Alex Michaelides – Die stumme Patientin

Der Standardthriller geht in etwa so: Ein grauenhafter Mord geschieht. Ein Kommissar nimmt die Ermittlungen auf. Disparate Nebenstränge werden aufgetan. Kleine Einsprengsel gestatten dem sich gruselnden Leser einen Blick ins kranke Hirn des Täters. Es passieren weitere Morde. Nebenfiguren geraten in Verdacht, sind aber allesamt unschuldig. Schließlich gerät die Frau/Tochter/Geliebte des Kommissars ins Visier des Mörders, wird bedroht oder entführt. Jetzt zählt jede Sekunde.

Das Schema funktioniert garantiert, selbst beim zwanzigsten Mal. Auch wenn Michaelides’ Erstling mit einem Mord beginnt, ist er doch anders. Im Mittelpunkt steht  die recht erfolgreiche Malerin Alicia Berenson. Ohne ersichtlichen Grund hat sie ihren Ehemann Gabriel erschossen. Seitdem spricht sie kein Wort mehr. Sie kommt in die Psychiatrie und wird nach einem tätlichen Angriff auf eine Mitpatientin mit Medikamenten ruhiggestellt.

Die Geschichte wird erzählt vom Psychotherapeuten Theo Faber, mit eingeschobenen Auszügen aus Alicias Tagebuch. Um Alicia behandeln zu können, kündigt Theo seinen Job und bewirbt sich bei der psychiatrischen Einrichtung, in der sie untergebracht ist, Alicia aber bleibt auch in den Therapiesitzungen stumm und teilnahmslos. Um Zugang zu ihr zu gewinnen, beginnt Theo in ihrem Umkreis zu ermitteln, spricht mit dem Bruder ihres getöteten Ehemanns, ihrem Galeristen und  Verwandten. Dabei schleicht sich Unheimlichkeit ein. Natürlich ist nicht alles so, wie es zunächst scheint, und nicht alle waren Alicia wohlgesonnen. Unterdessen findet Theo, der Therapeut, heraus, dass seine Frau eine Affäre hat, was weitere Ermittlungen nach sich zieht. Und woher rührt eigentlich seine Motivation, ausgerechnet Alicia helfen zu wollen?

Michaelides’ Stil ist solide, die Schilderungen der Therapie und des psychiatrischen Personals sind überaus stimmig. Dass der Autor neben seiner Erfahrung als Drehbuchschreiber eine Ausbildung zum Psychotherapeuten absolviert und zwei Jahre lang in einer Einrichtung für schwer erziehbare junge Erwachsene gearbeitet hat, macht sich hier erzählerisch bezahlt. Doch der Grund, weshalb die Spannungskurve stetig ansteigt, bis dem Leser förmlich der Boden unter den Füßen weggezogen wird, ist die Konstruktion des Romans. Der zugrundeliegende Kniff soll hier nicht erwähnt werden, ist aber so kühn, dass mir die Luft wegblieb. Diese Raffinesse macht Die stumme Patientin zu einem großen Wurf. Michaelides’ zweiter Roman mit dem Titel Die verschwundene Studentin soll im Juli 2021 erscheinen. Ich kann  es kaum erwarten.

415eFWdg0rL._SX327_BO1,204,203,200_Alex Michaelides
Die stumme Patientin, Roman

Aus dem Englischen von Kristina Lake-Zapp

Droemer 2019

Michaelides bei Amazon

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.