schwingt sich zur Anführerin eines Aufstands auf. Doch sie hat noch einen anderen Plan: Rache zu nehmen und um ihren Platz im Konzern zu kämpfen.

Vor dem Hintergrund eines isolationistischen Chinas der Zukunft erzählt Kleiner Drache von einer außergewöhnlichen Freundschaft und der unerbittlichen Konkurrenz unter Klonschwestern.

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Michel Faber – Das Buch der seltsamen neuen Dinge

Der englische Pastor Peter Leigh bewirbt sich beim geheimnisvollen USIC-Konzern um eine Stelle als Missionar und reist zu den Bewohnern des fernen Planeten Ozeanis, um ihnen die frohe Botschaft des Neuen Testaments zu überbringen.

Das ist die gewagte Exposition, und unwillkürlich fragt man sich bei Beginn der Lektüre, ob das gutgehen kann, inhaltlich und erzählerisch. Aliens zu missionieren scheint auf den ersten und den zweiten Blick ein fragwürdiges Unterfangen zu sein und evoziert Bilder von christlichen Missionaren, die Ureinwohner zwangsbekehren, während ihre weltlichen Begleiter sie mal mit Glasperlen als Tauschgegenstand, mal mit Schwert und Feuerwaffe um Land, Bodenschätze und Freiheit bringen. Die Zweifel bei der Lektüre wachsen, als sich herausstellt, dass Faber das Thema ganz ohne Ironie und inhaltliche Problematisierung angeht. Vielmehr nimmt er Peter und dessen Projekt todernst und widmet sich ihm mit großem erzählerischem Aufwand. Und gleich zu Anfang werden Leseerwartungen unterlaufen. Kaum hat Peter sich in der USIC-Station eingewöhnt, bricht er zu seinem ersten Besuch bei den Ozeaniern auf. Zu seiner Überraschung stellt sich heraus, dass sie eigentlich keiner Missionierung bedürfen. Vor ihm war bereits ein anderer Geistlicher hier, der sie mit der Bibel und den Grundzügen der englischen Sprache vertraut gemacht hat und später verschwunden ist. Seine religiösen Unterweisungen aber fielen auf fruchtbaren Boden. Die Bibel, das Buch der seltsamen neuen Dinge, genießt bei den Aliens höchstes Ansehen. Für die Botschaft von Wiederauferstehung und ewigem Leben, die sie als Jesus-Technik bezeichnen, sind sie erstaunlich aufgeschlossen. So kommt es, dass Peter seine Aufenthalte in der Siedlung immer länger ausdehnt und die für sie nur schwer verständlichen Bilder der Bibel samt ihren unaussprechlichen Sätze in eine für die Ozeanier gemäßere Form zu bringen,

Peter entwickelt Gespür für die karge Schönheit des Planeten, baut mit den Ozeaniern zusammen eine Kirche und versucht, ihre eigentümlich schlichte Lebensweise und ihre hochkomplizierte Sprache zu ergründen. Diese nahezu statische Idylle kontrastiert mit der Entwicklung daheim auf der Erde. Mittels ‘Shoot’, einer Art Emailsystem, das die Kommunikation mit der Erde nahezu ohne Zeitverlust  ermöglicht, hält Peter Kontakt mit seiner Frau Bea. Sie berichtet ihm von Naturkatastrophen und einer zerfallenden Gesellschaft. Eine Wirtschaftskrise wütet, die Supermärkte schließen, die Müllabfuhr kommt nicht mehr, und Bea ist auch noch schwanger von Peter. Der aber, absorbiert von seiner neuen Umgebung und angesteckt von der scheinbar gelassenen Lebensweise   der Ozeanier, sieht sich zunehmend außerstande, ihr seine eigenen Eindrücke zu vermitteln und an den ihren teilzuhaben. Die Entfremdung zwischen den Eheleuten vollzieht sich in ausführlichen Shoot-Nachrichten, die der Erzählung teilweise den Charakter eines Briefromans geben.

Für den Leser tun sich unterdes immer neue Fragen auf, die teilweise  einer eklatanten Nachlässigkeit des Autors geschuldet sind. Die Welt, aus der Peter aufbricht, ist nämlich ganz die unsere. Da werden Autos betankt, auf dem USIC-Gelände auf Ozeanis begrüßt Peter der ‘Wolframschein’ von Glühlampen. Anscheinend gibt es nicht  mal LEDs in dieser Erzählwelt. Die Lichtjahre-Entfernung wird mit einem ‘Raumsprung’ innerhalb eines Monats überwunden, bei der Einführung des Shoots (der im übrigen nicht einmal Fotos übertragen kann) wird von Lichtstrahlen fantasiert, die von Satelliten reflektiert werden – in Anbetracht der zu überwindenden Strecke für eine Echtzeitunterhaltung kaum zielführend. Dazu kommt, dass das Ökosystem auf Ozeanis ausgesprochen simpel aufgebaut ist  – viel zu simpel, als dass es eine intelligente Spezies hervorgebracht haben könnte. Mit Worldbuilding, also der Konstruktion einer widerspruchsfreien Zukunftswelt, hat Faber wenig am Hut. Manchmal fragt man sich, ob seine Verachtung gegenüber Technik und Wissenschaft auch dem Verstand des Lesers gilt. Dafür erweist er sich als umso bibelfester. Für jede Gelegenheit hat Pastor Peter das passende Zitat bereit und ist doch alles andere als ein Sprücheklopfer. Man muss ihn einfach gernhaben. Mit einer Trauerrede, die er über einen ihm unbekannten Verstorbenen der Station hält, vermag er zu Tränen zu rühren. Doch so undoktrinär, modern und berührend seine Bibelauslegung auch daherkommt, ist sie doch im Kern kreationistisch: ‘‘Aber darauf verstanden sich die Gottlosen ja immer. Die falschen Fragen stellen, den Fortschritt in der falschen Ecke suchen. … Der Herr wusste, was er tat, als er diese Welt erschuf, genauso wie er es bei allen anderen wusste. Das Klima war ein überaus raffiniertes System, nicht zu verbessern und selbstregulierend.’

Für Glaubensskeptiker wie mich, die mit den Konzepten von Schöpfung, liebendem Gott, Vergebung und Wiederauferstehung nichts anfangen können, ist das eine Zumutung, und irgendwann regt sich der Verdacht, hier sollten nicht nur die Ozeanier missioniert werden, sondern auch ich, der Leser.  Dass ich trotzdem bei der Stange geblieben bin, ist der wunderbaren Erzählweise zu verdanken. Obwohl die Handlung weitgehend ohne Dramatisierungen auskommt, wird die Lektüre niemals langweilig. In der USIC-Station, in der Ozeaniersiedlung und selbst in den Shoot-Nachrichten, die Peter und Bea austauschen,  begegnet man lebendigen, vielschichtigen Menschen (bzw. Aliens). Peters Erfahrungen sind so sinnlich geschildert, dass man mit ihm den nach Melonen schmeckenden Regen zu trinken meint. Und dann kommt er doch, der große Twist, die Erschütterung, die alles vorherige in neuem Licht zeigt, Peter zur Überprüfung seines Glaubens und seiner Liebe zu Bea und den Leser zu einer Neubewertung seiner Leseerfahrung zwingt. Die hier vorgebrachten Einwände gegen das Buch relativieren sich und machen Bewunderung Platz. Was zunächst, in Phasen des Leseunmuts, wie ein als Literatur verkleidetes Traktat erschien, erweist sich auf einmal als große Literatur. Es verbietet sich, hier in die Einzelheiten zu gehen, doch so viel sei gesagt: Seit langem hat mich kein Buch so herausgefordert und berührt wie dieses. Die Lektüre erfordert langen Atem, aber sie lohnt sich.

Michel Faber
Das Buch der seltsamen neuen Dinge, Roman

Aus dem Englischen von Malte Krutzsch

Kein & Aber 2014

Michel Faber bei Amazon

Theodor Fontane – Der Stechlin

Der Stechlin, erstmals erschienen 1897/1898 in der Zeitschrift Land und Meer und 1898 als Buch, ist Fontanes Alterswerk – ein Roman, dessen Inhalt der Autor selbstironisch folgendermaßen zusammengefasst hat: Zum Schluss stirbt ein Alter und zwei Junge heiraten sich – das ist so ziemlich alles, was auf fünfhundert Seiten geschieht.

Der Alte, das ist der 66jährige Dubslav von Stechlin, Major außer Dienst und Bewohner von Schloss Stechlin, das ebenso fiktiv ist wie der Ort Stechlin und der Stechliner See, der, so geht die Sage, immer dann, wenn sich in der Welt Großes tut, an einer bestimmten Stelle zu sprudeln beginnt. Kommt es ganz dicke , fliegt sogar ein Hahn aus dem Unruheherd hervor. Der Stechlin bewohnt das Schloss zusammen mit seinem Faktotum Engelke und führt ein beschauliches Leben. Seine Welt ist klein. Das eintönige Einerlei wird durchbrochen von Besuchen von Förster Katzler, dem Dorflehrer, Mühlenbesitzer Gundermann und Pastor Lorenzen. Eine Visite seines Sohnes Woldemar stellt da schon einen seltenen Höhepunkt dar. Woldemar macht in Berlin den zwei Töchtern des Grafen Barby den Hof, deren eine er am Ende heiratet. Welche der beiden er wählt (so war das damals), die geschiedene Melusine oder die jüngere Armgard, ist so ziemlich das einzige Spannungselement des Buches, wenn man davon überhaupt sprechen will. Gefühlsverwicklungen, überhaupt jedwede Form von ‘Handlung’, darf man von dem Buch nicht erwarten. Hier ist alles Dialog. Man trifft sich, und man plaudert, und das tun auch die beiden Schwestern untereinander und sogar das zukünftige Paar, wenn sie denn einmal miteinander allein sind. Gefühlstiefen, falls es sie denn gibt, werden nicht ausgelotet, alles bleibt an der Oberfläche.

Wie beim Stechliner See zeigt sich im ganzen Roman das Große im Kleinen. Ausdiskutiert und ausbuchstabiert wird hier freilich nichts, vielmehr muss man sich größere Zusammenhänge aus Anspielungen und Anekdoten zusammenreimen, So entsteht in den ausführlichst wiedergegebenen Gesprächen das Bild einer Welt in der Schwebe zwischen der alten Ordnung  der Stände und des Adels auf der einen und der sich anbahnenden Demokratie auf der anderen Seite. Dafür steht die Sozialdemokratie, die für die einen (wie Dubslavs Schwester Adelheid, Vorsteherin des Damenstifts von Kloster Wutz) fast identisch mit dem Gottseibeiuns ist, während sie für andere wie den Pastor Lorenzen die nicht aufzuhaltende verheißungsvolle Zukunft verkörpert. Der Stechlin nimmt hier eine Mittelstellung ein. Vom ihm heißt es; Er hörte gern eine freie Meinung, je drastischer und extremer, desto besser. Er ist ein Vertreter des Alten, aber altersweise und unzeitgemäß tolerant. Zumindest ahnt er, dass die gesellschaftliche Ordnung, für die er steht, dem Untergang geweiht ist. Friktion entsteht daraus nicht. So abwesend wie die Leidenschaften der Protagonisten sind auch die gesellschaftlichen Konflikte, die allenfalls am Rande erörtert werden. Immerhin ist bei einem Skatabend des Kutschers der Barbys zu erfahren, dass Dienstmädchen üblicherweise im ‘Hängeboden’ in der  Küche untergebracht werden, eine Art Zwischendecke, in die die Betreffende hineinkriechen musste, um in der Hitze des Herdes zu nächtigen. Dieses Detail erscheint dem heutigen Leser ähnlich schockierend wie der ungebrochene Stolz auf die vielen Kriege des Jahrhunderts oder der latente Antisemitismus, der hier als zeitüblich erscheint.

Derlei Einsichten sind rar, machen aber einen Teil des spröden Reizes aus, den dieses Buch immer noch besitzt. Ein weiterer sind die bildhaften Schilderungen von Landschaft und Architektur, bei denen Fontane, heute vor allem noch wegen seiner Wanderungen durch die Mark Brandenburg bekannt, ganz bei sich ist. Und seine nuancenreiche Sprache, reich an Kommas und Einschüben und offen für Dialekte und soziale Unterschiede, in Zeiten der Turboliteratur einen ganz eigenen Genuss.

Da das Coronavirus um die Welt rast, während die Zeit stillzustehen scheint, ist Der Stechlin keine ganz unpassende Lektüre.

Theodor Fontane

Der Stechlin, Roman

Anaconda Verlag

Fontane bei Amazon

Walter Kempowski – Letzte Grüße

Letzte Grüße, erschienen 2003,  ist Kempowskis letzter Roman und, wie der Titel ahnen lässt, ein Abschied von seinen Lesern, vom Schreiben, vom Ehrgeiz und vom Leben überhaupt. Ein weiter Weg war’s von seinem Erstling Im Block, dem kaum verklausuliert autobiographischen Bericht über seine achtjährige Haft im Zuchthaus Bautzen, über Tadellöser und Wolff und die Deutsche Chronik  bis zur gewaltigen Weltkriegscollage Echolot und zu Letzte Grüße.

Das Schreiben hat Kempowski als erlernbares Handwerk aufgefasst und in seinen legendären Hausseminaren im Kreienhoop zu vermitteln versucht, und erlernt und gemeistert hat jedenfalls er es, auch wenn ihm der Hang zum Anekdotischen geblieben ist. Und natürlich bietet die Odyssee des fast siebzigjährigen Schriftstellers Alexander Sowtschick, vom deutschen Institut im Jahr 1989 aus Anlass der Deutschen Wochen zu einer 21 Stationen umfassenden Lesereise durch die USA eingeladen, jede Menge Anlass für vergnügliche Schnacks, denn aus der Perspektive der norddeutschen Provinz heraus betrachtet, gibt es in den Straßenschluchten von New York, im Indianerreservat, bei den Mormonen in Utah und an den Universitäten in der amerikanischen Provinz so  manch Befremdliches zu kommentieren. Auch der latente Antisemitismus, Rassismus und die vielen Obdachlosen und psychisch Kranken auf den Straßen werden registriert, doch wie es Kempowskis Art ist, wird dies nicht vertieft, sondern eher abgemildert durch allgegenwärtige Ironie. Selbst der deutsche Mauerfall, von dem Sowtschick zum Ende der Reise erfährt, ereignet sich fast nebenbei. Gerade diese Leichtigkeit wurde Kempowski bisweilen zum Vorwurf gemacht, doch ich finde, seine Kritiker verwechseln da Süffigkeit mit Harmlosigkeit. Was an der Oberfläche als humoriger Reisebericht erscheint, hat einen doppelten Boden. Kempowski versteht es, das Große im Kleinen zu spiegeln und fährt hier alles auf, was sein Werk auszeichnet: präzise Beobachtungen und sorgfältig arrangierte ‘eidetische Bilder, wiederkehrende Motive und große Klammern, hier vor allem repräsentiert durch die Figur Adolf Schätzings. Schätzing, mit ein paar Tagen Vorsprung auf der gleichen Lesereise unterwegs, ist das Gegenbild des als konservativ, ja reaktionär verschrienen Sowtschick, ein junger Lyriker, nicht unbedingt verständlich zwar, aber dem Zeitgeist angepasster, ‘links’ natürlich, beliebt bei Kritikern wie bei Frauen und, anders als Sowtschick, mit zahlreichem Publikum gesegnet. Und so reist er seinem beneideten und beargwöhnten Konkurrenten hinterher und wandelt quasi in dessen Spuren, und überall, wo er hinkommt, heißt es: Schätzing war all dor. Eine Begegnung bleibt aus, doch die Beziehung wandelt sich ganz allmählich. Eine virtuelle Annäherung findet statt, die Kempowski über den ganzen Roman hin so spannungsreich wie kunstvoll entwickelt.

Der Lektüre der Tagebücher von F. J. Raddatz  habe ich es zu verdanken, dass ich erneut auf Kempowski aufmerksam wurde, und Raddatz war auch der Lektor von Kempowskis erstem Buch Im Block. So schließt sich ein Kreis.  Ich habe Letzte Grüße mit Erheiterung und Rührung gelesen, und es hat meine Wertschätzung für den häufig unterschätzten Autor noch weiter gesteigert. Eine besondere Freude war es, in dem antiquarischen Exemplar, das ich erworben habe, Kempowskis Signatur zu entdecken.

Kemp Letzte GrüßeWalter KempowskiBildergebnis für kempowski letzte grüße

Letzte Grüße, Roman

Knaus 2003

Kempowski bei Amazon


H. Murakami – Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki

Kutsuru Tazaki, der ‘Held’ des Romans, ist farblos in einem doppelten Sinn. Zum einen ist er ein junger Mann ohne besondere Eigenschaften. Er ist fleißig, schwimmt gerne und regelmäßig, hört hin und wieder klassische Musik und übt pflichtbewusst seinen Beruf als Planer und Konstrukteur von Bahnhöfen aus. Ausschweifungen sind ihm fremd, seelische Abgründe hat er  keine, es sei denn, man wollte seine erotischen Träume als solche bezeichnen. Eine Besonderheit aber zeichnet ihn aus: In seiner Jungend erlebt er ‘vollkommene Harmonie’ in einer verschworenen Clique von fünf Jungs und zwei Mädchen, die einander perfekt ergänzen. In dieser Gruppe bekommt er auch den Spitznamen des ‘farblosen’ Kutsuru ab, denn die ‘sprechenden’ Namen seiner Freunde verweisen alle auf eine Farbe, nur der seine nicht. Das ist der zweite Aspekt seiner Farblosigkeit. Als Makel nimmt er seine Namensanomalie gleichwohl nicht wahr, denn er fühlt sich akzeptiert, geliebt und aufgehoben.

Von Dauer ist das Jugendglück jedoch nicht. Nach Abschluss der Oberschule zieht Kutsuru zum Studium nach Tokyo und reist nur noch gelegentlich in die Provinz, um sich mit seinen Freunden zu treffen. Dann aber kommt es zu einer dramatischen Wendung; seine Freunde schließen ihn ohne Angabe von Gründen aus der Gruppe aus, für Kutsuru eine traumatische Erfahrung, die ihm den Lebenswillen raubt, Ein halbes Jahr dauert es, bis er wieder Tritt fasst und sein farbloses Leben fortsetzt. Erst später, im Beruf, lernt er Sara kennen, eine etwas ältere Frau, der er die Geschichte seines Jugendtraumas erzählt. Sara fordert ihn auf, seine Freunde aufzusuchen und sie zur Rede zu stellen, um endlich ‘ganz’ und liebesfähig zu werden. Wie sich herausstellt, ist die Erklärung für den Ausschluss aus der Gruppe recht banal, und banal ist die ganze Geschichte und gewissermaßen auch die Erzählweise Murakamis, die auf Dynamik, Dramatisierung und Verdichtung nahezu vollständig verzichtet. Kutsuru isst viel, schläft und träumt, denkt sich dies und das, fährt von A nach B, unterhält sich mit diesem und jenem. Vielleicht ist dies ja die Banalität des Alltäglichen. Und banal ist letztlich auch das Rätsel seiner Jugend, das so unspektakulär aufgelöst wird.

Während Murakamis umfangreichstes Werk IQ84 aber auch Kafka am Strand mit Logikbrüchen verstören, die für meinen Geschmack der erzählerischen Willkür eines großen Teils der Fantasy-Literatur gleichkommen, sind die Pilgerjahre stringenter und realistischer. Aber auch hier zeigt sich, dass Murakami nicht nur die Banalität des Lebens auslotet, sondern vor allem dagegen anschreibt. Dies gelingt ihm in den Pilgerjahren mit klarer, so zu sagen barrierefreier Sprache, genauen Beobachtungen und plastischen, ungekünstelten Metaphern überzeugender als in den anderen beiden Romanen. Langweilig ist die Lektüre jedenfalls nicht. Und dass sich trotz des offenen Schlusses eine ‘runde’ Leseerfahrung einstellt, liegt auch daran, dass Kutsuru Tazaki sich am Ende als gar nicht so farblos herausstellt. So gesehen gibt es vielleicht also Hoffnung für uns alle, die wir in Alltag und Banalität gefangen sind.

Haruki Murakami

Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki, Roman
übersetzt von Ursula Gräfe

btb, 2015

Murakami bei Amazon

China Miéville – Dieser Volkszähler

Auf einem Berg lebt der Schlüsselmacher mit seiner Frau und seinem Sohn. Die Schlüssel, die er anfertigt, verkauft er an die Dorfbewohner im Tal. Es scheinen ganze besondere Schlüssel zu sein, geeignet zum Wettermachen und für andere magische Zwecke. Das Leben ist hart. Eines Tages meint der Sohn zu sehen, wie der Vater die Mutter erschlägt. Er flüchtet sich ins Dorf und findet Zuflucht bei den wilden Kindern, die in den Häusern auf der Brücke leben.  Nachforschungen werden angestellt, doch die Tat lässt sich nicht nachweisen. So kehrt der Junge gezwungenermaßen zum Vater zurück, den er fürchtet und hasst.

Angesiedelt ist die Geschichte in einer postapokalyptischen Welt. Es hat Kämpfe gegeben und Maschinenstürmerei, viel mehr erfährt der Leser nicht. Die Überlebenden bewohnen die Ruinen. Sie sind die Gespenster einer Vergangenheit, die sich in Mythos verwandelt. Sie wissen wenig, doch es schert sie nicht, denn das Überleben fordert ihre ganze Kraft. An die Stelle von Wissen treten Raunen und Ahnen. Die Welt nimmt den Charakter eines Traums an, erfüllt von mehrdeutiger Konturlosigkeit. Nichts ist mehr gewiss.

Miévilles klare, nuancenreiche Sprache bildet einen merkwürdigen Kontrast zu dieser Welt des Vagen. Ein weiteres Spannungselement ist die Konstruktion der Geschichte, denn der Ich-Erzähler ist der Junge vom Berg als Mann. Im Dienste eines ominösen ‘Vorgesetzten’  schreibt er drei Bücher; eines der Aufzählungen, eines der Geheimnisse und dieses, das wir lesen – ein persönliches Buch, das von Erlebtem handelt. Der ‘Vorgesetzte’ und die Undurchschaubarkeit der Erzählwelt lassen an Kafka denken, während die Grundkonstellation – Postapokalypse/Vater/Sohn – Erinnerungen an McCormacs Meisterwerk Die Straße weckt. Beide Vergleiche aber überfordern das Buch. Weder hat Dieser Volkszähler die existenzielle Eindringlichkeit Kafkas noch die düstere emotionale Wucht von Die Straße.  Zu seinen Figuren stellt sich nur ein distanziertes Verhältnis ein, das einem Mitleiden nicht förderlich ist. Aber es ist ein rundes Stück Literatur, das seine gedämpfte Wirkung nach und nach entfaltet, möglicherweise sogar erst in der Erinnerung.

China Miéville
Dieser Volkszähler

Roman, Liebeskind 2016
übersetzt von Peter Torberg

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