Schlagwort-Archive: Musik

Lorde – Pure Heroine

Bei mir kommt es nicht häufig vor, dass ich einen Musiker entdecke, bei dem ich das Gefühl habe, dass ich ihm auf seinem musikalischen Weg folgen werde. Das letzte Mal ist es mir bei EST passiert, dem legendären Jazz-Trio, dessen Namensgeber Esbjörn Svensson viel zu früh beim Tauchen ertrunken ist. Und jetzt wieder bei Lorde.

Dass mich eine siebzehnjährige Popmusikerin (geboren 1996 in Auckland, Neuseeland)  musikalisch faszinieren könnte, hätte ich nicht gedacht. Aber da war dieses VideoRoyals, live. Am Text, nicht untypisch für einen Teenie, lag es nicht. Auch nicht am harten Electro-Beat, für mich stark gewöhnungsbedürftig. Aber da tritt eine Musikerin auf, die nicht auf Betonbusen und Wackelhintern setzt, sondern ihren Song interpretiert, so ernsthaft und intensiv, dass es nicht unbedingt schön anzusehen ist. Die eine Musik spielt, wie es sie so noch nicht gab. Die Stimme mal kindlich hell, mal tief und abgründig, das Arrangement minimalistisch und raffiniert zugleich. Ihr erstes Album Pure Heroine bestätigt die hohen Erwartungen nicht nur, es übertrifft sie noch. Ein großartiges Debut!  Bin gespannt auf mehr.

Lorde – Pure Heroine

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Jennifer Egan: Der grössere Teil der Welt

Der deutsche Titel mag bescheuert sein (Englisch: A Visit from the Goon Squad), das Buch ist es nicht.

Egan erzählt von einer Clique junger Musiker aus dem San Francisco der Siebziger Jahre, vom Musikproduzenten Lou, der sie entdeckt, von dessen kleptomaner Assistentin Sasha und seinen Kindern, von einer Safari in Afrika, dem New York der Neunziger und einem denkwürdigen Konzert an Ground Zero. Personen, Erzählperspektiven und Zeiten wechseln in rasantem Tempo, wer sich eben noch für Drogen prostituiert, tritt gleich darauf zwanzig Jahre später als erfolgreiche Akademikerin in Erscheinung. Wer verloren scheint, kann sich berappeln, wer auf der Erfolgswelle schwimmt, kann untergehen. Es geht um Aufbruch, Liebe, Verlust, um die Ablösung des Analogen durchs Digitale, um die gesellschaftlichen Transformationen, die das Leben der Einzelnen ebenso durcheinanderwühlen wie das große Ganze. Alles ist durchtränkt von Verunsicherung und Vorläufigkeit, was dem polyphonen Buch bei aller lebensprallen Fülle einen Grundton von Trauer verleiht.

Die Lektüre ist nicht einfach, manchmal verliert man bei den Sprüngen und Brechungen ein wenig den Überblick, wer auf welche Weise wann mit wem zu tun hatte. Da die einzelnen Kapitel wie Kurzgeschichten komponiert sind, die auch für sich alleine stehen können, ist das jedoch unerheblich.

Beim Blättern fällt einem im letzten Drittel des Buches ein Kapitel ins Auge, das aus schlichten Präsentationsgrafiken besteht, mit sehr wenig Text. Als ich das sah, habe ich mich gefragt, ob das funktionieren wird. Nun, es funktioniert. Das Folientagebuch der jungen Alyson (ich glaube, sie ist 12), die mit ihren Eltern (ihre Mutter ist die oben erwähnte Sasha) in den 2020er Jahren in einem ökologischen Katastrophengebiet lebt, war für mich sogar eines der anrührendsten Kapitel. Eine aufregende Leseerfahrung.

Jennifer Egan (Autorin)
Heide Zeltmann (Übersetzerin)
Der grössere Teil der Welt, Roman
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Music News – Rrrrr!

Zwei musikalische Funde haben diesen Monat bei mir für Überraschung und Vergnügen gleichermaßen gesorgt.

Da wäre zunächst ‘Stoiber on Druindex_r1_c14_s1[1]ms’, Jonny Königs Vertonung von Edmund Stoibers berühmter Transrapid-Rede. Bemerkenswert, wie König den rhythmischen Gehalt dieses schon klassisch zu nennenden Polit-Raps herausarbeitet und die vergebliche Suche nach syntaktischer Stringenz erfahrbar macht. Und welche Erlösung, als die Solo-Performance an den Drums mit der Unterstützung von Gitarren und Synthesizer in die hymnenhafte Hookline ‘Weil das ja klar ist’ mündet! So hinreißend intelligent kann Popmusik sein.

Die zweite Entdeckung ist – Heino. Warum nur habe  ich den Mann ein Leben lang ignoriert? Mit seinem Album ‘Mit freundlichen Grüßen’ zeigt er sich nicht nur als Meister der musikalischen Retourkutsche, sondern legt eine Ironie an den Tag, die ihm seine größten Fans nicht zugetraut hätten. Zwölf deutsche Popsongs sind auf der Scheibe, Cover-Versionen unter anderem von Westernhagen, Nena, Rammstein und den Ärzten. Trivialisiert der Volksbarde mit dem rollenden Rrrrr die Songs durch den Akt der Aneignung, oder dekonstruiert er das Material, so dass dessen trivialer Kern deutlich wird? Ist er gar der deutsche Johnny Cash, und keiner hat’s gemerkt? Auf jeden Fall ein doppelbödiger Spaß!
23070621

Hörprobe
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Lazy Bastard in a Suit

Ich stelle mir vor, wie er damals mit Janis im Chelsea Hotel klampfte und sang, auf ihrem Zimmer, im Foyer. Es wäre spannend gewesen, dabei zuzuhören, wie Janis im Refrain die Führung übernahm oder solo die Frauenchöre interpretierte, die seinem musikalischen Minimalismus schon damals eine bisweilen hymnische Intensität verliehen.

Leonard Cohen – er wirkte wohl ein wenig steif unter all den Paradiesgewächsen, ein wenig zu ernst, ein wenig erstaunt darüber, wo und mit wem er da gelandet war, ein Minnesänger unter Orgiasten, ein Beobachter unter den Jüngern des Augenblicks.

Musikalische Wandlungen waren nicht sein Ding. Er wurde immer mehr der, der er immer schon war. Hört man seine brummige, knarzende Stimme, fürchtet man, er könnte jeden Moment hinter dem Vorhang verschwinden, von dem er singt. Aber er ist noch da und beschenkt uns noch einmal mit seinen Old Ideas. Sogar ein, zwei Love Songs sind dabei. Danke, Leonard!

Leonard Cohen, Old Ideas, CD, 2012

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Neroli für Schreibtischtäter

Sie schnuppern an fauligen Äpfeln (Schiller), schnupfen Kokain (Sigmund Freud), schütten Alk in sich hinein (Hemingway) oder streicheln zwanghaft ihre Katze (‚Gott schuf die Katze, damit der Mensch einen Tiger zum Streicheln hat‘ – Victor Hugo). Von weniger prominenten Schreibkräften ist bekannt, dass sie übermäßigem Kaffeegenuss verfallen sind oder die Gummibärchen gleich kiloweise kaufen.

Nachdem ich vom Rauchen aufs elektrische Dampfen umgestiegen bin, wähnte ich mich bei der Bildschirmarbeit weitgehend lasterfrei – bis mir die Statistik meines Mediaplayers ins Auge fiel. Über 1500mal Brian Enos Neroli in etwa vier Jahren, das ist nicht nur rekord-, sondern auch suchtverdächtig.

Neroli ist die Bezeichnung eines Pflanzenöls, das aus der Pomeranze gewonnen und dessen Duft bei Wikipedia als ‚zart-blumig, frisch, süß, strahlend, lieblich‘ bezeichnet wird. Bei Brian Eno ist es eine Wolke warmer, verhallter Klänge, die gemächlich aufeinanderfolgen und sich zu fast spannungslosen Phrasen reihen, eine Stunde lang. An Langsamkeit wird die Entwicklung allenfalls noch von der Aufführung von John Cages Orgelstück ORGAN2/ASLSP  in Halberstadt überboten, die, wenn alles gutgeht, im Jahr 2639 ihr Ende finden wird.

Kaum anzunehmen, dass jemand sich dieses Stück mit der gleichen ungeteilten Aufmerksamkeit zu Gemüte führt wie eine CD etwa von Brad Mehldau oder Bach. Klar, es ist eben Ambient; für mich ein warmer Klangteppich, der viel Raum lässt für Konzentration, der meine entropisch divergierende Aufmerksamkeit fokussiert und mein Beinezappeln besänftigt. Sollten nicht fiese hypnotische Botschaften in den Tonfolgen versteckt sein, die erst bei längerem (sagen wir, fünftausendfachem) Einwirken wirksam werden, ist das Stück die perfekte Arbeitsdroge, da nebenwirkungsfrei – immer wieder verwendbar und mit bestem Gewissen weiterzuempfehlen..

Neroli