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Erregungen

Fing es mit Bundespräsident Köhler an, der erklärte, die Marine habe die Aufgabe, auch deutsche Handelsinteressen zu schützen? Dass der Mann nur das Offensichtliche ausgesprochen hatte (was sonst sollte die Marine vor Somalia denn tun?), konnte seinen Rücktritt nicht verhindern. Dann ging es Schlag auf Schlag: Guttenberg, die Wulffs, Schavan, Steinbrück, Brüderle mit seinem Dirndlgate und zuletzt ein Herr Hahn, der eine unglückliche Bemerkung über mögliche Vorbehalte der Öffentlichkeit gegen den vietnamesischstämmigen Rösler machte – stets folgte auf mehr oder weniger richtige oder auch nichtige Auslöser eine Empörungswelle, die tsunamiartig sämtliche Medien erfasste, auf alle Kanäle schwappte und neben der Verhältnismäßigkeit auch noch den gesunden Menschenverstand mit sich riss.

Ich muss gestehen, als Guttenplag unserem Verteidigungsminister die Gelfrisur  zauste, konnte ich mich einer nicht nur klammheimlichen Genugtuung nicht enthalten. Als Christian Wulff gezwungen wurde, öffentlich die Hose runterzulassen, und Bettina Wullf im Handumdrehen von der ‚Stilikone‘ (Bild) zum  blonden Biest mutierte, stellte sich Unbehagen ein. Und als man Steinbrück wegen satter Rednerhonorare und einer Bemerkung zu Merkels Gehalt wochenlang als Kanzlerkandidat niedermachte,  wurde daraus Abscheu gegenüber einem sich immer rigider gebärdenden Erregungs- und Demontagewahn. Denn ist Steinbrück, der dank seiner Rednerqualitäten die Adressaten seiner Finanzkritik  dafür blechen lässt, dass er ihnen seine Sicht der Dinge um die Ohren haut, nicht in Wahrheit eher ein umverteilender Robin Hood? Hat Claus Kleber nicht recht, wenn er darauf hinweist, dass Schavans Tat längst verjährt wäre, wenn sie ihren Doktorvater im Affekt umgebracht hätte, anstatt in ihrer Doktorarbeit missverständlich zu paraphrasieren? Wer noch keinen peinlichen Witz gemacht, noch nie inhaliert und noch nie einen Wein für mehr als 5 Euro die  Flasche getrunken hat, der werfe den ersten Stein!

Je abstrakter und komplexer die Probleme werden (Stichwort Finanzkrise, EU-Krise,  Terrorkrise, Klimakrise), desto schwerer sind sie zu vermitteln und desto übermächtiger wird anscheinend der Wunsch auch seriöser Medien, zu vereinfachen, zu personalisieren, auf Nebenschauplätze abzulenken und einfach mal ein bisschen zu unterhalten. Das Netz und die in Echtzeit einlaufenden Klickraten befördern die Tendenz, das Niveau zu senken. Investigativer Leerlauf ist die Folge. Lasst die Kirche im Dorf!, möchte man rufen. Oder zeitgemäßer formuliert: Journalisten und Talker zur Selbstbesinnung ab ins Dschungelcamp!

siehe auch Kommentar von Kurt Kister in der SZ: http://sz.de/1.1595467