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Polen – Besuch beim Nachbarn

Polen, das war für uns Terra incognita, präsent allein in den Zeitungsmeldungen, wo es neuerdings mit Neonationalismus, Verfassungskrise und EU-Verdrossenheit von sich reden macht. Deshalb wurde es Zeit, dem östlichen Nachbarn einen Besuch abzustatten. Mit touristischem Blick haben wir eine kleine Rundreise durch Polens Norden gemacht, mit den Stationen Stettin, Kolberg, Leba, Danzig, Thorn und Posen, die ich hier kurz vorstellen möchte.

Behufter Denker im Hof des Stettiner Schlosses

Als Erstes fällt auf, wie ähnlich Deutschland und Polen sich oberflächlich sind. Der rollende Wagenbestand gleicht dem unseren, die disziplinierte Fahrweise auch. Autonostalgie wie im Osten Deutschlands mit seinen Hätscheltrabis – Fehlanzeige. Wie überall trifft man auch hier die immergleichen Ketten und Konzerne – Toom, Ikea, Lidl, McDonalds, sie sind alle da. Unser erstes Ziel  war Kolberg (Kołobrzeg) – Ostsee mit weißem Pudersand.

Buhnen bei Kolberg

Viele historische Stadtkerne wurden inzwischen liebevoll restauriert. Ein hübsches Beispiel ist die mittelpommersche Stadt Treptow (Trzebiatów), die von den touristischen Zonen des Grauens, in denen sich hochvolumig beschallte Verkaufsbuden voller Plunder aneinanderreihen, weitgehend verschont geblieben ist. Umgeben sind die historischen Stadtkerne häufig von hohen Wohnblöcken, deren Einheitsgrau allmählich freundlicheren Farben Platz macht.

Marktplatz in Treptow

Wohnblocks an der Kolberger Peripherie

Fassadenmaler in Kolberg

Ein landschaftliches Highlight der Reise war der Slowizinische Nationalpark bei Leba mit seinen bis zu 40 Metern hohen Wanderdünen, der auch als Polnische Sahara bezeichnet wird.

Wanderdüne im Slowizinischen Nationalpark

See bei Leba

Mönchsfigur am Eingang eines Hotels bei Leba

Die alte Hansestadt Danzig war das Ziel der Reise. Mit dem Beschuss der Westerplatte und der Polnischen Post begann am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg.  Nach dem Krieg wurde die Altstadt sorgfältig restauriert. Die eindrucksvollsten Gebäude finden sich entlang dem Droga Królewska, dem Königsweg.

Droga Królewska, der Königsweg, mit Neptunbrunnen

Altstadt am Ufer der Mottlau. Das Gebilde mit der schwarzen Front ist das mittelalterliche Krantor. Im Innern befand sich eine Art Hamsterrad, das Häftlinge mit ihren Füßen in Bewegung setzten, um die Lasten von den Schiffen zu heben.

Wasserspeier

Altar der Marienkirche. Hier hat Oskars Mutter in Günther Grass’ Blechtrommel die Beichte abgelegt.

Ein Beichtstuhl lädt zum Besuch ein

Die nächste Station war Thorn (Torún). Eigentlich nur als Zwischenhalt angesteuert, überraschte uns Thorn mit einem reizenden kleinen Hotel, dem Petite Fleur, das allerdings nur solchen Gästen empfohlen werden kann, die gegen französische Chansons nicht allergisch sind. Auch hier findet sich ein wundervoll restaurierter historischer Kern. Zudem lebte hier Nikolaus Kopernikus, der mit dem heliozentrischen Weltbild den Beginn der modernen Astronomie markierte.

Buntes Thorn

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Kopernikusstatue

Am Stadtrand finden sich Überreste einer Burg des Deutschordens aus dem 13. Jahrhundert. Offenbar waren die Bewohner mit den Zugezogenen höchst unzufrieden, denn 1454 machten sie die Anlage ziemlich gründlich platt.

Statue eines Deutschordensmanns vor rekonstruierter Burgmauer

Kerzenautomat in Posener Barockkirche

Marktplatz in Posen mit Rathaus

Das Polen, das wir sahen, macht den Eindruck eines Landes, das entschlossen in die Zukunft strebt und die Nachkriegsvergangenheit vielleicht etwas zu konsequent abgeschüttelt hat. Abgesehen von den vielen Plattenbauten erinnerte kaum noch etwas an die Zeit des Kommunismus und des Warschauer Pakts. Deshalb war ich überrascht, als wir in Posen (Poznán) auf den Cytadelapark stießen, eine große Anlage im sowjetischen Stil. Beim Anblick des Teichs mit den konzentrischen Sitzreihen hörte ich eine Stimme im Kopf: Der Erholung der Werktätigen messen wir allerhöchste Bedeutung bei.

Dahinter liegt ein Kriegsmuseum mit Panzern und Kampffliegern aus dem 2. Weltkrieg, dann kommen die pompösen Siegesobelisken und schließlich der Soldatenfriedhof, für mich der berührendste Moment der Reise. Hier liegen polnische, sowjetische und englische Gefallene Seite an Seite. Beeindruckend die Skulptureninstallation von Abacanowicz. Die kopflosen Figuren sind individuell gearbeitet, eine beklemmende Visualisierung von Vermassung und Kriegsverwurstung.

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The Unrecognized Ones, Installation von Magdalena Abakanowicz

Leider kommt das moderne Polen in diesem Bericht zu kurz. Zum Beispiel bedaure ich, nicht das riesige Einkaufszentrum und die Glasbauten in Posen fotografiert zu haben, aber so ist das nun mal auf einer touristischen Reise. 
Zum Abschluss eine kleine Gegenüberstellung zum Thema Unterkunft.  Damit kein falscher Eindruck entsteht: Wir haben in Polen stets gut geschlafen, doch die Spannweite bei 4-Sterne-Hotels ist gewaltig, siehe Fotos.

4-Sterne-Hotel in Danzig mit muggeliger Skipperkoje

4-Sterne-Hotel in Posen mit Sperrmüllflair

Und was noch fehlt: Der Radfahrer vor der Terrasse unseres Hotels in Kolberg

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Zuletzt noch ein kleiner Reisehinweis für Freunde der E-Zigarette, die in Polen feststellen, dass ihr Liquidvorrat nicht reicht: Nachschub gibt es bei Zabka, der Tante-Emma-Ladenkette mit dem Frosch. Es gibt dort zwar nur 3 Sorten Liquid, dafür finden sich die Läden praktisch überall.