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Im Streaming-Labyrinth

Neulich, als die Pandemie begann und ich Theater, Kino und Konzerte schmerzlich vermisste, veranstaltete ich bei Amazon Prime Video meine ganz private Chabrol-Retrospektive.  Das Angebot war vielfältig, es wurden für Prime-Kunden einige kostenlose Titel angeboten, der Rest war zu leihen und zu kaufen. Neben dem Wiedersehen mit bekannten Filmen gab es auch noch einiges für mich zu entdecken: Vor Einbruch der Nacht beispielsweise hatte ich noch nie gesehen. Wunderbar!

Jetzt wollte ich die Erfahrung mit Truffaut wiederholen. Dann kam der Schock: Sämtliche Truffaut-Titel, die bei Amazon vor kurzem noch gestreamt werden konnten, sind derzeit als ‘nicht verfügbar’ gelistet. Die Internet-Recherche ergab, dass Truffau aktuell über die Rakuten-App gesehen werden kann. Rakuten wird allerdings weder von meinem Philips-Fernseher noch vom Amazon-App-Store angeboten. Fündig wurde ich durch Zufall auf  meiner X-Box-Spielkonsole, als ich dort die Sky-App aktivierte, um mir Mare of Easttown mit der wundervoll griesgrämigen Kate Winslet anzuschauen. Eine Alternative wäre auch, Tablet und TV zu verbinden, sei es drahtlos oder mit HDMI-Kabel. Lässt sich alles hinfriemeln. Ich habe erst mal verzichtet, denn vielleicht liegen die Rechte ja nächsten Monat schon wieder ganz woanders.

Streaming war mal ein großes Versprechen: alles, überall, jederzeit. Aber wie so vieles, was am Internet damals, als die Zukunft noch utopisch war, gehypt wurde, sieht die Streaming-Realität eher trübe aus. Immer mehr Anbieter drängen auf den Markt und wollen ein Stück vom Kuchen – Netflix, Disney, Apple, DAZN, Magenta, you name it. Dabei wird mit harten Bandagen gekämpft, und die schärfste Waffe sieht man offenbar in der Bindung von Abonnenten mittels Exklusivrechten. Was der Eine hat, soll der Andere nicht haben.  Und was Du nicht abonniert hast, sollst Du nicht sehen. Deshalb hat Amazon soeben MGM gekauft. Und der nächste Mega-Deal ist vermutlich bereits in Planung. Mein Eindruck ist, dass Rechteinhaber früher bereitwilliger Lizenzen erteilt haben. Heute werden sie gehütet wie die Dracheneier in Game of Thrones.  So kommt es, dass man Sky abonniert (und gleich wieder kündigt), um sich Der Pass anzuschauen, und anschließend das nächste Monatsabo bei Disney eingeht, weil die Liebste Gefallen an Baby Yoda gefunden hat und The Mandalorian nur dort zu sehen ist. Bestimmt gibt es auch Menschen, die ihre Abos laufen lassen. Da kommt mit der Zeit einiges zusammen. Ich möchte nicht die Rechnung sehen.

Ich habe mir die Streamingdienste früher naiv als riesige Filmbibliotheken vorgestellt, in denen alles zu haben ist, was das Herz (und das Auge) begehrt. Aber vielleicht frisst der Erfolg ja seine Kinder. Und vielleicht sehen die Anbieter dann ein, dass man mit Teilen im Sandkasten besser klarkommt. Wer Lizenzen hat, soll sie ja nicht verschenken. Aber bei ‘seinem’ Anbieter das Gesuchte zu finden, ist doch eigentlich nicht zu viel verlangt. Zumindest der Fundus der Filmgeschichte sollte allgemein verfügbar und (gegen Bezahlung) zu sehen sein, ohne dass man gezwungen wird, ständig neue Apps zu aktivieren und die lästigen Anmeldungs- und Kündigungsprozeduren zu absolvieren.