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Martin Suter – Der letzte Weynfeldt

Adrian Weynfeldt, Mitte fünfzig, ledig, muss man sich als glücklichen Menschen vorstellen. Reich dank Erbschaft, hat er als Kunstexperte eines Züricher Auktionshauses sein Hobby zum Beruf gemacht. Sein Leben ist aufs Vortrefflichste geordnet: Seine Anzüge sind vom besten Schneider der Stadt, seine Mahlzeiten von erlesener Qualität, und in seinem weitläufigen Zuhause liest ihm eine Haushälterin jeden Wunsch von den Augen ab.  Sein chronisches Junggesellentum scheint ihn nicht zu stören. Der Freundeskreis, gepflegt bei wöchentlichen Treffen,  ist praktischerweise zweigeteilt in ältere Herrschaften aus ähnlich wohlgeordneten Verhältnissen und einen Haufen junger Leute, Künstler zumeist, für die er nicht nur diskret die Restaurantrechnung begleicht, sondern bei Bedarf auch als Mäzen in die finanzielle Bresche springt. Und der Bedarf ergibt sich häufig. Weynfeldt zahlt immer, denn geizig ist er nicht. Eher schämt er sich ein bisschen seines Reichtums und ist geradezu dankbar für Gelegenheiten, tätig Abbitte zu leisten. Sein gleichförmiges Leben durchmisst er mit einem freundlichen Gleichmut, der ihn zum Vertreter jener Schar von Männern ohne Eigenschaften zu machen scheint, die in der Behäbigkeit ihres Alltags gleichsam zu verschwinden scheinen.

Gleich zu Beginn des Buches aber tritt Lorena auf, eine attraktive Mittdreißigerin, Ex-Model und Gelegenheitsjobberin, ein bisschen Lasterweib und ein bisschen Lebenskünstlerin, stil- und geheimnisvoll, findet jedenfalls Weynfeldt. Nachdem er sie von einem halbherzigen Selbstmordversuch abgebracht hat, tritt sie immer wieder in sein Leben. Mal löst er sie nach ertapptem Ladendiebstahl aus, mal zahlt er ihr die Taxirechnung. Man muss es wohl Liebe nennen. Jedenfalls erweist Lorena sich als das destabilisierende Element in Weynfeldts Leben – und er genießt es. Bald kommt auch noch ein Gemälde hinzu, das Baier, ein alter Freund der Familie, versteigern möchte. Wie sich herausstellt, handelt es sich um eine Fälschung. Damit wird nicht nur ein munterer Diskurs über das Wesen des Kunstwerks, das Wesen des Echten und das Verhältnis von Fälschung und Original eröffnet. Weynfeldt muss die ausgetretenen Pfade verlassen und Grenzen überschreiten. Dabei kommt es zu einem Verwirrspiel, das auf den letzten fünfzig Seiten mit haarsträubenden Verwicklungen geradezu krimihafte Prickelspannung erzeugt. Vom überraschenden Schluss sei nur so viel verraten, dass das Happyend, das Suter dem Leser schenkt, für so manche Situation entschädigt, in der man den Protagonisten am liebsten lautstark auffordern möchte, doch mal mit der Faust auf den Tisch zu hauen. Das freilich liefe seinem Charakter ganz und gar zuwider. Langweilig wird die sich zeitweise etwas zäh entwickelnde Geschichte freilich nie, dafür fallen die Erkundungen der unterschiedlichen Milieus,  angefangen von der Auktions- und Kunstszene bis zu dem Alltag eines Grid-Girls, letztlich zu vergnüglich aus.

Dass man als Leser Suters Sätze am liebsten siezen möchte, weil sie so schön seien (wie im Klappentext verwegenerweise behauptet wird), kann ich so nicht bestätigen. Ich hatte noch nie den Wunsch, einen Satz zu siezen. Es erscheint mir sinnfrei. Manchmal möchte ich mir einen Satz merken oder ihn streichen, aber auch das habe ich nicht getan. Wie gesagt, es kommt eher selten vor.

Bildergebnis für der letzte WeynfeldtMartin Suter
Der letzte Weynfeldt, Roman

Diogenes, 2009

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