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Jennifer Egan – Manhattan Beach

Jennifer Egans neuer Roman spielt in den 30er und 40er Jahren, in der Zeit der Großen Depression und des Zweiten Weltkriegs. Im Mittelpunkt der Handlung steht Anna Kerrigan, die mit Ihren Eltern und der behinderten Schwester Lydia in New York lebt, gar nicht weit von den Hafenanlagen und den Schiffswerfen von Manhattan Beach. Während ihr Vater Eddie sich der Halbwelt verdingt, kümmert sie sich aufopferungsvoll um ihre Schwester, bis diese stirbt. Lydias Tod und das unerklärliche Verschwinden des Vaters sind die beiden traumatischen Ereignisse ihrer Kindheit. Doch Anna lässt sich nicht unterkriegen.

Als der Krieg ausbricht und ihre Mutter aus New York wegzieht, bleibt sie in der Stadt und nimmt einen Job auf der Werft an. Dass die Männer gegen Nazi-Deutschland in den Krieg ziehen, eröffnet den daheimgebliebenen Frauen neue Möglichkeiten. Auf einmal  stehen ihnen  Arbeitsfelder offen, die ihnen bislang verschlossen waren – so zu sagen der Krieg als Vater der Emanzipation. Anna sortiert zunächst Kleinteile für den Bau von Kriegsschiffen, doch das genügt ihr nicht – sie will Taucherin werden, zu der Zeit ein unerhörter Wunsch. Wie sie sie sich gegen die Widerstände der Männerwelt durchsetzt, erzählt Egan mit Humor, einem scharfen Blick für Details und großer Sachkunde. Man merkt einfach, dass sie (nach eigenem Bekunden) zehn Jahre an dem Roman gearbeitet und ausgiebig recherchiert hat. Herausgekommen sind nicht nur ein paar äußerst beklemmende Tauchszenen, sondern auch die Schilderung eines Schiffbruchs, die es in sich hat. Egan kann alles, auch einen historischen Roman, aber manchmal konnte ich mich bei der Lektüre des Gefühls nicht erwehren, das irgendetwas nicht stimmt. Ich habe mich gefragt, warum ich das lese – und weshalb Egan diesen Roman geschrieben hat. Die Antwort auf die erste Frage lautet natürlich: Weil der Roman von Jennifer Egan ist. Die zweite Antwort hat sich mir nicht erschlossen. Jedenfalls ist es kein gutes Zeichen, wenn man sich als Leser diese Frage überhaupt stellt. Vielleicht lag mein zeitweiliges Fremdeln aber auch daran, dass es für Anna einfach zu dicke kommt. Nicht nur freundet sie sich mit Dexter Styles, dem mutmaßlichen Mörder ihres Vaters an, sie wird auch noch von ihm schwanger. Und dann folgt eine zentrale Szene, die nicht nur die Grenzen der Plausibilität sprengt. Anna wird von Dexter an den Ort geführt, wo ihr Vater im  Meer versenkt wurde. Dass der Bootsführer nach Jahren bis auf zehn Meter genau in offenem Gewässer diese Stelle wiederfindet, ist schlichtweg ausgeschlossen, schließlich gab es damals noch kein GPS. Und dass Anna, die aufmerksame Beobachterin, die ständig überlegt und reflektiert, keinen Gedanken an Dexters Rolle beim Verschwinden ihres Vaters verschwendet, ist mir unverständlich.

Es lässt sich nicht anders sagen: Der Dreh- und Angelpunkt des Plots ist überkonstruiert und kann nicht überzeugen. Im Zentrum des Roman quietscht und knarzt es mächtig. Davon abgesehen funktioniert er aber hervorragend, die Atmosphäre ist dicht, die Figuren sind lebendig. Trotzdem erreicht er nicht die Qualität anderer Egan-Werke. Er ist nicht so innovativ wie Der grössere Teil der Welt, nicht so zwingend wie Im Bann, nicht so avantgardistisch wie Black Box. Man könnte sagen, er ist konventionell. Vielleicht ist das der Grund, weshalb die deutsche Kritik ihn weniger enthusiastisch aufgenommen hat als beispielsweise die amerikanische. Trotzdem habe ich das Buch mit Lust gelesen – die anderen Egan-Werke aber schätze ich mehr.

Manhattan Beach - Jennifer Egan

Jennifer Egan
Manhattan Beach (Manhattan Beach), Roman

übersetzt von Henning Ahrens
S. Fischer, 2018

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Jennifer Egan: Look at Me

Die eine Charlotte ist Model – makellos schön und erfolgreich. Als sie ihrer Heimatstadt Rockford einen Besuch abstatten will, kommt sie mit dem Auto von der Straße ab. Bei dem Unfall wird ihr Gesicht zerstört, ihr berufliches Kapital und ein look-at-me[1]Grundpfeiler ihrer Identität. Nach zahlreichen Operationen mit Dutzenden Schrauben wiederhergestellt, ist sie immer noch oder besser: wieder schön, wird von den Menschen aber nicht mehr erkannt – vielleicht erkennt sie sich selbst nicht mehr. Ihre Versuche, erneut im Model-Business Fuß zu fassen, scheitern. Grandios die Szene, als sie hoffnungsvoll zu einem Fotoshooting fährt und in Panik gerät, als der Stylist sie mit einer Rasierklinge schneiden will. Schließlich verkauft sie sich und ihre Lebensgeschichte an Thomas, den Internet-Unternehmer, der das Leben ‘normaler’ und ‘außergewöhnlicher’ Menschen zu Realitysoap verrührt. Während sie den Prozess ihrer Entpersönlichung scharfsichtig beobachtet, gelingt es ihr doch nicht, sich ihm zu entziehen.

Die andere Charlotte ist die Tochter ihrer Schulfreundin Ellen und auf den ersten Blick das Gegenteil des Models: durchschnittlich, unattraktiv, unfertig, langweilig. Die Jungs interessieren sich nicht für sie. Ihr junges Leben droht zu versanden, bevor es eigentlich begonnen hat. Für ihren Onkel Moose (einst Mädchenschwarm und Sportskanone, jetzt neurotischer Professor voller Lebensangst) schreibt sie Aufsätze über das untergegangene industrielle Amerika und die Zeit, da das Land sich seiner Identität und Bestimmung noch gewiss war. Unmerklich verstrickt sie sich in eine Beziehung, die von unerfüllbaren Erwartungen aufgeladen ist. Erst als sie eine sexuelle Beziehung zu ihrem Lehrer Michael West eingeht, findet sie zu sich und löst sich schließlich auch von ihrem Onkel. Ihre Entwicklung scheint der Selbstauslöschung der Model-Charlotte gegenläufig. Michael West wiederum ist eine Tarnexistenz des Terroristen Z, vielleicht die überraschendste Figur in diesem an abgründigen Figuren reichen Roman. Seine Hasssicht auf Amerika ist so plausibel imaginiert, dass es im Licht der Ereignisse von 9/11, das sich bald nach Erscheinen des Buches ereignete, nahezu prophetisch wirkt.

Alle Figuren des Romans sind unterwegs und auf der Suche nach Identität und Wahrhaftigkeit.  Fast stellt sich der Eindruck eines Roadmovies ein, das freilich in einer psychischen Dimension spielt. Look at Me war für mich eine spannende Lektüre, doch ich konnte mich einer gewissen Zwiespältigkeit nicht erwehren. Einerseits macht mich Egans komplexe Prosa Staunen, und ich fühle mich genötigt, ihre analytische Brillanz, ihren Erfindungsreichtum und die Detailfülle ihrer Szenen zu rühmen. Andererseits muss ich gerade bei diesem Buch an eine wenig charmante Bemerkung zu Patricia Highsmith denken; der Rezensent, dessen Name mir entfallen ist, verglich Highsmiths Haltung zu ihren Figuren mit der einer Spinne zu den kleinen Zappelwesen, die sich in ihrem Netz verfangen haben. Auch Egan hat so einen Blick, der einen manchmal zwischen Bewunderung und Schaudern schwanken lässt.

Jennifer Egan (Autorin)
Gabriele Haefs (Übersetzerin)
Look at Me, Roman
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Jennifer Egan: Der grössere Teil der Welt

Der deutsche Titel mag bescheuert sein (Englisch: A Visit from the Goon Squad), das Buch ist es nicht.

Egan erzählt von einer Clique junger Musiker aus dem San Francisco der Siebziger Jahre, vom Musikproduzenten Lou, der sie entdeckt, von dessen kleptomaner Assistentin Sasha und seinen Kindern, von einer Safari in Afrika, dem New York der Neunziger und einem denkwürdigen Konzert an Ground Zero. Personen, Erzählperspektiven und Zeiten wechseln in rasantem Tempo, wer sich eben noch für Drogen prostituiert, tritt gleich darauf zwanzig Jahre später als erfolgreiche Akademikerin in Erscheinung. Wer verloren scheint, kann sich berappeln, wer auf der Erfolgswelle schwimmt, kann untergehen. Es geht um Aufbruch, Liebe, Verlust, um die Ablösung des Analogen durchs Digitale, um die gesellschaftlichen Transformationen, die das Leben der Einzelnen ebenso durcheinanderwühlen wie das große Ganze. Alles ist durchtränkt von Verunsicherung und Vorläufigkeit, was dem polyphonen Buch bei aller lebensprallen Fülle einen Grundton von Trauer verleiht.

Die Lektüre ist nicht einfach, manchmal verliert man bei den Sprüngen und Brechungen ein wenig den Überblick, wer auf welche Weise wann mit wem zu tun hatte. Da die einzelnen Kapitel wie Kurzgeschichten komponiert sind, die auch für sich alleine stehen können, ist das jedoch unerheblich.

Beim Blättern fällt einem im letzten Drittel des Buches ein Kapitel ins Auge, das aus schlichten Präsentationsgrafiken besteht, mit sehr wenig Text. Als ich das sah, habe ich mich gefragt, ob das funktionieren wird. Nun, es funktioniert. Das Folientagebuch der jungen Alyson (ich glaube, sie ist 12), die mit ihren Eltern (ihre Mutter ist die oben erwähnte Sasha) in den 2020er Jahren in einem ökologischen Katastrophengebiet lebt, war für mich sogar eines der anrührendsten Kapitel. Eine aufregende Leseerfahrung.

Jennifer Egan (Autorin)
Heide Zeltmann (Übersetzerin)
Der grössere Teil der Welt, Roman
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