Schlagwort-Archive: Rassentrennung

Green Book

Der Film spielt 1962. Damals war ich neun Jahre alt. Ich hatte die in meinem Umfeld üblichen Vorurteile gegenüber Zigeunern, Schwulen und geschiedenen Frauen, die unter dem Verdacht der ‘Liederlichkeit’ standen (für die betroffenen Männer galt dies nicht, was mir aber wohl erst später aufgefallen ist). Und in der Messe verkündete der Pfarrer vor den Wahlen von der Kanzel aus seine Parteipräferenz – CDU. Sollte sich mal ein Farbiger in meine Kleinstadt verirrt haben, dann habe ich ihn vermutlich angestarrt. Nicht mal im Traum aber wäre mir die Idee gekommen, dass Menschen unterschiedlicher Hautfarbe getrennte Toiletten benutzen und in verschiedenen Restaurants essen müssen. Dass damals in den Südstaaten der USA noch Rassentrennung herrschte, wurde mir erst sehr viel später bewusst. Für mich war Amerika viele Jahre lang vor allem ein leuchtender Stern, das Land der Befreier vom Nationalsozialismus, der aufregenden Musik und der besten Literatur gleich nach den russischen Klassikern.

Green Book ist ein Roadmovie; es geht um einen türkisfarbenen Cadillac und die beiden Männer, die darin durchs Land fahren, nämlich Don Shirley (Mahershali Ali), einen farbigen Jazzpianisten mit Doktortitel, und den Italoamerikaner Tony Lip (Viggo Mortensen), Türsteher von Beruf. Als Reiseatlas dient das titelgebende Green Book. Darin sind die Hotels und Lokale aufgeführt, die Schwarze als Kunden akzeptieren. Während der stundenlangen Fahrten prallen die Gegensätze aufeinander; hier Tony, der machohafte Familienmensch mit dem losen Mundwerk und dem milieuüblichen Maß an Rassismus, dort Shirley, der kultivierte Schwarze, der in der Carnegie Hall residiert und in seinem Elfenbeinturm nicht merkt, wie einsam er ist.

Shirley ist das, was die Aktivisten der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung abfällig als ‘Onkel Tom’ bezeichnet haben – sein Erfolg beruht auf Anpassung, die bis zur Selbstverleugnung geht. In Moskau hat er Klavier studiert (Chopin, Liszt, Beethoven), doch jetzt spielt er durch klassische Technik und Virtuosität aufgepeppte ‘weiße’ Unterhaltungsmusik, weil, wie er sagt, die Weißen es nicht tolerieren würden, wenn ein Schwarzer die Musik ‘ihrer’ Komponisten vortrüge. Die Kultur der Schwarzen ist ihm ein Buch mit sieben Siegeln; von Aretha Franklin oder Buddy Holly, die Tony im Radio laufen lässt, hat er noch nie etwas gehört, was seinen Chauffeur zu der nicht ganz falschen Bemerkung veranlasst, er selbst sei der Schwärzere von ihnen beiden. Und so kommt es, wie es kommen muss: Während die Villen immer größer und stattlicher und die Unterkünfte für den schwarzen Superstar immer schäbiger werden, je weiter nach Süden sie gelangen, entwickeln die beiden so gegensätzlichen Männer Respekt voreinander und werden Freunde. In der Schlüsselszene des Films begehrt Shirley dann endlich einmal auf, als er in dem Club, in dem er vor erlesenem Publikum spielen soll, nicht in den Speisesaal eingelassen wird. Er verweigert den Auftritt.

Green Book ist klassisches Hollywood-Kino: Der Film entwickelt einen mitreißenden Sog, nimmt für die beiden Hauptfiguren ein, drückt mächtig auf die Tränendrüse und vermittelt dem Zuschauer das wohlige Gefühl, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. Nichts daran ist innovativ, nichts tut wirklich weh. Trotzdem ist es gut,  sich hin und wieder zu erinnern, wie es vor gar nicht so langer Zeit gewesen ist, und in den selbstgewählten Grenzen ist der Film perfekt. Fast möchte man meinen, er könnte eine Medizin sein gegen die gnadenlose Polarisierung des gegenwärtigen Amerika, die nicht mal bitter schmeckt. Das aber hieße, an Homöopathie zu glauben. Dabei braucht Amerika doch eher eine pharmazeutische Keule mit ellenlanger Liste der Nebenwirkungen.

Bildergebnis für green bookGreen Book

Regie: Peter Farrelly

Trailer

Amazon