Brian Greene – Die verborgene Wirklichkeit

Ständig werden neue Planetensysteme entdeckt. Dass es irgendwo dort draußen andere Lebensformen gibt, ist mehr als wahrscheinlich. Das Leben auf der Erde wäre demnach nichts Einzigartiges, sondern eine realisierte Möglichkeit unter vielen.

Doch wie sieht es mit dem All als Ganzem aus, mit dem sich ausdehnenden Kosmos, in dem irgendwo unser kleiner Planet um die Sonne kreist? Es ist noch nicht lange her, da galt der Urknall, aus dem nach gängiger Lesart die Raumzeit mitsamt aller Energie und Materie hervorgegangen ist, als ebenso einzigartig wie der mythische Schöpfungsakt der Bibel. Doch so wie unsere Sonne Teil einer Galaxis mit Milliarden anderen Sonnen ist und diese Galaxis wiederum Teil eines Galaxienhaufens unter zahllosen anderen, könnte auch unser Universum Teil einer viel größeren Wirklichkeit sein – Teil eines Multiversums, das selbst die an Relativitätstheorie und Quantenmechanik gestählte Vorstellungskraft vor ganz neue Herausforderung stellt. In seinem Buch stellt Greene neun verschiedene Konzepte für Paralleluniversen vor:

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Tabelle aus Briane Greene, Die Verborgene Wirklichkeit, Siedler 2012

Abgesehen von der Bemerkung, dass das erste Modell, das Patchwork-Universum, bei mir auf flammenden Widerspruch trifft, möchte ich nicht im Einzelnen auf die Konzepte eingehen. Gemeinsam ist den Modellen allerdings, dass sie eine Antwort geben auf die merkwürdige Anthropie des Kosmos. Darunter versteht man die verblüffende Tatsache, dass die Andromeda - Quelle: NASANaturkonstanten exakt so beschaffen sind, dass die Voraussetzungen für die Entstehung von Leben gegeben sind. Ein paar Beispiele: Wäre die starke Kernkraft nur geringfügig stärker, wäre die Kernfusion nicht in Gang gekommen, und es gäbe keine Sonnen, die Kohlenstoff ausbrüten können. Wäre sie ein wenig schwächer, gäbe es nicht einmal Wasserstoff. Das gleiche gilt für die kosmische Konstante, die Gravitationskonstante und viele andere Eigenschaften des Kosmos. Schon geringfüge Abweichungen würden die Welt, wie wir sie kennen, unmöglich machen. Die Frage, weshalb diese Eigenschaften genau so sind, wie sie sind, ist unbeantwortet. Hätten sich die Konstanten beim Urknall so zu sagen ‘zufällig’ herausgebildet, wäre es viel wahrscheinlicher, dass ein Kosmos entstanden wäre, der unsere Existenz unmöglich gemacht hätte. Unserer Welt haftet damit das Label des statistisch Unwahrscheinlichen an. Umgekehrt hingegen wird ein Schuh draus. Geht man davon aus, dass es viele Universen mit unterschiedlichen Naturkonstanten gibt, wäre unser Kosmos nur einer unter vielen, und die Frage nach dem Grund für die uns so günstigen Naturkonstanten würde sich erübrigen.

Der Physiker Greene, selbst an vorderster Front der physikalischen Grundlagenforschung tätig, ist ein beredter und überzeugter Anhänger des Multiversenkonzepts. Die Modelle, die er präsentiert, sind  abgeleitet aus mathematischen Konstruktionen wie der Stringtheorie. Greene lässt keinen Zweifel daran, dass es sich bei all diesen Konzepten um Spekulationen handelt, die unbewiesen sind und vielleicht immer unbeweisbar bleiben werden. Andererseits zeigt er Wege auf, wie sich vielleicht schon in naher Zukunft zum Beispiel durch Experimente in Teilchenbeschleunigern Hinweise ergeben könnten, die den Modellen eine Plausibilität verleihen, die über die mathematische Schlüssigkeit hinausgeht.  Das ist ein überaus spannender Stoff. Wer eine Reise an die Grenze der Erkenntnis und darüber hinaus unternehmen möchte, ist bei Greene gut aufgehoben. Wie in seinem vorigen Buch Der Stoff aus dem der Kosmos ist versteht er es auch hier, komplizierteste kosmologische Konzepte anschaulich darzustellen, und hält für besonders wissbegierige (oder besonders sachkundige) Leser einen umfangreichen Anmerkungsapparat bereit.

Brian Greene
Die Verborgene Wirklichkeit, Sachbuch

aus dem Amerikanischen von Sebastian Vogel
Pantheon 2013

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