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Tierdokus

Der Naturdokumentarfilm hat einen atemberaubenden technischen und ästhetischen Level erreicht: Zeitraffer über ganze Jahreszeiten hinweg, kombiniert mit eleganten Kamerafahrten; Flugbegleitung von Zugvögeln; Hochgeschwindigkeitsaufnahmen von schwirrenden Kolibris, Liveaufnahmen der eierlegenden Bienenkönigin aus dem Inneren des Nests – alles machbar, und der Zuschauer dankt’s.

Neben den HD-Steadicam-Spektakeln gibt es aber auch Billigproduktionen, die mit ganz anderen Qualitäten punkten, unter anderem mit Wackelkamera und unfreiwilliger Komik. Mit so banalem Getier wie Füchsen, Quallen oder Höhlenmolchen geben sich die Kellerkinder des Doku-Genres allerdings gar nicht erst ab. Es gilt das Motto: Je armseliger das Budget, desto bombastischer der Titel. Folglich wird die Fotojagd auf ‘Monsterlibelle - Foto: nstMonsterschlangen’, ‘Mörderinsekten’ und ‘Phantome der Tiefsee’ eröffnet. Man sieht förmlich vor sich, wie das kleine Team sich die Kosten für Leihkameras, Tauchanzüge und Charterboot zusammenschnorrt, doch das wird nicht gezeigt. Stattdessen beginnt der Film mit den Expeditionsvorbereitungen. Die sind langwierig und unterlegt mit dramatischer Musik. Vor Ort herrscht dann meist ungünstiges Wetter. Irgendwas geht kaputt. Die Riesenhaie lassen sich nicht blicken, es werden Makrelen und Muränen gezeigt. Im Team mündet der Frust in Streit.  Muss die Expedition erfolglos abgebrochen werden? Die Spannung steigt ins Unermessliche. Doch dann, kurz vor Filmende, die Erlösung: Ein schemenhafter Krake umkurvt das Robottauchboot, eine Anakonda entschwindet in den Morast, das Team fällt sich in die Arme. Abspann.

Tierdokus gehen immer.

Erregungen

Fing es mit Bundespräsident Köhler an, der erklärte, die Marine habe die Aufgabe, auch deutsche Handelsinteressen zu schützen? Dass der Mann nur das Offensichtliche ausgesprochen hatte (was sonst sollte die Marine vor Somalia denn tun?), konnte seinen Rücktritt nicht verhindern. Dann ging es Schlag auf Schlag: Guttenberg, die Wulffs, Schavan, Steinbrück, Brüderle mit seinem Dirndlgate und zuletzt ein Herr Hahn, der eine unglückliche Bemerkung über mögliche Vorbehalte der Öffentlichkeit gegen den vietnamesischstämmigen Rösler machte – stets folgte auf mehr oder weniger richtige oder auch nichtige Auslöser eine Empörungswelle, die tsunamiartig sämtliche Medien erfasste, auf alle Kanäle schwappte und neben der Verhältnismäßigkeit auch noch den gesunden Menschenverstand mit sich riss.

Ich muss gestehen, als Guttenplag unserem Verteidigungsminister die Gelfrisur  zauste, konnte ich mich einer nicht nur klammheimlichen Genugtuung nicht enthalten. Als Christian Wulff gezwungen wurde, öffentlich die Hose runterzulassen, und Bettina Wullf im Handumdrehen von der ‚Stilikone‘ (Bild) zum  blonden Biest mutierte, stellte sich Unbehagen ein. Und als man Steinbrück wegen satter Rednerhonorare und einer Bemerkung zu Merkels Gehalt wochenlang als Kanzlerkandidat niedermachte,  wurde daraus Abscheu gegenüber einem sich immer rigider gebärdenden Erregungs- und Demontagewahn. Denn ist Steinbrück, der dank seiner Rednerqualitäten die Adressaten seiner Finanzkritik  dafür blechen lässt, dass er ihnen seine Sicht der Dinge um die Ohren haut, nicht in Wahrheit eher ein umverteilender Robin Hood? Hat Claus Kleber nicht recht, wenn er darauf hinweist, dass Schavans Tat längst verjährt wäre, wenn sie ihren Doktorvater im Affekt umgebracht hätte, anstatt in ihrer Doktorarbeit missverständlich zu paraphrasieren? Wer noch keinen peinlichen Witz gemacht, noch nie inhaliert und noch nie einen Wein für mehr als 5 Euro die  Flasche getrunken hat, der werfe den ersten Stein!

Je abstrakter und komplexer die Probleme werden (Stichwort Finanzkrise, EU-Krise,  Terrorkrise, Klimakrise), desto schwerer sind sie zu vermitteln und desto übermächtiger wird anscheinend der Wunsch auch seriöser Medien, zu vereinfachen, zu personalisieren, auf Nebenschauplätze abzulenken und einfach mal ein bisschen zu unterhalten. Das Netz und die in Echtzeit einlaufenden Klickraten befördern die Tendenz, das Niveau zu senken. Investigativer Leerlauf ist die Folge. Lasst die Kirche im Dorf!, möchte man rufen. Oder zeitgemäßer formuliert: Journalisten und Talker zur Selbstbesinnung ab ins Dschungelcamp!

siehe auch Kommentar von Kurt Kister in der SZ: http://sz.de/1.1595467

Morsezeichen – Evolution rückwärts

Jeder kennt die Situation: Man befindet sich mit seinem Partner/seiner Partnerin in einer höchst intimen Verrichtung, die ihrem unausweichlichen Ende oder, poetischer formuliert, ihrer Erfüllung entgegenstrebt, da klingelt das Telefon. Oder das Handy beginnt auf dem Nachttisch zu tanzen. Oder das Pad intoniert irgendwo im Raum ein schwer zu überhörendes Jingle. Und schon steckt man im Dilemma.

Natürlich lässt die Situation bei realistischer Bewertung der Prioritäten nur die Fortsetzung der einmal begonnenen Aktivitäten zu. Doch schon die Tatsache, dass überhaupt eine Abwägung nötig ist, bewirkt eine Störung im Handlungsfluss. Schließlich kann man nicht so tun, als habe man nichts gehört. Im Gegenteil, das Signal wird mit jeder Wiederholung als immer dringlicher empfunden, was entsprechende Gegenreaktionen bewirkt, emotionale Verhärtungen, eine partielle Desensibilisierung des Erlebens. Und ist die Störung schließlich verstummt und man hat die Phase untätiger Entspannung erreicht, stellt sich ein weiteres Problem. Es gilt die Zeitspanne zu bemessen, nach der man sich Gewissheit über die Identität des Anrufenden verschaffen darf, ohne dass man als unsensibler Newsjunkie dasteht. Wie man es auch dreht und wendet, der Abend ist gelaufen.

Insofern stimmt es hoffnungsfroh, dass das noch weitgehend unbekannte Startup Automatikk derzeit ein Medienpflaster entwickelt, das derlei Probleme, sei es im Bett, im Kino oder im Club, gar nicht erst aufkommen lässt. An unauffälliger Stelle auf der Haut getragen, übermittelt das mit ultraflachem flexiblem Akku, Bluetooth-Schnittstelle und aktiven Druckapplikatoren ausgestattete Gadget Informationen unterschiedlicher Komplexität unmittelbar an die Haut und die darin eingebetteten Nerven. Für empfindungsmäßig eher Grobgestrickte empfiehlt es sich, den Informationsgehalt auf so genannte Klopfzeichen zu beschränken, die sich einzelnen Personen zuordnen lassen – dreimal lang könnte demnach auf einen Anruf vom Chef verweisen, zweimal kurz auf Freund Harry. Wie im Firmenblog von Automatikk zu lesen ist, soll ein intuitiver Lernprozess den Pflasterträger jedoch in die Lage versetzen, schon nach einer Woche eine vereinfachte Brailleschrift zu verstehen, die es dem Pflaster ermöglicht, ihm den Inhalt einer SMS oder kurzen Mail auf die Haut zu tackern. Wie realistisch diese Aussage ist, sei dahingestellt.

Ob das Medienpflaster das Zeug zum Must Have hat, muss sich erst noch erweisen. In jedem Fall handelt es sich um eine interessante Neuentwicklung und um einen weiteren Schritt auf dem gar nicht mehr so weit erscheinenden Weg, die ständige Onlinebereitschaft des modernen Mediennutzers herzustellen.