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Morsezeichen – Evolution rückwärts

Jeder kennt die Situation: Man befindet sich mit seinem Partner/seiner Partnerin in einer höchst intimen Verrichtung, die ihrem unausweichlichen Ende oder, poetischer formuliert, ihrer Erfüllung entgegenstrebt, da klingelt das Telefon. Oder das Handy beginnt auf dem Nachttisch zu tanzen. Oder das Pad intoniert irgendwo im Raum ein schwer zu überhörendes Jingle. Und schon steckt man im Dilemma.

Natürlich lässt die Situation bei realistischer Bewertung der Prioritäten nur die Fortsetzung der einmal begonnenen Aktivitäten zu. Doch schon die Tatsache, dass überhaupt eine Abwägung nötig ist, bewirkt eine Störung im Handlungsfluss. Schließlich kann man nicht so tun, als habe man nichts gehört. Im Gegenteil, das Signal wird mit jeder Wiederholung als immer dringlicher empfunden, was entsprechende Gegenreaktionen bewirkt, emotionale Verhärtungen, eine partielle Desensibilisierung des Erlebens. Und ist die Störung schließlich verstummt und man hat die Phase untätiger Entspannung erreicht, stellt sich ein weiteres Problem. Es gilt die Zeitspanne zu bemessen, nach der man sich Gewissheit über die Identität des Anrufenden verschaffen darf, ohne dass man als unsensibler Newsjunkie dasteht. Wie man es auch dreht und wendet, der Abend ist gelaufen.

Insofern stimmt es hoffnungsfroh, dass das noch weitgehend unbekannte Startup Automatikk derzeit ein Medienpflaster entwickelt, das derlei Probleme, sei es im Bett, im Kino oder im Club, gar nicht erst aufkommen lässt. An unauffälliger Stelle auf der Haut getragen, übermittelt das mit ultraflachem flexiblem Akku, Bluetooth-Schnittstelle und aktiven Druckapplikatoren ausgestattete Gadget Informationen unterschiedlicher Komplexität unmittelbar an die Haut und die darin eingebetteten Nerven. Für empfindungsmäßig eher Grobgestrickte empfiehlt es sich, den Informationsgehalt auf so genannte Klopfzeichen zu beschränken, die sich einzelnen Personen zuordnen lassen – dreimal lang könnte demnach auf einen Anruf vom Chef verweisen, zweimal kurz auf Freund Harry. Wie im Firmenblog von Automatikk zu lesen ist, soll ein intuitiver Lernprozess den Pflasterträger jedoch in die Lage versetzen, schon nach einer Woche eine vereinfachte Brailleschrift zu verstehen, die es dem Pflaster ermöglicht, ihm den Inhalt einer SMS oder kurzen Mail auf die Haut zu tackern. Wie realistisch diese Aussage ist, sei dahingestellt.

Ob das Medienpflaster das Zeug zum Must Have hat, muss sich erst noch erweisen. In jedem Fall handelt es sich um eine interessante Neuentwicklung und um einen weiteren Schritt auf dem gar nicht mehr so weit erscheinenden Weg, die ständige Onlinebereitschaft des modernen Mediennutzers herzustellen.

Uncoole Piraten

Zwei Narrative sind mit dem Begriff ‚Piraten‘ verknüpft: zum einen die romantisierenden Mantel-und-Degen-Klamotten Hollywoods, zum anderen die realen historischen Piraten, deren Adepten ihr blutiges Geschäft überwiegend in der Karibik, im asiatischen Raum und vor der afrikanischen Küste verrichten, wo sie Weltenbummleryachten und in letzter Zeit vermehrt Frachtschiffe und Öltanker entern.

Da nicht anzunehmen ist, dass die deutsche Piratenpartei an die Tradition somalischer Erpresser anzuknüpfen gedenkt, orientiert sie sich wohl an ihren filmischen Vorbildern und ist nach Johnny Depp somit der zweite Versuch, den alten Becher mit neuem Wein zu füllen – in diesem Fall mit Club Mate.

Schon als Kind konnte ich den Machwerken, die über den elterlichen Schwarzweißfernseher flimmerten, wenig abgewinnen. Ich erinnere mich an schwankende Holzkähne mit geblähten Segeln. In der Seite öffnen sich Luken. Kanonen rollen vor und spucken Feuer und Rauch. Von den unsichtbaren Fäden des Schicksals gezogen, nähern sich die gegnerischen Schiffe einander unaufhaltsam an. Die Rammsporne treten in Aktion. Angeführt vom stets perfekt gekämmten Errol Flynn stürmen die Piraten das gegnerische Schiff. Es wird gebrüllt und schnell gestorben. Und immer geht es um Schatzkisten mit Eisenbändern drum und ein dralles Weib, mal unschuldig blond, mal schwarz. Heute kommen digitale Kraken und Medusen hinzu.

Und die Piratenpartei? Beflügelt von störtebekerhaftem Eifer, erklärt sie sich zum Sprachrohr einer Jugend, die mit dem Internet aufgewachsen ist. Die Erfindung ist da. Hard- und Software funktionieren, von vereinzelten Abstürzen und Verwanzungen mal abgesehen. Das gewaltige strukturelle Backbone, das den Traffic erst ermöglicht, arbeitet still und unsichtbar. Die unmittelbare Verfügbarkeit alles Gewünschten ist eine vermeintliche Selbstverständlichkeit. Das gilt auch und gerade für urheberrechtlich geschützte Inhalte, also für Filme, Musik und Bücher. Raubkopieren gilt als cool. Wer von Taschengeld, Bafög oder Berufsanfängergehalt lebt, betrachtet Aufwendungen für mediale Inhalte als unzumutbar. Deshalb, so die Piratenpartei, brauchen wir ein neues Urheberrecht. Oder noch besser gar keins? Manchmal wird das Argument gebraucht, 30 Prozent Einbuße seien verkraftbar. Für Spielberg, Madonna oder Sony Music mag das gelten, für das Fußvolk nicht. Für einen Großteil der Kulturschaffenden und Rechteinhaber würden 30 Prozent weniger Einkommen bedeuten, dass sie unter die Armutsgrenze rutschen.

Na schön, ich gebe zu, ich bin Betroffener. Ich besitze ein paar Urheberrechte und lebe davon, dass andere solche Rechte besitzen und damit ihre Brötchen verdienen. Man soll auch nicht immer alles an einem Punkt festmachen. Ich wende mich deshalb dem Gesamtbild zu und lese (Zeit Nr. 6, 2012): Die Berliner Piraten haben drei Monate gebraucht, um ihre Büros zu verteilen. Man hört von erpresserischen Machenschaften und Nötigung. Die öffentlichen Fraktionssitzungen wurden durch einen wöchentlich zusammentretenden ‚Stuhlkreis‘ ergänzt, in dem ohne ‚Transparenzterror‘ unter Ausschluss der Öffentlichkeit therapeutisch gestritten werden darf. Eine offizielle oder halboffizielle Parteimeinung zu EU und Euro ist dabei noch nicht herausgekommen, auch zu Sopa, Pipa und Acta ist wenig zu vernehmen. Solange der Meinungsbildungsprozess der Basis noch nicht abgeschlossen ist, trauen Piratenpolitiker sich keine Meinung zu. Das sagen gewählte Volksvertreter einer repräsentativen Demokratie, die dem Gesetz nach allein ihrem Gewissen verantwortlich sind.

Auch die Grünen waren einmal klein und niedlich – jung, naiv und politisch unbedarft. Auch sie haben seinerzeit ihre Frusterfahrungen mit Basisdemokratie, Rotationsprinzip und sich selbst genügendem Formalismus gemacht. Allerdings standen sie von Anfang an unter kritischer medialer Beobachtung, und kein Schmäh blieb ihnen erspart. Die Piraten hingegen treffen auf eine merkwürdige mediale Beißhemmung. Dass die Jungen die Fehler der Alten wiederholen, kann man ihnen nicht zum Vorwurf machen, wohl aber den Medien, dass sie ihnen wie verzogenen Kindern mit der verschwurbelten Nachsicht schuldbewusster Eltern begegnen. Dabei schreien ihre (wenigen) Programmpunkte doch danach, kritisch hinterfragt zu werden. Auf der einen Seite sind sie utopistischer als die PDS, auf der anderen neoliberaler als die FDP erlaubt – man könnte auch sagen: verantwortungslos. Wem war es beispielsweise bisher eine Nachfrage wert, dass ihr Frauenanteil auch die Anerkennung der Ayatollahs finden dürfte? Käpt’n Flynn lässt grüßen.

Sorry, ich finde Piraten uncool.

Update: FAZ 24. 2. 2012