Arrival – Sie sind da

Science-Fiction-Filme wecken hohe Erwartungen. Einerseits erhofft man sich das Unerhörte, Niegesehene, Inspiration und Staunen. Doch dann knattern wieder nur lächerliche Raketenkisten durch den luftleeren Raum (Elysium), die Figurenzeichnung ist so flach wie das Papier, auf dem das Drehbuch ausgedruckt ist (Der Marsianer), oder das Genre wird ganz und gar verfehlt (wie beim Fantasy-Märchen Star Wars). Arrival ist anders – ein Film für Augen, Herz und Hirn.

Die sparsame Handlung ist schnell erzählt: 12 riesige muschelförmige Objekte tauchen in zwölf verschiedenen Ländern auf, dicht über dem Boden schwebend. Während die Menschen beten, randalieren, gegen die angebliche Bedrohung protestieren und sich das Militär in Stellung bringt, nehmen zwölf Forschergruppen Kontakt mit den Aliens auf und versuchen, eine Kommunikation aufzubauen. Im Zentrum der Analyse stehen dabei komplexe, ringförmige Zeichen, die die Wesen mit einer Art Tinte an die Trennwand sprühen, hinter der sie sich zeigen. Im Hintergrund steht die Frage: Weshalb seid ihr hier?

Auf amerikanischer Seite stellt sich die Linguistin Louise Banks (Amy Adams) der Herausforderung. Amy Adams ist die ideale Besetzung. Ihr Ich-bin-wie-du-Gesicht, an dem die Kamera sich immer wieder festsaugt, erschließt tiefe Emotionen. Wie sie sich verängstigt und staunend  den Fremden nähert, gehört zum Spannendsten, was ich seit langem gesehen habe. Nur allzu gern stellt man sich mit dieser traurigen Frau und beharrlichen, mutigen Wissenschaftlerin dem Rätsel der Sprache – und dem der Zeit.

Das Verstreichen der Zeit, so selbstverständlich und trivial es erscheinen mag, ist immer noch eines der großen Rätsel unsere Existenz. Das subjektive Erleben, in dem die Zeit sich beim Warten quälend dehnt und dann wieder bis zum Verschwinden staucht, ihre Plastizität aufgrund der Verschränkung mit dem Raum, ihre Relativität hinsichtlich des Bezugssystems und die mögliche Umkehr des Zeitpfeils in der Quantenwelt, all das ist noch nicht letztgültig verstanden. Dass Villeneuve seiner Filmerzählung eine Ringstruktur gegeben hat, spiegelt eines der zentralen Motive des Films wider. Dazu sei (sinngemäß) aus Louise Banks’ Buch Die universale Sprache zitiert, das sie in der Zukunft schreiben wird: Die Sprache prägt das Denken.

Arrival ist einer der wenigen SF-Filme, die meine Erwartungen übertroffen haben. Er ist bildstark und klug, spannend und ernsthaft. Den Verzicht auf Effekthascherei und die humane Botschaft des Films kann man in dieser aufgeregten Zeit gar nicht genug loben. Villeneuve (Sicario, Prisoners) hat seinen bislang besten Film geschaffen, und wie jedes gute Science-Fiction-Werk erzählt er nicht nur von einer möglichen Zukunft, sondern kommentiert auch die Gegenwart.

Arrival
Film von Denis Villeneuve
nach einer Erzählung von Ted Chiang

Trailer

Story

DVD

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