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Mein Jahr 2020 – HE’S FIRED

Was für ein Jahr! Während das Corona-Virus ganz Deutschland (oder jedenfalls dessen verantwortungsvolle Bürger) zu Maskenträgern und Preppern machte, die Klopapier und Doseneintopf horten, war in den Medien das beklemmende Schauspiel einer Demokratie zu besichtigen, die sich selbst zerlegt – die USA auf dem Weg zur Bananenrepublik.

Flag_of_the_United_StatesTrump wollte den Washingtoner Sumpf trockenlegen, doch er selbst war der Sumpf, ein gäriger Morast, dem statt stinkender Blasen wütende Tweets in inflationären Massen entstiegen. Mit Hilfe seiner Familienbande und einer zu allem entschlossenen Clique ergebener Günstlinge hat er vier Jahre lang die amerikanische Demokratie ausgehöhlt, internationale Institutionen geschwächt, Bündnispartner düpiert und Diktatoren hofiert. Mit seinem Corona-Kurs der Untätigkeit und des Leugnens ist er verantwortlich für viele tausend Tote. Zu beobachten war, wie er mit propagandistischer Unterstützung seines Leib-und-Magen-Senders Fox News eine Alternativrealität etablierte, die in den Köpfen seiner Anhänger Wurzeln schlug. Auf permanentem Kreuzzug gegen die so genannten Fake-News-Medien begriffen, war er der größte denkbare Fake überhaupt, ein notorischer Lügner und Narzisst, der seine bodenlose Inkompetenz mit Größenwahn überspielte – der Kaiser ohne Kleider.

Ein Stoßseufzer sei erlaubt: HE’S FIRED! Ein Triumph der Demokratie aber ist das nicht. Politische Vernunft, Gesetz und Institutionen haben mit knapper Not überlebt. Die Hoffnung, Trump möge zur Rechenschaft gezogen werden, ist vage. Und schon zeichnet sich am Horizont die bedrohliche Möglichkeit einer erneuten Kandidatur im Jahr 2024 ab. Oder wird Trump seinen eigenen ultrarechten Fernsehsender gründen, um den als allzu unabhängig befundenen  Fox News einzuheizen? Abzusehen ist, dass die von Teaparty und Trump radikal entdemokratisierten Republikaner Biden das Regieren nach Kräften schwer machen werden, um sich in vier Jahren als Retter der Nation zu inszenieren. Doch egal, was in Amerika passiert: Populismus, Realitätsverleugnung  und Demokratieverachtung grassieren auch in Europa, lediglich der Personenkult ist hier (noch?) etwas schwächer ausgeprägt als in den USA. Das Social-Media-Geschrei schmerzt in den Ohren. Eine Allianz von Coronafantasten, Impfgegnern, Esoterikern, Reichsbürgern und rechtsradikalen Demokratiefeinden macht unter dem geschickt gewählten Label Querdenker von sich reden. Es heißt, es seien auch Leute dabei, die berechtigte Bedenken gegen die mit der Viruseindämmung einhergehenden Einschränkungen individueller Freiheit haben. Ich finde, durch die gewählte Gesellschaft haben sie sich selbst disqualifiziert.

KleinerDracheCoverTrotz der deprimierenden Zeitläufte war es für mich kein schlechtes Jahr, sondern eins mit unverhofft schönen Momenten.  Kein Kino, kein Theater, keine Konzerte und kein Urlaub, stattdessen ein Gefühl von Statik – ein Zeitgefühl, das dem Empfinden der Kinderzeit gleichkam, als die Sommer ewig währten. Und an einem lauen Sommerabend im Garten den Steinkauz zu beobachten und auf das Erscheinen der Fledermäuse zu warten,  während Kater Karlo die Jagd beginnt, hat auch seine Reize. Außerdem war das Jahr recht erfolgreich. Deshalb zum Abschluss eine Auflistung meiner Veröffentlichungen aus 2020. Besonders verweisen möchte ich auf meinen Roman Kleiner Drache, Angesiedelt  in einem zukünftigen isolationistischen China, das sich hinter eine neuen Großen Mauer verschanzt, erzählt er die Geschichte der achtundzwanzigjährigen Xialong, der zukünftigen Konzernchefin des Roboterkonzerns Jiqiren. Von einer Doppelgängerin verdrängt und bedroht, flüchtet sie, und es beginnt eine gefährliche Odyssee, die sie bis  nach Bangladesch führen wird – und wieder zurück nach Peking.

Kleiner Drache, Roman – p.machinery
Hier auf dem Mars, Story – Exodus 40
Expedition 13b/Regalis, Story  – Nova 29
Miau, Story – Spektrum d. Wissenschaft 6

Und noch ein Letztes: Bleibt gesund!


Fakten, Fakten, Fakten

Auch Zahlen können eine spannende Lektüre sein. Das gilt umso mehr, seit Donald Trump am 20. Januar 2017 bei seiner Inauguration eine als ‘America First’ deklarierte Drohung an Freunde wie Feinde richtete und in der Folge im Weißen Haus eine wahrheitsverdrehende, reaktionäre Clique von Jasagern installierte. Seit dieser Rede, die mir mit ihrer rückwärtsgewandten biestigen Verbohrtheit einen Schauer über den Rücken jagte, verfolge ich die amerikanische Politik aufmerksamer denn je. Neben CNN und der New York Times gehört Real Clear Politics beim morgendlichen Check der Nachrichtenlage zu meinen ersten Anlaufstellen im Netz.

RCP wurde im Jahr 2000 von McIntyre, einem ehemaligen Börsentrader, und Bevan gegründet, der aus der Werbung kommt. Beide sind eigentlich wirtschaftsliberal und eher republikanisch eingestellt, doch die Seite, die sie da auf die Beine und ins  Netz gestellt haben, kommt nicht nur politisch neutral daher, sie ist sogar ausgesprochen gelungen. Ihre Zahlen lügen nicht.

Seine Drohung hat Trump inzwischen weitgehend wahr gemacht; internationale Verträge wurden gebrochen oder aufgekündigt, das Land ist gespalten, die Regierungsinstitutionen sind bis zur Funktionsfähigkeit geschrumpft, die Behörden und das Oberste Gericht wurden mit rechtsnationalen Gefolgsleuten infiltriert und die Umweltgesetzgebung um viele Jahre zurückgedreht. Doch wenige Monate vor der Präsidentschaftswahl im November signalisieren die Umfragewerte und Wettquoten (meist ein verlässlicher Indikator) zum ersten Mal Hoffnung auf eine Trendwende. Real Clear Politics mit seinen eifrigen Faktensammlern verspricht spannende Lektüre.

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Quelle: Real Clear Politics

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Real Clear Politics


Three Billboards Outside Ebbing, Missouri

In Ebbing, Missouri, scheint die Zeit stehengeblieben. Ein trügerisch goldenes Licht liegt über diesem amerikanischen Süden. Farbige und Schwule sind immer für eine Zote gut, die Cops glauben, sie hätten das Recht gepachtet, in der Kneipe wird gesoffen und Billard gespielt wie eh und je, und Wähler der Demokraten kann man mit der Lupe suchen – Trump Country. Hier gilt die Moderne als Bedrohung  und mit ihr alles, was Veränderung bedeuten könnte.

In gewisser Weise gilt dies sogar für Mildred Hayes, gespielt von der wunderbaren Frances McDormand, die hier (wie auch in dem ebenfalls mehr als sehenswerten Drama Olive Kitteridge) wieder einmal in ihrer Paraderolle zu sehen ist. Mildred hat das Leben übel mitgespielt: Erst hat ihr prügelnder Ehemann sie wegen eines hübschen Dummchens verlassen, dann wurde ihre Tochter vergewaltigt und verbrannt. Die Polizei hat die Ermittlungen längst ergebnislos eingestellt. Da kommt Mildred auf die Idee, drei Werbetafeln anzumieten, die titelgebenden Billboards, darauf drei schlichte Sätze:  ‘Raped While Dying’, ‘Still No Arrests?’ und ‘How come, Chief Willoughby?’ Das  missfällt nicht nur dem verantwortlichen Chief. Auf einmal ist die geliebte Friedhofsruhe in Gefahr.

Während Mildred dem sozialen Druck mit sturköpfiger Beharrlichkeit widersteht, werden die drei Billboards zum Katalysator, der erst die den Verhältnissen innewohnende Brutalität sichtbar macht und sie dann auseinanderbricht. Dieser Prozess wird in glasklaren Bildern als stilles, gleichwohl atemberaubendes Schauspiel erzählt. Wenn ein Gegner zum heimlichen Unterstützer wird, wenn der schlimmste aller Cops sich am Ende zusammenschlagen lässt, um an die DNA des vermeintlichen Täters zu gelangen, meint man, kleinen und größeren Wundern beizuwohnen. Dabei haben die Wandlungen und Wendungen nichts Märchenhaftes an sich. Alles ist in den Figuren angelegt und entfaltet sich folgerichtig. Dass damit auch die Sichtweisen des Zuschauers hinterfragt und seine Erwartungen gesprengt werden, ist mit ein Grund für die enorme emotionale Wirkung des Films. 

Man möchte Three Billboards als Therapie für die amerikanische Krankheit empfehlen, doch um für Medizin empfänglich zu sein, bedarf es der Einsicht der Betroffenen. Es ist halt nur ein Film.  Aber ansehen sollte man ihn.

Three Billboards Outside Ebbing, Missouri

Regie: Martin McDonagh

Trailer

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2017 – Mein Jahr

Wie das Jahr war? Nun, es gab wenig Schnecken. Im Vorjahr machten die schleimigen Weichtiere jeden Spaziergang zum Slalomlauf (ja, ich weiche Schnecken aus!) und knabberten sich durch die Blumenpracht des Gartens. Dieses Jahr gab es kaum welche – fast war man geneigt, die sporadischen Einzelgänger als Überlebende zu begrüßen. Ebenfalls bemerkenswert, dass die Kapuzinerkresse, die 2016 den Raupen zum Opfer gefallen war, diesmal bis in den Oktober hinein blühen durfte.

Und dann war da Trump. Ich muss gestehen, dass ich ein wenig besessen von ihm war. Seine Tweets, abgefeuert aus dem Zentrum des amerikanischen Wahnsinns, erreichten mich auch ohne eigenen Twitter-Account mit enervierender Regelmäßigkeit. Nach der Inaugurationsrede, mit der er Dampfmaschinenkapitalismus als Zukunftsvision zu verkaufen suchte und die wie eine Drohung an Freund wie Feind rüberkam, gab es einfach kein Entkommen mehr. Meine Fassungslosigkeit darüber, dass ein kompetenzfreies Großmaul amerikanischer Präsident Trumswwerden kann, dass ein rückwärtsgewandter, bauchgesteuerter Populist ohne Respekt vor Verfassung, Demokratie und dem Unterschied zwischen Wahrheit und Lüge im Weißen Haus eine Clique aus Familienangehörigen, Karrieristen und Jasagern um sich schart, die so manche Oligarchendikatur in den Schatten stellt, erneuerte sich zuverlässig von Mal zu Mal. Die Fernsehnachrichten machten es auch nicht besser; seine Körpersprache und Mimik waren für mich ein rotes Tuch, dagegen kam ich nicht an. Erkenntnisgewinn versprachen zahllose politische Artikel, soziologische Analysen und psychologische Ferndiagnosen. Ich habe viele gelesen. Das meiste erschien mir zutreffend. Aber schlauer bin ich letztlich nicht geworden.

„Meine Unterstützer sind so klug. Das sagen auch die Umfragen. Sie zeigen, dass ich die loyalsten Anhänger habe. Wussten Sie das schon? Ich könnte quasi mitten auf der 5th Avenue stehen und jemanden erschießen, und würde trotzdem keine Wähler verlieren. Okay?! Das ist unglaublich!“

Ja, Mr. President, das ist unglaublich. Man nennt es wohl Vasallentreue. Was müsste geschehen, damit das ihm ergebene Drittel der amerikanischen Bevölkerung von seinem selbstgewählten Führer abfällt? Ich mag es mir nicht vorstellen und nehme Zuflucht bei Bertolt Brecht: Nur die dümmsten Schafe wählen ihre Schlächter selber. Offenbar befindet sich das politische System der USA in einer tiefen Krise. Die unheilvolle Allianz aus evangelikalem Fundamentalismus, einem vom Großkapital finanzierten Wahlkampf und interessengesteuertem Verblödungsfernsehen haben eine Wahrnehmungsblase erzeugt, in der Menschen ihr Fell nicht verkaufen, sondern mit Freuden verschenken, nur weil sie dazu ermuntert werden, die Sau ihrer Ressentiments rauzulassen.

Ich habe die amerikanische Politik nie unkritisch gesehen, aber trotz aller Fehler und Irrtümer war da im Innern immer auch ein Leuchten, das gespeist wurde von den Idealen der amerikanischen Verfassung und das seinen Widerschein fand in der Vitalität der im besten Sinne populären Kultur, der Literatur, der Musik und dem Film. Jetzt ist dieses Leuchten nur noch ein Glimmen. Aber dennoch: Außer dem Auftrieb, den Trump der Satirebranche verschafft hat, scheint er noch etwas anderes Gutes bewirkt zu haben, das zeigt der Ausgang der Wahlen in den Niederlanden und in Frankreich. Sein Rechtspopulismus ohne Maske kommt in Europa weniger gut an als bei ihm daheim. Vielen und auch mir hat seine America-First-Litanei verstärkt bewusst gemacht, wie wichtig es ist, dass die europäischen Länder politisch und wirtschaftlich mit gemeinsamer Stimme sprechen, denn nur zu gern würden die Trumps dieser Welt uns bilateral in die Mangel nehmen. Dass nach dem Brexit allerorten mit Begeisterung EU-Fähnchen geschwenkt werden, ist auch Pulse of Europe zu verdanken – eine tolle Initiative!

Und weiter mit dem Positiven. Nach Arrival im Vorjahr hat Villeneuve sich mit Blade Runner 2049 erneut als bildmächtiger  Weltenbauer erwiesen, der sich mehr für gedanklichen Hintergrund interessiert als für oberflächliche Action. Das war ein echtes Filmhighlight, von dem ich noch eine Weile zehren werde. Das gleiche gilt für meinen Lanzarote-Urlaub. Die Flugreise ist ja vong Morahl her in manchen Kreisen anrüchig geworden, deshalb wäre es vielleicht opportun, von einer Expedition zu sprechen (cool). Tu ich aber nicht. Viele Jahre lang habe ich mir gewünscht, die schwarzen Strände und die Vulkanlandschaften wie von einem anderen Stern kennenzulernen,  jetzt war es so weit. Und ja, es war eine Luxusreise, aber ich bereue nichts!

Last but not least sind ein paar Veröffentlichungen zu vermelden. Anfang des Jahres ist bei Heyne mein Roman Kolonie erschienen, der das Schicksal der ersten extrasolaren Weltraumkolonisten erzählt, dreißig Jahre nach der Ankunft auf dem Planeten Corazon – eine melancholische Bestandsaufnahme, die letztlich neue Handlungsoptionen eröffnet. Es folgten die Storys UWU XP4 macht den Touring-Test in Spektrum der Wissenschaft und Andrea/s im Erker, wo auch ein längeres Interview mit mir erschienen ist. Für mich eine besondere Freude: Die Neuveröffentlichung meines Romans Der Weg nach unten von 1992.

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