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Jennifer Egan – Im Bann

Danny und Howard sind Cousins. Danny ist gut in der Schule, sportlich, beliebt – Howard ist bleich und dick wie eine Made, ein Außenseiter, über den gespottet wird. Trotzdem sind sie Freunde, verbunden durch das Spiel Terminal Zeus, das nur sie beide miteinander spielen können. Irgendwann dringt Danny mit einer Gruppe anderer Kinder in eine Höhle vor, auch Howard ist dabei. Sie kriechen durch finstere Gänge und gelangen zu einem Tümpel. Ein älterer Junge fordert Howard auf, ins Wasser zu gucken. Als der sich vorbeugt, stößt Danny ihn wie ferngesteuert durch einen Gedankenbefehl des Älteren hinein. Die Kinder stürzen nach draußen und lassen Howard zurück. Alle halten ihn für tot, erst Tage später wird er verstört im Wald gefunden, nachdem er sich aus Tümpel und Höhle befreit hat.

Jahre später besucht Danny Howard in dessen Burg im deutsch-österreichischen Grenzgebiet. Die Verhältnisse haben sich merkwürdig umgekehrt. Howard ist inzwischen ein reicher Börsenmakler im Ruhestand, braungebrannt, verheiratet,  unternehmenslustig, selbstbewusst. Danny hingegen ist ein nerdiger Spinner, der einfach nicht erwachsen werden kann. Das Studium hat er abgebrochen, emotional klammert er sich an die wenig aussichtsreiche Liebe zu einer älteren Frau, ohne sein Handy ist er aufgeschmissen. Deshalb schleppt er auch eine Satellitenschüssel nach Deutschland/Österreich mit, doch die versinkt alsbald in einem stinkenden Tümpel. Handyempfang, Internet und Telefon gibt es nicht. Howard will die Burg mit Hilfe einer Schar ‘Praktikumsstudenten’ zu einem Hotel ausbauen, einem Hort der Stille ohne Schnittstelle zur Außenwelt, in dem die Menschen wieder Zugang gewinnen zu ihrer eigenen Imagination. Danny hält natürlich nichts von dem Projekt, doch schon bald gerät er in den Bann der Burg –  die ideale Kulisse, um das Kindheitstrauma auszuagieren, das ihn und Howard noch immer aneinander fesselt.

Nach einer Weile schaltet sich ein Ich-Erzähler ein – Ray, der Insasse eines US-Gefängnisses. Er verfasst die Geschichte für den Schreibkurs, an dem er teilnimmt – und für Holly, die Kursleiterin. Die Geschichte von Howard und Danny ist auch seine Geschichte, und so, wie sich in der Burg Gegenwart und Vergangenheit, Fantasie und Wirklichkeit verbinden, mischen sich auch die beiden Ebenen des Erzählens. 

Im Bann ist vielleicht Jennifer Egans dichtestes, geschlossenstes Buch, ein über weite Strecken sehr düsteres Werk, in dem sich aber immer wieder der Lebenswille Bahn bricht. Ich habe es bald nach Donna Tartts Distelfink gelesen, und ich finde, sie ergänzen sich vortrefflich. So ‘klassisch’, ja antimodern Tartts Erzählweise anmutet, so heutig wirkt Egans Stil bei aller Abgründigkeit der Inhalts. Ohne Anführungszeichen reiht sie Dialog an Schilderung, übergangslos wechselt sie die Ebenen. Wie immer bei ihr wirkt die Darstellung der meist jugendlichen Protagonisten hinreißend authentisch. Das gilt allerdings auch für Tartt, und vielleicht ist das ja der Punkt, wo die  beiden Stilantagonisten einander treffen.

JEIImBann

 

Jennifer Egan
Im Bann (The Keep), Roman

übersetzt von Gabriele Haefs
Schöffling & Co., 2007

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Jeff VanderMeer: Auslöschung

Manche Ideen sind so gut, dass sie sich fortpflanzen, als Kopie, Zitat, Anspielung, Inspiration oder was auch immer. Im Jahr 1971 veröffentlichten die Brüder Strugatzki ihren Roman Picknick am Wegesrand, der unter anderem den russischen Regisseur Tarkowskij zum Film Stalker anregte. Außerirdische haben die Erde besucht und die sogenannten Zonen hinterlassen, in denen geheimnisvolle Artefakte zurückgeblieben sind, einerseits Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchung, andererseits begehrte Beute professioneller Schatzsucher, die sie unter Einsatz ihres Lebens bergen und an Liebhaber verkaufen. Die unbegreifliche Fremdheit der Artefakte führt die Menschen, die damit konfrontiert werden, an die Grenzen ihres Verstands.

In Vandermeers Roman Auslöschung, dem ersten der Southern Reach Trilogie,  heißt die Zone Area X. Das Ereignis, denen sie ihre Entstehung verdankt, bleibt im Dunkeln. Die Zone mit ihrer scharfen Begrenzung ist ein monströses Ökosystem im Wandel, ein Ort der Metamorphosen und der geheimnisvollen, gefährlichen Phänomene. Mehrere Expeditionen, die sie erkunden sollten, sind mehr oder weniger gescheitert. Einige kehrten gar nicht mehr zurück. Das Buch erzählt von der zwölften Expedition, an der vier Frauen teilnehmen: eine Biologin, eine Anthropologin, eine Landvermesserin und eine Psychologin. Ihre Namen erfährt man nicht, was der Geschichte die Wucht des Überpersönlichen, Allgemeingültigen verleiht. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive der Biologin, die ein Tagebuch schreibt. Die Frauen werden zunächst ausgebildet und schließlich von der Psychologin hypnotisiert, damit sie den Grenzübergang psychisch verkraften. Ihre Ausrüstung ist dem Vorhaben erschreckend unangemessen: ein Rucksack mit Vorräten, ein paar altmodische Waffen und ein schwarzes Kästen mit einem Kontrollkreis, der bei Gefahr rot aufleuchten soll. Sie beziehen das Basislager und stoßen bei ihrer ersten Erkundung auf einen Schacht oder einen in der Erde vergrabenen Turm, der auf keiner Karte verzeichnet ist. An der Innenwand befinden sich organische Buchstaben, die sich zu Sätzen fügen. Die Biologin wird mit Pilzsporen eines Symbionten kontaminiert. Am nächsten Morgen ist die Anthropologin verschwunden.

Entspricht die Erklärung der Psychologin der Wahrheit? Welche Absichten verfolgt diese Frau, die mit posthypnotischen Befehlen das Team zu lenken versucht? Hat die Biologin Halluzinationen, oder ist sie die Einzige, die den Turm als Lebewesen wahrnimmt? Schon bald sind von den vier Expeditionsteilnehmerinnen nur noch zwei übrig. Darauf trainiert, Erklärungen für das Gesetzmäßige zu finden, begegnen die Wissenschaftlerinnen dem Unheimlichen. Doch sie haben auch ihre eigenen Geheimnisse mitgebracht. Subjektives und Objektives mischen sich, werden ununterscheidbar. Die nervenzerfetzende Spannung des Romans rührt daher, dass man als Leser in die Konfrontation von äußerer und innerer Welt unmittelbar hineingezogen wird. Dabei ist das Buch viel mehr als ein bloßer Spannungsroman. In suggestiver Sprache erzählt es von einer fantastischen, melancholischen Reise ins Unbekannte. Seit langem wurde das Phänomen des grundlegend Fremden nicht mehr so intensiv und literarisch so überzeugend behandelt. Fast noch interessanter als die Schilderung der ‘Phänomene’ ist übrigens die Ausleuchtung des komplexen Charakters der Biologin im Spiegel ihrer Aufzeichnungen. Ich kann den nächsten Band der Trilogie kaum erwarten. Und auch auf die angekündigte Verfilmung unter der Regie von Alex Garland darf man gespannt sein.

 

Jeff VanderMeer
Auslöschung, Roman

Aus dem Englischen von Michael Kellner
A. Kunstmann 2014

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Tom Wolfe – Back to Blood

Was für ein Paar – Nestor Camacho, der muskelstrotzende nette Polizist von der Küstenwache mit den kubanischen Wurzeln, und Magdalena, die schöne Krankenschwester  aus der kubanischen Gemeinde von Miami, die die Blicke aller Männer auf sich zieht. Wenn es eine Logik der Liebe gibt, sind diese beiden für einander bestimmt. Doch dann bekommt Nestor von seinem Vorgesetzen, einem americano, den Auftrag, einen kubanischen Flüchtling aus dem Mast eines Segelschiffs zu holen. In der Mastspitze ist der Mann nur ein paar Meter vom rettenden Kai entfernt, denn wer auf See aufgegriffen wird, den schickt man zurück nach Kuba; wer es bis an Land schafft, der bekommt den begehrten Flüchtlingsstatus zuerkannt.

Beobachtet von Fernsehkameras und hunderten Schaulustigen, schafft Nestor mit einem gewaltigen Kraftakt den verzweifelten Mann zurück an Deck. Damit ist dessen Flucht gescheitert. Für die Kubaner ist Nestor nun der Verräter, von den americanos und John Smith, dem Reporter des Miami Herald, wird er als Musteramerikaner und Held gefeiert. Selbst seine Familie schneidet ihn, und Magdalena setzt sich ab zu ihrem Chef, dem Psychiater Norman Lewis,  spezialisiert auf die Behandlung Pornosüchtiger. Um dem Protest die Spitze zu nehmen, wird Nestor versetzt und, als es zu einem weiteren Vorfall kommt, schließlich vom Dienst suspendiert. Der Reporter Jon Smith ist jetzt sein einziger Freund. Mit ihm zusammen ermittelt er auf eigene Faust gegen Sergej Koroljow, einen russischen Oligarchen. Koroljow hat dem Miami Museum of Modern Art Gemälde im Wert von 70 Millionen Dollar gestiftet – wer hätte gedacht, dass sie allesamt Fälschungen sind?

Tom Wolfe ist ein Snob, nicht nur in Kleidungsfragen. Dem literarischen Feingeist zeigt er eigensinnig die kalte Schulter. Kategorien wie ‘modern’, ‘angesagt’, ‘Hoch’- oder ‘Populärliteratur’ sind ihm schnuppe. Seine Sprache ist vital, grell, effekthascherisch, manchmal vulgär. Er spart weder mit Wortverdoppelungen und –reihungen noch mit Lautmalereien. Manches ist für meinen Geschmack allzu kräftig gewürzt, doch es glücken ihm manchmal Szenen, die man nicht mehr vergisst, so die Bootsparty vor der Reicheninsel, die zu einem Sexspektakel eskaliert, oder der Sturm der Kunstmesse von Miami durch den entfesselten VIP-Mob. Wir hören die Menschen aller Bevölkerungsgruppen nahezu in Echtzeit sprechen und denken, wir sehen die hitzeflirrenden Straßen der Stadt, den geschmacklosen Prunk der Russenlokale, die Hotelzimmer der Luxushotels und die Behausungen der Armen, die Büros der Mächtigen und die Anwesen der Reichen. Dabei entsteht das Bild einer von latentem Rassismus und komplizierten Ethnocodes geprägten Gesellschaft, in der sich die White Anglo Saxon Protestants den Minderheitenstatus mit den Schwarzen und den wenigen Asiaten teilen. Daher leitet sich auch der Titel Back to Blood her, der in der deutschen Ausgabe aus gutem Grund unübersetzt geblieben ist.

Und was ist mit dem Liebespaar? Magdalena und Nestor sind die Klammer des Romans, doch sie durchlaufen eine komplementäre Entwicklung. Magdalena verstrickt sich in die Lebenswelt der reichen und möchtegernreichen anglos, bis sie im Bett von Koroljow landet, gleichzeitig Höhe- und Tiefpunkt ihrer kleinen Reise ins Licht. Dabei durchschaut sie immer besser das hohle Treiben, sodass sie sich schließlich wieder ihrem Viertel, ihrer Ethnie und damit Nestor zuwendet. Nestor hingegen bleibt sich treu, während er sich innerlich immer weiter von seinem Ursprung entfernt. Ob die beiden am Ende trotzdem wieder zueinanderfinden, wird hier nicht verraten.

Tom Wolfe
Back to Blood, Roman
Übersetzung: Wolfgang Müller
Blessing 2012

Printausgabe
E-Book

Lorde – Pure Heroine

Bei mir kommt es nicht häufig vor, dass ich einen Musiker entdecke, bei dem ich das Gefühl habe, dass ich ihm auf seinem musikalischen Weg folgen werde. Das letzte Mal ist es mir bei EST passiert, dem legendären Jazz-Trio, dessen Namensgeber Esbjörn Svensson viel zu früh beim Tauchen ertrunken ist. Und jetzt wieder bei Lorde.

Dass mich eine siebzehnjährige Popmusikerin (geboren 1996 in Auckland, Neuseeland)  musikalisch faszinieren könnte, hätte ich nicht gedacht. Aber da war dieses VideoRoyals, live. Am Text, nicht untypisch für einen Teenie, lag es nicht. Auch nicht am harten Electro-Beat, für mich stark gewöhnungsbedürftig. Aber da tritt eine Musikerin auf, die nicht auf Betonbusen und Wackelhintern setzt, sondern ihren Song interpretiert, so ernsthaft und intensiv, dass es nicht unbedingt schön anzusehen ist. Die eine Musik spielt, wie es sie so noch nicht gab. Die Stimme mal kindlich hell, mal tief und abgründig, das Arrangement minimalistisch und raffiniert zugleich. Ihr erstes Album Pure Heroine bestätigt die hohen Erwartungen nicht nur, es übertrifft sie noch. Ein großartiges Debut!  Bin gespannt auf mehr.

Lorde – Pure Heroine

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Marcus Jensen – Schweine

Während Familie Ruetters sich im Kampf um die Hass-Punkte der Zuschauer im Doku-Soap-Fernsehen angiftet, rettet Gaia’s Army die Welt, indem sie die Umweltzerstörer, Menschenausbeuter und Massentierquäler von der ‘Internationalen Schweineliste’ der Hamburger Zeitschrift KRITISCH von der Bildfläche verschwinden lässt. Iesch, der Endzeitrapper mit der breiten Aussprache, bleckt von allen Plakaten, und alle spielen das Onlinespiel ‘Grace of Thu’Teth’. Das Hamburger Bürgersöhnchen Carsten,  verleitet von seiner Onlineliebe zur Princess aus Thu’Teth, diffusem gesellschaftlichem Überdruss und seinem Leiden an der eigenen Normalität, lässt sich für Gaia’s Army anwerben und startet irre Terrorattacken auf die Repräsentanten des ‘Schweinesystems’ – die RAF lässt grüßen. Was ist das für eine Welt?

Natürlich die unsere, überdreht, ins Groteske gesteigert und von Jensen mit einer sprachlichen Brillanz ausgebreitet, die den Verdacht aufkommen lässt, er gehöre selbst zu den Konsumenten des homöopathischen Rauschmittels Forsamin, das seine Protagonisten inhalieren und mit dem Carsten bei seinen Einsätzen die eigenen Ängste überdröhnt. Esoteriker, Politik, Medien, Normalos und Ökos – die Grenzen verschwimmen, und alle kriegen ihr Fett ab. Ein wilder Trip, ein großer Lesespaß und ein todernster Roman.

Marcus Jensen
Schweine, Roman
Forsamin, E-Book 8 €

Epub
Amazon

 

 

Jennifer Egan: Look at Me

Die eine Charlotte ist Model – makellos schön und erfolgreich. Als sie ihrer Heimatstadt Rockford einen Besuch abstatten will, kommt sie mit dem Auto von der Straße ab. Bei dem Unfall wird ihr Gesicht zerstört, ihr berufliches Kapital und ein look-at-me[1]Grundpfeiler ihrer Identität. Nach zahlreichen Operationen mit Dutzenden Schrauben wiederhergestellt, ist sie immer noch oder besser: wieder schön, wird von den Menschen aber nicht mehr erkannt – vielleicht erkennt sie sich selbst nicht mehr. Ihre Versuche, erneut im Model-Business Fuß zu fassen, scheitern. Grandios die Szene, als sie hoffnungsvoll zu einem Fotoshooting fährt und in Panik gerät, als der Stylist sie mit einer Rasierklinge schneiden will. Schließlich verkauft sie sich und ihre Lebensgeschichte an Thomas, den Internet-Unternehmer, der das Leben ‘normaler’ und ‘außergewöhnlicher’ Menschen zu Realitysoap verrührt. Während sie den Prozess ihrer Entpersönlichung scharfsichtig beobachtet, gelingt es ihr doch nicht, sich ihm zu entziehen.

Die andere Charlotte ist die Tochter ihrer Schulfreundin Ellen und auf den ersten Blick das Gegenteil des Models: durchschnittlich, unattraktiv, unfertig, langweilig. Die Jungs interessieren sich nicht für sie. Ihr junges Leben droht zu versanden, bevor es eigentlich begonnen hat. Für ihren Onkel Moose (einst Mädchenschwarm und Sportskanone, jetzt neurotischer Professor voller Lebensangst) schreibt sie Aufsätze über das untergegangene industrielle Amerika und die Zeit, da das Land sich seiner Identität und Bestimmung noch gewiss war. Unmerklich verstrickt sie sich in eine Beziehung, die von unerfüllbaren Erwartungen aufgeladen ist. Erst als sie eine sexuelle Beziehung zu ihrem Lehrer Michael West eingeht, findet sie zu sich und löst sich schließlich auch von ihrem Onkel. Ihre Entwicklung scheint der Selbstauslöschung der Model-Charlotte gegenläufig. Michael West wiederum ist eine Tarnexistenz des Terroristen Z, vielleicht die überraschendste Figur in diesem an abgründigen Figuren reichen Roman. Seine Hasssicht auf Amerika ist so plausibel imaginiert, dass es im Licht der Ereignisse von 9/11, das sich bald nach Erscheinen des Buches ereignete, nahezu prophetisch wirkt.

Alle Figuren des Romans sind unterwegs und auf der Suche nach Identität und Wahrhaftigkeit.  Fast stellt sich der Eindruck eines Roadmovies ein, das freilich in einer psychischen Dimension spielt. Look at Me war für mich eine spannende Lektüre, doch ich konnte mich einer gewissen Zwiespältigkeit nicht erwehren. Einerseits macht mich Egans komplexe Prosa Staunen, und ich fühle mich genötigt, ihre analytische Brillanz, ihren Erfindungsreichtum und die Detailfülle ihrer Szenen zu rühmen. Andererseits muss ich gerade bei diesem Buch an eine wenig charmante Bemerkung zu Patricia Highsmith denken; der Rezensent, dessen Name mir entfallen ist, verglich Highsmiths Haltung zu ihren Figuren mit der einer Spinne zu den kleinen Zappelwesen, die sich in ihrem Netz verfangen haben. Auch Egan hat so einen Blick, der einen manchmal zwischen Bewunderung und Schaudern schwanken lässt.

Jennifer Egan (Autorin)
Gabriele Haefs (Übersetzerin)
Look at Me, Roman
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Wolfgang Herrndorf: Sand

Manche Menschen – und ich selber gehöre zu ihnen – haben für Happy Ends nichts übrig. Wir fühlen uns hintergangen. Unglück ist das Normale. Das Verhängnis sollte nicht klemmen. Die Lawine, die in ihrem Lauf ein paar Meter über dem sich duckenden Dorf zum Stillstand kommt, benimmt sich nicht nur unnatürlich, sondern amoralisch.

Nabokov

Hitze vertrage ich nicht. In Afrika bringe ich wenig mehr zustande, als mich vom klimatisierten Hotel zum Strand zu schleppen, schnorchelnd in den warmen Fluten zu treiben und den bunten Fischlein zuzuschaun. Was ich von der Wüste kenne: die Dünen am Nilufer bei Assuan, die dunstige graue Weite jenseits der Pyramiden von Gizeh und die Stille in einem Wadi am Straßenrand, irgendwo zwischen Kairouan und der tunesischen Küste. Dort war zwar keine richtige Wüste, aber ich wusste, dass die Stille, die ich hörte, die der Wüste war – keine Abwesenheit von Klang, sondern eine ganz eigene Qualität. Fortan war die Wüste für mich ein Sehnsuchtsort der bizarren Sandformationen, der transzendenten Leere und der nie gesehenen Sternenfülle bei Nacht. Ein Klischee, eine Postkartenwüste, könnte man sagen.

Die Wüste, in die die Handlung von ‘Sand’ eingebettet ist, hat nichts Heroisches oder Romantisches. In einer fiktiven Stadt irgendwo in Nordafrika geraten die Dinge aus dem Lot. In einer Hippiekommune werden vier Menschen ermordet. Der vermeintlich Schuldige entkommt beim Transport der Polizei, bald darauf ist er tot. Ein Koffer mit Ostgeld spielt eine Rolle.  Ein Mann kommt auf einem Scheunenboden mit eingeschlagenem Schädel zu sich. Unten liegt ein Toter, Männer in Dschellabas verfolgen einen gewissen ‘Cetrois’, der auf einem Moped in die Wüste flüchtet.

Der Mann aus der Scheune hat das Gedächtnis verloren. Die Amerikanerin Helen, angeblich in Sachen Kosmetika in Nordafrika unterwegs, nimmt sich seiner an. Sie tauft den Erinnerungslosen Carl. Verschiedene Parteien sind hinter ihm her, weil sie sich Informationen von ihm erhoffen. Vermutlich geht es um eine Mine, was immer damit gemeint sein mag. Carl sucht nach Cetrois – bis er herausfindet, dass er das selber ist. Diese Erkenntnis kommt spät und hilft ihm nicht weiter, denn er war zur falschen Zeit am falschen Ort. Jetzt ist er das Opfer in einem Spiel, dessen Regeln er nicht versteht. Und er ist die Hauptfigur des Romans. Herrndorf verfährt mit ihm, als habe er das oben zitierte Kapitelmotto zum Programm erhoben. Unter haarsträubenden Verwicklungen, mit krachender Situationskomik und Dialogen von beckettscher Absurdität steuert er mäandernd auf ein schlimmes Ende zu. Täuschungen und Selbsttäuschungen, Irrwege und Irrtümer markieren den Weg. Figuren tauchen auf und verschwinden. Die Erzählung, die wie ein Krimi beginnt, sprengt die Genregrenzen und unterläuft die Erwartungen des Lesers. Die Lektüre ist schmerzhaft und intensiv.

In der Wüste verlagern sich lautlos die Sandkörner. Bewegt vom Wind, reiben und stoßen sie sich, rieseln hierhin und dorthin, türmen sich auf und werden verweht, sinnlos und grausam schön.

Wolfgang Herrndorf (Autor)
Sand (Roman)
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Nachtrag: In seinem Blog Arbeit und Struktur hat Wolfgang Herrndorf sich bis zuletzt mit seiner Krankheit auseinandergesetzt. Er starb am 26. 8. 2013. Er wurde 48 Jahre alt.

Jennifer Egan: Der grössere Teil der Welt

Der deutsche Titel mag bescheuert sein (Englisch: A Visit from the Goon Squad), das Buch ist es nicht.

Egan erzählt von einer Clique junger Musiker aus dem San Francisco der Siebziger Jahre, vom Musikproduzenten Lou, der sie entdeckt, von dessen kleptomaner Assistentin Sasha und seinen Kindern, von einer Safari in Afrika, dem New York der Neunziger und einem denkwürdigen Konzert an Ground Zero. Personen, Erzählperspektiven und Zeiten wechseln in rasantem Tempo, wer sich eben noch für Drogen prostituiert, tritt gleich darauf zwanzig Jahre später als erfolgreiche Akademikerin in Erscheinung. Wer verloren scheint, kann sich berappeln, wer auf der Erfolgswelle schwimmt, kann untergehen. Es geht um Aufbruch, Liebe, Verlust, um die Ablösung des Analogen durchs Digitale, um die gesellschaftlichen Transformationen, die das Leben der Einzelnen ebenso durcheinanderwühlen wie das große Ganze. Alles ist durchtränkt von Verunsicherung und Vorläufigkeit, was dem polyphonen Buch bei aller lebensprallen Fülle einen Grundton von Trauer verleiht.

Die Lektüre ist nicht einfach, manchmal verliert man bei den Sprüngen und Brechungen ein wenig den Überblick, wer auf welche Weise wann mit wem zu tun hatte. Da die einzelnen Kapitel wie Kurzgeschichten komponiert sind, die auch für sich alleine stehen können, ist das jedoch unerheblich.

Beim Blättern fällt einem im letzten Drittel des Buches ein Kapitel ins Auge, das aus schlichten Präsentationsgrafiken besteht, mit sehr wenig Text. Als ich das sah, habe ich mich gefragt, ob das funktionieren wird. Nun, es funktioniert. Das Folientagebuch der jungen Alyson (ich glaube, sie ist 12), die mit ihren Eltern (ihre Mutter ist die oben erwähnte Sasha) in den 2020er Jahren in einem ökologischen Katastrophengebiet lebt, war für mich sogar eines der anrührendsten Kapitel. Eine aufregende Leseerfahrung.

Jennifer Egan (Autorin)
Heide Zeltmann (Übersetzerin)
Der grössere Teil der Welt, Roman
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NDiaye: Ein Tag zu lang

Es gibt Bücher, die liebt man und kann man immer wieder lesen. Dann gibt es welche, die verschlingt man wie im Fieber – dann vergisst man sie. Und es gibt Bücher, mit denen hakt es. Man fremdelt, reibt sich, mag sie nicht besonders, aber sie bleiben dennoch haften und nötigen einem erst im Nachhinein Wertschätzung ab. Zu dieser Kategorie gehört für mich Ein Tag zu lang der französischen Autorin NDiaye.

Herman, Lehrer an einer Pariser Schule, verbringt mit Gattin und Kind den Sommerurlaub in seinem Ferienhaus in einem südfranzösischen Dorf. Statt wie gewöhnlich am ersten September abzureisen, bleibt er bis zum zweiten – einen Tag zu lang. Denn plötzlich schlägt das Wetter um, es wird kalt und regnerisch. Frau und Kind verschwinden auf dem Weg zum nächsten Bauernhof, wo sie Frühstückseier holen wollten. Die Nachforschungen bei den Behörden versanden.

Herman wird angesteckt von der Lethargie der Dorfbewohner und findet selbst nicht mehr zurück nach Haus. Während er sich einredet, nach den Marie NDiaye - Ein Tag zu langVerschwundenen zu suchen, unterwirft er sich mehr und mehr dem Anpassungszwang der Dorfgemeinschaft und verliert sein eigentliches Ziel aus den Augen. Welche Bedeutung haben die Bändchen an den Blusen der weiblichen Dorfbewohner? Welche Angelegenheiten besprechen die Kaufleute des Ortes bei ihren Beratungen im Rathaus, dessen geheimnisvolle Leere sich tief in den Berg hinein erstreckt? Was hat es mit den anderen Verschwundenen auf sich, die irgendwann als so genannte Avatare wieder auftauchen, sich kaum bemerkt in einer leeren Kammer niederlassen und wie Traumwandler ihrer wunschlosen Existenz nachgehen? Diese Fragen nehmen Herman so in Anspruch, dass er den Dörflern schließlich immer ähnlicher wird. Antworten indes wird er ebenso wenig finden wie der Leser.

Natürlich denkt man, insbesondere am Anfang der Geschichte, an Kafka und das Schloss. Daran reicht das schmale Buch bei weitem nicht heran. Allerdings hat es ebenfalls keinen Schluss und hört irgendwann einfach auf. NDiayes präzise, kühle Sprache und die eindringlich imaginierten Details lassen diese Allegorie dennoch im Gedächtnis haften.

Marie NDiaye (Autorin)
Claudia Kalscheuer (Übersetzerin)
Ein Tag zu lang, Roman
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Deadwood

Als Kind guckte ich Bonanza. Das scheinbar unveränderliche und äußerst überschaubare Beziehungsgeflecht von Ben Cartwright und dessen Söhnen Adam, Hoss und Little Joe gab mir damals noch keine psychologischen Rätsel auf. Im Gegenteil begrüßte ich die Wiederkehr des Immergleichen. Wenn die Landkarte Feuer fing und die Titelmelodie erklang, konnte ich mir sicher sein, dass meine Vorfreude auf ein beschauliches Abenteuer nicht enttäuscht werden würde. Hin und wieder wurde geschossen, gerne auch in die Luft. Die Geschichten, die mich damals so fesselten, habe ich vergessen.

Dann kamen die Western. Es gab sie mit und ohne Indianer. Die mit Indianern konnte ich mir nicht anschauen. Sie waren vergiftet vom Wissen um deren Untergang. Aber auch die indianerlosen Western sah ich nicht ohne Unbehagen, schließlich konnte ja jeden Moment ein Indianer um die Flussmündung biegen, und dann hätte ich abschalten müssen. Vielleicht aber fragte ich mich auch, woher die Ladys ihre Dauerwelle hatten, weshalb Pferde und Cowboys immer so aussahen wie frisch geduscht und geföhnt. Irgendetwas war befremdlich an den Leuten, die, von einer Kugel getroffen, die Arme hochrissen, zusammenbrachen und reglos liegen blieben, ohne Geschrei, Gestöhne und Blut. Nicht einmal ihre Beine zuckten.

Bei Sergio Leones ‚Spiel mir das Lied vom Tod‘ war das anders. Der Film, neben Kubricks ‚2001′ und Tarkowskijs ‚Solaris‘ eines der leuchtenden Filmerlebnisse meiner Jugend, ging mir unter die Haut. Gab es also eine andere filmische Realität, die den Mythos vom ‚Wilden Westen‘ glaubwürdiger verkörperte? Ich mochte den Western zu wenig, um der Sache auf den Grund zu gehen, aber nach kleinen Genre-Abstechern (‚Erbarmungslos‘, ‚Silverado‘ und natürlich ‚Der mit dem Wolf tanzt‘) wurde ich auf eine Western-Serie aufmerksam.

Das Format der aufwändigen Mehrteiler, über Jahre hinweg produziert, wurde in den Feuilletons auf einmal als neue epische Erzählform gelobt, die es an Komplexität mit dem Roman aufnehmen könne. Auf den Geschmack gekommen durch die Hammer-Serie ‚Breaking Bad‘, gesehen auf ARTE, besorgte ich mir die erste Staffel von ‚Deadwood‘.

Das historische Deadwood liegt in den Black Hills von South Dakota. Nach Goldfunden entsteht dort zunächst eine Lagersiedlung, die sich allmählich zu einer Stadt entwickelt. Die Filmhandlung setzt 1876 ein, kurz nach der Schlacht von Little Big Horn, bei der Custers Kavallerieregiment von einer Indianerstreitmacht unter Führung von Crazy Horse und Sitting Bull vernichtend geschlagen wurde. Sheriff Bullock gibt seinen Posten in Montana auf, um in Deadwood zusammen mit einem Freund einen Eisenwarenladen zu gründen. Die Stadt wird beherrscht von Al Swearengen, dem Besitzer des Gem Saloon. Kurze Zeit später treffen der Revolverheld Wild Bill Hickok und die Säuferin Calamity Jane ein. Dazu noch ein eifernder Priester und der gutwillige, aber allzuoft ohnmächtige Doc, und das Ausgangspersonal ist komplett.

Die erste Folge ist eine zwiespältige Erfahrung. Einerseits widerlegt sie das Reinheitsgebot des pseudowilden Westerns, andererseits scheint sie dessen Charakterklischees zu bestätigen. Immerhin ist der Wilde Westen endlich mal schmutzig und richtig gemein. Die Innenräume sind dunkel, der Bildausschnitt klein, die Wege sind verschlammt, und es wird geflucht, dass die Steine erröten. Die Huren im Saloon sind billig, die Kunden unflätig, der Besitzer ist grundböse und Seth Bullock so brav, dass es schon langweilig ist. Gewaltsame Todesfälle werden von den Schweinen des Mr. Wu entsorgt. Die Angetraute eines angereisten Goldtouristen tröstet sich mit Laudanum. Es geht um Gewalt, Macht, Gier, Sex, Freundschaft, Liebe. Aber was gehen einen diese Charaktermasken an, die in einer Kulissenstadt ihr Unwesen treiben?

Schon mit der zweiten Folge wird die Frage obsolet. Die Bühne ist gerichtet, die Handlung kommt in Gang. Je weiter sie voranschreitet, desto komplexer werden die Figuren. Al Swearengen erweist sich zunehmend als gewiefter politischer Taktiker, und dass er nach einem schmerzhaften Blasensteinleiden ein wenig wunderlich wird und mit einem abgeschnittenen Indianerkopf Zwiesprache hält, lässt ihn nur umso menschlicher erscheinen. Seine Bösartigkeit verblasst neben der kalten Berechnung seines Rivalen Cy Tolliver, Betreiber des zweiten Saloons in Deadwood. Und beider Bösartigkeit wird in den Schatten gestellt vom Mega-Geschäftsmann Hearst, dessen Vorauskommando alias Mr. W. alsbald die ersten Toten auf seinem Weg zurücklässt – die Geburt der Vereinigten Staaten im Kleinen, aus Gewalt und Gesetzlosigkeit. Spiegelbildlich dazu zeigt das Bild des tugendhaften Bullock zunehmend Brüche.

Auch die Frauen, die zunächst so ohnmächtig scheinen in dieser brutalen Männerwelt, gewinnen Kontur und Stärke; Joanie, eine von Cys Huren, macht sich mit einem eigenen Bordell selbstständig, Alma Garret entsagt dem Laudanum und beutet erfolgreich ihren geerbten Goldclaim aus, Trixie, eines der Nachtgewächse aus dem Gem Saloon, peilt den Absprung ins bürgerliche Leben an.

Je vielschichtiger die Figuren und je weiter die Erzählperspektive, desto ‚filmischer‘ wird die Darstellung. Die noch arg fernsehhafte Optik der ersten Staffel wird ergänzt durch Kamerafahrten, Kranbewegungen und hin und wieder Totalen, die zunehmen das Städtchen als Ganzes in den Blick nehmen. Eines aber bleibt konstant, nämlich das erstaunliche Sprachniveau der Figuren. Die Fallhöhe von den mäandernden, sich bisweilen in shakespearhafte Höhen aufschwingenden Sprachfiguren des förmlichen Umgangs zur derben Umgangssprache ist enorm. Unerheblich ist, ob David Milch, der die Serie konzipiert hat, dabei eine historische Wirklichkeit abbildet oder nicht. Das Artifizielle ist das Gegenwicht zu dem Dreck, der Gewalt und der Anarchie, aus denen sich ganz allmählich, unter Schmerzen und Krämpfen, das soziale Gebilde einer Stadt mit Gesetzen, Regeln und Moral erhebt.

Die erste Staffel ist 2005 auf DVD erschienen, die dritte und letzte 2007.

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