Blade Runner 2049

Fünfunddreißig Realjahre und dreißig Filmjahre sind vergangen, seit 1982 Blade Runner ins Kino kam, die ikonische Verfilmung der Buches Träumen Androiden von elektrischen Schafen?  von Philip K. Dick, ein Kultfilm, der weit über das Science-Fiction-Genre hinaus Wirkung entfaltet hat. Was Regisseur Ridley Scott zusammen mit seinem Team damals, im vordigitalen Zeitalter, in einem 40-Meter-Studio erschaffen hatte, war nicht weniger als eine nie gesehene Welt; düster, melancholisch, zukunftsskeptisch und gleichzeitig so detailstrotzend und vital, dass auch der fünfte Kinobesuch noch Gänsehaut produzierte und Überraschungen offenbarte.

Seitdem ist in Los Angeles nichts besser geworden. Der Smog ist noch dichter, die Hologramme sind noch größer und dreister, unablässig fällt Regen oder Schnee – oder sind es Ascheflocken? Forderten damals schwebende Werbemonster lautstark und farbenfroh zur Kolonisierung des Weltraums auf, während unter ihnen in den Straßenschluchten, gehüllt in die babylonische Kakophonie des Cityspeak, trotzig das Leben wimmelte, so hat sich nun alle Farbe verflüchtigt. Bläulich-grau liegt diese Stadt im Nebel, die Menschen am Boden und in den Slumtürmen zeigen kaum jemals ihr Gesicht. Alles ist von tiefer Traurigkeit durchdrungen, von einer Ermattung, die von Hoffnungslosigkeit rührt. Nur hin und wieder bricht Gewalt hervor, dann setzt der Lähmungszustand sich fort, als wäre nichts geschehen. Um diese Atmosphäre auszuloten, nimmt Villeneuve sich alle Zeit der Welt. Mit langsamen Kamerabewegungen und einem hartnäckigen Interesse an Details erkundet er Innenräume, Stadtpanoramen und Ruinen. Die Wirkung ist hypnotisch. Selten war das digitale Worldbuilding so überzeugend. Zusammen mit der unaufdringlich, aber wirkungsvoll eingesetzten 3-D-Optik ergibt sich eine unerhörte Immersion. Erstaunlicherweise fühlte ich mich an Tarkowskij erinnert, zumal an dessen meditatives Meisterwerk Nostalghia. Der ständige Regen, die flirrenden Wasserreflexe in der Firmenzentrale von Neander Wallace, der überflutete Keller, in dem die aufständischen Replikanten leben, und nicht zuletzt Deckards Hund weckten Erinnerungen an diesen Ausnahmeregisseur, der es verstand, vertraute Dinge so zu zeigen, als wären sie Chiffren. Doch während bei Tarkowskij Wasser und Schäferhund auf die Sehnsucht nach Transzendenz und die verlorene spirituelle Heimat verweisen, geht es hier um Identität und die Frage Wer-bin-ich. Gott spielt längst keine Rolle mehr, die Stelle der Religion hat der sich selbst genügende Kapitalismus  eingenommen, der Mensch ist an den Rand gerückt. Den Großteil des Films bestreiten Replikanten.

Blade Runner Officer K (wie in Trance: Ryan Gosling) , der sich später Joe nennen wird, jagt ein Kind, das Rick Deckard (so gut wie nie: Harrison Ford) seinerzeit mit der Replikantin Rachel gezeugt hat. Die damaligen Modelle der Nexus-Serie neigten nicht nur zur Verselbstständigung, sondern einige waren offenbar auch fortpflanzungsfähig. Die Polizei befürchtet, das Kind könnte irgendwann einen Aufstand der Replikanten  auslösen. Erinnerungsfetzen lassen Officer K vermuten, dass er dieses Kind gewesen sein könnte. So wird die Jagd nach dem Kind zu seiner ganz persönlichen Spurensuche. Sind seine Erinnerungen echt? Was ist wahr und was ist Täuschung? Während die Menschen längst aufgehört haben, Fragen zu stellen, und sich in ihr Schicksal gefügt zu haben scheinen, arbeitet er sich stellvertretend für seine Artgenossen am Rätsel seiner synthetischen Existenz ab. Interessanterweise ist auch seine holografische Partnerin mit Identitätsfragen beschäftigt.  Joi leistet Officer K Gesellschaft, wenn er nach der Arbeit nach Hause kommt. Dort spielt auch eine der intensivsten Szenen des Films. Officer K alias Joe ist auf der Straße einer schönen Hure begegnet. Als sie irgendwann an seine Tür klopft, erklärt Joi, sie habe die Frau herbestellt, weil Joe sie gemocht habe und sie ihm endlich nahe sein wolle. Wie die körperlich reale Prostituierte und das Softwarekonstrukt Joi sich einander überlagern, zeitweise miteinander verschmelzen, sich wieder voneinander lösen und dabei Officer K annähern, ist wunderschön anzusehen und gleichzeitig todtraurig – ein Liebesakt voller Vergeblichkeit.

Villeneuve hat nach Arrival  einen weiteren eindrucksvollen, wenn auch weit pessimistischeren Film vorgelegt. Zugegeben, der Handlungsmotor ist schwächer als beim Vorläufer, es fehlt ein starkes emotionales Zentrum. Trotzdem ist Blade Runner 2049 nicht weniger als ein monumentaler Abgesang auf die Menschheit. Die Replikanten sind ganz offenbar die besseren Menschen. Sie zweifeln, stellen Fragen, wollen sich nicht abfinden. Allein aus ihren Augen rinnen noch Tränen. Ihnen gehört die verwüstete Welt und die Zukunft.

blade-runner-2049-poster[1]Blade Runner 2049

Film von Denis Villeneuve

Trailer

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