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James Lee Burke – Fremdes Land

Dass ein texanischer Junge eine prägende Begegnung mit Bonnie und Clyde hat; dass er als Soldat bei der Ardennenoffensive hinter die feindlichen Linien gerät, in einem von den Deutschen geräumten KZ eine Jüdin aus einem Leichenberg zieht und diese Frau später heiratet; dass er er zusammen mit seinem Lieutenant mit Maschinen der besiegten Deutschen in den Staaten ein erfolgreiches Pipelineunternehmen aufbaut; dass die Frau des Lieutenants von Hollywood entdeckt wird und eine undurchsichtige Gruppe von Konkurrenten aus dem Ölbusiness alles daransetzt, seine Firma und ihn und seine Frau zu zerstören – das hat etwas von einer Räuberpistole. Dennoch enttäuscht der Roman nicht. Das tut Burke nie, denn seine Figuren leben, und die Landschaften, in denen sie angesiedelt sind, tun es auch.

‘Ich war schon immer überzeugt, dass der amerikanische Westen – genau wie Hollywood – ein Ort der Magie ist, das größte Bühnenbild dieser Erde. Außerdem glaube ich, dass er von den Geistern der Indianer heimgesucht wird, der Gangster, Jesuitenmissionare, Viehtreiber, Pistolenhelden, Konquistadoren, Landstreicher, chinesischen und irischen Gleisarbeiter, Whiskeyhändler, Abstinenzverfechter, Goldwäscher, Büffeljäger, Trapper, Prostituierten und Geisteskranken jeglicher Couleur.‘

Burkes von Geschichte, Traum und Imagination aufgeladene Bühne verleiht den Figuren Größe und der Erzählung geradezu mythische Wucht. Nicht zufällig bezieht der Icherzähler Weldon Holland sich immer wieder auf das mittelalterliche Rolandslied und die hehren Ideale des Rittertums. Die profane Gier und Missgunst der Protagonisten wird so zum Bösen stilisiert, während der Erzähler bei all seinen Charakterschwächen das Prinzip des Guten verkörpert. Wie so oft erzählt Burke auch hier im Grunde einen Western, in dem es auf den Showdown der Antagonisten hinausläuft. Das klingt ein wenig nach Vereinfachung und Klischee, greift aber daneben. Dafür hat Burke einfach zu viel Klasse. Seine Figuren sind zu facettenreich, als dass man sie mit Stereotypen verwechseln könnte, und seine bildmächtige Sprache ist gegen hohles Pathos gefeit. Burke mag unmodern sein, aber er ist ein fesselnder Autor, und Fremdes Land ist ein großer Roman über ein Amerika, das seine Ideale verrät – ein Thema, das wiederum so aktuell ist wie schon lange nicht.

Bildergebnis für lee burke fremdes landJames Lee Burke
Fremdes Land, Roman
Heyne Hardcore 2016

Übersetzung: Ulrich Thiele

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Cixin Liu – Die Drei Sonnen

Dieses Buch, der erste Teil der Three-Body-Trilogie, ist vieles – Ökopamphlet, Kriminalgeschichte, Geschichtsdrama, Wissenschaftsspekulation, Verschwörungstheorie und Erstkontakt-Thriller. Der zeitliche Bogen spannt sich von der chinesischen Kulturrevolution bis in die Gegenwart.

Erzählt wird aus mehreren Perspektiven, die mit Rückblenden verschachtelt sind. Eine der Hauptfiguren ist Ye Wenjie, eine Astrophysikerin, die in den Wirren der Kulturrevolution erlebt, wie ihr Vater von Rotgardisten gedemütigt und ermordet wird, eine Eröffnungsszene, die unter die Haut geht und den ernsten Grundton der Gesamterzählung setzt. Wenjie landet in einem Arbeitslager auf dem Land. Ganz in der Nähe befindet sich die streng abgeschirmte militärische Forschungsstation Rotes Ufer. Dort gibt es eine  gigantische  Antennenanlage mit unbestimmtem Zweck. Es wird vermutet, dass es sich um eine Waffe handelt. Als Wenjie sich eine politische Verfehlung zuschulden kommen lässt, wird sie zu ihrer Überraschung nicht in Haft gebracht, sondern in die Station, denn nach der Kulturrevolution herrscht ein eklatanter Mangel an wissenschaftlichen Fachkräften. Wenjie erhält zunächst unbedeutendere Aufgaben zugeteilt, erwirbt sich aber das Vertrauen der Vorgesetzten und bekommt nach und nach immer mehr Verantwortung übertragen. Erst nach Jahren erfährt sie die wahre Bestimmung von Rotes Ufer: Die Suche nach außerirdischen Intelligenzen. Doch als Wenjie tatsächlich eine Botschaft von Aliens empfängt, hält sie dies geheim. In weiten Teilen erzählt der Roman die Geschichte ihres Lebens, das geprägt ist vom Revolutionstrauma ihrer Jugend. Dieses ist der Schlüssel zum Verständnis ihrer komplexen Persönlichkeit, die sie zur Anführerin einer Verschwörung gegen die Menschheit werden lässt. In ihrer

Eine weitere Hauptfigur des Romans ist der Wissenschaftler Wang Miao, der angewandte Forschung auf dem Gebiet der Nanotechnologie betreibt. Ohne zu wissen, wie ihm geschieht, wird er zum Berater eines geheimnisvollen Gremiums berufen, das mit hohen Militärs und ebenso hochrangigen Wissenschaftlern besetzt ist. Sogar militärische Vertreter aus dem Ausland sind zugegen, von einem Krieg wird gemunkelt. Anlass seiner Berufung ist eine Serie von Selbstmorden unter Grundlagenwissenschaftlern. Man bittet ihn, sich der Organisation Frontiers of Science anzuschließen, die möglicherweise mit den Selbstmorden in Verbindung steht. Was die Aufgabe des Gremium angeht, tappt Wang Miao (und mit ihm der Leser) lange im Dunkeln. Gespenstische Alltagserfahrungen steigern seine Verwirrung. Schließlich macht ihn eine Kollegin auf das Computerspiel Three Body aufmerksam. Ausgerüstet mit einem VR-Anzug loggt Wang Miao sich ein und gerät in die merkwürdige Welt eines Drei-Sonnen-Systems. Aufgrund des chaotischen Laufs der Gestirne wechseln sich Stabile und Chaotische Zeitalter ab, die nicht vorauszuberechnen sind. Das oberste Ziel der Zivilisation scheint die Lösung des Dreikörperproblems zu sein, das sich bislang mathematischen Berechnungen entzieht. Zu diesem Zweck lässt der Kaiser komplizierte Apparaturen bauen und zieht die kompetentesten Spieler als Berater heran. Schon bald ist Wang Miao überzeugt, dass es mit dem höchst anspruchsvollen Spiel Three Body eine besondere Bewandtnis hat, doch die wahre Erklärung findet er erst spät – zu spät vielleicht.

Cixin Lius mit dem Hugo Award und dem Galaxy Award ausgezeichneter vielschichtiger Roman ist nicht nur reich an lebendig geschilderten Personen, sondern auch voller politischer Bezüge. Immer wieder nimmt er aus unterschiedlichen Perspektiven die Umweltproblematik ins Visier, die hier nicht nur eine Gefahr für das ökologische Gleichgewicht auf der Erde darstellt, sondern quasi im kosmischen Maßstab gespiegelt wird. Cixin Liu dreht ein großes Rad. Seine technisch-wissenschaftlichen Schilderungen sind akkurat im Detail und gehen bis an die Grenze des heutigen Wissens. Waghalsig extrapolierend greift er auch weit darüber hinaus. Das Buch ist eine hochspannende Lektüre. Dies liegt nicht zuletzt an dessen Welthaltigkeit und der überzeugenden Figurenzeichnung. Die wissenschaftlich fundierten und überzeugend extrapolierten Elemente fügen sich da wunderbar ein. Einen nicht minder großen Anteil hat die bildstarke, klare Sprache. Da ich selbst Übersetzer bin, nehme ich normalerweise davon Abstand, für Kollegen Schulnoten zu verteilen. Hier möchte ich ausnahmsweise die beeindruckende Leistung der Übersetzerin Martina Hasse erwähnen.

Ein kleines Manko aber sollte nicht unerwähnt bleiben. Die Schilderung von Aliens ist eine der größten Herausforderungen der Science Fiction. Am überzeugendsten gelingt sie dort, wo der Eindruck von Fremdheit sich mit einem Rest Unbegreifbarem paart, so  wie in Lems Solaris, im Picknick am Wegesrand der Strugatzki-Brüder oder zuletzt im Film Arrival. Viele dieser Darstellungen sind nicht frei von Erlösungsromantik. Cixin Liu ist ein Vertreter des anderen Pols, ein Alien-Skeptiker. Leider muten ausgerechnet die Erzählpassagen aus der Perspektive der Aliens ein wenig naiv an und stellen den schwächsten Teil des Buches dar. Da verpufft doch einiges, was sich an Erwartungshaltung aufgebaut hat. Diese Enttäuschung schmälert den Gesamteindruck seines Buches ein wenig.  Trotzdem hat mich seit VanderMeers Southern-Reach-Trilogie kein SF-Werk so fasziniert wie Die Drei Sonnen

Cixin Liu
Die Drei Sonnen
Roman, Heyne 2016

übersetzt von Martina Hasse

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Jeff VanderMeer: Autorität

Area X: Eine geheimnisvolle Zone an einem menschenverlassenen Küstenabschnitt, voller unverstandener Phänomene, umgeben von einer undurchdringlichen Grenze. Niemand weiß, was dort drinnen geschieht. Handelt es sich um ein Naturphänomen, ein gescheitertes Experiment, oder sind Aliens am Werk? Auf diese Fragen gibt es keine Antwort. Betreten lässt sich die Zone allein durch ein ‘Tor’, das sich eines Tages gebildet hat, warum auch immer. Die Erforschung des Gebiets obliegt einer geheimen Behörde mit Namen Southern Reach. Doch die Expeditionen, die man nach Area X schickt, bringen keine brauchbaren Informationen mit. Die wenigen Menschen, die überhaupt zurückkommen, sind lethargisch und  verfügen nur über bruchstückhafte Erinnerungen. Viele sterben an Krebs.

Autorität  ist der  zweite Band der Southern Reach Trilogie und bietet einen überraschenden Perspektivwechsel. Während im ersten Teil Auslöschung anhand der Aufzeichnungen der Psychologin und Direktorin von Southern Reach die zwölfte Expedition geschildert wird, stellt Autorität  ihren Nachfolger John Rodriguez, genannt Control, in den Mittelpunkt. Sein  Name allerdings spricht den Realitäten Hohn. Von ‘Kontrolle’ kann bei Southern Reach nämlich keine Rede sein. Da in der Zone nach offizieller Lesart eine Ökokatastrophe stattgefunden hat, ist sie längst aus dem öffentlichen Bewusstsein entschwunden. Die finanziellen Mittel werden immer weiter gekürzt, die Wissenschaftler der Station sind nach dreißig Jahren Erfolglosigkeit erschöpft und demotiviert. Control sieht sich mit undurchschaubaren Organisationsstrukturen und einem verwirrenden Geflecht von Loyalitäten konfrontiert – Kafkas Schloss lässt grüßen. Und wie alle anderen verfängt er sich in dem Dickicht ergebnisloser Experimente, einander widersprechender Hypothesen und gescheiterter Ambitionen.

Der zweite Band der Trilogie ist noch besser als der erste. Durch die Außenperspektive weitet sich der Blick, und Area X wirkt noch komplexer und unheimlicher als von innen betrachtet. Entsprechend türmen sich die Fragen – wissenschaftliche, moralische, philosophische Fragen.  Ist die Geschichte von Area X also eine Allegorie, eine Beschwörung der Vergeblichkeit allen Strebens, eine Meditation über die Grenzen der Erkenntnis, ein Loblied auf die Vielfalt des Lebens? In jedem Fall eine anregende Denkübung und eine hochspannende Lektüre. Erwähnen sollte man auch die wunderschöne Ausstattung des Buches. Wer zwischen Buch und E-Book schwankt, dem sei die Printversion ausdrücklich empfohlen. Allerdings ist es schon ein bisschen scary, wenn nach dem Ausschalten des Lichts der Coverschriftzug auf dem Nachttisch weiterglimmt …

Autorität

 

Jeff VanderMeer
Autorität, Roman

aus dem Englischen von Michael Kellner
A. Kunstmann 2015

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Marcus Jensen: Red Rain (Regina 1)

Nach Schweine legt Marcus Jensen nun eine Neubearbeitung seines bereits 1999 erschienenen Romans Red Rain vor, des ersten Teils der Regina-Reihe, deren dritter Band gerade in Arbeit ist.

Milleniumsnacht 1999. Nach einer Atombombendrohung der Terrorgruppe Nox Irae herrscht Ausnahmezustand in Berlin. Während die einen in Panik die Stadt verlassen wollen, feiert sich die  Mehrheit um den Verstand. Alle Schamanen und sonstigen Sinnspender sind ausgebucht. Deshalb heuert Regina, Deutschlands jüngste Staatssekretärin, für die Regierungssylvesterparty im Luftschutzbunker unter dem Alexanderplatz ihren Ex an, einen heruntergekommenen Uniprof, der die Rolle des Medizinmanns dankbar verinnerlicht. Vor einigen Jahren hat er mit Regina zusammen in den amerikanischen Indianerreservaten am Sun Dance teilgenommen. Davon hat er sich nicht wieder erholt. Er trauert nicht nur der verflossenen Liebe nach, sondern ist  innerlich zum Indianer mutiert. Schon im Flugzeug nach Berlin bringt er sich mit Indianergesängen von seinem Walkman in Stimmung. Auf der Flughafentoilette vollzieht er die äußerliche Verwandlung, und es beginnt mit Stretchlimo und Eskorte ein apokalyptischer Trip durchs nächtliche ‘Bear City’. Während im TV die Endzeit-Show läuft, erreicht er nach skurrilen Begegnungen mit einer Paintballtruppe, feindlich gesonnen Star-Trek- und Star-Wars-Fans und einem Gangsta-Rapper schließlich seinen Einsatzort. Das Chaos erweist sich als sorgfältig orchestriert. Ist alles eine einzige große VERSCHWÖRUNG?

Erzählt wird im typischen ‘Jensen-Rap’, einer raffinierten Bewusstseinsstrom-Technik, die mehrere Ebenen und Geschichten parallel schließt: einen Monolog, gerichtet an den Psychologen Deckart, dem er mal bei einer Party sein Herz ausgeschüttet hat,  die Liebesbeziehung mit Regina, die Begegnung mit Cold Smoke, dem Indianerhäuptling und vermeintlichen Weisen. Klingt kompliziert, aber es funktioniert. Die verschiedenen biographischen Erzählschichten und das unmittelbare Erleben vereinen sich beim Lesen zum schlüssigen Ganzen. Es entsteht ein phänomenaler Drive, der niemals artifiziell wirkt. Das liegt nicht zuletzt an Jensens anarchischem, herrlich unkorrektem Humor und den eingestreuten O-Tönen, die den auftretenden Figuren eine überzeugende Präsenz verleihen. Ein urkomischer Blick in einen Zerrspiegel, in dem sich ein gut Stück Realität zu erkennen gibt.

RedRain

 

Marcus Jensen
Red Rain, Roman
Forsamin, E-Book

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