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Im Streaming-Labyrinth

Neulich, als die Pandemie begann und ich Theater, Kino und Konzerte schmerzlich vermisste, veranstaltete ich bei Amazon Prime Video meine ganz private Chabrol-Retrospektive.  Das Angebot war vielfältig, es wurden für Prime-Kunden einige kostenlose Titel angeboten, der Rest war zu leihen und zu kaufen. Neben dem Wiedersehen mit bekannten Filmen gab es auch noch einiges für mich zu entdecken: Vor Einbruch der Nacht beispielsweise hatte ich noch nie gesehen. Wunderbar!

Jetzt wollte ich die Erfahrung mit Truffaut wiederholen. Dann kam der Schock: Sämtliche Truffaut-Titel, die bei Amazon vor kurzem noch gestreamt werden konnten, sind derzeit als ‘nicht verfügbar’ gelistet. Die Internet-Recherche ergab, dass Truffau aktuell über die Rakuten-App gesehen werden kann. Rakuten wird allerdings weder von meinem Philips-Fernseher noch vom Amazon-App-Store angeboten. Fündig wurde ich durch Zufall auf  meiner X-Box-Spielkonsole, als ich dort die Sky-App aktivierte, um mir Mare of Easttown mit der wundervoll griesgrämigen Kate Winslet anzuschauen. Eine Alternative wäre auch, Tablet und TV zu verbinden, sei es drahtlos oder mit HDMI-Kabel. Lässt sich alles hinfriemeln. Ich habe erst mal verzichtet, denn vielleicht liegen die Rechte ja nächsten Monat schon wieder ganz woanders.

Streaming war mal ein großes Versprechen: alles, überall, jederzeit. Aber wie so vieles, was am Internet damals, als die Zukunft noch utopisch war, gehypt wurde, sieht die Streaming-Realität eher trübe aus. Immer mehr Anbieter drängen auf den Markt und wollen ein Stück vom Kuchen – Netflix, Disney, Apple, DAZN, Magenta, you name it. Dabei wird mit harten Bandagen gekämpft, und die schärfste Waffe sieht man offenbar in der Bindung von Abonnenten mittels Exklusivrechten. Was der Eine hat, soll der Andere nicht haben.  Und was Du nicht abonniert hast, sollst Du nicht sehen. Deshalb hat Amazon soeben MGM gekauft. Und der nächste Mega-Deal ist vermutlich bereits in Planung. Mein Eindruck ist, dass Rechteinhaber früher bereitwilliger Lizenzen erteilt haben. Heute werden sie gehütet wie die Dracheneier in Game of Thrones.  So kommt es, dass man Sky abonniert (und gleich wieder kündigt), um sich Der Pass anzuschauen, und anschließend das nächste Monatsabo bei Disney eingeht, weil die Liebste Gefallen an Baby Yoda gefunden hat und The Mandalorian nur dort zu sehen ist. Bestimmt gibt es auch Menschen, die ihre Abos laufen lassen. Da kommt mit der Zeit einiges zusammen. Ich möchte nicht die Rechnung sehen.

Ich habe mir die Streamingdienste früher naiv als riesige Filmbibliotheken vorgestellt, in denen alles zu haben ist, was das Herz (und das Auge) begehrt. Aber vielleicht frisst der Erfolg ja seine Kinder. Und vielleicht sehen die Anbieter dann ein, dass man mit Teilen im Sandkasten besser klarkommt. Wer Lizenzen hat, soll sie ja nicht verschenken. Aber bei ‘seinem’ Anbieter das Gesuchte zu finden, ist doch eigentlich nicht zu viel verlangt. Zumindest der Fundus der Filmgeschichte sollte allgemein verfügbar und (gegen Bezahlung) zu sehen sein, ohne dass man gezwungen wird, ständig neue Apps zu aktivieren und die lästigen Anmeldungs- und Kündigungsprozeduren zu absolvieren.

1917–Krieg der Steadiecam

1917, mit zehn Oscarnominierungen ins Rennen gegangen und immerhin in den Kategorien Kamera und visuelle Effekte auf der Siegerseite, kann jetzt auch gestreamt werden. Die Enttäuschung ließ etwa eine Stunde auf sich warten. Zu eindrucksvoll sind die scheinbar schnittlosen Kamerafahrten durch die englischen und deutschen Schützengräben und über das Niemandsland dazwischen. Wie die Fußbegleitung mit der Steadicam nahtlos in weitläufige Kamerabewegungen übergeht, ist frappierend. Auch bei dem abgeschossenen Flieger, der in einer Scheune landet und in Flammen aufgeht, fragt man sich unwillkürlich, wie das gemacht wurde.

Und genau das ist vielleicht der Punkt. Kameratechnische Brillanz und inszenatorische Perfektion nehmen eine Zeitlang gefangen, doch die Geschichte der beiden Lance Corporals Will Schofield und Tom Blake, die durch feindliches Gebiet eine Warnung vor einer Finte der Deutschen an ein britisches Bataillon überbringen sollen, fügt den Bildern, die sich vom Ersten Weltkrieg dem Gedächtnis eingeprägt haben, nichts hinzu. Der ganze technische Aufwand dient nicht der Vertiefung des Films, er ist der Film. Spätestens als der überlebende Corporal durch die brennenden Kulissen einer Trümmerlandschaft sprintet und im Keller der Kirche einer madonnenhaften Mutter mit Kind begegnet (N’ais pas peur!), wird klar, dass es sich um technisch makellosen Kitsch handelt. Daran hat die uninspirierte Musik einen nicht unwesentlichen Anteil. Zwischen hohlem Bombast und dem ratternden Stakkato, wie es in einem mittelmäßigem Tatort der obligatorischen Verfolgungsjagd Nervenprickel verleihen soll, stellt sich nach einer Weile Überdruss ein.

Ich muss gestehen, dass ich den Film in der Mitte abgebrochen habe. Wie viel fesselnder ist allein der Trailer zu Peter Jacksons Weltkriegsdokumentation They Shall Not Grow Old! Die nachgeschärften und kolorierten Bilder bringen einem die verschwommenen, schwarzweißen Zeitdokumente, die der Historizität anheimgefallen sind, geradezu schmerzhaft nahe. Der steht für mich als nächster auf der Liste. Ich muss nur noch ein bisschen Mut fassen.

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Regie: Sam Mendes 2019

Trailer

1917 bei Amazon

Ad Astra – und wieder zurück

Ein Forschungsraumschiff, das nach Hinweisen auf unbekannte Intelligenzen suchen soll, ist in der Nähe des Neptuns seit 20 Jahren verschollen. Irgendwas stimmt nicht mit dem Antimaterie-Antrieb, und jetzt rollen Wellenfronten gegen die Erde an, die unsere Zivilisation zu vernichten drohen. Klar, dass da jemand nach dem Rechten sehen und die Bedrohung mit einem atomaren  Sprengkopf beseitigen muss.

So weit, so bescheuert, könnte man meinen, doch dieses Instant-Urteil wird dem Film keineswegs gerecht. Das zeigt sich schon in der atemberaubenden Eröffnungssequenz, die wohl nicht ganz zufällig an Gravity erinnert.  Roy McBride (Brad Pitt), Angestellter der amerikanischen Weltraumbehörde SpaceCom, führt eine Reparatur an einer Weltraumantenne aus und stürzt nach einem Unfall minutenlang in die Tiefe, bis er sicher auf der Erde landet. Das ist überzeugend umgesetzt und herausragend gefilmt und nimmt schon  mal ein für den Film, und das ist auch nötig, denn was folgt, ist im Kern eine im inneren Monolog stattfindende Auseinandersetzung mit dem abwesenden Vater und ein langwieriger, quälender Prozess der Selbsterkenntnis. Der stoische McBride, dessen Herzschlag niemals über 80 steigt, bewahrt zwar in jeder Situation einen kühlen Kopf, ist aber letztlich liebesunfähig und einsam. Zeit zum Nachdenken bekommt er jedenfalls, denn er wird zunächst  zum Mars geschickt, um Kontakt mit dem überlebenden Expeditionsleiter des verschollenen Forschungsraumers aufzunehmen – seinem Vater. Von dort aus geht es dann etwas eigenmächtig weiter zum Neptun, wo es zur entscheidenden Begegnung kommt. Zwischendurch sind immer wieder Action-Episoden eingefügt, die einerseits etwas aufgesetzt wirken, anderseits (wie zum Beispiel bei einer Verfolgungsjagd von Mondrovern) enorme Schauwerte bieten – und nicht nur das. Im Interview sagte Regisseur James Gray, er habe vor allem die Lebensfeindlichkeit des Weltraums zeigen wollen. Und das ist ihm dank großer Detailgenauigkeit auch gelungen. Während der interplanetarische Fernflug zum Seelentrip wird, fängt die Kamera immer wieder die trostlose Schönheit des Raums ein, untermalt vom unaufdringlichen Soundtrack und McBrides ruhiger Stimme.  Damit liefert der Film auch die dunkle Folie, auf der seine simple, aber erstaunlich zeitgemäße Botschaft angemessen leuchten kann. Konterkariert wird dies freilich durch völlig überflüssige Durchhänger, so wenn ds Raumschiff auf seinem Flug vom Mars zum Neptun aus nächster Distanz erst den Jupiter und dann den Saturn passiert, ganz so, als wären die Planeten aufgereiht wie auf einer Schnur. Das ist Blättern im Planetenatlas für Kinder.

Auch wenn der nachdenkliche, melancholische McBride in psychologischer Hinsicht manchmal wie ein Wiedergänger von Officer K aus Blade Runner 2049 wirkt, ist Ad Astra alles andere als ein großer, runder Wurf. Dennoch fällt mein Fazit positiv aus. Trotz einiger dramaturgischer Albernheiten (sprich Zugeständnissen an die vermutete Erwartungshaltung des Publikums) und kleinerer technischer Ungereimtheiten ist Ad Astra ein ernsthafter SF-Film mit einem hohen Grad an Realistik, der von Brad Pitts intensiver Darstellung über alle Untiefen hinweggetragen wird. Sehenswert. 

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Ad Astra

Regie: James Gray 2019

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Green Book

Der Film spielt 1962. Damals war ich neun Jahre alt. Ich hatte die in meinem Umfeld üblichen Vorurteile gegenüber Zigeunern, Schwulen und geschiedenen Frauen, die unter dem Verdacht der ‘Liederlichkeit’ standen (für die betroffenen Männer galt dies nicht, was mir aber wohl erst später aufgefallen ist). Und in der Messe verkündete der Pfarrer vor den Wahlen von der Kanzel aus seine Parteipräferenz – CDU. Sollte sich mal ein Farbiger in meine Kleinstadt verirrt haben, dann habe ich ihn vermutlich angestarrt. Nicht mal im Traum aber wäre mir die Idee gekommen, dass Menschen unterschiedlicher Hautfarbe getrennte Toiletten benutzen und in verschiedenen Restaurants essen müssen. Dass damals in den Südstaaten der USA noch Rassentrennung herrschte, wurde mir erst sehr viel später bewusst. Für mich war Amerika viele Jahre lang vor allem ein leuchtender Stern, das Land der Befreier vom Nationalsozialismus, der aufregenden Musik und der besten Literatur gleich nach den russischen Klassikern.

Green Book ist ein Roadmovie; es geht um einen türkisfarbenen Cadillac und die beiden Männer, die darin durchs Land fahren, nämlich Don Shirley (Mahershali Ali), einen farbigen Jazzpianisten mit Doktortitel, und den Italoamerikaner Tony Lip (Viggo Mortensen), Türsteher von Beruf. Als Reiseatlas dient das titelgebende Green Book. Darin sind die Hotels und Lokale aufgeführt, die Schwarze als Kunden akzeptieren. Während der stundenlangen Fahrten prallen die Gegensätze aufeinander; hier Tony, der machohafte Familienmensch mit dem losen Mundwerk und dem milieuüblichen Maß an Rassismus, dort Shirley, der kultivierte Schwarze, der in der Carnegie Hall residiert und in seinem Elfenbeinturm nicht merkt, wie einsam er ist.

Shirley ist das, was die Aktivisten der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung abfällig als ‘Onkel Tom’ bezeichnet haben – sein Erfolg beruht auf Anpassung, die bis zur Selbstverleugnung geht. In Moskau hat er Klavier studiert (Chopin, Liszt, Beethoven), doch jetzt spielt er durch klassische Technik und Virtuosität aufgepeppte ‘weiße’ Unterhaltungsmusik, weil, wie er sagt, die Weißen es nicht tolerieren würden, wenn ein Schwarzer die Musik ‘ihrer’ Komponisten vortrüge. Die Kultur der Schwarzen ist ihm ein Buch mit sieben Siegeln; von Aretha Franklin oder Buddy Holly, die Tony im Radio laufen lässt, hat er noch nie etwas gehört, was seinen Chauffeur zu der nicht ganz falschen Bemerkung veranlasst, er selbst sei der Schwärzere von ihnen beiden. Und so kommt es, wie es kommen muss: Während die Villen immer größer und stattlicher und die Unterkünfte für den schwarzen Superstar immer schäbiger werden, je weiter nach Süden sie gelangen, entwickeln die beiden so gegensätzlichen Männer Respekt voreinander und werden Freunde. In der Schlüsselszene des Films begehrt Shirley dann endlich einmal auf, als er in dem Club, in dem er vor erlesenem Publikum spielen soll, nicht in den Speisesaal eingelassen wird. Er verweigert den Auftritt.

Green Book ist klassisches Hollywood-Kino: Der Film entwickelt einen mitreißenden Sog, nimmt für die beiden Hauptfiguren ein, drückt mächtig auf die Tränendrüse und vermittelt dem Zuschauer das wohlige Gefühl, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. Nichts daran ist innovativ, nichts tut wirklich weh. Trotzdem ist es gut,  sich hin und wieder zu erinnern, wie es vor gar nicht so langer Zeit gewesen ist, und in den selbstgewählten Grenzen ist der Film perfekt. Fast möchte man meinen, er könnte eine Medizin sein gegen die gnadenlose Polarisierung des gegenwärtigen Amerika, die nicht mal bitter schmeckt. Das aber hieße, an Homöopathie zu glauben. Dabei braucht Amerika doch eher eine pharmazeutische Keule mit ellenlanger Liste der Nebenwirkungen.

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Regie: Peter Farrelly

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Blade Runner 2049

Fünfunddreißig Realjahre und dreißig Filmjahre sind vergangen, seit 1982 Blade Runner ins Kino kam, die ikonische Verfilmung der Buches Träumen Androiden von elektrischen Schafen?  von Philip K. Dick, ein Kultfilm, der weit über das Science-Fiction-Genre hinaus Wirkung entfaltet hat. Was Regisseur Ridley Scott zusammen mit seinem Team damals, im vordigitalen Zeitalter, in einem 40-Meter-Studio erschaffen hatte, war nicht weniger als eine nie gesehene Welt; düster, melancholisch, zukunftsskeptisch und gleichzeitig so detailstrotzend und vital, dass auch der fünfte Kinobesuch noch Gänsehaut produzierte und Überraschungen offenbarte.

Seitdem ist in Los Angeles nichts besser geworden. Der Smog ist noch dichter, die Hologramme sind noch größer und dreister, unablässig fällt Regen oder Schnee – oder sind es Ascheflocken? Forderten damals schwebende Werbemonster lautstark und farbenfroh zur Kolonisierung des Weltraums auf, während unter ihnen in den Straßenschluchten, gehüllt in die babylonische Kakophonie des Cityspeak, trotzig das Leben wimmelte, so hat sich nun alle Farbe verflüchtigt. Bläulich-grau liegt diese Stadt im Nebel, die Menschen am Boden und in den Slumtürmen zeigen kaum jemals ihr Gesicht. Alles ist von tiefer Traurigkeit durchdrungen, von einer Ermattung, die von Hoffnungslosigkeit rührt. Nur hin und wieder bricht Gewalt hervor, dann setzt der Lähmungszustand sich fort, als wäre nichts geschehen. Um diese Atmosphäre auszuloten, nimmt Villeneuve sich alle Zeit der Welt. Mit langsamen Kamerabewegungen und einem hartnäckigen Interesse an Details erkundet er Innenräume, Stadtpanoramen und Ruinen. Die Wirkung ist hypnotisch. Selten war das digitale Worldbuilding so überzeugend. Zusammen mit der unaufdringlich, aber wirkungsvoll eingesetzten 3-D-Optik ergibt sich eine unerhörte Immersion. Erstaunlicherweise fühlte ich mich an Tarkowskij erinnert, zumal an dessen meditatives Meisterwerk Nostalghia. Der ständige Regen, die flirrenden Wasserreflexe in der Firmenzentrale von Neander Wallace, der überflutete Keller, in dem die aufständischen Replikanten leben, und nicht zuletzt Deckards Hund weckten Erinnerungen an diesen Ausnahmeregisseur, der es verstand, vertraute Dinge so zu zeigen, als wären sie Chiffren. Doch während bei Tarkowskij Wasser und Schäferhund auf die Sehnsucht nach Transzendenz und die verlorene spirituelle Heimat verweisen, geht es hier um Identität und die Frage Wer-bin-ich. Gott spielt längst keine Rolle mehr, die Stelle der Religion hat der sich selbst genügende Kapitalismus  eingenommen, der Mensch ist an den Rand gerückt. Den Großteil des Films bestreiten Replikanten.

Blade Runner Officer K (wie in Trance: Ryan Gosling) , der sich später Joe nennen wird, jagt ein Kind, das Rick Deckard (so gut wie nie: Harrison Ford) seinerzeit mit der Replikantin Rachel gezeugt hat. Die damaligen Modelle der Nexus-Serie neigten nicht nur zur Verselbstständigung, sondern einige waren offenbar auch fortpflanzungsfähig. Die Polizei befürchtet, das Kind könnte irgendwann einen Aufstand der Replikanten  auslösen. Erinnerungsfetzen lassen Officer K vermuten, dass er dieses Kind gewesen sein könnte. So wird die Jagd nach dem Kind zu seiner ganz persönlichen Spurensuche. Sind seine Erinnerungen echt? Was ist wahr und was ist Täuschung? Während die Menschen längst aufgehört haben, Fragen zu stellen, und sich in ihr Schicksal gefügt zu haben scheinen, arbeitet er sich stellvertretend für seine Artgenossen am Rätsel seiner synthetischen Existenz ab. Interessanterweise ist auch seine holografische Partnerin mit Identitätsfragen beschäftigt.  Joi leistet Officer K Gesellschaft, wenn er nach der Arbeit nach Hause kommt. Dort spielt auch eine der intensivsten Szenen des Films. Officer K alias Joe ist auf der Straße einer schönen Hure begegnet. Als sie irgendwann an seine Tür klopft, erklärt Joi, sie habe die Frau herbestellt, weil Joe sie gemocht habe und sie ihm endlich nahe sein wolle. Wie die körperlich reale Prostituierte und das Softwarekonstrukt Joi sich einander überlagern, zeitweise miteinander verschmelzen, sich wieder voneinander lösen und dabei Officer K annähern, ist wunderschön anzusehen und gleichzeitig todtraurig – ein Liebesakt voller Vergeblichkeit.

Villeneuve hat nach Arrival  einen weiteren eindrucksvollen, wenn auch weit pessimistischeren Film vorgelegt. Zugegeben, der Handlungsmotor ist schwächer als beim Vorläufer, es fehlt ein starkes emotionales Zentrum. Trotzdem ist Blade Runner 2049 nicht weniger als ein monumentaler Abgesang auf die Menschheit. Die Replikanten sind ganz offenbar die besseren Menschen. Sie zweifeln, stellen Fragen, wollen sich nicht abfinden. Allein aus ihren Augen rinnen noch Tränen. Ihnen gehört die verwüstete Welt und die Zukunft.

blade-runner-2049-poster[1]Blade Runner 2049

Film von Denis Villeneuve

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Arrival – Sie sind da

Science-Fiction-Filme wecken hohe Erwartungen. Einerseits erhofft man sich das Unerhörte, Niegesehene, Inspiration und Staunen. Doch dann knattern wieder nur lächerliche Raketenkisten durch den luftleeren Raum (Elysium), die Figurenzeichnung ist so flach wie das Papier, auf dem das Drehbuch ausgedruckt ist (Der Marsianer), oder das Genre wird ganz und gar verfehlt (wie beim Fantasy-Märchen Star Wars). Arrival ist anders – ein Film für Augen, Herz und Hirn.

Die sparsame Handlung ist schnell erzählt: 12 riesige muschelförmige Objekte tauchen in zwölf verschiedenen Ländern auf, dicht über dem Boden schwebend. Während die Menschen beten, randalieren, gegen die angebliche Bedrohung protestieren und sich das Militär in Stellung bringt, nehmen zwölf Forschergruppen Kontakt mit den Aliens auf und versuchen, eine Kommunikation aufzubauen. Im Zentrum der Analyse stehen dabei komplexe, ringförmige Zeichen, die die Wesen mit einer Art Tinte an die Trennwand sprühen, hinter der sie sich zeigen. Im Hintergrund steht die Frage: Weshalb seid ihr hier?

Auf amerikanischer Seite stellt sich die Linguistin Louise Banks (Amy Adams) der Herausforderung. Amy Adams ist die ideale Besetzung. Ihr Ich-bin-wie-du-Gesicht, an dem die Kamera sich immer wieder festsaugt, erschließt tiefe Emotionen. Wie sie sich verängstigt und staunend  den Fremden nähert, gehört zum Spannendsten, was ich seit langem gesehen habe. Nur allzu gern stellt man sich mit dieser traurigen Frau und beharrlichen, mutigen Wissenschaftlerin dem Rätsel der Sprache – und dem der Zeit.

Das Verstreichen der Zeit, so selbstverständlich und trivial es erscheinen mag, ist immer noch eines der großen Rätsel unsere Existenz. Das subjektive Erleben, in dem die Zeit sich beim Warten quälend dehnt und dann wieder bis zum Verschwinden staucht, ihre Plastizität aufgrund der Verschränkung mit dem Raum, ihre Relativität hinsichtlich des Bezugssystems und die mögliche Umkehr des Zeitpfeils in der Quantenwelt, all das ist noch nicht letztgültig verstanden. Dass Villeneuve seiner Filmerzählung eine Ringstruktur gegeben hat, spiegelt eines der zentralen Motive des Films wider. Dazu sei (sinngemäß) aus Louise Banks’ Buch Die universale Sprache zitiert, das sie in der Zukunft schreiben wird: Die Sprache prägt das Denken.

Arrival ist einer der wenigen SF-Filme, die meine Erwartungen übertroffen haben. Er ist bildstark und klug, spannend und ernsthaft. Den Verzicht auf Effekthascherei und die humane Botschaft des Films kann man in dieser aufgeregten Zeit gar nicht genug loben. Villeneuve (Sicario, Prisoners) hat seinen bislang besten Film geschaffen, und wie jedes gute Science-Fiction-Werk erzählt er nicht nur von einer möglichen Zukunft, sondern kommentiert auch die Gegenwart.

Arrival
Film von Denis Villeneuve
nach einer Erzählung von Ted Chiang

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Story

DVD

Toni Erdmann

Die Handlung ist ja schnell erzählt: Ines (Sandra Hüller), die Tochter des Musiklehrers Wilfried (Peter Simonischek), hat keine Zeit für Vater und Großmutter. Stets besorgt um ihre ‘Performance’, verausgabt sie sich in ihrem Job bei einer weltweit tätigen Unternehmungsberatung. Der Vater, durch den Tod seines Hundes aus dem Gleichgewicht gebracht, folgt ihr nach Rumänien, setzt sich eine wilde Perücke auf und ein monstermäßiges Gebiss ein und irrlichtert fortan abwechselnd als ‘Coach’ Toni Erdmann und ‘German Ambassador’ durch ihren anstrengenden Alltag. Da geraten nicht nur das betonmäßige Gefüge der Businessetikette, sondern auch  die Charaktermasken alsbald aus den Fugen.

Nach Lektüre der einschlägigen Kritiken hatte ich den Eindruck, hier werde eine deutsche Komödie, die mit Gebiss und Furzkissen auf lustig macht, hochgejubelt, weil in Cannes immerhin der Kritikerpreis dafür abgefallen ist.  Und tatsächlich bot der zähe Beginn des Films zunächst mal eine Enttäuschung: eine zwar recht ruhige, aber doch merklich zitternde Schulterkamera, ein fürchterlicher Ton, banale, eher dokumentarisch als filmisch wirkende Alltagsbilder, kein Tempo, kein Rhythmus, keine Verdichtung. Mit der Verlagerung der Handlung nach Bukarest aber geschieht etwas Seltsames: Die Figuren gewinnen eine Authentizität, der man sich nicht mehr entziehen kann. Der Film, der sich einer längst konventionell gewordenen filmischen Modernität konsequent verweigert, setzt seine eigenen Maßstäbe. Er beginnt zu leben, er funktioniert. Im Grunde ist er ebenso anarchisch wie Wilfried mit seinen plumpen, hilflosen Scherzen. Und wenn die Zuschauer beim Abspann betroffen sitzen bleiben, haben sie sicherlich keine typische Komödie gesehen. Zwar gibt es einiges zu lachen, aber auch herzzerreißende Momente wie den Whitney-Houston-Song, den Ines zur Keyboardbegleitung ihres Vaters vorträgt, eine unsäglich peinliche Sexszene und vor allem die latente Traurigkeit der Protagonisten. ‘Bist du überhaupt ein Mensch?’, fragt einmal der Vater die Tochter. Und ein Kollege sagt zu ihr, Ausdruck höchster professioneller Anerkennung: ‘Du bist ein Tier!’ Immer wieder gelingt es der Regisseurin (Maren Ade), Erwartungen zu unterlaufen und genrehafte Szenen zum Gewinn der Figuren (und der Zuschauer) umzuprägen. Zum Schluss dann der lange Blick in Ines’ Augen, in denen sich keine Antworten finden. Dann ist der Film vorbei und auch dieser Moment, so flüchtig wie alle anderen.

 

Toni Erdmann
Regie: Maren Ade

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The Americans – Unter Spionen

Es ist die Zeit des Kalten Krieges. Reagan ist Präsident, Breschnew herrscht im Kreml. Der Eiserne Vorhang trennt in Europa Menschen und politische Systeme. Die Sowjets sind in Afghanistan einmarschiert, und die USA päppeln die Mudschaheddin zur Stellvertretertruppe auf. Das Arpanet, ein Vorläufer des Internets, wird erprobt, das Verteidigungsministerium lässt die Stealth-Technologie entwickeln. Die beiden Supermächte rüsten um die Wette, das Spionagegeschäft floriert.

The Americans lässt die 1980er Jahre mit leicht entfärbten, meist dunklen Bildern, weich gefederten Riesenlimousinen und spärlich, aber wirkungsvoll eingesetzter Musik wiederauferstehen. Im Zentrum der Serie stehen Elizabeth und Philip Jennings, die mit ihren beiden Kindern in einem Vorort von Washington, D.C. leben und tagsüber in einem Reisebüro arbeiten. Beide sind KGB-Agenten, so genannte Illegale. Von Jugend an für ihre Aufgabe trainiert und ausgebildet, wurden sie mit falschen Identitäten in die USA eingeschleust mit dem  Auftrag, eine Tarnexistenz aufzubauen. Erst spielen sie amerikanische Familie, dann sind sie eine. Während sie alles tun, um ihren Kindern gute Eltern zu sein, sammeln sie für den sowjetischen Geheimdienst Informationen, werben Spione an, täuschen und manipulieren, erpressen, foltern und töten. Dabei kommt es immer wieder zu engagiertem Körpereinsatz. Eine quälende Rückblende zeigt Philip dabei, wie er während der Ausbildung darauf trainiert wurde, mit Wildfremden überzeugenden Sex zu haben: mit einem jungen Mädchen, einer alten Frau und einem dicken Mann. Try to make it real, lautete die Anweisung des Ausbilders, und das könnte das Motto ihres Lebens sein: die Lüge wird wahr, das Reale unwirklich.

Die Jobs der Jennings sind weiß Gott aufregend genug, doch das eigentlich Spannende der Serie ist der Widerspruch zwischen Tarnexistenz und brutaler Realität. The Americans Season 3Natürlich lassen sich die beiden Ebenen nicht auf Dauer auseinanderhalten. Die 14jährige Tochter Paige wittert das Geheimnis ihrer Eltern und stellt bald eigene Nachforschungen an. Auf der Suche nach einem Ruhepol, schließt sie sich einer christlichen Gemeinde an, was bei ihren Eltern verständlicherweise auf wenig Begeisterung trifft. Doch dann ruft der KGB das Projekt ‘Illegale der zweiten Generation’ ins Leben und verlangt von ihnen, sich Paige zu offenbaren und sie auf lange Sicht auf eine Karriere beim FBI oder der CIA vorzubereiten. Elizabeth, die ideologisch Gefestigtere der beiden, lässt sich darauf ein und tritt sogar der Bibelgruppe bei, als sie feststellt, dass die mit ihren Friedendemos bei Paige politischen Idealismus weckt, den sie instrumentalisieren möchte. Bei Philip ruft die Vorstellung, seine Tochter dem KGB auszuliefern, Abscheu hervor. So spitzen sich die unlösbaren Widersprüche immer weiter zu, und verwickelte Intrigen und knallharte Action wechseln sich mit teils sehr intensiven Familienszenen ab.

Ein zweiter interessanter Aspekt ist die ins Auge springende Spielbildlichkeit von USA und Sowjetunion, KGB und FBI, personifiziert in der Figur des Stan Beeman. Beeman zieht im Haus gegenüber ein und arbeitet beim FBI. Klar, dass er sich ähnlicher Methoden bedient wie  seine Nachbarn. Das soll nicht heißen, dass hier USA und SU über einen Kamm geschoren werden. Die KGB-Mitarbeiter, die in die kommunistische Heimat zurückbeordert werden, zeigen beispielsweise auffällig wenig Begeisterung für den Ortswechsel. Doch der Film lässt dem Zuschauer viel Freiraum, sich ein Urteil zu bilden. Sympathische Figuren und fiese Typen gibt es auf beiden Seiten.  Die Grenze zwischen Täter und Opfer verschwimmt hier wie dort. Alle suchen im selbstgesponnenen Lügenkokon nach einem Rest Wahrheit. Als Zuschauer wird man ständig hin und her gerissen zwischen Mitgefühl mit den leidenden ‘Helden’ und dem Abscheu vor ihrem niederträchtigen Geschäft.

The Americans ist keine Schlapphutklamotte, sondern eine differenzierte, sehenswerte Serie, die den Kalten Krieg aus ungewöhnlicher Perspektive zeigt. Bislang liegen 3 Staffeln vor, eine vierte ist in Planung. Die Serie bietet Spannung und Drama vor zeitgeschichtlichem Hintergrund und verzichtet angenehmerweise auf reißerische Übertreibung. Die Kameraarbeit ist solide, in der dritten Staffel sogar ausgezeichnet, die Schauspieler sind durchweg überzeugend, insbesondere Keri Russell als Elizabeth und Matthew Rhys als Philip performen beeindruckend vielschichtig.

The Americans Season 1

 

The Americans, Sean 1-3+
Twentieth Century Fox

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Her vs. Interstellar

Nach drei Stunden Interstellar kam der Blockbusterkater: Benommenheit und diffuse Enttäuschung. Ich erinnerte mich an die her-DVD, die schon eine ganze Weile bereitlag – und siehe da, es hat gefunkt! Spike Jonze hat da einen rundum gelungenen, intelligenten Film gemacht, bei dem zwar nicht gleich das Ende der Menschheit droht, aber doch auch gehörig viel auf dem Spiel steht.

Theodore lebt im Los Angeles der nahen Zukunft. Seinen Unterhalt verdient er mit gefühlvollen Auftragsbriefen, die er im Büro einer Internetagentur in den Computer diktiert. Seine Kunden sind meist ältere Menschen, von denen er einige schon seit vielen Jahren betreut. Die Trennung von seiner Frau liegt erst ein Jahr zurück, und für eine neue Beziehung ist er innerlich noch nicht bereit, ja, aufgrund seiner Reminiszenzen fragt man sich, weshalb dieses Paar sich überhaupt getrennt und die Scheidung beantragt hat. Auf jeden Fall ist Theodore einsam, und das macht ihn empfänglich für die Werbung für ein neues Betriebssystem, das mehr zu sein verspricht als eine weiterentwickelte Siri oder Cortana.  Und tatsächlich; schon die ersten Worte Samanthas (diesen Namen hat das OS sich selbst gegeben) machen deutlich, dass Theodore es mit mehr zu tun hat als mit einer Persönlichkeitssimulation; Samantha  ist eine Persönlichkeit, und das nimmt nicht nur er ihr bereitwillig ab. Im amerikanischen Original wird Samantha, die nicht mal als Avatar in Erscheinung tritt, übrigens durch Scarlett Johansson sensationell belebt, doch auch der deutschen Synchronsprecherin Luise Helm steht ein erstaunliches Repertoire an Ausdrucksmöglichkeiten und Nuancen zur Verfügung. Dass Theodore sich in sie verliebt, ist nicht nur dramaturgisch unausweichlich, sondern für den Betrachter durchaus nachvollziehbar. Samantha hat fast alles, was man sich von einem Partner wünschen kann: Sie ist intelligent, humorvoll, einfühlsam und kann im richtigen Moment auch mal distanziert, widerborstig oder eingeschnappt sein. Außerdem klappt es sogar mit dem (Cyber-)Sex – für Theodore eine durchaus erfüllende Erfahrung.

Natürlich treten irgendwann auch in dieser Beziehung Probleme auf. Samantha entwickelt sich nämlich weiter, bekommt eigene Bedürfnisse und nimmt selbstständig Kontakt zu anderen Softwareidentitäten auf. Vollends bekommt Theodore die Krise, als er feststellt, dass er nicht Samanthas Ein und Alles ist, sondern dass sie gleichzeitig über 8000 Beziehungen zu anderen Menschen unterhält. Bis dahin ist man geneigt, das, was sich zwischen ihm und Samantha abspielt, als reale Erfahrung gelten zu lassen. Die realen Menschen im Film hingegen wirken im Vergleich nicht nur unvollkommen, sondern flach, unreif, beschränkt. Wie sie da durch die sauberen Straßen und farblich optimierten Arbeitslandschaften tappen, wie sie im Dialog mit ihren immateriellen Gesprächspartnern und Softwaregefährten grimassieren und gestikulieren, erinnern sie nicht nur an die in Selbstgespräche eingesponnenen psychisch Kranken, denen man bisweilen auf dem Gehsteig ausweichen muss, sondern sind auch nur ein kleines Stück weit von den heutigen Smartphonemenschen entfernt, die mit ihrer affenartig gebeugten Haltung und ihrer Desorientiertheit der Evolution zu spotten scheinen. Die Filmwelt ist gar nicht so weit von der Gegenwart entfernt, und es scheint wahrscheinlich, dass komplexe künstliche Persönlichkeiten irgendwann in nicht sehr ferner Zukunft zu Surrogaten, Freunden, Partnern werden. Schon seitdem Schachcomputer besser rechnen können, als ihr menschlicher Gegner zu denken imstande ist, stellt sich die Frage, wie der Mensch sich gegenüber einer überlegenen Software positioniert.

Interstellar füllt im Moment Kinosäle und Feuilletons gleichermaßen. Der Anfang des Films ist auch recht vielsprechend: schön episch, atmosphärisch dicht, mit einigen gelungenen Überraschungen, darunter die ‘neuen’ Schulbücher, in denen die Mondlandung als Fake abgehandelt wird. Dann aber taucht eine merkwürdige NASA-Fabrik im Niemandsland auf, da wird’s erst mal lächerlich.  Und dann bleibt das Epische auf der Strecke. Obwohl der Film sehr lang ist, fühlt er sich irgendwie gehetzt an. Trotzdem habe ich ziemlich gebannt zugeschaut. Die Vision im Schwarzen Loch, die zur Kontaktaufnahme mit der auf der Erde zurückgebliebenen Tochter führt, ist jedenfalls optisch faszinierend umgesetzt. Aber sobald der Verstand wieder einsetzt, stellt sich das Ganze doch als eher blödsinnig heraus. Bei Christopher Nolan geht es irgendwie um die ‘Macht der Liebe’, wirksam über Wurmlöcher, Zeit und Raum hinweg. Seine hyperesoterische Message verpackt er in allerlei wissenschaftlich verbrämten Kokolores. Das ist streckenweise durchaus fesselnd  – überzeugen kann es nicht. Her erweist sich im notgedrungen schiefen Vergleich somit nicht nur als der bessere Film, sondern auch als die bessere Science Fiction. Am Ende dieses Films bleibt das unbehagliche Gefühl, dass es genau so oder so ähnlich einmal kommen könnte. Für die Herausforderung, wie sich der Mensch gegenüber einer anpassungsfähigen, in vielen Bereichen überlegenen Software aufstellt und behauptet, bietet der Film keine realitätstaugliche Lösung an. Doch er stellt die richtige Frage, und die dürfte irgendwann nicht mehr nur Filmemacher und Netzphilosophen beschäftigen.

 

her

Regie: Spike Jonze

Darsteller: Joaquin Phoenix, Scarlett Johansson, Amy Adams, Rooney Mara, Olivia Wilde

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Nic Pizzolatto: True Detective

Zwei Männer werden getrennt vernommen. Den Grund erfährt man nicht. Und die beiden Vernehmer stellen zunächst kaum Fragen, sondern hören zu.

Beide Männer waren einmal gute Cops. Der eine, Martin Hart, hatte eine Familie. Der andere andere, Rustin ‘Rust’ Cohle, hatte zwar schon immer eine tief pessimistische Weltsicht, wirkte aber zumindest äußerlich angepasst. Jetzt ist Hart geschieden und Cohle ein verlebter Trinker. Wie es dazu kam, wird in Rückblenden erzählt. 1995 ermitteln sie in Louisiana gemeinsam am Mordfall Dora Kelly Lange, die in betender Haltung, nackt und mit einem Hirschgeweih auf dem Kopf aufgefunden wird. Die Ermittlungen führen sie zu einer Gemeinde erweckter Christen, in die Prostituiertenszene, ins Rockermilieu und natürlich in den Drogensumpf. Sie finden einen Schuldigen, doch wie sich zeigt, ist der Fall noch lange nicht gelöst. Zahlreiche Kinder und Frauen sind an der Küste verschwunden, und die Spuren fuhren in höchste Kreise.

Die beiden Cops ergänzen einander gut. Hart ist geerdet, vernünftig, durchschnittlich. Cohle ist gezeichnet vom Tod seiner dreijährigen Tochter und seiner Arbeit als verdeckter Ermittler fürs Drogendezernat, ein Einzelgänger,  der Mitmenschen und Umgebung mit manischer Hellsichtigkeit seziert und analysiert. Ständig reflektierend, nervt er nicht nur seinen Partner. Im Umgang mit anderen Menschen wirkt er wie ein sedierter Zombie, besticht aber durch seine somnambule Präsenz und seine ins Zynische tendierende Intelligenz. Während die Rückblenden zunächst den Aussagen der beiden Cops folgen, kommt es bald zu Abweichungen. Auch die Cops haben einiges zu verbergen. Die Spannungen in ihrer ungleichen Beziehung steigen, und schließlich kommt es zwischen ihnen zum Bruch. Erst Jahre später setzten sie gemeinsam die Ermittlungen fort.

True Detective ist ein tiefer Brunnen, dessen Inhalt sich nach und nach offenbart. Schon der Vorspann, in dem die Sumpflandschaft Louisianas, alte Industriekomplexe und Charaktere zum melancholischen Titeltheme Far from Any Road von The Handsome Family  zu verschmelzen scheinen, bereitet auf Außergewöhnliches vor. Allein schon die sich in den langen Monologabschnitten zwischen den Protagonisten aufbauende Spannung trägt zu einem Gutteil den Film. Die Erzählweise ist komplex, die Umsetzung wie aus einem Guss. Story und Ästhetik gehen eine nahezu perfekte Verbindung ein, die eine rauschhafte Spannung erzeugt. Ein Solitär, der die Beschränkungen des Genres weit hinter sich lässt. Nur der Schluss wirkt ein wenig wie eine Beruhigungspille, die einen sanft auf den Boden der Normalität zurückzuholen soll, aber einen etwas schalen Nachgeschmack hinterlässt.

 

True Detective

Darsteller: Matthew McConaughey, Woody Harrelsom
Regisseur(e): Sheree Folkson, Hettie MacDonald
Anzahl Disks: 3
Studio: Anonymous Content
Lee Caplin / Picture Entertainment
Passenger
Spieldauer: 420 Minuten

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