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Auslöschung – der Film

Nichts birgt so illustres Grauen, aber auch so viel Wunderbares wie das Ungewisse. Gibt es nichts zu wissen und fehlt die Gewissheit, dringt die Fantasie in das Vakuum ein, das Unbewusste beginnt zu wuchern. Im Unbestimmten lockt die Verheißung, und gleich daneben lauern die Monster. Sie deuten sich an, sie drohen – und entziehen sich.  Sie lassen sich nicht beschreiben, nicht packen und schon gar nicht besiegen. Treten sie hervor, fällt der abgründige Schrecken meist von ihnen ab, und manche erleiden gar das Schicksal der Lächerlichkeit – kaum etwas ist alberner und kann distanzierter begafft werden als die Städte zerstörenden umhertapernden Godzillas, selbst dann, wenn sie so detailgenau ausgemalt sind wie bei Roland Emmerich – vielleicht gerade dann. Da schmeckt das Popcorn, und allenfalls das Gelächter schnürt einem die Kehle zu. Manchmal ist weniger eben mehr. Das im Abfluss kreiselnde Blut der Dusch-Szene in Psycho ist wirkungsvoller, als jede Großaufnahme der Stichverletzungen es je sein könnte. Ein Rascheln im Gebüsch, ein Schatten vor dem Fenster kann mehr bewirken als eine ausmalte Metzelei.

VanderMeers Area-X-Trilogie (Auslöschung, Autorität, Akzeptanz) ist eines jener Werke, die den Imaginationsapparat auf Hochtouren bringen. Ausgehend von einem Leuchtturm irgendwo an einem amerikanischen Strand hat sich eine Zone mit merkwürdigen Phänomenen herausgebildet. Die räumlich scharf definierte Zone dehnt sich immer weiter aus. Wer die Grenze überquert, verliert das Zeitgefühl und meist auch den Verstand. Irgendetwas ist in der Zone mit der Natur im Gange, anscheinend finden dort die erstaunlichsten Mutationen statt. Dort wohnt das elementar Fremde. Obwohl die Southern-Reach-Behörde keinen wissenschaftlichen Aufwand scheut und immer wieder aufs Neue Expeditionen in die Zone schickt, sind kaum Fortschritte zu verzeichnen. Die meisten Expeditionsteilnehmer kehren nicht zurück, und die wenigen, die irgendwann in der Nähe ihres alten Zuhauses aufgegriffen werden, können sich kaum mitteilen und siechen im Isolationstrakt von Southern Reach dahin, bis sie sterben. Die wenigen Relikte, die geborgen werden, liefern kaum Aufschluss. Die Technik versagt, die Erklärungsversuche versanden. VanderMeer erweist sich als Meister des Vagen und der Andeutung. Unverfilmbar, hätte ich gesagt. Alex Garland hat sich dennoch an dem Stoff versucht.

Im Film heißt die namenlose Biologin Lena (Natalie Portman). Ihre Fünf-Frauen-Expedition ist die zweite, nicht die zwölfte wie im Buch. Die Zone tritt detailgenau hervor, in Form floraler Wucherungen und mutierter Tiere. Die Monster klagen nicht mehr unsichtbar im Schilf, sondern holen sich ihre Opfer. Statt Bergen von Tagebüchern haben die Vorgänger Speicherchips mit Videos hinterlassen. Klar, ein Film muss etwas zeigen. Doch in diesem Fall bleibt nicht nur die Abgründigkeit der Buchvorlage auf der Strecke. Das Drehbuch rafft und komprimiert und deutet so rigoros um, dass man statt von einer Buchverfilmung vielleicht eher von einem Film ‘nach Motiven von’ sprechen sollte.  Dabei ist Auslöschung (mit Abstrichen am Ende) ein optisch weitgehend gelungener, schauspielerisch überzeugender, atmosphärisch dichter Film. Besonders hervorzuheben ist das Leitmotiv der Zellteilung, das in Form visueller Dopplungen allgegenwärtig ist – die rasende Evolution, sichtbar gemacht. Das ist nicht ohne Raffinesse. Letztlich aber scheitert der Film an der Buchvorlage. Das Geheimnis von Area X hält der filmischen Konkretisierung nicht stand, und die Frage, die sich wie ein roter Faden durch VanderMeers Trilogie zieht – Wie verhalten wir uns gegenüber einem evolutionären Wandel, der möglicherweise unsere Auslöschung verlangt? – tritt in den Hintergrund.  Verwunderlich ist das nicht, denn der vielschichtige, vieldeutige Stoff hätte nach einer Serie verlangt. Deshalb kann sich Auslöschung auch nicht, wie von manchen Jubelkritikern behauptet, in die Riege der großen Genreklassiker einreihen, die von Tarkowskijs Solaris, über Kubricks 2001 bis zu Ridley Scotts Blade Runner reicht.

Somit bleibt eine gewisse Enttäuschung, die nicht zuletzt dem uninspirierten und allzu ‘runden’ Schluss geschuldet ist, der die Aussage der Buchtrilogie nicht bloß vereinfacht, sondern quasi in ihr Gegenteil verkehrt. Umso merkwürdiger erscheint die Kontroverse, die sich die beiden Produzenten um den Film geliefert haben. Dem Regisseur ist indes hoch anzurechnen, dass er sich der geforderten Bearbeitung verweigert hat. Daraufhin stoppte Paramount die globale Veröffentlichung. Die Begründung lautete, der Film sei zu kompliziert und zu intellektuell und werde deshalb vom Publikum abgelehnt werden. Um die befürchteten Verluste zu begrenzen, wurde er für 25 Millionen Dollar an Netflix verhökert. Im Kino zu sehen ist der Film nurmehr in den USA, Kanada und China. Für die Zukunft des Kinos lässt das Schlimmes erwarten.

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Auslöschung

Film von Alex Garland
nach einer Buchvorlage von Jeff VanderMeer


Jeff VanderMeer: Akzeptanz

Als technische Mittel noch eine knappe Ressource und die Moralvorstellungen strenger waren, hieß es, aus der Not eine Tugend machen. Ein Kuss und eine Abblende reichten aus, um eine leidenschaftliche Begegnung anzudeuten, ein Schatten vor dem Fenster oder ein Huschen am Rande des Gesichtsfelds erzählten das Grauen. Den Rest steuerte die Fantasie bei. Offenbar hat das gut funktioniert. Zu meinen erotischsten Filmerinnerungen gehört die Szene, als Lauren Bacall dem verdutzten Humphrey Bogart in To Have and Have Not das Prinzip des Pfeifens erklärt: You just put your lips together and … blow. Die porentief ausgeleuchteten Umarmungen des Gegenwartskinos verblassen neben der ironischen Anzüglichkeit dieser Szene.

Für das Spiel mit der Angst gilt das Gleiche. Materialisiert sich der Schrecken, wird er erklärt und in Gänze gezeigt, verflüchtigt sich der makabere Zauber. Wir blicken den modernen Monstern tief in die Augen, sehen jede Schuppe, jedes Haar, jeden Geiferfaden scharf gezeichnet, doch statt Grausen lösen sie allzu oft Gelächter aus. Die Detailbesessenheit ihrer Schöpfer gibt sie der Lächerlichkeit preis.

Auch im dritten und letzten Band tappt VanderMeer nicht in die Falle, zu viel zu zeigen, obwohl er das Phänomen Area X aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet und zahlreiche Elemente der ersten beiden Bände in einen Zusammenhang bringt. So wird aus der Perspektive der Direktorin die Vorbereitung der zwölften Expedition geschildert, von der der erste Band der  Trilogie erzählt. Neben der Auseinandersetzung mit den Abgründen der übergeordneten Organisation Central stehen die Erlebnisse im Vordergrund, die sie bei einem verbotenen Ausflug in die Zone selbst gesammelt hat.

Der vielleicht interessanteste Erzählstrang indes ist Saul, dem Leuchtturmwärter, gewidmet, der die Entstehung von Area X aus nächster Nähe miterlebt. Früher einmal war er Prediger, jetzt führt er ein einfaches Leben, das sich weitgehend auf Naturbeobachtungen und die Wartung des Leuchtturms beschränkt. Das Gleichmaß seiner Tage wird gestört durch das Auftauchen der Séance & Science Brigade, die sich mit der Erforschung wissenschaftlicher und okkulter Phänomene befasst.   Aus irgendeinem Grund bestehen sie darauf, mit behördlicher Genehmigung immer neue Messungen am Leuchtturm vorzunehmen. Währenddessen kommt es nach und nach zu Brüchen im Alltag Sauls, ein Prozess, den VanderMeer mit beklemmender Eindringlichkeit schildert und der mit der Entstehung der ‘Grenze’ endet, die alle Bewohner des vergessenen Küstenabschnitts von der Außenwelt isoliert.

Der dritte Erzählstrang schließt unmittelbar an das Ende des zweiten Bands an. Control, der Direktor  der Forschungsstation Southern Reach, und Ghostbird,  die Kopie der Biologin, die an der im ersten Band geschilderten zwölften Expedition teilgenommen hat, sind über einen ‘Tunnel’ in die Zone gelangt. Auf der Insel begegnen sie Grace, der Überlebenden einer früheren Expedition, und dringen schließlich in die ‘topographische Anomalie’ ein,  wiederkehrendes Motiv und geheimnisvolles Gegenstück des Leuchtturms. Hier begegnen sie nicht nur dem verwandelten Leuchtturmwärter in der Gestalt des ‘Crawlers’, sondern kommen dem Geheimnis von Area X so nahe, wie es näher wohl nicht geht. In einigen Rezensionen ist zu lesen, das Geheimnis der Zone werde nicht erklärt. Das stimmt so nicht. Allerdings ist die ‘Erklärung’ so phantastisch und den gewöhnlichen Erfahrungs- und Erkenntniskategorien so weit entrückt, dass sie von den zahllosen Theorien und Hypothesen, die von den Wissenschaftlern der Forschungsstation hervorgebracht werden, kaum zu unterscheiden ist. Und wo es keine Aneignung oder Unterwerfung geben kann, bleibt vielleicht wirklich nur: Akzeptanz.

VanderMeer entwirft das hochkomplexe, vielschichtige Bild von etwas fundamental Fremdem, das sich unserem Begreifen grundsätzlich entzieht, und beschwört es mit seiner bei aller Opulenz nuancenreichen, bildhaften Sprache in immer neuem Licht. Die Southern Reach Trilogie bietet ein großartiges Leseabenteuer jenseits vertrauter Pfade.

 

Jeff VanderMeer
Akzeptanz, Roman

aus dem Englischen von Michael Kellner
A. Kunstmann 2015

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