Top of the Lake – China Girl

Jane Campion hat es trotz gegenteiliger Absichtserklärung doch wieder getan und eine zweite Staffel von Top of the Lake gedreht. Detective Robin Griffin (herzerwärmend gebrochen gespielt von der wunderbaren Elizabeth Moss) ist von Neuseeland, dem Schauplatz der ersten Staffel, nach Sydney zurückgekehrt. Nach der Auseinandersetzung mit ihrem neuseeländischen Vorgesetzten Alan Parker, der in die Machenschaften eines Pädophilenrings verwickelt war, ist sie noch verletzlicher und einsamer geworden. Von den (männlichen) Kollegen geschnitten, tritt sie ihren schwierigen Dienst an. Als am Strand ein Koffer mit einer ermordeten jungen Prostituierten angespült wird, übernimmt sie die Ermittlungen und stößt schon bald auf ein organisiertes Geschäft mit Leihmüttern. Parallel dazu nimmt sie Kontakt mit ihrer Tochter Mary (Alice Englert) auf, die sie nach einer Vergewaltigung im Alter von sechzehn Jahren zur Adoption freigegeben hat. Die trotzige, verstörte Mary hadert mit ihrer Adoptivmutter Julia (Nicole Kidman) und ist liiert mit dem undurchsichtigen, diabolischen Alexander ‘Puss’ (David Dencik), der in einem Asia-Bordell haust und sich dort um die Prostituierten kümmert. Wie sich herausstellt, geht es dem angeblichen Professor aus Deutschland nicht nur um die Sprachkompetenz seiner Schützlinge.

Damit ist der Rahmen gesetzt für eine atmosphärisch dichte Geschichte, die an die Intensität und die berückende Bildsprache der ersten Staffel nahtlos anknüpft. Die  Kriminalhandlung nimmt dabei nur einen kleinen Teil ein. In manchen Rezensionen ist zu lesen, dies sei ein feministischer Film. Das ist zum Glück nicht der Fall. Campion hat es vielmehr darauf angelegt, mit schwarzem Humor und doppelbödigem Ernst die modernen Geschlechterbeziehungen auszuloten. Die befinden sich in einem Zustand heilloser Verwirrung. Es herrschen Verunsicherung, Sprachlosigkeit und Rollenchaos. Da ist Marys Mutter, die nervöse Julia, die vor kurzem lesbisch geworden ist. Ihre Tochter hat sich einer unbedingten romantischen Liebe verschrieben, die unmittelbar einem russischen Roman des neunzehnten Jahrhunderts entsprungen scheint. Ein Kollege macht Robin Avancen, die ein Holzklotz nicht gründlicher versemmeln könnte. Ein besonders amüsantes Bild für den Stand der Dinge liefert eine Gruppe junger Studenten, die sich regelmäßig in der Mensa versammeln. Halb hinter ihren aufgeklappten Notebooks verborgen, diskutieren die männlichen Nerds, allesamt treue Kunden des Asia-Bordells, prahlerisch und so derb wie die Wahlfänger aus Moby Dick die Vorzüge und Nachteile der Sexarbeiterinnen. Naht die weibliche Bedienung, werden die Notebooks flugs zugeklappt, und die Vertreter der Generation Youporn verwandeln sich in schüchterne Burschis, wie sie früher fünfzehnjährig in der Tanzstunde zu finden waren – zum Schreien komisch und  traurig zugleich. Trotzdem wirkt die Erzählung niemals klischeehaft oder ideologisch beschränkt – ganz im Gegenteil. Das ist auch Elisabeth Moss zu verdanken, die mit ihrer sensiblen Darstellung für emotionale Erdung sorgt.

Top of the Lake ist ein thematisch hochaktueller Film, der  mit zeitloser, eigenwilliger Ästhetik, großer Ernsthaftigkeit, emotionaler  Intensität und einem abgeklärten Blick für die skurrilen Aspekte der modernen Geschlechterwelt besticht. Ein Meisterwerk und für mich die beste Serie des Jahres.

Top of the Lake – China Girl

Serie von Jane Campion und Gerard Lee

Trailer

Top of the Lake bei Arte

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