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Jeff VanderMeer: Akzeptanz

Als technische Mittel noch eine knappe Ressource und die Moralvorstellungen strenger waren, hieß es, aus der Not eine Tugend machen. Ein Kuss und eine Abblende reichten aus, um eine leidenschaftliche Begegnung anzudeuten, ein Schatten vor dem Fenster oder ein Huschen am Rande des Gesichtsfelds erzählten das Grauen. Den Rest steuerte die Fantasie bei. Offenbar hat das gut funktioniert. Zu meinen erotischsten Filmerinnerungen gehört die Szene, als Lauren Bacall dem verdutzten Humphrey Bogart in To Have and Have Not das Prinzip des Pfeifens erklärt: You just put your lips together and … blow. Die porentief ausgeleuchteten Umarmungen des Gegenwartskinos verblassen neben der ironischen Anzüglichkeit dieser Szene.

Für das Spiel mit der Angst gilt das Gleiche. Materialisiert sich der Schrecken, wird er erklärt und in Gänze gezeigt, verflüchtigt sich der makabere Zauber. Wir blicken den modernen Monstern tief in die Augen, sehen jede Schuppe, jedes Haar, jeden Geiferfaden scharf gezeichnet, doch statt Grausen lösen sie allzu oft Gelächter aus. Die Detailbesessenheit ihrer Schöpfer gibt sie der Lächerlichkeit preis.

Auch im dritten und letzten Band tappt VanderMeer nicht in die Falle, zu viel zu zeigen, obwohl er das Phänomen Area X aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet und zahlreiche Elemente der ersten beiden Bände in einen Zusammenhang bringt. So wird aus der Perspektive der Direktorin die Vorbereitung der zwölften Expedition geschildert, von der der erste Band der  Trilogie erzählt. Neben der Auseinandersetzung mit den Abgründen der übergeordneten Organisation Central stehen die Erlebnisse im Vordergrund, die sie bei einem verbotenen Ausflug in die Zone selbst gesammelt hat.

Der vielleicht interessanteste Erzählstrang indes ist Saul, dem Leuchtturmwärter, gewidmet, der die Entstehung von Area X aus nächster Nähe miterlebt. Früher einmal war er Prediger, jetzt führt er ein einfaches Leben, das sich weitgehend auf Naturbeobachtungen und die Wartung des Leuchtturms beschränkt. Das Gleichmaß seiner Tage wird gestört durch das Auftauchen der Séance & Science Brigade, die sich mit der Erforschung wissenschaftlicher und okkulter Phänomene befasst.   Aus irgendeinem Grund bestehen sie darauf, mit behördlicher Genehmigung immer neue Messungen am Leuchtturm vorzunehmen. Währenddessen kommt es nach und nach zu Brüchen im Alltag Sauls, ein Prozess, den VanderMeer mit beklemmender Eindringlichkeit schildert und der mit der Entstehung der ‘Grenze’ endet, die alle Bewohner des vergessenen Küstenabschnitts von der Außenwelt isoliert.

Der dritte Erzählstrang schließt unmittelbar an das Ende des zweiten Bands an. Control, der Direktor  der Forschungsstation Southern Reach, und Ghostbird,  die Kopie der Biologin, die an der im ersten Band geschilderten zwölften Expedition teilgenommen hat, sind über einen ‘Tunnel’ in die Zone gelangt. Auf der Insel begegnen sie Grace, der Überlebenden einer früheren Expedition, und dringen schließlich in die ‘topographische Anomalie’ ein,  wiederkehrendes Motiv und geheimnisvolles Gegenstück des Leuchtturms. Hier begegnen sie nicht nur dem verwandelten Leuchtturmwärter in der Gestalt des ‘Crawlers’, sondern kommen dem Geheimnis von Area X so nahe, wie es näher wohl nicht geht. In einigen Rezensionen ist zu lesen, das Geheimnis der Zone werde nicht erklärt. Das stimmt so nicht. Allerdings ist die ‘Erklärung’ so phantastisch und den gewöhnlichen Erfahrungs- und Erkenntniskategorien so weit entrückt, dass sie von den zahllosen Theorien und Hypothesen, die von den Wissenschaftlern der Forschungsstation hervorgebracht werden, kaum zu unterscheiden ist. Und wo es keine Aneignung oder Unterwerfung geben kann, bleibt vielleicht wirklich nur: Akzeptanz.

VanderMeer entwirft das hochkomplexe, vielschichtige Bild von etwas fundamental Fremdem, das sich unserem Begreifen grundsätzlich entzieht, und beschwört es mit seiner bei aller Opulenz nuancenreichen, bildhaften Sprache in immer neuem Licht. Die Southern Reach Trilogie bietet ein großartiges Leseabenteuer jenseits vertrauter Pfade.

 

Jeff VanderMeer
Akzeptanz, Roman

aus dem Englischen von Michael Kellner
A. Kunstmann 2015

Amazon

Jeff VanderMeer: Autorität

Area X: Eine geheimnisvolle Zone an einem menschenverlassenen Küstenabschnitt, voller unverstandener Phänomene, umgeben von einer undurchdringlichen Grenze. Niemand weiß, was dort drinnen geschieht. Handelt es sich um ein Naturphänomen, ein gescheitertes Experiment, oder sind Aliens am Werk? Auf diese Fragen gibt es keine Antwort. Betreten lässt sich die Zone allein durch ein ‘Tor’, das sich eines Tages gebildet hat, warum auch immer. Die Erforschung des Gebiets obliegt einer geheimen Behörde mit Namen Southern Reach. Doch die Expeditionen, die man nach Area X schickt, bringen keine brauchbaren Informationen mit. Die wenigen Menschen, die überhaupt zurückkommen, sind lethargisch und  verfügen nur über bruchstückhafte Erinnerungen. Viele sterben an Krebs.

Autorität  ist der  zweite Band der Southern Reach Trilogie und bietet einen überraschenden Perspektivwechsel. Während im ersten Teil Auslöschung anhand der Aufzeichnungen der Psychologin und Direktorin von Southern Reach die zwölfte Expedition geschildert wird, stellt Autorität  ihren Nachfolger John Rodriguez, genannt Control, in den Mittelpunkt. Sein  Name allerdings spricht den Realitäten Hohn. Von ‘Kontrolle’ kann bei Southern Reach nämlich keine Rede sein. Da in der Zone nach offizieller Lesart eine Ökokatastrophe stattgefunden hat, ist sie längst aus dem öffentlichen Bewusstsein entschwunden. Die finanziellen Mittel werden immer weiter gekürzt, die Wissenschaftler der Station sind nach dreißig Jahren Erfolglosigkeit erschöpft und demotiviert. Control sieht sich mit undurchschaubaren Organisationsstrukturen und einem verwirrenden Geflecht von Loyalitäten konfrontiert – Kafkas Schloss lässt grüßen. Und wie alle anderen verfängt er sich in dem Dickicht ergebnisloser Experimente, einander widersprechender Hypothesen und gescheiterter Ambitionen.

Der zweite Band der Trilogie ist noch besser als der erste. Durch die Außenperspektive weitet sich der Blick, und Area X wirkt noch komplexer und unheimlicher als von innen betrachtet. Entsprechend türmen sich die Fragen – wissenschaftliche, moralische, philosophische Fragen.  Ist die Geschichte von Area X also eine Allegorie, eine Beschwörung der Vergeblichkeit allen Strebens, eine Meditation über die Grenzen der Erkenntnis, ein Loblied auf die Vielfalt des Lebens? In jedem Fall eine anregende Denkübung und eine hochspannende Lektüre. Erwähnen sollte man auch die wunderschöne Ausstattung des Buches. Wer zwischen Buch und E-Book schwankt, dem sei die Printversion ausdrücklich empfohlen. Allerdings ist es schon ein bisschen scary, wenn nach dem Ausschalten des Lichts der Coverschriftzug auf dem Nachttisch weiterglimmt …

Autorität

 

Jeff VanderMeer
Autorität, Roman

aus dem Englischen von Michael Kellner
A. Kunstmann 2015

Amazon

Marcus Jensen: Red Rain (Regina 1)

Nach Schweine legt Marcus Jensen nun eine Neubearbeitung seines bereits 1999 erschienenen Romans Red Rain vor, des ersten Teils der Regina-Reihe, deren dritter Band gerade in Arbeit ist.

Milleniumsnacht 1999. Nach einer Atombombendrohung der Terrorgruppe Nox Irae herrscht Ausnahmezustand in Berlin. Während die einen in Panik die Stadt verlassen wollen, feiert sich die  Mehrheit um den Verstand. Alle Schamanen und sonstigen Sinnspender sind ausgebucht. Deshalb heuert Regina, Deutschlands jüngste Staatssekretärin, für die Regierungssylvesterparty im Luftschutzbunker unter dem Alexanderplatz ihren Ex an, einen heruntergekommenen Uniprof, der die Rolle des Medizinmanns dankbar verinnerlicht. Vor einigen Jahren hat er mit Regina zusammen in den amerikanischen Indianerreservaten am Sun Dance teilgenommen. Davon hat er sich nicht wieder erholt. Er trauert nicht nur der verflossenen Liebe nach, sondern ist  innerlich zum Indianer mutiert. Schon im Flugzeug nach Berlin bringt er sich mit Indianergesängen von seinem Walkman in Stimmung. Auf der Flughafentoilette vollzieht er die äußerliche Verwandlung, und es beginnt mit Stretchlimo und Eskorte ein apokalyptischer Trip durchs nächtliche ‘Bear City’. Während im TV die Endzeit-Show läuft, erreicht er nach skurrilen Begegnungen mit einer Paintballtruppe, feindlich gesonnen Star-Trek- und Star-Wars-Fans und einem Gangsta-Rapper schließlich seinen Einsatzort. Das Chaos erweist sich als sorgfältig orchestriert. Ist alles eine einzige große VERSCHWÖRUNG?

Erzählt wird im typischen ‘Jensen-Rap’, einer raffinierten Bewusstseinsstrom-Technik, die mehrere Ebenen und Geschichten parallel schließt: einen Monolog, gerichtet an den Psychologen Deckart, dem er mal bei einer Party sein Herz ausgeschüttet hat,  die Liebesbeziehung mit Regina, die Begegnung mit Cold Smoke, dem Indianerhäuptling und vermeintlichen Weisen. Klingt kompliziert, aber es funktioniert. Die verschiedenen biographischen Erzählschichten und das unmittelbare Erleben vereinen sich beim Lesen zum schlüssigen Ganzen. Es entsteht ein phänomenaler Drive, der niemals artifiziell wirkt. Das liegt nicht zuletzt an Jensens anarchischem, herrlich unkorrektem Humor und den eingestreuten O-Tönen, die den auftretenden Figuren eine überzeugende Präsenz verleihen. Ein urkomischer Blick in einen Zerrspiegel, in dem sich ein gut Stück Realität zu erkennen gibt.

RedRain

 

Marcus Jensen
Red Rain, Roman
Forsamin, E-Book

Epub
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Luc Bondy: Am Fenster

Am Fenster ist der erste Roman des Theaterregisseurs Luc Bondy, und er handelt vom Theater, vom Alter und von nicht weniger als  dem zwanzigsten Jahrhundert – ein erstaunliches weites Feld für ein Büchlein von gerade mal 159 Seiten.

Der Erzähler Donatey – gefühlte 60, eigentlich schon 67 oder 69, wenn nicht noch älter –  war einst die rechte Hand des berühmten Regisseurs Nock. Jetzt steht er bisweilen am Fenster seiner Zürcher Wohnung, sieht Nock auf der Straße vorbeigehen und führt kurze Gespräche mit dem Verstorbenen. Die Wohnung bewohnt er zusammen mit seiner jüngeren Lebensgefährtin Seraphine, die ihre Tage meist außer Haus verbringt. Donatey fürchtet, dass sie einen Liebhaber hat, doch noch mehr fürchtet er sich davor, von ihr verlassen zu werden. Auf jeden Fall hat er viel Zeit für sich. Seine Gedanken springen umher zwischen alten Liebschaften, Freunden und Kollegen, wandern vor und zurück in der Zeit, kehren aber immer wieder zurück zu seiner ersten Frau, seinen jüdischen Großeltern und der verschlossenen Mutter Mathild, die nie über die näheren Umstände ihrer Flucht vor den Deutschen sprechen wollte. So entsteht aus Erinnerungsschnipseln, präzisen Porträts, Anekdoten, Aphorismen und Beobachtungen des eigenen Verfalls das Bild seines Lebens und des erlebten Jahrhunderts. Erzählt wird das mit viel Charme, Esprit und einem Sinn fürs Skurrile und Makabre. Das Alter ist grausam, aber mit Humor lässt es sich besser ertragen. Hier eine Kostprobe:

Eines Tages (Seraphine hat beim Weggehen die Wohnungstür offen gelassen) entdeckt Donatey im Flur eine Wachtel, die wohl im Mietshaus eingesperrt wurde und die Treppe hochgehupft ist. Überzeugt davon, dass es sich bei dem Vogel um seine wiedergekehrte geliebte Frau handelt, schließt er die Flurtür und lässt das Tier in der Wohnung umherlaufen und alles inspizieren. Plötzlich fällt die Wachtel tot um. Er hebt sie auf, trägt sie in die Küche, rupft sie, bereitet sie im Backofen zu und verspeist sie voller Behagen zum Abendessen.

Guten Appetit!

LB

Luc Bondy

Am Fenster, Roman
159 Seiten

dtv

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Jennifer Egan – Im Bann

Danny und Howard sind Cousins. Danny ist gut in der Schule, sportlich, beliebt – Howard ist bleich und dick wie eine Made, ein Außenseiter, über den gespottet wird. Trotzdem sind sie Freunde, verbunden durch das Spiel Terminal Zeus, das nur sie beide miteinander spielen können. Irgendwann dringt Danny mit einer Gruppe anderer Kinder in eine Höhle vor, auch Howard ist dabei. Sie kriechen durch finstere Gänge und gelangen zu einem Tümpel. Ein älterer Junge fordert Howard auf, ins Wasser zu gucken. Als der sich vorbeugt, stößt Danny ihn wie ferngesteuert durch einen Gedankenbefehl des Älteren hinein. Die Kinder stürzen nach draußen und lassen Howard zurück. Alle halten ihn für tot, erst Tage später wird er verstört im Wald gefunden, nachdem er sich aus Tümpel und Höhle befreit hat.

Jahre später besucht Danny Howard in dessen Burg im deutsch-österreichischen Grenzgebiet. Die Verhältnisse haben sich merkwürdig umgekehrt. Howard ist inzwischen ein reicher Börsenmakler im Ruhestand, braungebrannt, verheiratet,  unternehmenslustig, selbstbewusst. Danny hingegen ist ein nerdiger Spinner, der einfach nicht erwachsen werden kann. Das Studium hat er abgebrochen, emotional klammert er sich an die wenig aussichtsreiche Liebe zu einer älteren Frau, ohne sein Handy ist er aufgeschmissen. Deshalb schleppt er auch eine Satellitenschüssel nach Deutschland/Österreich mit, doch die versinkt alsbald in einem stinkenden Tümpel. Handyempfang, Internet und Telefon gibt es nicht. Howard will die Burg mit Hilfe einer Schar ‘Praktikumsstudenten’ zu einem Hotel ausbauen, einem Hort der Stille ohne Schnittstelle zur Außenwelt, in dem die Menschen wieder Zugang gewinnen zu ihrer eigenen Imagination. Danny hält natürlich nichts von dem Projekt, doch schon bald gerät er in den Bann der Burg –  die ideale Kulisse, um das Kindheitstrauma auszuagieren, das ihn und Howard noch immer aneinander fesselt.

Nach einer Weile schaltet sich ein Ich-Erzähler ein – Ray, der Insasse eines US-Gefängnisses. Er verfasst die Geschichte für den Schreibkurs, an dem er teilnimmt – und für Holly, die Kursleiterin. Die Geschichte von Howard und Danny ist auch seine Geschichte, und so, wie sich in der Burg Gegenwart und Vergangenheit, Fantasie und Wirklichkeit verbinden, mischen sich auch die beiden Ebenen des Erzählens. 

Im Bann ist vielleicht Jennifer Egans dichtestes, geschlossenstes Buch, ein über weite Strecken sehr düsteres Werk, in dem sich aber immer wieder der Lebenswille Bahn bricht. Ich habe es bald nach Donna Tartts Distelfink gelesen, und ich finde, sie ergänzen sich vortrefflich. So ‘klassisch’, ja antimodern Tartts Erzählweise anmutet, so heutig wirkt Egans Stil bei aller Abgründigkeit der Inhalts. Ohne Anführungszeichen reiht sie Dialog an Schilderung, übergangslos wechselt sie die Ebenen. Wie immer bei ihr wirkt die Darstellung der meist jugendlichen Protagonisten hinreißend authentisch. Das gilt allerdings auch für Tartt, und vielleicht ist das ja der Punkt, wo die  beiden Stilantagonisten einander treffen.

JEIImBann

 

Jennifer Egan
Im Bann (The Keep), Roman

übersetzt von Gabriele Haefs
Schöffling & Co., 2007

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Jeff VanderMeer: Auslöschung

Manche Ideen sind so gut, dass sie sich fortpflanzen, als Kopie, Zitat, Anspielung, Inspiration oder was auch immer. Im Jahr 1971 veröffentlichten die Brüder Strugatzki ihren Roman Picknick am Wegesrand, der unter anderem den russischen Regisseur Tarkowskij zum Film Stalker anregte. Außerirdische haben die Erde besucht und die sogenannten Zonen hinterlassen, in denen geheimnisvolle Artefakte zurückgeblieben sind, einerseits Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchung, andererseits begehrte Beute professioneller Schatzsucher, die sie unter Einsatz ihres Lebens bergen und an Liebhaber verkaufen. Die unbegreifliche Fremdheit der Artefakte führt die Menschen, die damit konfrontiert werden, an die Grenzen ihres Verstands.

In Vandermeers Roman Auslöschung, dem ersten der Southern Reach Trilogie,  heißt die Zone Area X. Das Ereignis, denen sie ihre Entstehung verdankt, bleibt im Dunkeln. Die Zone mit ihrer scharfen Begrenzung ist ein monströses Ökosystem im Wandel, ein Ort der Metamorphosen und der geheimnisvollen, gefährlichen Phänomene. Mehrere Expeditionen, die sie erkunden sollten, sind mehr oder weniger gescheitert. Einige kehrten gar nicht mehr zurück. Das Buch erzählt von der zwölften Expedition, an der vier Frauen teilnehmen: eine Biologin, eine Anthropologin, eine Landvermesserin und eine Psychologin. Ihre Namen erfährt man nicht, was der Geschichte die Wucht des Überpersönlichen, Allgemeingültigen verleiht. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive der Biologin, die ein Tagebuch schreibt. Die Frauen werden zunächst ausgebildet und schließlich von der Psychologin hypnotisiert, damit sie den Grenzübergang psychisch verkraften. Ihre Ausrüstung ist dem Vorhaben erschreckend unangemessen: ein Rucksack mit Vorräten, ein paar altmodische Waffen und ein schwarzes Kästen mit einem Kontrollkreis, der bei Gefahr rot aufleuchten soll. Sie beziehen das Basislager und stoßen bei ihrer ersten Erkundung auf einen Schacht oder einen in der Erde vergrabenen Turm, der auf keiner Karte verzeichnet ist. An der Innenwand befinden sich organische Buchstaben, die sich zu Sätzen fügen. Die Biologin wird mit Pilzsporen eines Symbionten kontaminiert. Am nächsten Morgen ist die Anthropologin verschwunden.

Entspricht die Erklärung der Psychologin der Wahrheit? Welche Absichten verfolgt diese Frau, die mit posthypnotischen Befehlen das Team zu lenken versucht? Hat die Biologin Halluzinationen, oder ist sie die Einzige, die den Turm als Lebewesen wahrnimmt? Schon bald sind von den vier Expeditionsteilnehmerinnen nur noch zwei übrig. Darauf trainiert, Erklärungen für das Gesetzmäßige zu finden, begegnen die Wissenschaftlerinnen dem Unheimlichen. Doch sie haben auch ihre eigenen Geheimnisse mitgebracht. Subjektives und Objektives mischen sich, werden ununterscheidbar. Die nervenzerfetzende Spannung des Romans rührt daher, dass man als Leser in die Konfrontation von äußerer und innerer Welt unmittelbar hineingezogen wird. Dabei ist das Buch viel mehr als ein bloßer Spannungsroman. In suggestiver Sprache erzählt es von einer fantastischen, melancholischen Reise ins Unbekannte. Seit langem wurde das Phänomen des grundlegend Fremden nicht mehr so intensiv und literarisch so überzeugend behandelt. Fast noch interessanter als die Schilderung der ‘Phänomene’ ist übrigens die Ausleuchtung des komplexen Charakters der Biologin im Spiegel ihrer Aufzeichnungen. Ich kann den nächsten Band der Trilogie kaum erwarten. Und auch auf die angekündigte Verfilmung unter der Regie von Alex Garland darf man gespannt sein.

 

Jeff VanderMeer
Auslöschung, Roman

Aus dem Englischen von Michael Kellner
A. Kunstmann 2014

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Donna Tartt: Der Distelfink

Nach Die Geheime Geschichte, ihrem abgründigen Erstling, und Der kleine Freund legt Donna Tartt ihren dritten Roman in zwanzig Jahren vor, und er beginnt mit einem Mann in einem Amsterdamer Hotelzimmer. Er ist allein, verängstigt, möglicherweise paranoid. Weshalb er sich nicht nach draußen traut, wird nicht klar, doch er ist offensichtlich an einem Endpunkt angelangt – oder an einem Wendepunkt. Das Buch erzählt die Geschichte, die ihn hierhergebracht hat.

Der 13jährige Theo Decker lebt in New York bei seiner Mutter, einer schönen, gebildeten, weltoffenen Frau. Der Vater, ein unzuverlässiger, unberechenbarer Trinker, hat sie vor einem Jahr verlassen. Bei einem Besuch im Metropolitan Museum wird sie bei einem Bombenanschlag getötet. Was Theo aus dem Museum mitnimmt, ist der zermalmende Schock, der sein Leben fortan bestimmen wird, die Erinnerung an den roten Haarschopf des Mädchens, das er unbedingt ansprechen wollte, als das Unglück geschah, die Adresse, die ihr erwachsener Begleiter ihm im Sterben zuflüstert, dessen Ring (der sich später als verräterisch erweisen wird) und das Bild ‘Der Distelfink’ von Carel Fabritius, dem mutmaßlichen Lehrer Vermeers. Zunächst kommt Theo bei der Familie eines Schulfreunds in der Park Avenue unter und versinkt in tiefe Trauer. Schließlich sucht er die Adresse des Toten auf und gerät in einen Antiquitätenladen. Im Keller befindet sich die Werkstatt, ein in die Zeitlosigkeit entrücktes Reich der alten Dinge, wo sich auf den Tischen ‘das Licht in goldenen Lachen sammelt’.  Hobie, der Geschäftspartner des Verstorbenen aus dem Museum, nimmt sich seiner rührend an. Hier findet er Trost und Geborgenheit und wird in  die Geheimnisse der Tischlerei eingeweiht. Und in einem abgedunkelten Zimmer nebenan erholt sich Pippa, das rothaarige Mädchen, von den Folgen der Explosion.

Nach einem Jahr Jahr endet die Idylle abrupt. Überraschend meldet sich sein Vater und holt ihn zu sich und seiner Freundin nach Las Vegas, wo er am Rand der Wüste in einer nahezu unbewohnten Straße haust. Sein Geld verdient er als Zocker, und dass er sich um seinen Sohn kümmert, ist nicht väterlichen Gefühlen, sondern eher finanziellem Interesse an der Hinterlassenschaft seiner verstorbenen Frau geschuldet. Aus der emotionalen Indifferenz der fremden Upperclass-Familie in eine andere, brutalere Art von Fremdnis versetzt, schließt Theo sich seinem Klassenkameraden Boris an und erlebt mit ihm eine wilde, intensive Freundschaft: lange Gespräche, pubertäre Ausgelassenheit, Drogenekstase, aber auch Gewalt und Zügellosigkeit. Später wird sich zeigen, dass damit ein ungutes Fundament gelegt ist, auf dem er, wieder zurück in New York und  inzwischen Teilhaber von Hobies Antiquitätenladen, aufzubauen weiß. Theos Geschichte ist ein Abstieg, stets begleitet von dem geliebten Gemälde, das ihn an an seine Mutter erinnert und gleichzeitig wie den Finken an seinen Sitz an den Tag kettet, an dem er sie verlor. Die andere Konstante ist Pippa, die in London mit einem Freund zusammenlebt. Um diesen beiden Fixsterne kreist sein Leben, doch seine Bahn ist eine Abwärtsspirale, auf der wir ihm bis zu dem Hotelzimmer in Amsterdam folgen.

Der Distelfink ist ein Buch der Erinnerung, ein Versuch, der Flüchtigkeit der Zeit zu trotzen – eine Beschwörung  des Vergangenen, aber auch eine Beichte, ein Rechenschaftsbericht. Und ein erstaunlich unmodernes Buch. Es gibt zwar ein paar Zeitsprünge, nach denen die Lücken mit Rückblenden geschlossen werden, doch das mutet fast schon ein bisschen gewagt an im steten Fluss des Erzählens. Im Wesentlichen verzichtet Tartt auf die Tricks und Kniffe, die Raffungen, harten Schnitte, Spiegelungen, Perspektivwechsel des modernen Erzählens. Die Handlung schreitet  langsam voran, die Turning Points sind rar gesät, doch die Lesegeduld wird reich belohnt. Man kann in diesem Buch versinken und sich treiben lassen in der Fülle der Details und Personen, in den Nuancen von Theos Gefühlswelt und der bizarren Alltäglichkeit der wenigen Katastrophen und vielen Irrtümer und falschen Entscheidungen, aus denen sich sein Leben entwickelt, doch dies alles erschließt sich erst vom Ende her. Da mündet es in die alte,  immer noch aktuelle Frage: Kann aus dem Bösen Gutes erwachsen, das Richtige aus dem Falschen? Und kaum stellt sich Sinn her und eine Art Eindeutigkeit, löst sich alles wieder in vielschichtiger Ungewissheit auf. Was bleibt, ist allermindestens das: eine genussvolle, äußerst lohnende Übung in Entschleunigung.


Donna Tartt
Der Distelfink
Roman, 1025 Seiten

Aus dem Amerikanischen von Rainer Schmidt und Kristian Lutze
Goldmann 2013

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