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True Detective – Staffel 3

Schwer von Hitze und Staub und beißend von Schweiß ist die Luft im Südstaatenkaff West Finger, Arkansas. Whiskybrauner Dunst liegt über den Bildern. Zwei Kinder fahren mit dem Fahrrad zum Spielen. Abends kehren sie nicht zurück. Bald darauf wird der Junge tot aufgefunden, das Mädchen bleibt verschwunden. 

Wayne Hays (Mahershala Ali) und Roland West (Stephen Dorff) ermitteln, beide abgebrühte Bullen, infiziert von der Schwermut der Landschaft. Geistesblitze sind ihre Sache nicht. Ihre Unterhaltungen sind lakonisch und so träge wie ihre Bewegungen, langsame Erkundungen einer inneren Leere, die sie mit vielen der Looser und Durchhalter teilen, denen sie begegnen, und in der sie nach Sinn schürfen wie Goldsucher am falschen Claim.  Bei ihrer Arbeit sind sie stur wie Esel und verbeißen sich in den Fall, der sie ein Leben lang begleiten, fordern und immer wieder enttäuschen soll. Dabei gehen sie alles andere als zimperlich vor. So kann es schon mal vorkommen, dass ein Verdächtiger zu einer abgelegenen Scheune gebracht und weichgeklopft wird. Einmal kommt jemand dabei zu Tode. Wenig später stehen sie im Wald und schaufeln ein Grab. Ihr Ethos ist archaischer als das Gesetz  erlaubt und wurzelt in den blutigen amerikanischen Mythen. Damit ist das Motiv der Zeitlosigkeit gesetzt, und dem entspricht die Erzählweise der Staffel, die auf drei Zeitebenen spielt: 1980, 1990 und 2015. Die Verknüpfung der Ebenen erzeugt eine faszinierende Parallelität der Ereignisse: der Anfang steht neben dem Ende, der Aufbruch neben dem Scheitern, die Vergangenheit kommentiert die Gegenwart und umgekehrt.

Erzählt wird von der konfliktreichen Liebe des farbigen Wayne zu einer Lehrerin, die er heiratet und wieder verliert, und von der Freundschaft der beiden Polizisten, die sich annähern, zerstreiten und wiederfinden. Auf der ersten Zeitebene wird der falsche Mann erschossen und posthum des Mordes an den beiden Kindern schuldig gesprochen. Auf der zweiten Ebene wird der Fall wieder aufgenommen, als nach einem Supermarktüberfall Fingerabdrücke des tot geglaubten Mädchens gefunden werden. Auf der dritten Ebene wird der Fall gelöst. Wayne leidet da bereits an Alzheimer, Roland ist zum trinkenden Einsiedler geworden. Dennoch raffen sie sich noch einmal auf, nicht zum letzten Gefecht, sondern zum Versuch, ihrem Leben am Ende doch noch eine Geschichte abzuringen, die im Nachhinein einen verborgenen Sinn enthüllt. Was sie stattdessen finden, ist die Wahrheit, die sich als Enttäuschung entpuppt. Aber das ist noch nicht alles.

Überhaupt sei jeder, der sich an der bedächtigen Erzählweise stören mag, auf die achte und letzte Folge verwiesen. Wie  die drei Erzählebenen der Serie sich hier verweben, als sollte die Linearität der Zeit ad absurdum geführt werden, wie abgrundtiefe Desillusionierung und hoffnungsloses Scheitern konterkariert werden durch eine Wendung, die so märchenhaft wie selbstverständlich ist, und wie sich die Möglichkeit des Glücks gleich wieder verflüchtigt, ist schauspielerisch grandios verkörpert und meisterhaft umgesetzt. Wer hier keine Tränen vergießt, wem nicht der Atem stockt und wer nicht in stillen Jubel ausbricht über diesen Triumph des filmischen Erzählens, sollte dazu verdonnert werden, fünf Marvel-Adaptionen hintereinander zu gucken – ohne Popcorn und ohne Pause.

Die Staffel im Stream unter anderem bei Sky Ticket und Amazon.

True Detective TV show on HBO: season 3 ratings (canceled or renewed season 4?)True Detective – Staffel 3

Serie von Nic Pizzolatto

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Three Billboards Outside Ebbing, Missouri

In Ebbing, Missouri, scheint die Zeit stehengeblieben. Ein trügerisch goldenes Licht liegt über diesem amerikanischen Süden. Farbige und Schwule sind immer für eine Zote gut, die Cops glauben, sie hätten das Recht gepachtet, in der Kneipe wird gesoffen und Billard gespielt wie eh und je, und Wähler der Demokraten kann man mit der Lupe suchen – Trump Country. Hier gilt die Moderne als Bedrohung  und mit ihr alles, was Veränderung bedeuten könnte.

In gewisser Weise gilt dies sogar für Mildred Hayes, gespielt von der wunderbaren Frances McDormand, die hier (wie auch in dem ebenfalls mehr als sehenswerten Drama Olive Kitteridge) wieder einmal in ihrer Paraderolle zu sehen ist. Mildred hat das Leben übel mitgespielt: Erst hat ihr prügelnder Ehemann sie wegen eines hübschen Dummchens verlassen, dann wurde ihre Tochter vergewaltigt und verbrannt. Die Polizei hat die Ermittlungen längst ergebnislos eingestellt. Da kommt Mildred auf die Idee, drei Werbetafeln anzumieten, die titelgebenden Billboards, darauf drei schlichte Sätze:  ‘Raped While Dying’, ‘Still No Arrests?’ und ‘How come, Chief Willoughby?’ Das  missfällt nicht nur dem verantwortlichen Chief. Auf einmal ist die geliebte Friedhofsruhe in Gefahr.

Während Mildred dem sozialen Druck mit sturköpfiger Beharrlichkeit widersteht, werden die drei Billboards zum Katalysator, der erst die den Verhältnissen innewohnende Brutalität sichtbar macht und sie dann auseinanderbricht. Dieser Prozess wird in glasklaren Bildern als stilles, gleichwohl atemberaubendes Schauspiel erzählt. Wenn ein Gegner zum heimlichen Unterstützer wird, wenn der schlimmste aller Cops sich am Ende zusammenschlagen lässt, um an die DNA des vermeintlichen Täters zu gelangen, meint man, kleinen und größeren Wundern beizuwohnen. Dabei haben die Wandlungen und Wendungen nichts Märchenhaftes an sich. Alles ist in den Figuren angelegt und entfaltet sich folgerichtig. Dass damit auch die Sichtweisen des Zuschauers hinterfragt und seine Erwartungen gesprengt werden, ist mit ein Grund für die enorme emotionale Wirkung des Films. 

Man möchte Three Billboards als Therapie für die amerikanische Krankheit empfehlen, doch um für Medizin empfänglich zu sein, bedarf es der Einsicht der Betroffenen. Es ist halt nur ein Film.  Aber ansehen sollte man ihn.

Three Billboards Outside Ebbing, Missouri

Regie: Martin McDonagh

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