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Wo ist die Schwarmintelligenz?

Anlass gibt es immer: Stuttgart 21, das drohende Verbot der E-Zigarette, der Bau einer Umgehungsstraße oder ein Gesetzesvorhaben wie Acta, Sopa, Pipa oder wie sie alle heißen. Schon bilden sich Foren und Gruppen. Emails werden verschickt und verbreiten sich kettenbriefartig. Es wird gebloggt und gepostet, was die Leitung hergibt. In kürzester Zeit wachsen die Ad-Hoc-Communities wie Kristalle um ihre Keime herum. Ein bisschen geht es zu wie früher auf dem Marktplatz, wo der größte Schreier die meisten Kunden angelockt hat. Die Kunden im Netz aber sind Akteure. Jeder ist Käufer und Verkäufer, Konsument und Produzent in Personalunion. Was sie eint, ist die Empörung, neudeutsch: die Wut des Netzbürgers.

In den Gruppen und Foren treffen Menschen aufeinander, die sich im realen Leben niemals begegnen würden. Das ist demokratisch und an und für sich begrüßenswert. Man könnte sich austauschen, ein bisschen kennen lernen. Es könnte ein Raum entstehen, aus dem die vielbeschworene Schwarmintelligenz (SI) hervortritt. Mit diesem Begriff verbindet sich die Hoffnung, Quantität könnte in Qualität oder Masse in Klasse umschlagen. Das wäre die Dialektik des Webs. Doch so wie sich vom fast schon totgehypten Cyberspace bislang wenig mehr zeigt als die öden Räume eines 2nd Life, erweist sich auch die SI als scheues Wesen. Dem Zukünftigen kommt ein Phänomen in die Quere, das auch dem Neandertaler schon zu schaffen gemacht haben dürfte – die Gruppendynamik.

Eine Kampfgruppe braucht eine Front; davor wir, dahinter die. Wo die Front verläuft, bestimmen die Lautesten, Schnellsten. Sie bringen anscheinend auch die meiste Zeit fürs emsige Posten mit. Der Umgangston ist rüde. Detailkenntnisse sind eher hinderlich. Es wird verallgemeinert und versimpelt, dass sich die Balken biegen, denn die Öffentlichkeit des Webs ist eine von Couchpotatoes – jeder Teilnehmer veranstaltet quasi seinen Einmann-Stammtisch. Soziale Konventionen sind dabei lästig. Beliebtester Gegner sind ‚die Politiker‘, gerne auch als ‚Drecksäcke‘ etc. tituliert. Nur Versager gehen in die Politik, die es sonst zu nichts bringen würden, und dafür sacken sie noch dicke Diäten ein. – Fällt dir in der Argumentation ein Widerspruch auf? Egal. Komm ja nicht auf die Idee, etwa anzumerken, dass höhere Diäten vielleicht auch fähigere Leute anziehen würden! Wer vor Verallgemeinerungen warnt, zur Sachlichkeit rät und auf die Notwendigkeit verweist zu differenzieren, wird unverzüglich als Störenfried gebrandmarkt, der die Schlagkraft der Bewegung schwächt. Und wer noch dazu nicht weiß, was eine PM ist, und sich Vokabeln wie ‚lol‘ oder ‚akla‘ von seiner Nichte übersetzen lassen muss, outet sich schnell als Internet-Opa.

Ich schlage ‚Shitstorm‘ als Unwort des Jahres vor und warte weiter auf das Erscheinen der SI.

Nachbemerkung des Autors: Ich dampfe E-Zigarette, mit Begeisterung. Und meine Hauptmotivation beim Verfassen dieses Beitrags war natürlich Empörung über den Umgangston in manchen Webgruppen, sprich Wut. Der Text ist folglich überspitzt, höchst unausgewogen und vor allem völlig unzureichend recherchiert. Verbreitet ihn massenhaft!