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Dune – mit Maus und Wurm

Als David Lynch 1984 seine Dune-Version ins Kino brachte, war die Enttäuschung groß; zu gewaltig das Panorama, das Frank Herbert in der Buchvorlage ausmalt,  und zu wackelig die Filmkulissen, zu krude die Effekte und vor allem zu klein der Sandkastenwurm, der das Finale bestreiten musste.

Frank Herberts Dune erschien unter dem Titel Der Wüstenplanet erstmals 1967 auf Deutsch, fünf Folgebände kamen hinterher. Für viele, auch für mich, war dies eines der großen  SF-Leseerlebnisse. Die Handlung spielt in ferner Zukunft und setzt 10290 Jahre nach Gründung der Raumfahrergilde ein. Tausende von Menschen besiedelte Planeten sind über die ganze Galaxis verteilt. Beherrscht werden sie von den Häusern, auf Erbfolge beruhenden Familien, und über allen thront der Imperator. Ein großer Dschihad hat die Computer und künstlichen Intelligenzen ausradiert. Allein mit Hilfe der psychotropen Droge Spice sind die Raumfahrer in der Lage, ihre Schiffe mit Überlichtgeschwindigkeit durch den Hyperraum zu manövrieren.  Der Imperator entzieht nun dem Haus Harkonnen das Lehen für den Wüstenplaneten Arrakis und bestimmt das Haus Atreides zu dessen neuem Herrscher – eine bedeutsame Entscheidung, da dort das Spice gewonnen wird. Also steht ein Umzug an. Die Familie Atreides fliegt nach Arrakis. Um das Wüstenvolk der Femen zur Zusammenarbeit zu bewegen, wurde das Gerücht gestreut, Paul, der Sohn des Herzogs, sei der neue Mahdi oder Messias. Das könnte sogar etwas dran sein, denn Paul hat Wahrträume, und im Hintergrund zieht seine Mutter die Strippen. Sie gehört dem Nonnenorden der Bene Gesserit an, der mit allerlei okkulten Ritualen und Psychotricks seine eigenen Ziele verfolgt.

Ökologie, Ressourcenknappheit, Kolonialismus, Personenkult, Dschihadismus, antiwissenschaftliche Maschinenstürmerei, Esoterik und Mystizismus – viele der Themen, die Frank Herbert anspricht, sind heute aktueller denn je. Und Villeneuve ist ein wundervoller Regisseur. Deshalb stimmt bei ihm vieles, zum Beispiel das Verhältnis zwischen Groß und Klein, also den Weltraum- und Planetenszenen auf der einen und den eindrucksvoll inszenierten Dialogen und Details wie dem windbewegten rieselnden Wüstensand oder der putzigen Maus auf einem Dünenkamm auf der anderen Seite.  An CGI-Kapazität herrscht kein Mangel, deshalb erschafft er imposante Landschaften, frappierend realistisch wirkende Libellenflügler und eine Überwältigungsarchitektur, die irgendwo zwischen Mayatempeln und Albert-Speer-Gigantismus angesiedelt ist. Doch den riesigen, meist düsteren Hallen wohnt, um mit Hermann Hesse zu sprechen, ‘kein Zauber inne’, sondern eine große Leere. Die Häuser sind doch reich, wieso statten die Adeligen ihre Betonburgen dann nicht mit Kunstwerken und Luxus aus?  Und um gleich weiter zu fragen: Weshalb sind auch die Raumschiffe so groß und leer? Sind die Aufhebung der Gravitation, Körperschilde und interstellarer Raumflug, Spice hin oder her, ohne Computertechnik überhaupt denkbar? Wovon leben eigentlich die bis zu vierhundert Meter langen Sandwürmer? Und war es wirklich nötig, das durch und durch böse Haus Harkonnen auch noch auf einem verregneten Planeten anzusiedeln?

Es ist, als wollte Hans Zimmer mit seinem dröhnenden Soundtrack diese Fragen schon im Ansatz ersticken. Aus anderer Perspektive aber machte die Akustikattacke durchaus Sinn, kam es mir nach zwei Jahren Corona-Pause doch so vor, als wohnte ich, untermalt von Pauken und Trompeten, dem Untergang des Kinos bei. Dune, vorab zum Post-Corona-Hoffnungsträger der Kinobranche gehypt, vermochte den Saal einen Tag nach der Premiere jedenfalls nicht mal zu einem Drittel zu füllen. Für die einen dürfte der Film zu ‘langsam’ sein, für die anderen zu verschwurbelt. Die größte Katastrophe aber war das Seherlebnis: Das Bild so ungewohnt kontrastarm, die Projektion unscharf, die Sitznachbarn, obwohl auf Abstand platziert, so laut. Der ketzerische Gedanke ging mir durch den Sinn, dass die Immersion vor dem heimischen Fernseher womöglich besser gewesen wäre. Lag es am Realitätsschock nach langer Corona-Enthaltsamkeit? Oder wird das Streamen dem Kino den Garaus machen? Ist Vereinzelung angesagt statt Gemeinschaftserlebnis? Sind wir dazu verdammt, unser TV-Equipment immer weiter hochzurüsten, bis wir real und virtuell nicht mehr unterscheiden können?

Die Zukunft wird es erweisen. 

Dune - Film 2021 - FILMSTARTS.deDune

Regie: Denis Villeneuve 2021

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Blade Runner 2049

Fünfunddreißig Realjahre und dreißig Filmjahre sind vergangen, seit 1982 Blade Runner ins Kino kam, die ikonische Verfilmung der Buches Träumen Androiden von elektrischen Schafen?  von Philip K. Dick, ein Kultfilm, der weit über das Science-Fiction-Genre hinaus Wirkung entfaltet hat. Was Regisseur Ridley Scott zusammen mit seinem Team damals, im vordigitalen Zeitalter, in einem 40-Meter-Studio erschaffen hatte, war nicht weniger als eine nie gesehene Welt; düster, melancholisch, zukunftsskeptisch und gleichzeitig so detailstrotzend und vital, dass auch der fünfte Kinobesuch noch Gänsehaut produzierte und Überraschungen offenbarte.

Seitdem ist in Los Angeles nichts besser geworden. Der Smog ist noch dichter, die Hologramme sind noch größer und dreister, unablässig fällt Regen oder Schnee – oder sind es Ascheflocken? Forderten damals schwebende Werbemonster lautstark und farbenfroh zur Kolonisierung des Weltraums auf, während unter ihnen in den Straßenschluchten, gehüllt in die babylonische Kakophonie des Cityspeak, trotzig das Leben wimmelte, so hat sich nun alle Farbe verflüchtigt. Bläulich-grau liegt diese Stadt im Nebel, die Menschen am Boden und in den Slumtürmen zeigen kaum jemals ihr Gesicht. Alles ist von tiefer Traurigkeit durchdrungen, von einer Ermattung, die von Hoffnungslosigkeit rührt. Nur hin und wieder bricht Gewalt hervor, dann setzt der Lähmungszustand sich fort, als wäre nichts geschehen. Um diese Atmosphäre auszuloten, nimmt Villeneuve sich alle Zeit der Welt. Mit langsamen Kamerabewegungen und einem hartnäckigen Interesse an Details erkundet er Innenräume, Stadtpanoramen und Ruinen. Die Wirkung ist hypnotisch. Selten war das digitale Worldbuilding so überzeugend. Zusammen mit der unaufdringlich, aber wirkungsvoll eingesetzten 3-D-Optik ergibt sich eine unerhörte Immersion. Erstaunlicherweise fühlte ich mich an Tarkowskij erinnert, zumal an dessen meditatives Meisterwerk Nostalghia. Der ständige Regen, die flirrenden Wasserreflexe in der Firmenzentrale von Neander Wallace, der überflutete Keller, in dem die aufständischen Replikanten leben, und nicht zuletzt Deckards Hund weckten Erinnerungen an diesen Ausnahmeregisseur, der es verstand, vertraute Dinge so zu zeigen, als wären sie Chiffren. Doch während bei Tarkowskij Wasser und Schäferhund auf die Sehnsucht nach Transzendenz und die verlorene spirituelle Heimat verweisen, geht es hier um Identität und die Frage Wer-bin-ich. Gott spielt längst keine Rolle mehr, die Stelle der Religion hat der sich selbst genügende Kapitalismus  eingenommen, der Mensch ist an den Rand gerückt. Den Großteil des Films bestreiten Replikanten.

Blade Runner Officer K (wie in Trance: Ryan Gosling) , der sich später Joe nennen wird, jagt ein Kind, das Rick Deckard (so gut wie nie: Harrison Ford) seinerzeit mit der Replikantin Rachel gezeugt hat. Die damaligen Modelle der Nexus-Serie neigten nicht nur zur Verselbstständigung, sondern einige waren offenbar auch fortpflanzungsfähig. Die Polizei befürchtet, das Kind könnte irgendwann einen Aufstand der Replikanten  auslösen. Erinnerungsfetzen lassen Officer K vermuten, dass er dieses Kind gewesen sein könnte. So wird die Jagd nach dem Kind zu seiner ganz persönlichen Spurensuche. Sind seine Erinnerungen echt? Was ist wahr und was ist Täuschung? Während die Menschen längst aufgehört haben, Fragen zu stellen, und sich in ihr Schicksal gefügt zu haben scheinen, arbeitet er sich stellvertretend für seine Artgenossen am Rätsel seiner synthetischen Existenz ab. Interessanterweise ist auch seine holografische Partnerin mit Identitätsfragen beschäftigt.  Joi leistet Officer K Gesellschaft, wenn er nach der Arbeit nach Hause kommt. Dort spielt auch eine der intensivsten Szenen des Films. Officer K alias Joe ist auf der Straße einer schönen Hure begegnet. Als sie irgendwann an seine Tür klopft, erklärt Joi, sie habe die Frau herbestellt, weil Joe sie gemocht habe und sie ihm endlich nahe sein wolle. Wie die körperlich reale Prostituierte und das Softwarekonstrukt Joi sich einander überlagern, zeitweise miteinander verschmelzen, sich wieder voneinander lösen und dabei Officer K annähern, ist wunderschön anzusehen und gleichzeitig todtraurig – ein Liebesakt voller Vergeblichkeit.

Villeneuve hat nach Arrival  einen weiteren eindrucksvollen, wenn auch weit pessimistischeren Film vorgelegt. Zugegeben, der Handlungsmotor ist schwächer als beim Vorläufer, es fehlt ein starkes emotionales Zentrum. Trotzdem ist Blade Runner 2049 nicht weniger als ein monumentaler Abgesang auf die Menschheit. Die Replikanten sind ganz offenbar die besseren Menschen. Sie zweifeln, stellen Fragen, wollen sich nicht abfinden. Allein aus ihren Augen rinnen noch Tränen. Ihnen gehört die verwüstete Welt und die Zukunft.

blade-runner-2049-poster[1]Blade Runner 2049

Film von Denis Villeneuve

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Arrival – Sie sind da

Science-Fiction-Filme wecken hohe Erwartungen. Einerseits erhofft man sich das Unerhörte, Niegesehene, Inspiration und Staunen. Doch dann knattern wieder nur lächerliche Raketenkisten durch den luftleeren Raum (Elysium), die Figurenzeichnung ist so flach wie das Papier, auf dem das Drehbuch ausgedruckt ist (Der Marsianer), oder das Genre wird ganz und gar verfehlt (wie beim Fantasy-Märchen Star Wars). Arrival ist anders – ein Film für Augen, Herz und Hirn.

Die sparsame Handlung ist schnell erzählt: 12 riesige muschelförmige Objekte tauchen in zwölf verschiedenen Ländern auf, dicht über dem Boden schwebend. Während die Menschen beten, randalieren, gegen die angebliche Bedrohung protestieren und sich das Militär in Stellung bringt, nehmen zwölf Forschergruppen Kontakt mit den Aliens auf und versuchen, eine Kommunikation aufzubauen. Im Zentrum der Analyse stehen dabei komplexe, ringförmige Zeichen, die die Wesen mit einer Art Tinte an die Trennwand sprühen, hinter der sie sich zeigen. Im Hintergrund steht die Frage: Weshalb seid ihr hier?

Auf amerikanischer Seite stellt sich die Linguistin Louise Banks (Amy Adams) der Herausforderung. Amy Adams ist die ideale Besetzung. Ihr Ich-bin-wie-du-Gesicht, an dem die Kamera sich immer wieder festsaugt, erschließt tiefe Emotionen. Wie sie sich verängstigt und staunend  den Fremden nähert, gehört zum Spannendsten, was ich seit langem gesehen habe. Nur allzu gern stellt man sich mit dieser traurigen Frau und beharrlichen, mutigen Wissenschaftlerin dem Rätsel der Sprache – und dem der Zeit.

Das Verstreichen der Zeit, so selbstverständlich und trivial es erscheinen mag, ist immer noch eines der großen Rätsel unsere Existenz. Das subjektive Erleben, in dem die Zeit sich beim Warten quälend dehnt und dann wieder bis zum Verschwinden staucht, ihre Plastizität aufgrund der Verschränkung mit dem Raum, ihre Relativität hinsichtlich des Bezugssystems und die mögliche Umkehr des Zeitpfeils in der Quantenwelt, all das ist noch nicht letztgültig verstanden. Dass Villeneuve seiner Filmerzählung eine Ringstruktur gegeben hat, spiegelt eines der zentralen Motive des Films wider. Dazu sei (sinngemäß) aus Louise Banks’ Buch Die universale Sprache zitiert, das sie in der Zukunft schreiben wird: Die Sprache prägt das Denken.

Arrival ist einer der wenigen SF-Filme, die meine Erwartungen übertroffen haben. Er ist bildstark und klug, spannend und ernsthaft. Den Verzicht auf Effekthascherei und die humane Botschaft des Films kann man in dieser aufgeregten Zeit gar nicht genug loben. Villeneuve (Sicario, Prisoners) hat seinen bislang besten Film geschaffen, und wie jedes gute Science-Fiction-Werk erzählt er nicht nur von einer möglichen Zukunft, sondern kommentiert auch die Gegenwart.

Arrival
Film von Denis Villeneuve
nach einer Erzählung von Ted Chiang

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