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The Revenant

Das ist kein Film, den man mühelos lieben kann. Dafür ist die Natur zu groß, zu kalt und zu gleichgültig. Die Menschen sind reduziert auf das Elementarste: Loyalität, Gier, Hass und einen unbändigen Überlebenswillen. In der Schneeweite von Dakota erscheinen sie wie archaische, nahezu eigenschaftslose Gestalten, dreckig, grausam, leidend, Fremdkörper in einer unwirtlichen Umwelt. Survivalfolklore und Naturromantik haben hier keinen Platz.

Bei einem Angriff der Arikaree-Indianer auf eine Expedition der Fur Company gibt es nur wenige Überlebende, darunter den Trapper Hugh Glass (Leonardo DiCaprio) und dessen Sohn, der ein Pawnee-Halbblut ist. Erst mit dem Boot und dann zu Fuß versuchen sie den nächsten Handelsposten zu erreichen. Glass’ Sohn wird ermordet. Nachdem Glass von seinen Begleitern schwer verletzt zurückgelassen wird, macht er sich zu Fuß auf den Rückweg, um für die Ermordung seines Sohnes Rache zu nehmen. Das ist in aller Kürze auch schon die Handlung des Films. Bevor die Rache vollstreckt wird, gliedern Episoden den Leidensmarsch durch Wald und Gebirge: Bärenangriff, Schutzsuchen vor dem Erfrieren im ausgeweideten Pferd, Verzehr von roher Leber, Feuermachen im Sturm. Das alles wurde schon oft gezeigt, aber noch niemals so. Was Emmanuel Lubezki mit der Kamera anstellt, grenzt an Zauberei. Wie schon in Gravity tanzt sie und fliegt, wechselt schnittlos zwischen Nähe und Ferne, als wäre sie keinerlei materiellen Beschränkungen mehr unterworfen. Die Wirkung ist atemberaubend. Noch nie war  man dem Geschehen so nah. Die Eröffnungssequenz, als die Kamera, unterlegt mit feinsten Geräuschmodulationen,  überfluteten Waldboden abfliegt, erinnert in ihrer sinnleeren Intensität an manche Passagen aus Tarkowskijs Nostalghia. Die Wucht des Bärenangriffs ist beinahe körperlich zu spüren. Die Leiden des Überlebensmonsters Glass, untermalt von seinem keuchenden, hechelnden, rasselnden Atem, brennen sich in den Erfahrungsschatz des Betrachters. Was stört da das Fehlen konventioneller Dramaturgie? Im Gegenteil ist es die Voraussetzung für eine neue Art filmischer Freiheit.

Bleibt die Frage, ob das ein ‘großer’ Film ist. Okay, The Revenant hat Längen, und einige der Zwischenschnitte hätte mal wohl auch streichen können. Drei Oskars für Regie, Kamera und Hauptdarsteller sagen trotzdem ja. Ich auch.

 

The Revenant
Regie: Alejandro Innáritu

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