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Neroli für Schreibtischtäter

Sie schnuppern an fauligen Äpfeln (Schiller), schnupfen Kokain (Sigmund Freud), schütten Alk in sich hinein (Hemingway) oder streicheln zwanghaft ihre Katze (‚Gott schuf die Katze, damit der Mensch einen Tiger zum Streicheln hat‘ – Victor Hugo). Von weniger prominenten Schreibkräften ist bekannt, dass sie übermäßigem Kaffeegenuss verfallen sind oder die Gummibärchen gleich kiloweise kaufen.

Nachdem ich vom Rauchen aufs elektrische Dampfen umgestiegen bin, wähnte ich mich bei der Bildschirmarbeit weitgehend lasterfrei – bis mir die Statistik meines Mediaplayers ins Auge fiel. Über 1500mal Brian Enos Neroli in etwa vier Jahren, das ist nicht nur rekord-, sondern auch suchtverdächtig.

Neroli ist die Bezeichnung eines Pflanzenöls, das aus der Pomeranze gewonnen und dessen Duft bei Wikipedia als ‚zart-blumig, frisch, süß, strahlend, lieblich‘ bezeichnet wird. Bei Brian Eno ist es eine Wolke warmer, verhallter Klänge, die gemächlich aufeinanderfolgen und sich zu fast spannungslosen Phrasen reihen, eine Stunde lang. An Langsamkeit wird die Entwicklung allenfalls noch von der Aufführung von John Cages Orgelstück ORGAN2/ASLSP  in Halberstadt überboten, die, wenn alles gutgeht, im Jahr 2639 ihr Ende finden wird.

Kaum anzunehmen, dass jemand sich dieses Stück mit der gleichen ungeteilten Aufmerksamkeit zu Gemüte führt wie eine CD etwa von Brad Mehldau oder Bach. Klar, es ist eben Ambient; für mich ein warmer Klangteppich, der viel Raum lässt für Konzentration, der meine entropisch divergierende Aufmerksamkeit fokussiert und mein Beinezappeln besänftigt. Sollten nicht fiese hypnotische Botschaften in den Tonfolgen versteckt sein, die erst bei längerem (sagen wir, fünftausendfachem) Einwirken wirksam werden, ist das Stück die perfekte Arbeitsdroge, da nebenwirkungsfrei – immer wieder verwendbar und mit bestem Gewissen weiterzuempfehlen..

Neroli