Schlagwort-Archive: Piraten

Uncoole Piraten

Zwei Narrative sind mit dem Begriff ‚Piraten‘ verknüpft: zum einen die romantisierenden Mantel-und-Degen-Klamotten Hollywoods, zum anderen die realen historischen Piraten, deren Adepten ihr blutiges Geschäft überwiegend in der Karibik, im asiatischen Raum und vor der afrikanischen Küste verrichten, wo sie Weltenbummleryachten und in letzter Zeit vermehrt Frachtschiffe und Öltanker entern.

Da nicht anzunehmen ist, dass die deutsche Piratenpartei an die Tradition somalischer Erpresser anzuknüpfen gedenkt, orientiert sie sich wohl an ihren filmischen Vorbildern und ist nach Johnny Depp somit der zweite Versuch, den alten Becher mit neuem Wein zu füllen – in diesem Fall mit Club Mate.

Schon als Kind konnte ich den Machwerken, die über den elterlichen Schwarzweißfernseher flimmerten, wenig abgewinnen. Ich erinnere mich an schwankende Holzkähne mit geblähten Segeln. In der Seite öffnen sich Luken. Kanonen rollen vor und spucken Feuer und Rauch. Von den unsichtbaren Fäden des Schicksals gezogen, nähern sich die gegnerischen Schiffe einander unaufhaltsam an. Die Rammsporne treten in Aktion. Angeführt vom stets perfekt gekämmten Errol Flynn stürmen die Piraten das gegnerische Schiff. Es wird gebrüllt und schnell gestorben. Und immer geht es um Schatzkisten mit Eisenbändern drum und ein dralles Weib, mal unschuldig blond, mal schwarz. Heute kommen digitale Kraken und Medusen hinzu.

Und die Piratenpartei? Beflügelt von störtebekerhaftem Eifer, erklärt sie sich zum Sprachrohr einer Jugend, die mit dem Internet aufgewachsen ist. Die Erfindung ist da. Hard- und Software funktionieren, von vereinzelten Abstürzen und Verwanzungen mal abgesehen. Das gewaltige strukturelle Backbone, das den Traffic erst ermöglicht, arbeitet still und unsichtbar. Die unmittelbare Verfügbarkeit alles Gewünschten ist eine vermeintliche Selbstverständlichkeit. Das gilt auch und gerade für urheberrechtlich geschützte Inhalte, also für Filme, Musik und Bücher. Raubkopieren gilt als cool. Wer von Taschengeld, Bafög oder Berufsanfängergehalt lebt, betrachtet Aufwendungen für mediale Inhalte als unzumutbar. Deshalb, so die Piratenpartei, brauchen wir ein neues Urheberrecht. Oder noch besser gar keins? Manchmal wird das Argument gebraucht, 30 Prozent Einbuße seien verkraftbar. Für Spielberg, Madonna oder Sony Music mag das gelten, für das Fußvolk nicht. Für einen Großteil der Kulturschaffenden und Rechteinhaber würden 30 Prozent weniger Einkommen bedeuten, dass sie unter die Armutsgrenze rutschen.

Na schön, ich gebe zu, ich bin Betroffener. Ich besitze ein paar Urheberrechte und lebe davon, dass andere solche Rechte besitzen und damit ihre Brötchen verdienen. Man soll auch nicht immer alles an einem Punkt festmachen. Ich wende mich deshalb dem Gesamtbild zu und lese (Zeit Nr. 6, 2012): Die Berliner Piraten haben drei Monate gebraucht, um ihre Büros zu verteilen. Man hört von erpresserischen Machenschaften und Nötigung. Die öffentlichen Fraktionssitzungen wurden durch einen wöchentlich zusammentretenden ‚Stuhlkreis‘ ergänzt, in dem ohne ‚Transparenzterror‘ unter Ausschluss der Öffentlichkeit therapeutisch gestritten werden darf. Eine offizielle oder halboffizielle Parteimeinung zu EU und Euro ist dabei noch nicht herausgekommen, auch zu Sopa, Pipa und Acta ist wenig zu vernehmen. Solange der Meinungsbildungsprozess der Basis noch nicht abgeschlossen ist, trauen Piratenpolitiker sich keine Meinung zu. Das sagen gewählte Volksvertreter einer repräsentativen Demokratie, die dem Gesetz nach allein ihrem Gewissen verantwortlich sind.

Auch die Grünen waren einmal klein und niedlich – jung, naiv und politisch unbedarft. Auch sie haben seinerzeit ihre Frusterfahrungen mit Basisdemokratie, Rotationsprinzip und sich selbst genügendem Formalismus gemacht. Allerdings standen sie von Anfang an unter kritischer medialer Beobachtung, und kein Schmäh blieb ihnen erspart. Die Piraten hingegen treffen auf eine merkwürdige mediale Beißhemmung. Dass die Jungen die Fehler der Alten wiederholen, kann man ihnen nicht zum Vorwurf machen, wohl aber den Medien, dass sie ihnen wie verzogenen Kindern mit der verschwurbelten Nachsicht schuldbewusster Eltern begegnen. Dabei schreien ihre (wenigen) Programmpunkte doch danach, kritisch hinterfragt zu werden. Auf der einen Seite sind sie utopistischer als die PDS, auf der anderen neoliberaler als die FDP erlaubt – man könnte auch sagen: verantwortungslos. Wem war es beispielsweise bisher eine Nachfrage wert, dass ihr Frauenanteil auch die Anerkennung der Ayatollahs finden dürfte? Käpt’n Flynn lässt grüßen.

Sorry, ich finde Piraten uncool.

Update: FAZ 24. 2. 2012