Jennifer Egan: Der grössere Teil der Welt

Der deutsche Titel mag bescheuert sein (Englisch: A Visit from the Goon Squad), das Buch ist es nicht.

Egan erzählt von einer Clique junger Musiker aus dem San Francisco der Siebziger Jahre, vom Musikproduzenten Lou, der sie entdeckt, von dessen kleptomaner Assistentin Sasha und seinen Kindern, von einer Safari in Afrika, dem New York der Neunziger und einem denkwürdigen Konzert an Ground Zero. Personen, Erzählperspektiven und Zeiten wechseln in rasantem Tempo, wer sich eben noch für Drogen prostituiert, tritt gleich darauf zwanzig Jahre später als erfolgreiche Akademikerin in Erscheinung. Wer verloren scheint, kann sich berappeln, wer auf der Erfolgswelle schwimmt, kann untergehen. Es geht um Aufbruch, Liebe, Verlust, um die Ablösung des Analogen durchs Digitale, um die gesellschaftlichen Transformationen, die das Leben der Einzelnen ebenso durcheinanderwühlen wie das große Ganze. Alles ist durchtränkt von Verunsicherung und Vorläufigkeit, was dem polyphonen Buch bei aller lebensprallen Fülle einen Grundton von Trauer verleiht.

Die Lektüre ist nicht einfach, manchmal verliert man bei den Sprüngen und Brechungen ein wenig den Überblick, wer auf welche Weise wann mit wem zu tun hatte. Da die einzelnen Kapitel wie Kurzgeschichten komponiert sind, die auch für sich alleine stehen können, ist das jedoch unerheblich.

Beim Blättern fällt einem im letzten Drittel des Buches ein Kapitel ins Auge, das aus schlichten Präsentationsgrafiken besteht, mit sehr wenig Text. Als ich das sah, habe ich mich gefragt, ob das funktionieren wird. Nun, es funktioniert. Das Folientagebuch der jungen Alyson (ich glaube, sie ist 12), die mit ihren Eltern (ihre Mutter ist die oben erwähnte Sasha) in den 2020er Jahren in einem ökologischen Katastrophengebiet lebt, war für mich sogar eines der anrührendsten Kapitel. Eine aufregende Leseerfahrung.

Jennifer Egan (Autorin)
Heide Zeltmann (Übersetzerin)
Der grössere Teil der Welt, Roman
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