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Chernobyl – Blick in den Abgrund

Am 26. April 1986 explodierte in Tschernobyl der Reaktorblock 4 des Atomkomplexes und machte die ukrainische Stadt auf einen Schlag weltbekannt. ‘Das Atom, das wasch ich ab’ zitierte die BILDzeitung einen Rentner, als die strahlende Isotopenwolke Deutschland bereits erreicht hatte, und verfehlte damit die Bedeutung des Augenblicks, nun ja, haarscharf. Vielmehr handelte es sich um eines jener Ereignisse, die sich wie auch 9/11 in das Gedächtnis all jener eingebrannt haben, die es miterlebten. Es war etwas geschehen, was niemals hätte geschehen dürfen. In der Folgezeit, als die Bekömmlichkeit von Pilzen, Milch und Beeren nach Becquerel bemessen wurde, mutierten viele, die bislang der Kernkraft eher aufgeschlossen gegenüberstanden, zu überzeugten Gegnern deren ziviler Nutzung.

Jetzt haben HBO und Sky die Katastrophe verfilmt, mit äußerst sehenswertem Ergebnis. In nahezu dokumentarischem Stil wird der Gang der Ereignisse in fünf Folgen geschildert, angefangen von der Explosion im Reaktorkern nach einem gescheiterten Experiment, bis zu den todesmutigen Einsätzen der so genannten Liquidatoren, die das aus dem Reaktor herausgeschleuderte ‘heiße’ Material teils mit den Händen zurück in die Ruine beförderten.

Zu besichtigen sind zunächst überforderte Techniker, inkompetente Verantwortliche und verantwortungskose Apparatschiks, die Vertuschung und Beschwichtigung nach altsowjetischem Muster betreiben und die Hilfskräfte ohne Schutzausrüstung ins atomare Feuer und damit ihr Verderben schicken. Ein irrwitziges Detail: Das gebräuchliche Dosimeter geht nur bis 3,6 Röntgen, das ‘gute’ ist in einem Schrank eingeschlossen, dessen Schlüssel zunächst nicht auffindbar ist. Später erweist sich, dass auch dessen Skala, die bei 3600 Röntgen endet, bei weitem nicht ausreicht, um die Strahlenbelastung zu quantifizieren. Im Tschernobyler Krankenhaus sind nicht mal Iodtabletten vorhanden, die Bevölkerung darf ungewarnt der Schaulust frönen, während die Kinder im Ascheregen spielen. Gorbatschow kommt dabei noch vergleichsweise gut weg, erteilt er doch bei einer ZK-Sitzung dienstbeflissener Beschwichtiger dem eher zufällig anwesenden Atomphysiker Legassow (Jared Harris) das Wort. So kann mehr als 30 Stunden nach der Katastrophe endlich die Evakuierung Tschernobyls eingeleitet werden.

Chernobyl findet für das ungeheuerliche Geschehen überzeugende, authentisch wirkende Bilder. Auf dramatisierende Zuspitzungen und emotionalisierende Musik wurde weitgehend verzichtet, aber nicht ganz.  So kam es laut WHO und IAEA zu 9000 tödlichen Krebserkrankungen infolge des Unglücks, den Folgen akuter Strahlenkrankheit erlagen jedoch  ‘nur’ etwa 50 Menschen; in der Serie wird der Eindruck erweckt, dass es eine wesentlich höhere Zahl von Betroffenen gab. Dessen ungeachtet erzählt die Serie eher unaufgeregt. Trotzdem stellt sich eine nervenzerfetzende Spannung ein, die der Wucht der Ereignisse entspricht. In der letzten Folge, die dem Gerichtsprozess gewidmet ist, der die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen soll, wird allerdings deutlich, dass die Katastrophe von Tschernobyl nicht zum Beleg für die prinzipielle Unbeherrschbarkeit der Kernkraft taugt. Vielmehr stellt sich heraus, dass der dort verwendete Reaktortyp inhärent unsicher war und dass seine Risiken selbst den Bedienmannschaften verschwiegen wurden. So erscheint der apokalyptische Blick in den qualmenden Schlund des zerstörten Kraftwerks weniger als Menetekel der Atomtechnik, sondern vielmehr als Sinnbild für das Scheitern eines dysfunktionalen politischen Systems, nämlich der Sowjetunion.

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Fernsehserie

Regie: Johan Renck
Drehbuch: Craig Mazin

zu streamen bei Sky Ticket

Foto: Copyright HBO/Sky

True Detective – Staffel 3

Schwer von Hitze und Staub und beißend von Schweiß ist die Luft im Südstaatenkaff West Finger, Arkansas. Whiskybrauner Dunst liegt über den Bildern. Zwei Kinder fahren mit dem Fahrrad zum Spielen. Abends kehren sie nicht zurück. Bald darauf wird der Junge tot aufgefunden, das Mädchen bleibt verschwunden. 

Wayne Hays (Mahershala Ali) und Roland West (Stephen Dorff) ermitteln, beide abgebrühte Bullen, infiziert von der Schwermut der Landschaft. Geistesblitze sind ihre Sache nicht. Ihre Unterhaltungen sind lakonisch und so träge wie ihre Bewegungen, langsame Erkundungen einer inneren Leere, die sie mit vielen der Looser und Durchhalter teilen, denen sie begegnen, und in der sie nach Sinn schürfen wie Goldsucher am falschen Claim.  Bei ihrer Arbeit sind sie stur wie Esel und verbeißen sich in den Fall, der sie ein Leben lang begleiten, fordern und immer wieder enttäuschen soll. Dabei gehen sie alles andere als zimperlich vor. So kann es schon mal vorkommen, dass ein Verdächtiger zu einer abgelegenen Scheune gebracht und weichgeklopft wird. Einmal kommt jemand dabei zu Tode. Wenig später stehen sie im Wald und schaufeln ein Grab. Ihr Ethos ist archaischer als das Gesetz  erlaubt und wurzelt in den blutigen amerikanischen Mythen. Damit ist das Motiv der Zeitlosigkeit gesetzt, und dem entspricht die Erzählweise der Staffel, die auf drei Zeitebenen spielt: 1980, 1990 und 2015. Die Verknüpfung der Ebenen erzeugt eine faszinierende Parallelität der Ereignisse: der Anfang steht neben dem Ende, der Aufbruch neben dem Scheitern, die Vergangenheit kommentiert die Gegenwart und umgekehrt.

Erzählt wird von der konfliktreichen Liebe des farbigen Wayne zu einer Lehrerin, die er heiratet und wieder verliert, und von der Freundschaft der beiden Polizisten, die sich annähern, zerstreiten und wiederfinden. Auf der ersten Zeitebene wird der falsche Mann erschossen und posthum des Mordes an den beiden Kindern schuldig gesprochen. Auf der zweiten Ebene wird der Fall wieder aufgenommen, als nach einem Supermarktüberfall Fingerabdrücke des tot geglaubten Mädchens gefunden werden. Auf der dritten Ebene wird der Fall gelöst. Wayne leidet da bereits an Alzheimer, Roland ist zum trinkenden Einsiedler geworden. Dennoch raffen sie sich noch einmal auf, nicht zum letzten Gefecht, sondern zum Versuch, ihrem Leben am Ende doch noch eine Geschichte abzuringen, die im Nachhinein einen verborgenen Sinn enthüllt. Was sie stattdessen finden, ist die Wahrheit, die sich als Enttäuschung entpuppt. Aber das ist noch nicht alles.

Überhaupt sei jeder, der sich an der bedächtigen Erzählweise stören mag, auf die achte und letzte Folge verwiesen. Wie  die drei Erzählebenen der Serie sich hier verweben, als sollte die Linearität der Zeit ad absurdum geführt werden, wie abgrundtiefe Desillusionierung und hoffnungsloses Scheitern konterkariert werden durch eine Wendung, die so märchenhaft wie selbstverständlich ist, und wie sich die Möglichkeit des Glücks gleich wieder verflüchtigt, ist schauspielerisch grandios verkörpert und meisterhaft umgesetzt. Wer hier keine Tränen vergießt, wem nicht der Atem stockt und wer nicht in stillen Jubel ausbricht über diesen Triumph des filmischen Erzählens, sollte dazu verdonnert werden, fünf Marvel-Adaptionen hintereinander zu gucken – ohne Popcorn und ohne Pause.

Die Staffel im Stream unter anderem bei Sky Ticket und Amazon.

True Detective TV show on HBO: season 3 ratings (canceled or renewed season 4?)True Detective – Staffel 3

Serie von Nic Pizzolatto

Trailer

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Der Pass – Der Krampus geht um

Die Konstellation ist nicht neu: Da treibt ein Serientäter sein Unwesen, um seiner wahnhaften Privatideologie mit aufwändig inszenierten Morden Aufmerksamkeit zu verschaffen, und ein dysfunktionales Ermittlerteam hechelt den Untaten hinterher, nimmt allerlei falsche Verdächtige ins Visier, folgt mäandrierenden Spuren und bringt den Täter schließlich zur Strecke – oder auch nicht.

Angelehnt ist Der Pass an Die Brücke, eine der besten Serien, die im deutschen Fernsehen zu sehen waren. Die Brücke  war  angesiedelt in der Öresund-Region, das schwedisch-dänische Ermittlerteam hatte es zunächst mit zwei Toten zu tun, deren abgesägte Hälften mitten auf der Staatsgrenze zu einem neuen Ganzen zusammengefügt waren. Vor allem Kommissarin Saga Norén (Sofia Helin) mit ihrem Asperger-Syndrom nahm den Zuschauer dermaßen für sich ein, dass er bereit war, ihr in die schauerlichsten Abgründe der Ermittlung  hinab zu folgen. Der Pass  spielt nun in den Alpen im Grenzgebiet von Deutschland und Österreich, und das Ermittlerteam ist so zu sagen spiegelverkehrt aufgestellt. Die deutsche Kommissarin Ellie Stocker (Julia Jentsch) ist die Normalo, der österreichische Kommissar Gedeon Winter (Nicholas Ofczarek) gibt den Freak. In die Provinz strafversetzt, erfüllt er seine Ermittlerpflicht mehr als unwillig. Wenn er morgens mit Kokskater auf dem Boden erwacht und sich mit fettigem Haar und zerknautschten Klamotten zur Arbeit schleppt, ist seine Stimmung erwartungsgemäß grantig. Das Österreichische, das noch dem argsten Schmäh widerborstigen Charme verleiht, passt ihm wie der Wurst die Pelle. Am Tatort bleibt er lieber im Auto sitzen und überlässt seiner ehrgeizigen deutschen Kollegin die Besichtigung des ersten Opfers, das, wenig überraschend, auf einem Grenzstein kniend gefunden wird. Erst als weitere Morde folgen, erwacht allmählich sein Interesse, und das Teambuilding kann beginnen.

Manches an Der Pass ist Variante, einiges wie die Schwangerschaft der Kommissarin wirkt aufgesetzt und überflüssig, dennoch ist die Serie unbedingt sehenswert. Das liegt nicht nur an der fantastischen Kulisse, nämlich der verschneiten Berglandschaft mit ihren dunklen Tälern und archaischen Bräuchen, der Musik von Hans Zimmer und den schauerlichen Krampusmasken, derer sich der Täter bedient, sondern vor allem an der filmischen Erzählweise.  Philip Peschlow hat hier hervorragende Kameraarbeit geleistet, die einhergeht mit einer komplexen Erzählweise  samt Vor- und Rückblenden, Szenen mit abgeblendetem Ton und atmosphärisch dichten Bildern, die der Imagination des Betrachters Raum geben.  Ganz schön dreist, dass ab Folge 3 der Täter dem Zuschauer bekannt ist. Der Spannung tut es keinen Abbruch. Sky hat Das Boot  versemmelt, aber mit Der Pass  fast alles richtig gemacht. Hier stimmt so gut wie jede Einstellung, und herausgekommen ist eine Serie, die ihrem Vorbild Die Brücke anders als das amerikanische Remake keine Schande macht. 

Zu sehen ist Der Pass derzeit auf Sky und bei Skyticket.

Krampus

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Strike – Schlag ins Leere

Hitzewatte im Kopf. BBC-Krimiserie Strike geguckt. Autorin der Buchvorlage ist immerhin Erfolgsautorin J. K. Rowling. Aber: o je.

Privatdetektiv Cormoran Strike ist ein kriegsversehrter Knuddelbär, Assistentin Robin zum Anbeißen süß, aber verlobt mit einem Langeweiler (macht irgendwas mit Banken).  Die Handlung schleppt sich so betulich wie ein Krimi von Agatha Christie. Die drei Fälle papierene Konstrukte, die Motive hanebüchen. Die Überraschung: als eine Straßenhure einen Handjob für fünf Pfund anbietet. Das Spannungselement: ob Cormoran und Robin einander kriegen. Man spürt die Absicht: kein Zynismus, keine Gewaltorgien – die klassische Detektivgeschichte soll es sein, elegant und humorvoll. Doch die Geschichten zünden nicht, nirgends. Dann naht endlich das Ende. Robin steht mit dem, der was mit Banken macht, vor dem Traualter. Cormoran rast mit dem Auto heran, eilt humpelnd zur Kirche. Der Film zitiert das Finale der Reifeprüfung! Cormoran wird Robins fades Schicksal wenden! Da wirft er auch schon eine Blechvase um. Alle Blicken richten sich auf ihn, auch Robins. Doch anstatt in die Arme ihres Retters zu stürzen, lächelt sie und spricht: Ja, ich will. Ätsch! Die Autorin dreht mir und Cormoran und Robin eine lange Nase! Es war gar kein Zitat, es war eine Variante. Man könnte auch sagen: ein Schlag ins Leere. Oder positiv formuliert: Bei drohendem Hitzekoller kann diese Serie eine Valium überflüssig machen.

Nachtrag: Der erste Teil der Strike-Serie wurde unter Pseudonym veröffentlicht. Es heißt, es wurden lediglich 1200 Exemplare verkauft. Erst als Rowlings Pseudonym gelüftet war, wurde ein Bestseller draus.

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Serie nach Buchvorlagen von J. K. Rowling

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The Terror – Verschollen im Eis

Am 19. Mai 1845 brach der Polarforscher John Franklin im fortgeschrittenen Alter von fast 60 Jahren auf der Suche nach der Nordwestpassage zu seiner letzten Expedition auf. Die beiden Schiffe Erebus (benannt nach dem Gott der Finsternis) und Terror waren von modernster Bauart und verfügten zusätzlich zu den Segeln über einen Schraubenantrieb, der sie zu Eisbrechern machen sollte. Nördlich der King-William-Insel blieben sie jedoch kurz vor dem Ziel im Packeis stecken und wurden nach der zweiten Überwinterung aufgegeben. Die Männer versuchten, sich zu Fuß in Sicherheit zu bringen, doch kein einziger überlebte.

Sten Nadolny hat Franklin in seinem 1983 erschienenen Roman Die Entdeckung der Langsamkeit ein literarisches Denkmal gesetzt. Während Nadolny Franklins Leben in den Blick nimmt und dessen titelgebende ‘Langsamkeit’ als prägendes Persönlichkeitsmerkmal herausdestilliert,  ist der Blick der Serie weit enger. Zu besichtigen ist eine klaustrophobische Versuchsanordnung, in deren Enge sich der kulturelle Firnis auflöst. Darunter kommen Anarchie und Schrecken (Terror) zum Vorschein. Zu Beginn herrschen noch Ordnung und Disziplin. Die adretten Uniformen der Polarabenteurer und die zackig ausgeführten Befehle korrespondieren mit den in warmes Licht getauchten Rückblenden, die Franklin und den zweiten Kapitän Francis Crozier in üppig ausgestatteten Räumen zeigen – im warmen Schoß der Zivilisation. Einen Moment lang scheint es so, als lasse sich die Welt der funktionierenden Konventionen und der geschmierten Technik in den Kokon der Schiffe übertragen. Doch schon bald zeigt sich, wohin die Reise geht, beziehungsweise wo sie endet. In einer der stärksten Szenen lässt sich ein Mann, gehüllt in einen monströsen Bildergebnis für the terror serieTauchanzug, ins Wasser abseilen, um die festgefahrene Schiffsschraube von Eis zu befreien. Im Gegenschnitt sieht man dem Bordarzt bei einer Autopsie zu. Arzt und Taucher dringen in diesem Moment, jeder auf seine Weise, unter eine Oberfläche vor, die dem Blick aus gutem Grund Grenzen setzt, denn dahinter lauert das Grauen. Bald bricht es sich Bahn; angesichts zur Neige gehender Vorräte und schwindender Hoffnung löst sich die Ordnung auf, die Menschen werden im Überlebenskampf zu Bestien. Interessanterweise projizieren sie die Angst, die sie mit gutem Grund vor Ihresgleichen haben sollten, nach außen. So wird der Eisbär, der den Erkundungstrupps zu den Schiffen folgt, in den Augen der Engländer – und in denen der Zuschauer – zu einem Monster, einer Nemesis, dem Symbol des Schreckens, der sich vor dem Unschuldsweiß der Polarwelt entfaltet, die mit ihren Eiskonfigurationen wohl nicht zufällig immer wieder an Caspar David Friedrichs Bild ‘Eismeer’, das den populären Namen ‘Die gescheiterte Hoffnung’ trägt.

Das klingt nach einer Superserie, und die hätte es auch werden können. Allein, sie ist es nicht. Das Grauen bleibt Behauptung, das Monster sieht aus wie ein Mensch in Eisbärkostüm – Horror Fehlanzeige. Und irgendwie nimmt man dem Film die Arktis nicht ab. Die Innenräume des Schiffes dünsten keinen Gestank aus, mit den im Styroporeis umherstapfenden Männer hat man vor allem deshalb Mitleid, wie sie für die vermutlich muggelige Wärme der ungarischen Studios, in denen die Serie entstanden ist, zu warm bekleidet sind. Da helfen auch die rot geschminkten Gesichter nicht. Unglaubwürdig ist die Szenerie auch deshalb, weil der Atem der Akteure nicht dampft – durchaus kein unwesentliches Detail. Das wird besonders deutlich, wenn in einer in England spielenden Szene, die wohl im Winter gedreht wurde, deutlich Atemwolken zu sehen sind. Trotz der guten Schauspielerleistung – besonders erwähnenswert Jared Harris als Captain Francis Crozier und Paul Ready als Schiffsarzt Dr. Henry Goodsir – folgt man den Akteuren deshalb eher distanziert in ihr Verderben. Trotzdem lohnt es sich, bis zum bitteren Ende durchzuhalten, denn das Schlussbild ist grandios.

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The Terror

Serie bei Amazon
nach einem Roman von Dan Simmons

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Top of the Lake – China Girl

Jane Campion hat es trotz gegenteiliger Absichtserklärung doch wieder getan und eine zweite Staffel von Top of the Lake gedreht. Detective Robin Griffin (herzerwärmend gebrochen gespielt von der wunderbaren Elizabeth Moss) ist von Neuseeland, dem Schauplatz der ersten Staffel, nach Sydney zurückgekehrt. Nach der Auseinandersetzung mit ihrem neuseeländischen Vorgesetzten Alan Parker, der in die Machenschaften eines Pädophilenrings verwickelt war, ist sie noch verletzlicher und einsamer geworden. Von den (männlichen) Kollegen geschnitten, tritt sie ihren schwierigen Dienst an. Als am Strand ein Koffer mit einer ermordeten jungen Prostituierten angespült wird, übernimmt sie die Ermittlungen und stößt schon bald auf ein organisiertes Geschäft mit Leihmüttern. Parallel dazu nimmt sie Kontakt mit ihrer Tochter Mary (Alice Englert) auf, die sie nach einer Vergewaltigung im Alter von sechzehn Jahren zur Adoption freigegeben hat. Die trotzige, verstörte Mary hadert mit ihrer Adoptivmutter Julia (Nicole Kidman) und ist liiert mit dem undurchsichtigen, diabolischen Alexander ‘Puss’ (David Dencik), der in einem Asia-Bordell haust und sich dort um die Prostituierten kümmert. Wie sich herausstellt, geht es dem angeblichen Professor aus Deutschland nicht nur um die Sprachkompetenz seiner Schützlinge.

Damit ist der Rahmen gesetzt für eine atmosphärisch dichte Geschichte, die an die Intensität und die berückende Bildsprache der ersten Staffel nahtlos anknüpft. Die  Kriminalhandlung nimmt dabei nur einen kleinen Teil ein. In manchen Rezensionen ist zu lesen, dies sei ein feministischer Film. Das ist zum Glück nicht der Fall. Campion hat es vielmehr darauf angelegt, mit schwarzem Humor und doppelbödigem Ernst die modernen Geschlechterbeziehungen auszuloten. Die befinden sich in einem Zustand heilloser Verwirrung. Es herrschen Verunsicherung, Sprachlosigkeit und Rollenchaos. Da ist Marys Mutter, die nervöse Julia, die vor kurzem lesbisch geworden ist. Ihre Tochter hat sich einer unbedingten romantischen Liebe verschrieben, die unmittelbar einem russischen Roman des neunzehnten Jahrhunderts entsprungen scheint. Ein Kollege macht Robin Avancen, die ein Holzklotz nicht gründlicher versemmeln könnte. Ein besonders amüsantes Bild für den Stand der Dinge liefert eine Gruppe junger Studenten, die sich regelmäßig in der Mensa versammeln. Halb hinter ihren aufgeklappten Notebooks verborgen, diskutieren die männlichen Nerds, allesamt treue Kunden des Asia-Bordells, prahlerisch und so derb wie die Wahlfänger aus Moby Dick die Vorzüge und Nachteile der Sexarbeiterinnen. Naht die weibliche Bedienung, werden die Notebooks flugs zugeklappt, und die Vertreter der Generation Youporn verwandeln sich in schüchterne Burschis, wie sie früher fünfzehnjährig in der Tanzstunde zu finden waren – zum Schreien komisch und  traurig zugleich. Trotzdem wirkt die Erzählung niemals klischeehaft oder ideologisch beschränkt – ganz im Gegenteil. Das ist auch Elisabeth Moss zu verdanken, die mit ihrer sensiblen Darstellung für emotionale Erdung sorgt.

Top of the Lake ist ein thematisch hochaktueller Film, der  mit zeitloser, eigenwilliger Ästhetik, großer Ernsthaftigkeit, emotionaler  Intensität und einem abgeklärten Blick für die skurrilen Aspekte der modernen Geschlechterwelt besticht. Ein Meisterwerk und für mich die beste Serie des Jahres.

Top of the Lake – China Girl

Serie von Jane Campion und Gerard Lee

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Top of the Lake bei Arte

Serienschmäh & Ozark

Das hochgelobte und vielgeliebte Format Fernsehserie ist inzwischen arriviert. Ein Milliardenmarkt ist geschaffen, die Fangemeinde des zeitverschlingenden Medienmonsters zählt nach hunderten Millionen, und erste Ermüdungserscheinungen sind nicht zu übersehen. Während Deadwood, The Wire und Breaking Bad in der Erinnerung immer besser und besser werden, zeugen die immer schneller aufeinanderfolgenden Neuerscheinungen davon, dass zwar Viele vom Trend profitieren wollen, aber nur Wenige berufen sind, von ein paar nicht sonderlich populären einstaffeligen Preziosen wie Quarry oder The Night Of einmal abgesehen. Dass die dritte Staffel von Fargo sich vom unübertroffenen Filmvorbild zu lösen und formal wie inhaltlich eigene Wege zu beschreiten versucht, ist an und für sich honorig. Leider bleibt bei Splitscreen und infantilen Zeichentrickeinlagen die Atmosphäre auf der Strecke, der abgründige Humor des Originals verplätschert im Klamauk. Auch bei True Detective bleibt die erste Staffel ein Solitär, der als manieriertes Selbstzitat fortgeschrieben wird. In House of Cards wiederum, mittlerweile in der vierten Staffel angelangt, erweist sich der machtversessene, skrupellose Präsident Underwood zunehmend als Doppelung des real existierenden Trump, was eine gewisse Langeweile mit sich bringt. Game of Thrones tritt mit Staffel 7 allmählich zum Finale an und wird, wenn die Drohungen von HBO sich bewahrheiten sollten, mit einer Flut von Sequels posthum totgeritten werden. Bewährte Serienvitalität (sic!) zeigen freilich noch The Walking Dead, während Homeland  es wunderbarerweise noch immer schafft, von Folge zu Folge Hochspannung mit Realitätsbezug zu verbinden.

Und jetzt also Ozark. Vielleicht ist das Besondere an dieser Serie, dass sie nichts Besonderes sein will. Ein Mann bekommt während eines Beratungsgesprächs per Email ein anonymes Video zugeschickt. Während er seiner Frau beim Ehebruch zuschaut, setzt er gefasst, wenn auch ein wenig verunsichert die Beratung fort. Dann fährt er nach Hause – und schweigt. Dieser Mann ist Marty Byrde (Jason Bateman). Wie sich später zeigt, bleibt seine Stimme auch dann noch ruhig und geschäftsmäßig, wenn man ihm die Zehennägel ausreißt. Seine Miene verrutscht selten. Er ist ein liberaler Mensch, der das Gute will und seine Familie liebt – seine pubertierende Tochter Charlotte, seinen einzelgängerischen neunjährigen Sohn Jonah und seine Frau Wendy (Laura Linney). Alles könnte so schön sein, doch es liegt eine seltsame Erstarrung über dieser Familie, als hätte sich mit den Jahren die Patina einer schwer fassbaren Enttäuschung auf den Beziehungen niedergeschlagen.

Zusammen mit einem Partner (der hier aus gutem Grund namenlos bleibt) betreibt Marty eine Vermögensberatung. Neue Privatkunden sind allerdings nicht willkommen, handelt es sich doch um eine Firma, welche die Einkünfte des zweitgrößten mexikanischen Drogenkartells wäscht. In der dritten Folge, ein Rückblick, wird erzählt, wie der brave, anständige Marty dazu kam, seine Seele an den Teufel zu verkaufen. Die Szene, wie er und Wendy sich die Folgen des Deals schönreden (Reichtum, eine sichere Zukunft für die Kinder etc.), wie sie sich die Möglichkeit einer ganz anderen Zukunft erst ausmalen, bis das Spiel wie beiläufig, so zu sagen aus Langeweile geboren, in eine unumkehrbare Entscheidung mündet, ist einer der großen, stillen Höhepunkte von Ozark.

Schon bald sind Martys Geschäftspartner und etliche Mitarbeiter tot, und die Familie muss mit Sack und Pack in den Ozark-Bezirk fliehen, eine idyllische Seenlandschaft, bewohnt von hinterwäldlerischen Originalen. Martys Leben ist zur Bewährung ausgesetzt, sein Auftrag: acht Millionen innerhalb von drei Monaten waschen. Das ist gar nicht so leicht, denn wie wir inzwischen aus der Politik wissen, handeln die sturen Provinzler oft anders, als dem vernünftigen, modernen Städter lieb ist. Breaking Bad hat das Prinzip des eskalierenden Unheils stilbildend vorexerziert: Ein gelöstes Problem schafft zwei neue, ein Schneeballsystem, das von Katastrophe zu Katastrophe taumelt. Der Eindruck eines Déja-vu stellt sich indes nicht ein. Dass die Bilder ohne irgendwelche dramaturgischen Tricks den Zuschauer schon nach wenigen Minuten in ihren Bann schlagen, ist der unauffälligen, aber mehr als soliden Kameraarbeit, der ernsthaften Erzählweise  und der subtilen Darstellung der Schauspieler zu verdanken. Laura Linney, die zuletzt im Kinofilm Nocturnal Animals glänzte, vermittelt ausdrucksstark und doch stets verhalten Wendys Verunsicherung in der von außen bedrohten, zwischen Geschäftsbeziehung und emotionaler Nostalgie balancierenden Ehe. Daneben ist vor allem die Figur der Ruth zu erwähnen, gespielt von Julia Garner. Ruth hat es auf die acht Millionen abgesehen und wird von Marty als Küchenhilfe eingestellt. Wie dieses frühreife,  scheinbar mit allen Wasser gewaschene Luder sich von der Kleinkriminellen erst zur Stripclubmanagerin und dann zu Martys Lebensretterin mausert, ist äußerst sehenswert. Ein inhaltlicher Schwachpunkt allerdings sollte nicht unerwähnt bleiben: Was dem Zuschauer hier als Geldwäsche verkauft wird, ist Kokolores. Seit wann wird Geld gewaschen, indem imaginäre Kosten produziert werden? Genau das Gegenteil ist der Fall: Wer Geld wäscht, produziert imaginäre Einnahmen, versteuert sie und legalisiert auf diese Weise das Schwarzgeld. Die dargestellte Variante mag dramaturgisch weniger aufwändig sein, ist aber Unsinn.

Bildergebnis für ozarkOzark ist bei Netflix zu sehen

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