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Un-Su Kim – Die Plotter

Raeseng, gefunden in einer Mülltonne, aufgewachsen in einer Bibliothek, wird mit siebzehn Jahren Profikiller. Wir lernen ihn kennen bei der Ausführung eines Auftrags. Zielperson ist ein alter General. Raeseng beobachtet durchs Zielfernrohr, wie er im Garten Blumen gießt, liebevoll an den Blüten schnuppert und mit seinem  Hund  spielt. Doch er drückt nicht ab, warum weiß er selbst nicht. Stattdessen verkriecht er sich in seinem Zelt im Wald, wo er vom spazierengehenden General angesprochen und in dessen Haus eingeladen wird. Daraus entwickelt sich ein netter Abend  mit Gesprächen, rustikalem Mahl und reichlich Alkohol – ein kleines Fest der Gastfreundschaft. Am nächsten Abend blickt Raeseng erneut durchs Zielfernrohr, und diesmal drückt er ab und erschießt Hund und alten Mann.

Schauplatz des Romans ist Südkorea. Auftragsmorde sind an der Tagesordnung, der zuständige Wirtschaftszweig wird als Fleischmarkt bezeichnet. Tracker spüren die Zielperson auf und sammeln Informationen, Plotter planen den exakten Tatablauf, Cleaner räumen den Tatort auf und eliminieren die Killer, die versagt haben oder zu alt geworden sind für ihren Job. Entsorgt werden sie wie die Leichen ihrer Opfer in Bears Tierkrematorium. Ausgehandelt werden die Geschäfte in Old Racoons Bibliothek. Wieso wird er nicht als Alter Waschbär vorgestellt? Die englischen Bezeichnungen irritieren ein wenig. Da die deutsche Übersetzung auf der englischen Vorlage beruht, bleibt unklar, wie es sich mit dem koreanischen Originaltext verhält. Doch das ist nicht die einzige Merkwürdigkeit dieses Thrillers.

Kim interessiert sich genreuntypisch vor allem für das Periphere. Er erzählt ausschweifend und abschweifend, stattet seine meist skurrilen Figuren verschwenderisch mit Eigenschaften aus, illustriert sie mit Anekdoten, Rückblenden und koreanischen Sprichworten (Man kann sich nicht in die Hose scheißen, nur weil das Klo schmutzig ist.) Raesengs Bierwoche (alles Essbare aus dem Kühlschrank räumen, Bierdosen reinpacken) widmet er ein ganzes ausführliches Kapitel, desgleichen der oben erwähnten Bibliothek oder Raesengs zarter Affäre mit einer Fabrikarbeiterin. Diese Episode ist besonders berührend. Vorübergehend gezwungen,  mit falscher Identität in der Fremde unterzutauchen, heuert er in einer Fabrik an und lernt dort eine junge Frau kennen. Sie kommen sich näher, ziehen zusammen. Das neue Leben zieht Raeseng in seinen Bann. Doch als Old Racoon meldet, die Luft sei wieder rein, vernichtet er noch am selben Tag alle Spuren, kehrt zurück nach Seoul und nimmt sein altes Leben wieder auf. Eine psychologische Erklärung wird nicht angeboten. Ganz generell enthält Kim sich der wohlfeilen Tiefenpsychologie, mit der gängige Thriller ihre Monstrositäten verdaulich zu machen suchen. Kims Erzählweise ist so unpsychologisch, wie der Fleischmarkt, der ‘kapitalistischste aller Märkte’, amoralisch ist. Aber vielleicht ist ‘unpsychologisch’ auch nicht das richtige Wort, denn der Leser gewinnt tiefen Einblick in Raesengs Gefühlswelt und Denkweise. Vielleicht ist es treffender zu sagen, dass Kim nicht schematisiert, sondern seinen Geschöpfen ihr Geheimnis lässt.

Übrigens hat das Buch auch einen Handlungsfaden: Raeseng findet in der Bierwoche eine Bombe in seiner Kloschüssel, und Old Racoon bekommt mit dem jungen Hanja einen Rivalen, der ihm seine Stellung streitig macht. Es droht ein Krieg der Unterweltler. Als Raeseng sich auf die Suche nach dem Bombenbauer macht, gerät seine festgefügte Welt zusehends aus dem Lot. Der Killer, der nie etwas anderes sein wollte, beginnt sich zu wandeln und wird vom Befehlsempfänger zum Handelnden. Dass das nicht gutgehen kann, ahnt man. Thrillermäßige Hochspannung im üblichen Sinn stellt sich dabei nicht ein, doch das ist bei diesem ungewöhnlichen, äußerst lesenswerten  Roman fast schon nebensächlich.

Un-Su Kim
Die Plotter, Roman

Aus dem Englischen von Rainer Schmidt

Europa Verlag 2018

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Alex Michaelides – Die stumme Patientin

Der Standardthriller geht in etwa so: Ein grauenhafter Mord geschieht. Ein Kommissar nimmt die Ermittlungen auf. Disparate Nebenstränge werden aufgetan. Kleine Einsprengsel gestatten dem sich gruselnden Leser einen Blick ins kranke Hirn des Täters. Es passieren weitere Morde. Nebenfiguren geraten in Verdacht, sind aber allesamt unschuldig. Schließlich gerät die Frau/Tochter/Geliebte des Kommissars ins Visier des Mörders, wird bedroht oder entführt. Jetzt zählt jede Sekunde.

Das Schema funktioniert garantiert, selbst beim zwanzigsten Mal. Auch wenn Michaelides’ Erstling mit einem Mord beginnt, ist er doch anders. Im Mittelpunkt steht  die recht erfolgreiche Malerin Alicia Berenson. Ohne ersichtlichen Grund hat sie ihren Ehemann Gabriel erschossen. Seitdem spricht sie kein Wort mehr. Sie kommt in die Psychiatrie und wird nach einem tätlichen Angriff auf eine Mitpatientin mit Medikamenten ruhiggestellt.

Die Geschichte wird erzählt vom Psychotherapeuten Theo Faber, mit eingeschobenen Auszügen aus Alicias Tagebuch. Um Alicia behandeln zu können, kündigt Theo seinen Job und bewirbt sich bei der psychiatrischen Einrichtung, in der sie untergebracht ist, Alicia aber bleibt auch in den Therapiesitzungen stumm und teilnahmslos. Um Zugang zu ihr zu gewinnen, beginnt Theo in ihrem Umkreis zu ermitteln, spricht mit dem Bruder ihres getöteten Ehemanns, ihrem Galeristen und  Verwandten. Dabei schleicht sich Unheimlichkeit ein. Natürlich ist nicht alles so, wie es zunächst scheint, und nicht alle waren Alicia wohlgesonnen. Unterdessen findet Theo, der Therapeut, heraus, dass seine Frau eine Affäre hat, was weitere Ermittlungen nach sich zieht. Und woher rührt eigentlich seine Motivation, ausgerechnet Alicia helfen zu wollen?

Michaelides’ Stil ist solide, die Schilderungen der Therapie und des psychiatrischen Personals sind überaus stimmig. Dass der Autor neben seiner Erfahrung als Drehbuchschreiber eine Ausbildung zum Psychotherapeuten absolviert und zwei Jahre lang in einer Einrichtung für schwer erziehbare junge Erwachsene gearbeitet hat, macht sich hier erzählerisch bezahlt. Doch der Grund, weshalb die Spannungskurve stetig ansteigt, bis dem Leser förmlich der Boden unter den Füßen weggezogen wird, ist die Konstruktion des Romans. Der zugrundeliegende Kniff soll hier nicht erwähnt werden, ist aber so kühn, dass mir die Luft wegblieb. Diese Raffinesse macht Die stumme Patientin zu einem großen Wurf. Michaelides’ zweiter Roman mit dem Titel Die verschwundene Studentin soll im Juli 2021 erscheinen. Ich kann  es kaum erwarten.

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Die stumme Patientin, Roman

Aus dem Englischen von Kristina Lake-Zapp

Droemer 2019

Michaelides bei Amazon

Garry Disher – Willkür

Das hingeschmierte Cover und der unleserliche Umschlagtext (weiße Schrift auf hellblauem Riffelmuster) scheinen das Buch für die Auflage eines Lyrikbändchens zu prädestinieren. Was sich der Verlag dabei gedacht hat? Mich hat die Aufmachung jeweils zunächst mal von der Lektüre abgehalten. Am Ende aber siegte die Neugier. Ich wollte wissen, was drin steckt in der abstoßendenden Verpackung. Und das ist Pulp, wie es im Buche steht.

Wyatt, ein Solo-Gangster in der Midlife-Crisis, (und trauriger Held einer bislang acht Bände umfassenden Reihe), hat es auf das Geld des Mesic-Clans abgesehen. Der hat zufällig dreihunderttausend Dollar gebunkert, die er selbst mal erbeutet, durch unglückselige Umstände aber wieder verloren hat. Der Patriarch des Clans ist vor kurzem verstorben. Jetzt beabsichtigt Victor, der ältere Sohn, mit dem Zaster ins Casinogeschäft einzusteigen, während Leo, der jüngere, weiterhin die altbewährte Autoschieberei bevorzugt. Achtung, Zeitenwende! Bax wiederum, der korrupte Bulle, ist auf die fünfhundert Dollar Schmiergeld angewiesen, die bei ihm wöchentlich fürs Koksen und Zocken draufgehen. Dass man ihm die Kohle wegen der neuen Zeiten vorenthalten will, gefällt ihm verständlicherweise gar nicht. Und die Mafia in Sydney spielt auch noch mit. Damit sind die Motive gesetzt, das Spiel kann beginnen.

Was folgt, sind schlagfertige Dialoge und coole Sprüche, Katz-und-Maus-Spiele, haarsträubende Wendungen und Verfolgungsjagden, von Disher stilsicher inszeniert. Natürlich sitzen die Waffen locker, und die Akteure sind Typen – psychologische Tiefe wäre hier unangebracht. So weit, so erwartbar. Doch wenn Wyatt einem Jungen beim Asthmaanfall hilft, stutzt man.  Solche kleine Szenen, die das Genre aufweichen, gibt es immer wieder. Nicht zuletzt deshalb empfiehlt sich das Buch als Lektüre für sengend heiße Sommertage, denn es ist so erfrischend wie ein eiskaltes Bier. Nach der Lektüre hat man es schnell vergessen – und freut sich auf den nächsten Disher.

Garry Disher
Willkür, Roman

Aus dem Englischen von Bettina Seifried

Pulp Master 2004

Garry Disher bei Amazon

Der Pass – Der Krampus geht um

Die Konstellation ist nicht neu: Da treibt ein Serientäter sein Unwesen, um seiner wahnhaften Privatideologie mit aufwändig inszenierten Morden Aufmerksamkeit zu verschaffen, und ein dysfunktionales Ermittlerteam hechelt den Untaten hinterher, nimmt allerlei falsche Verdächtige ins Visier, folgt mäandrierenden Spuren und bringt den Täter schließlich zur Strecke – oder auch nicht.

Angelehnt ist Der Pass an Die Brücke, eine der besten Serien, die im deutschen Fernsehen zu sehen waren. Die Brücke  war  angesiedelt in der Öresund-Region, das schwedisch-dänische Ermittlerteam hatte es zunächst mit zwei Toten zu tun, deren abgesägte Hälften mitten auf der Staatsgrenze zu einem neuen Ganzen zusammengefügt waren. Vor allem Kommissarin Saga Norén (Sofia Helin) mit ihrem Asperger-Syndrom nahm den Zuschauer dermaßen für sich ein, dass er bereit war, ihr in die schauerlichsten Abgründe der Ermittlung  hinab zu folgen. Der Pass  spielt nun in den Alpen im Grenzgebiet von Deutschland und Österreich, und das Ermittlerteam ist so zu sagen spiegelverkehrt aufgestellt. Die deutsche Kommissarin Ellie Stocker (Julia Jentsch) ist die Normalo, der österreichische Kommissar Gedeon Winter (Nicholas Ofczarek) gibt den Freak. In die Provinz strafversetzt, erfüllt er seine Ermittlerpflicht mehr als unwillig. Wenn er morgens mit Kokskater auf dem Boden erwacht und sich mit fettigem Haar und zerknautschten Klamotten zur Arbeit schleppt, ist seine Stimmung erwartungsgemäß grantig. Das Österreichische, das noch dem argsten Schmäh widerborstigen Charme verleiht, passt ihm wie der Wurst die Pelle. Am Tatort bleibt er lieber im Auto sitzen und überlässt seiner ehrgeizigen deutschen Kollegin die Besichtigung des ersten Opfers, das, wenig überraschend, auf einem Grenzstein kniend gefunden wird. Erst als weitere Morde folgen, erwacht allmählich sein Interesse, und das Teambuilding kann beginnen.

Manches an Der Pass ist Variante, einiges wie die Schwangerschaft der Kommissarin wirkt aufgesetzt und überflüssig, dennoch ist die Serie unbedingt sehenswert. Das liegt nicht nur an der fantastischen Kulisse, nämlich der verschneiten Berglandschaft mit ihren dunklen Tälern und archaischen Bräuchen, der Musik von Hans Zimmer und den schauerlichen Krampusmasken, derer sich der Täter bedient, sondern vor allem an der filmischen Erzählweise.  Philip Peschlow hat hier hervorragende Kameraarbeit geleistet, die einhergeht mit einer komplexen Erzählweise  samt Vor- und Rückblenden, Szenen mit abgeblendetem Ton und atmosphärisch dichten Bildern, die der Imagination des Betrachters Raum geben.  Ganz schön dreist, dass ab Folge 3 der Täter dem Zuschauer bekannt ist. Der Spannung tut es keinen Abbruch. Sky hat Das Boot  versemmelt, aber mit Der Pass  fast alles richtig gemacht. Hier stimmt so gut wie jede Einstellung, und herausgekommen ist eine Serie, die ihrem Vorbild Die Brücke anders als das amerikanische Remake keine Schande macht. 

Zu sehen ist Der Pass derzeit auf Sky und bei Skyticket.

Krampus

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Strike – Schlag ins Leere

Hitzewatte im Kopf. BBC-Krimiserie Strike geguckt. Autorin der Buchvorlage ist immerhin Erfolgsautorin J. K. Rowling. Aber: o je.

Privatdetektiv Cormoran Strike ist ein kriegsversehrter Knuddelbär, Assistentin Robin zum Anbeißen süß, aber verlobt mit einem Langeweiler (macht irgendwas mit Banken).  Die Handlung schleppt sich so betulich wie ein Krimi von Agatha Christie. Die drei Fälle papierene Konstrukte, die Motive hanebüchen. Die Überraschung: als eine Straßenhure einen Handjob für fünf Pfund anbietet. Das Spannungselement: ob Cormoran und Robin einander kriegen. Man spürt die Absicht: kein Zynismus, keine Gewaltorgien – die klassische Detektivgeschichte soll es sein, elegant und humorvoll. Doch die Geschichten zünden nicht, nirgends. Dann naht endlich das Ende. Robin steht mit dem, der was mit Banken macht, vor dem Traualter. Cormoran rast mit dem Auto heran, eilt humpelnd zur Kirche. Der Film zitiert das Finale der Reifeprüfung! Cormoran wird Robins fades Schicksal wenden! Da wirft er auch schon eine Blechvase um. Alle Blicken richten sich auf ihn, auch Robins. Doch anstatt in die Arme ihres Retters zu stürzen, lächelt sie und spricht: Ja, ich will. Ätsch! Die Autorin dreht mir und Cormoran und Robin eine lange Nase! Es war gar kein Zitat, es war eine Variante. Man könnte auch sagen: ein Schlag ins Leere. Oder positiv formuliert: Bei drohendem Hitzekoller kann diese Serie eine Valium überflüssig machen.

Nachtrag: Der erste Teil der Strike-Serie wurde unter Pseudonym veröffentlicht. Es heißt, es wurden lediglich 1200 Exemplare verkauft. Erst als Rowlings Pseudonym gelüftet war, wurde ein Bestseller draus.

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Serie nach Buchvorlagen von J. K. Rowling

Trailer

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James Lee Burke: Sturm über New Orleans

Sommer 2005: Der Hurrikan Katrina kommt über die Bewohner von New Orleans wie eine biblische Strafe.  Weite Teile der Stadt versinken in den Fluten, tausende Menschen verlieren das Leben. Die Hilfsmaßnahmen der Behörden kommen zu spät und sind unzureichend. Eine Clique schwarzer Jungs nutzt das Chaos, um zu plündern. Durch Zufall finden sie in einem Haus, versteckt in den Wänden, nicht nur Koks, sondern auch eine große Menge Diamanten. Glück bringt ihnen der Zufallsfund keines, denn beides gehört einem berüchtigten Kriminellen. Außerdem wohnt nebenan die Familie des Mädchens, das sie vor ein paar Wochen brutal vergewaltigt und gequält haben. Die junge Frau erkennt sie wieder, und einer der Jungs wird getötet, ein anderer wird angeschossen und ist fortan querschnittsgelähmt. Bertrand Melancon, der unverletzt geblieben ist,  sucht nicht etwa Rache, sondern wird wegen der Vergewaltigung zunehmend von Gewissensbissen geplagt. Bertrand ist keine Leuchte. Mit den Diamanten weiß er nichts anzufangen, und seine Versuche, die böse Tat zu sühnen, fallen hilflos und ungeschickt aus. Bald sind alle hinter ihm her; die Kriminellen, die Polizei und der Vater des vergewaltigten Mädchens. Dass Burke für diesen unsympathischen Schurken beim Leser wenn nicht Mitgefühl, so doch Mitleid wecken kann, ist eine der erstaunlichen Leistungen dieses Romans. An einer Stelle heißt es von Bertrand: Er versuchte der zu werden, der er hätte sein können, wenn nicht von Anfang an alles bei ihm schiefgegangen wäre.

Dave Robicheaux, Held zahlreicher Lee-Burke-Bücher, die man fast nicht Krimis nennen will, ermittelt in dem verworrenen Fall, bei dem die Unterschiede zwischen Täter und Opfer immer mehr verschwimmen. Robicheaux, glücklich verheiratet und Vater einer Tochter, inzwischen trockener Alkoholiker, ist  das Gegenteil des wort- und gedankenkargen Zynikers, der im Krimigenre so häufig anzutreffen ist. Robicheaux ist ein Moralist, ein Grübler, der weiß, dass Menschen wie er vom Aussterben bedroht sind. Er glaubt an den Sinn der Polizeiarbeit mehr, als seinem Job guttut. Die Menschen, denen er begegnet, nimmt er weniger als Täter, Opfer, Zeugen wahr, sondern eher als Anschauungsmaterial für die Vielfalt des Lebens. Seine ‘Ermittlungen’ sind eine Reise durch eine Welt, die bei aller Gewalttätigkeit und allem Schmutz immer wieder Schönheit aufscheinen lässt: Im Licht über den Sümpfen, im Vogelflug, im Schnurren seiner dreibeinigen Katze Tripod.

Richtig spannend ist das Buch nicht. Es ist, als hätte die Schwüle von New Orleans die Handlung verlangsamt. Burke nimmt den Plot nicht sonderlich ernst. Ihm geht es um die Menschen, um Stimmungen, Situationen. Das weitet den Erfahrungsraum des Lesers. Besonders deutlich wird das, wenn man anschließend einen Page-Turner-Spezialisten wie Ake Edwardson liest. Plötzlich erscheint die Romanwelt flach, konstruiert, kalkuliert, jedenfalls solange, bis fiebrige Spannung die Oberhand gewinnt. James Lee Burke schreibt nicht nur Krimis, sondern erfahrungssatte, bildmächtige und auf ihre eigene Weise fesselnde Literatur.

James-Lee-Burke-Sturm-über-New-Orleans

 

James Lee Burke
Sturm über New Orleans, Roman

aus dem Amerikanischen von Georg Schmidt
Pendragon 2015

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