Archiv der Kategorie: Film

True Detective – Staffel 3

Schwer von Hitze und Staub und beißend von Schweiß ist die Luft im Südstaatenkaff West Finger, Arkansas. Whiskybrauner Dunst liegt über den Bildern. Zwei Kinder fahren mit dem Fahrrad zum Spielen. Abends kehren sie nicht zurück. Bald darauf wird der Junge tot aufgefunden, das Mädchen bleibt verschwunden. 

Wayne Hays (Mahershala Ali) und Roland West (Stephen Dorff) ermitteln, beide abgebrühte Bullen, infiziert von der Schwermut der Landschaft. Geistesblitze sind ihre Sache nicht. Ihre Unterhaltungen sind lakonisch und so träge wie ihre Bewegungen, langsame Erkundungen einer inneren Leere, die sie mit vielen der Looser und Durchhalter teilen, denen sie begegnen, und in der sie nach Sinn schürfen wie Goldsucher am falschen Claim.  Bei ihrer Arbeit sind sie stur wie Esel und verbeißen sich in den Fall, der sie ein Leben lang begleiten, fordern und immer wieder enttäuschen soll. Dabei gehen sie alles andere als zimperlich vor. So kann es schon mal vorkommen, dass ein Verdächtiger zu einer abgelegenen Scheune gebracht und weichgeklopft wird. Einmal kommt jemand dabei zu Tode. Wenig später stehen sie im Wald und schaufeln ein Grab. Ihr Ethos ist archaischer als das Gesetz  erlaubt und wurzelt in den blutigen amerikanischen Mythen. Damit ist das Motiv der Zeitlosigkeit gesetzt, und dem entspricht die Erzählweise der Staffel, die auf drei Zeitebenen spielt: 1980, 1990 und 2015. Die Verknüpfung der Ebenen erzeugt eine faszinierende Parallelität der Ereignisse: der Anfang steht neben dem Ende, der Aufbruch neben dem Scheitern, die Vergangenheit kommentiert die Gegenwart und umgekehrt.

Erzählt wird von der konfliktreichen Liebe des farbigen Wayne zu einer Lehrerin, die er heiratet und wieder verliert, und von der Freundschaft der beiden Polizisten, die sich annähern, zerstreiten und wiederfinden. Auf der ersten Zeitebene wird der falsche Mann erschossen und posthum des Mordes an den beiden Kindern schuldig gesprochen. Auf der zweiten Ebene wird der Fall wieder aufgenommen, als nach einem Supermarktüberfall Fingerabdrücke des tot geglaubten Mädchens gefunden werden. Auf der dritten Ebene wird der Fall gelöst. Wayne leidet da bereits an Alzheimer, Roland ist zum trinkenden Einsiedler geworden. Dennoch raffen sie sich noch einmal auf, nicht zum letzten Gefecht, sondern zum Versuch, ihrem Leben am Ende doch noch eine Geschichte abzuringen, die im Nachhinein einen verborgenen Sinn enthüllt. Was sie stattdessen finden, ist die Wahrheit, die sich als Enttäuschung entpuppt. Aber das ist noch nicht alles.

Überhaupt sei jeder, der sich an der bedächtigen Erzählweise stören mag, auf die achte und letzte Folge verwiesen. Wie  die drei Erzählebenen der Serie sich hier verweben, als sollte die Linearität der Zeit ad absurdum geführt werden, wie abgrundtiefe Desillusionierung und hoffnungsloses Scheitern konterkariert werden durch eine Wendung, die so märchenhaft wie selbstverständlich ist, und wie sich die Möglichkeit des Glücks gleich wieder verflüchtigt, ist schauspielerisch grandios verkörpert und meisterhaft umgesetzt. Wer hier keine Tränen vergießt, wem nicht der Atem stockt und wer nicht in stillen Jubel ausbricht über diesen Triumph des filmischen Erzählens, sollte dazu verdonnert werden, fünf Marvel-Adaptionen hintereinander zu gucken – ohne Popcorn und ohne Pause.

Die Staffel im Stream unter anderem bei Sky Ticket und Amazon.

True Detective TV show on HBO: season 3 ratings (canceled or renewed season 4?)True Detective – Staffel 3

Serie von Nic Pizzolatto

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Der Pass – Der Krampus geht um

Die Konstellation ist nicht neu: Da treibt ein Serientäter sein Unwesen, um seiner wahnhaften Privatideologie mit aufwändig inszenierten Morden Aufmerksamkeit zu verschaffen, und ein dysfunktionales Ermittlerteam hechelt den Untaten hinterher, nimmt allerlei falsche Verdächtige ins Visier, folgt mäandrierenden Spuren und bringt den Täter schließlich zur Strecke – oder auch nicht.

Angelehnt ist Der Pass an Die Brücke, eine der besten Serien, die im deutschen Fernsehen zu sehen waren. Die Brücke  war  angesiedelt in der Öresund-Region, das schwedisch-dänische Ermittlerteam hatte es zunächst mit zwei Toten zu tun, deren abgesägte Hälften mitten auf der Staatsgrenze zu einem neuen Ganzen zusammengefügt waren. Vor allem Kommissarin Saga Norén (Sofia Helin) mit ihrem Asperger-Syndrom nahm den Zuschauer dermaßen für sich ein, dass er bereit war, ihr in die schauerlichsten Abgründe der Ermittlung  hinab zu folgen. Der Pass  spielt nun in den Alpen im Grenzgebiet von Deutschland und Österreich, und das Ermittlerteam ist so zu sagen spiegelverkehrt aufgestellt. Die deutsche Kommissarin Ellie Stocker (Julia Jentsch) ist die Normalo, der österreichische Kommissar Gedeon Winter (Nicholas Ofczarek) gibt den Freak. In die Provinz strafversetzt, erfüllt er seine Ermittlerpflicht mehr als unwillig. Wenn er morgens mit Kokskater auf dem Boden erwacht und sich mit fettigem Haar und zerknautschten Klamotten zur Arbeit schleppt, ist seine Stimmung erwartungsgemäß grantig. Das Österreichische, das noch dem argsten Schmäh widerborstigen Charme verleiht, passt ihm wie der Wurst die Pelle. Am Tatort bleibt er lieber im Auto sitzen und überlässt seiner ehrgeizigen deutschen Kollegin die Besichtigung des ersten Opfers, das, wenig überraschend, auf einem Grenzstein kniend gefunden wird. Erst als weitere Morde folgen, erwacht allmählich sein Interesse, und das Teambuilding kann beginnen.

Manches an Der Pass ist Variante, einiges wie die Schwangerschaft der Kommissarin wirkt aufgesetzt und überflüssig, dennoch ist die Serie unbedingt sehenswert. Das liegt nicht nur an der fantastischen Kulisse, nämlich der verschneiten Berglandschaft mit ihren dunklen Tälern und archaischen Bräuchen, der Musik von Hans Zimmer und den schauerlichen Krampusmasken, derer sich der Täter bedient, sondern vor allem an der filmischen Erzählweise.  Philip Peschlow hat hier hervorragende Kameraarbeit geleistet, die einhergeht mit einer komplexen Erzählweise  samt Vor- und Rückblenden, Szenen mit abgeblendetem Ton und atmosphärisch dichten Bildern, die der Imagination des Betrachters Raum geben.  Ganz schön dreist, dass ab Folge 3 der Täter dem Zuschauer bekannt ist. Der Spannung tut es keinen Abbruch. Sky hat Das Boot  versemmelt, aber mit Der Pass  fast alles richtig gemacht. Hier stimmt so gut wie jede Einstellung, und herausgekommen ist eine Serie, die ihrem Vorbild Die Brücke anders als das amerikanische Remake keine Schande macht. 

Zu sehen ist Der Pass derzeit auf Sky und bei Skyticket.

Krampus

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The Crown

In meiner Kindheit waren die Erzeugnisse des Klatschpresse allgegenwärtig – Gala, das Neue Blatt, die Bunte und wie sie alle hießen. Dies war die Lektüre meiner Mutter. Die Welt der prächtigen Kleider und schönen Frauen, der großen und kleinen Skandale und der heilen, wenn auch stets gefährdeten Familienwelt waren ihr zweites Zuhause. Ich nehme an, dass ich als Kind in den einschlägigen Zeitschriften geblättert habe wie in bunten Bilderbüchern. Später entwickelte ich eine hochmütige Abneigung gegen die Yellow Press, die mich freilich nicht daran hinderte, bei Arztbesuchen meiner Sitznachbarin im Wartezimmer neugierig und nicht immer dezent in die Schmuddellektüre zu linsen. Die Männer bevorzugten ja den Spiegel oder Auto, Motor und Sport.

Der frühen Antiprägung ist es geschuldet, dass ich erst jetzt auf die wunderbare Serie The Crown aufmerksam geworden bin. Mit geschätzten achtzig Millionen Dollar Produktionskosten allein für die erste Staffel ist sie eine der teuersten Eigenproduktionen von Netflix, und das sieht man ihr an. Die Kostüme sind fabelhaft, die Schauplätze (die Kathedrale von Ely statt Westminster Abbey, Lancaster House statt Buckingham Palace) machen die Originale vergessen, Licht und Regie sind makellos. Der englische Cast, allen voran Claire Foye als Elizabeth II., ist umwerfend. Und die Musik (Filmmusik von Hans Zimmer) macht mächtig Lust auf einen Konzertabend.

Im Mittelpunkt von The Crown steht Elizabeth II., deren gesamte Regentschaft die Serie einmal abbilden soll, mit jeweils zehn Regierungsjahren pro Staffel. Die Handlung beginnt mit der Vermählung mit Prinz Philipp und einer fotogenen Rundreise durch den Commonwealth, die allerdings schon in Kenia abrupt endet, da Elizabeths Vater, König George VI., verstorben ist.  Was zunächst wie eine Fortsetzung von Downton Abbey beginnt, bekommt auf einmal Tragik und Tiefe. Ja, es geht Bildergebnis für the crownum prachtvolle Roben, scharf gebügelte Hosen und vollendet geknotete Krawatten, um Snobismus und Dünkel, Liebe und Leidenschaft, Intrige und Politik. Schon bald aber kristallisiert sich heraus, dass das eigentliche Drama der Konflikt zwischen Institution und Individuum ist, ein Spannungsverhältnis, das prägend war für das zwanzigste Jahrhundert. Wie Elizabeth zunächst zaghaft aufbegehrt und sich letzten Endes doch den Regeln unterwirft, ist schmerzhaft anzusehen. Nicht nur sie und vor allem ihr Mann Philipp stellen sich die Frage, was den Wert der konstitutionellen Monarchie ausmacht und was sie den Protagonisten abverlangen darf. Wer Westminster Abbey besucht und vor Parlament und Buckingham Palace gestanden hat, der spürt, welche Kraft diese Institution noch heute hat. Elizabeths Antwort fällt, wie bekannt, eindeutig aus, und so ist in den bislang vorliegenden zwei Staffeln ihre Verwandlung in einen Menschen zu besichtigen, dem die Rolle zur Identität wird.

Erst der zeitgeschichtliche Hintergrund machte die Serie wahrhaft faszinierend. Die zweite Amtszeit des 83jährigen Winston Churchills und sein Kampf gegen den Verfall, der in der symbolträchtigen Zerstörung des im Auftrag des Kabinetts gemalten Porträts von Sutherland seinen ohnmächtigen Höhepunkt findet, eröffnet die Parade der historischen Ereignisse. Die (mir bislang unbekannte) Londoner Smogkatastrophe  von 1952, die Profumo-Affäre unter Premierminister Macmillan, die Veröffentlichung der Marburg-Papiere, welche die  Nazi-Verstrickung des abgedankten Königs Edward belegen, und Kennedys Ermordung – dies alles passiert in den ersten zwanzig Folgen Revue und macht Lust auf die weiteren Staffeln dieser herausragenden Serie. Und die persönlichen Dramen und Intrigen, Prinzessin Margrets Beziehung zum verheirateten Oberst Townsend und Prinz Philipps Affären? Ich sage nur: Shakespeare.

Bildergebnis für the crown staffel 1The Crown

Serie von Peter Morgan

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Strike – Schlag ins Leere

Hitzewatte im Kopf. BBC-Krimiserie Strike geguckt. Autorin der Buchvorlage ist immerhin Erfolgsautorin J. K. Rowling. Aber: o je.

Privatdetektiv Cormoran Strike ist ein kriegsversehrter Knuddelbär, Assistentin Robin zum Anbeißen süß, aber verlobt mit einem Langeweiler (macht irgendwas mit Banken).  Die Handlung schleppt sich so betulich wie ein Krimi von Agatha Christie. Die drei Fälle papierene Konstrukte, die Motive hanebüchen. Die Überraschung: als eine Straßenhure einen Handjob für fünf Pfund anbietet. Das Spannungselement: ob Cormoran und Robin einander kriegen. Man spürt die Absicht: kein Zynismus, keine Gewaltorgien – die klassische Detektivgeschichte soll es sein, elegant und humorvoll. Doch die Geschichten zünden nicht, nirgends. Dann naht endlich das Ende. Robin steht mit dem, der was mit Banken macht, vor dem Traualter. Cormoran rast mit dem Auto heran, eilt humpelnd zur Kirche. Der Film zitiert das Finale der Reifeprüfung! Cormoran wird Robins fades Schicksal wenden! Da wirft er auch schon eine Blechvase um. Alle Blicken richten sich auf ihn, auch Robins. Doch anstatt in die Arme ihres Retters zu stürzen, lächelt sie und spricht: Ja, ich will. Ätsch! Die Autorin dreht mir und Cormoran und Robin eine lange Nase! Es war gar kein Zitat, es war eine Variante. Man könnte auch sagen: ein Schlag ins Leere. Oder positiv formuliert: Bei drohendem Hitzekoller kann diese Serie eine Valium überflüssig machen.

Nachtrag: Der erste Teil der Strike-Serie wurde unter Pseudonym veröffentlicht. Es heißt, es wurden lediglich 1200 Exemplare verkauft. Erst als Rowlings Pseudonym gelüftet war, wurde ein Bestseller draus.

Bildergebnis für strike serieStrike
Serie nach Buchvorlagen von J. K. Rowling

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Three Billboards Outside Ebbing, Missouri

In Ebbing, Missouri, scheint die Zeit stehengeblieben. Ein trügerisch goldenes Licht liegt über diesem amerikanischen Süden. Farbige und Schwule sind immer für eine Zote gut, die Cops glauben, sie hätten das Recht gepachtet, in der Kneipe wird gesoffen und Billard gespielt wie eh und je, und Wähler der Demokraten kann man mit der Lupe suchen – Trump Country. Hier gilt die Moderne als Bedrohung  und mit ihr alles, was Veränderung bedeuten könnte.

In gewisser Weise gilt dies sogar für Mildred Hayes, gespielt von der wunderbaren Frances McDormand, die hier (wie auch in dem ebenfalls mehr als sehenswerten Drama Olive Kitteridge) wieder einmal in ihrer Paraderolle zu sehen ist. Mildred hat das Leben übel mitgespielt: Erst hat ihr prügelnder Ehemann sie wegen eines hübschen Dummchens verlassen, dann wurde ihre Tochter vergewaltigt und verbrannt. Die Polizei hat die Ermittlungen längst ergebnislos eingestellt. Da kommt Mildred auf die Idee, drei Werbetafeln anzumieten, die titelgebenden Billboards, darauf drei schlichte Sätze:  ‘Raped While Dying’, ‘Still No Arrests?’ und ‘How come, Chief Willoughby?’ Das  missfällt nicht nur dem verantwortlichen Chief. Auf einmal ist die geliebte Friedhofsruhe in Gefahr.

Während Mildred dem sozialen Druck mit sturköpfiger Beharrlichkeit widersteht, werden die drei Billboards zum Katalysator, der erst die den Verhältnissen innewohnende Brutalität sichtbar macht und sie dann auseinanderbricht. Dieser Prozess wird in glasklaren Bildern als stilles, gleichwohl atemberaubendes Schauspiel erzählt. Wenn ein Gegner zum heimlichen Unterstützer wird, wenn der schlimmste aller Cops sich am Ende zusammenschlagen lässt, um an die DNA des vermeintlichen Täters zu gelangen, meint man, kleinen und größeren Wundern beizuwohnen. Dabei haben die Wandlungen und Wendungen nichts Märchenhaftes an sich. Alles ist in den Figuren angelegt und entfaltet sich folgerichtig. Dass damit auch die Sichtweisen des Zuschauers hinterfragt und seine Erwartungen gesprengt werden, ist mit ein Grund für die enorme emotionale Wirkung des Films. 

Man möchte Three Billboards als Therapie für die amerikanische Krankheit empfehlen, doch um für Medizin empfänglich zu sein, bedarf es der Einsicht der Betroffenen. Es ist halt nur ein Film.  Aber ansehen sollte man ihn.

Three Billboards Outside Ebbing, Missouri

Regie: Martin McDonagh

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The Terror – Verschollen im Eis

Am 19. Mai 1845 brach der Polarforscher John Franklin im fortgeschrittenen Alter von fast 60 Jahren auf der Suche nach der Nordwestpassage zu seiner letzten Expedition auf. Die beiden Schiffe Erebus (benannt nach dem Gott der Finsternis) und Terror waren von modernster Bauart und verfügten zusätzlich zu den Segeln über einen Schraubenantrieb, der sie zu Eisbrechern machen sollte. Nördlich der King-William-Insel blieben sie jedoch kurz vor dem Ziel im Packeis stecken und wurden nach der zweiten Überwinterung aufgegeben. Die Männer versuchten, sich zu Fuß in Sicherheit zu bringen, doch kein einziger überlebte.

Sten Nadolny hat Franklin in seinem 1983 erschienenen Roman Die Entdeckung der Langsamkeit ein literarisches Denkmal gesetzt. Während Nadolny Franklins Leben in den Blick nimmt und dessen titelgebende ‘Langsamkeit’ als prägendes Persönlichkeitsmerkmal herausdestilliert,  ist der Blick der Serie weit enger. Zu besichtigen ist eine klaustrophobische Versuchsanordnung, in deren Enge sich der kulturelle Firnis auflöst. Darunter kommen Anarchie und Schrecken (Terror) zum Vorschein. Zu Beginn herrschen noch Ordnung und Disziplin. Die adretten Uniformen der Polarabenteurer und die zackig ausgeführten Befehle korrespondieren mit den in warmes Licht getauchten Rückblenden, die Franklin und den zweiten Kapitän Francis Crozier in üppig ausgestatteten Räumen zeigen – im warmen Schoß der Zivilisation. Einen Moment lang scheint es so, als lasse sich die Welt der funktionierenden Konventionen und der geschmierten Technik in den Kokon der Schiffe übertragen. Doch schon bald zeigt sich, wohin die Reise geht, beziehungsweise wo sie endet. In einer der stärksten Szenen lässt sich ein Mann, gehüllt in einen monströsen Bildergebnis für the terror serieTauchanzug, ins Wasser abseilen, um die festgefahrene Schiffsschraube von Eis zu befreien. Im Gegenschnitt sieht man dem Bordarzt bei einer Autopsie zu. Arzt und Taucher dringen in diesem Moment, jeder auf seine Weise, unter eine Oberfläche vor, die dem Blick aus gutem Grund Grenzen setzt, denn dahinter lauert das Grauen. Bald bricht es sich Bahn; angesichts zur Neige gehender Vorräte und schwindender Hoffnung löst sich die Ordnung auf, die Menschen werden im Überlebenskampf zu Bestien. Interessanterweise projizieren sie die Angst, die sie mit gutem Grund vor Ihresgleichen haben sollten, nach außen. So wird der Eisbär, der den Erkundungstrupps zu den Schiffen folgt, in den Augen der Engländer – und in denen der Zuschauer – zu einem Monster, einer Nemesis, dem Symbol des Schreckens, der sich vor dem Unschuldsweiß der Polarwelt entfaltet, die mit ihren Eiskonfigurationen wohl nicht zufällig immer wieder an Caspar David Friedrichs Bild ‘Eismeer’, das den populären Namen ‘Die gescheiterte Hoffnung’ trägt.

Das klingt nach einer Superserie, und die hätte es auch werden können. Allein, sie ist es nicht. Das Grauen bleibt Behauptung, das Monster sieht aus wie ein Mensch in Eisbärkostüm – Horror Fehlanzeige. Und irgendwie nimmt man dem Film die Arktis nicht ab. Die Innenräume des Schiffes dünsten keinen Gestank aus, mit den im Styroporeis umherstapfenden Männer hat man vor allem deshalb Mitleid, wie sie für die vermutlich muggelige Wärme der ungarischen Studios, in denen die Serie entstanden ist, zu warm bekleidet sind. Da helfen auch die rot geschminkten Gesichter nicht. Unglaubwürdig ist die Szenerie auch deshalb, weil der Atem der Akteure nicht dampft – durchaus kein unwesentliches Detail. Das wird besonders deutlich, wenn in einer in England spielenden Szene, die wohl im Winter gedreht wurde, deutlich Atemwolken zu sehen sind. Trotz der guten Schauspielerleistung – besonders erwähnenswert Jared Harris als Captain Francis Crozier und Paul Ready als Schiffsarzt Dr. Henry Goodsir – folgt man den Akteuren deshalb eher distanziert in ihr Verderben. Trotzdem lohnt es sich, bis zum bitteren Ende durchzuhalten, denn das Schlussbild ist grandios.

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The Terror

Serie bei Amazon
nach einem Roman von Dan Simmons

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Auslöschung – der Film

Nichts birgt so illustres Grauen, aber auch so viel Wunderbares wie das Ungewisse. Gibt es nichts zu wissen und fehlt die Gewissheit, dringt die Fantasie in das Vakuum ein, das Unbewusste beginnt zu wuchern. Im Unbestimmten lockt die Verheißung, und gleich daneben lauern die Monster. Sie deuten sich an, sie drohen – und entziehen sich.  Sie lassen sich nicht beschreiben, nicht packen und schon gar nicht besiegen. Treten sie hervor, fällt der abgründige Schrecken meist von ihnen ab, und manche erleiden gar das Schicksal der Lächerlichkeit – kaum etwas ist alberner und kann distanzierter begafft werden als die Städte zerstörenden umhertapernden Godzillas, selbst dann, wenn sie so detailgenau ausgemalt sind wie bei Roland Emmerich – vielleicht gerade dann. Da schmeckt das Popcorn, und allenfalls das Gelächter schnürt einem die Kehle zu. Manchmal ist weniger eben mehr. Das im Abfluss kreiselnde Blut der Dusch-Szene in Psycho ist wirkungsvoller, als jede Großaufnahme der Stichverletzungen es je sein könnte. Ein Rascheln im Gebüsch, ein Schatten vor dem Fenster kann mehr bewirken als eine ausmalte Metzelei.

VanderMeers Area-X-Trilogie (Auslöschung, Autorität, Akzeptanz) ist eines jener Werke, die den Imaginationsapparat auf Hochtouren bringen. Ausgehend von einem Leuchtturm irgendwo an einem amerikanischen Strand hat sich eine Zone mit merkwürdigen Phänomenen herausgebildet. Die räumlich scharf definierte Zone dehnt sich immer weiter aus. Wer die Grenze überquert, verliert das Zeitgefühl und meist auch den Verstand. Irgendetwas ist in der Zone mit der Natur im Gange, anscheinend finden dort die erstaunlichsten Mutationen statt. Dort wohnt das elementar Fremde. Obwohl die Southern-Reach-Behörde keinen wissenschaftlichen Aufwand scheut und immer wieder aufs Neue Expeditionen in die Zone schickt, sind kaum Fortschritte zu verzeichnen. Die meisten Expeditionsteilnehmer kehren nicht zurück, und die wenigen, die irgendwann in der Nähe ihres alten Zuhauses aufgegriffen werden, können sich kaum mitteilen und siechen im Isolationstrakt von Southern Reach dahin, bis sie sterben. Die wenigen Relikte, die geborgen werden, liefern kaum Aufschluss. Die Technik versagt, die Erklärungsversuche versanden. VanderMeer erweist sich als Meister des Vagen und der Andeutung. Unverfilmbar, hätte ich gesagt. Alex Garland hat sich dennoch an dem Stoff versucht.

Im Film heißt die namenlose Biologin Lena (Natalie Portman). Ihre Fünf-Frauen-Expedition ist die zweite, nicht die zwölfte wie im Buch. Die Zone tritt detailgenau hervor, in Form floraler Wucherungen und mutierter Tiere. Die Monster klagen nicht mehr unsichtbar im Schilf, sondern holen sich ihre Opfer. Statt Bergen von Tagebüchern haben die Vorgänger Speicherchips mit Videos hinterlassen. Klar, ein Film muss etwas zeigen. Doch in diesem Fall bleibt nicht nur die Abgründigkeit der Buchvorlage auf der Strecke. Das Drehbuch rafft und komprimiert und deutet so rigoros um, dass man statt von einer Buchverfilmung vielleicht eher von einem Film ‘nach Motiven von’ sprechen sollte.  Dabei ist Auslöschung (mit Abstrichen am Ende) ein optisch weitgehend gelungener, schauspielerisch überzeugender, atmosphärisch dichter Film. Besonders hervorzuheben ist das Leitmotiv der Zellteilung, das in Form visueller Dopplungen allgegenwärtig ist – die rasende Evolution, sichtbar gemacht. Das ist nicht ohne Raffinesse. Letztlich aber scheitert der Film an der Buchvorlage. Das Geheimnis von Area X hält der filmischen Konkretisierung nicht stand, und die Frage, die sich wie ein roter Faden durch VanderMeers Trilogie zieht – Wie verhalten wir uns gegenüber einem evolutionären Wandel, der möglicherweise unsere Auslöschung verlangt? – tritt in den Hintergrund.  Verwunderlich ist das nicht, denn der vielschichtige, vieldeutige Stoff hätte nach einer Serie verlangt. Deshalb kann sich Auslöschung auch nicht, wie von manchen Jubelkritikern behauptet, in die Riege der großen Genreklassiker einreihen, die von Tarkowskijs Solaris, über Kubricks 2001 bis zu Ridley Scotts Blade Runner reicht.

Somit bleibt eine gewisse Enttäuschung, die nicht zuletzt dem uninspirierten und allzu ‘runden’ Schluss geschuldet ist, der die Aussage der Buchtrilogie nicht bloß vereinfacht, sondern quasi in ihr Gegenteil verkehrt. Umso merkwürdiger erscheint die Kontroverse, die sich die beiden Produzenten um den Film geliefert haben. Dem Regisseur ist indes hoch anzurechnen, dass er sich der geforderten Bearbeitung verweigert hat. Daraufhin stoppte Paramount die globale Veröffentlichung. Die Begründung lautete, der Film sei zu kompliziert und zu intellektuell und werde deshalb vom Publikum abgelehnt werden. Um die befürchteten Verluste zu begrenzen, wurde er für 25 Millionen Dollar an Netflix verhökert. Im Kino zu sehen ist der Film nurmehr in den USA, Kanada und China. Für die Zukunft des Kinos lässt das Schlimmes erwarten.

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Auslöschung

Film von Alex Garland
nach einer Buchvorlage von Jeff VanderMeer


Top of the Lake – China Girl

Jane Campion hat es trotz gegenteiliger Absichtserklärung doch wieder getan und eine zweite Staffel von Top of the Lake gedreht. Detective Robin Griffin (herzerwärmend gebrochen gespielt von der wunderbaren Elizabeth Moss) ist von Neuseeland, dem Schauplatz der ersten Staffel, nach Sydney zurückgekehrt. Nach der Auseinandersetzung mit ihrem neuseeländischen Vorgesetzten Alan Parker, der in die Machenschaften eines Pädophilenrings verwickelt war, ist sie noch verletzlicher und einsamer geworden. Von den (männlichen) Kollegen geschnitten, tritt sie ihren schwierigen Dienst an. Als am Strand ein Koffer mit einer ermordeten jungen Prostituierten angespült wird, übernimmt sie die Ermittlungen und stößt schon bald auf ein organisiertes Geschäft mit Leihmüttern. Parallel dazu nimmt sie Kontakt mit ihrer Tochter Mary (Alice Englert) auf, die sie nach einer Vergewaltigung im Alter von sechzehn Jahren zur Adoption freigegeben hat. Die trotzige, verstörte Mary hadert mit ihrer Adoptivmutter Julia (Nicole Kidman) und ist liiert mit dem undurchsichtigen, diabolischen Alexander ‘Puss’ (David Dencik), der in einem Asia-Bordell haust und sich dort um die Prostituierten kümmert. Wie sich herausstellt, geht es dem angeblichen Professor aus Deutschland nicht nur um die Sprachkompetenz seiner Schützlinge.

Damit ist der Rahmen gesetzt für eine atmosphärisch dichte Geschichte, die an die Intensität und die berückende Bildsprache der ersten Staffel nahtlos anknüpft. Die  Kriminalhandlung nimmt dabei nur einen kleinen Teil ein. In manchen Rezensionen ist zu lesen, dies sei ein feministischer Film. Das ist zum Glück nicht der Fall. Campion hat es vielmehr darauf angelegt, mit schwarzem Humor und doppelbödigem Ernst die modernen Geschlechterbeziehungen auszuloten. Die befinden sich in einem Zustand heilloser Verwirrung. Es herrschen Verunsicherung, Sprachlosigkeit und Rollenchaos. Da ist Marys Mutter, die nervöse Julia, die vor kurzem lesbisch geworden ist. Ihre Tochter hat sich einer unbedingten romantischen Liebe verschrieben, die unmittelbar einem russischen Roman des neunzehnten Jahrhunderts entsprungen scheint. Ein Kollege macht Robin Avancen, die ein Holzklotz nicht gründlicher versemmeln könnte. Ein besonders amüsantes Bild für den Stand der Dinge liefert eine Gruppe junger Studenten, die sich regelmäßig in der Mensa versammeln. Halb hinter ihren aufgeklappten Notebooks verborgen, diskutieren die männlichen Nerds, allesamt treue Kunden des Asia-Bordells, prahlerisch und so derb wie die Wahlfänger aus Moby Dick die Vorzüge und Nachteile der Sexarbeiterinnen. Naht die weibliche Bedienung, werden die Notebooks flugs zugeklappt, und die Vertreter der Generation Youporn verwandeln sich in schüchterne Burschis, wie sie früher fünfzehnjährig in der Tanzstunde zu finden waren – zum Schreien komisch und  traurig zugleich. Trotzdem wirkt die Erzählung niemals klischeehaft oder ideologisch beschränkt – ganz im Gegenteil. Das ist auch Elisabeth Moss zu verdanken, die mit ihrer sensiblen Darstellung für emotionale Erdung sorgt.

Top of the Lake ist ein thematisch hochaktueller Film, der  mit zeitloser, eigenwilliger Ästhetik, großer Ernsthaftigkeit, emotionaler  Intensität und einem abgeklärten Blick für die skurrilen Aspekte der modernen Geschlechterwelt besticht. Ein Meisterwerk und für mich die beste Serie des Jahres.

Top of the Lake – China Girl

Serie von Jane Campion und Gerard Lee

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Top of the Lake bei Arte

Blade Runner 2049

Fünfunddreißig Realjahre und dreißig Filmjahre sind vergangen, seit 1982 Blade Runner ins Kino kam, die ikonische Verfilmung der Buches Träumen Androiden von elektrischen Schafen?  von Philip K. Dick, ein Kultfilm, der weit über das Science-Fiction-Genre hinaus Wirkung entfaltet hat. Was Regisseur Ridley Scott zusammen mit seinem Team damals, im vordigitalen Zeitalter, in einem 40-Meter-Studio erschaffen hatte, war nicht weniger als eine nie gesehene Welt; düster, melancholisch, zukunftsskeptisch und gleichzeitig so detailstrotzend und vital, dass auch der fünfte Kinobesuch noch Gänsehaut produzierte und Überraschungen offenbarte.

Seitdem ist in Los Angeles nichts besser geworden. Der Smog ist noch dichter, die Hologramme sind noch größer und dreister, unablässig fällt Regen oder Schnee – oder sind es Ascheflocken? Forderten damals schwebende Werbemonster lautstark und farbenfroh zur Kolonisierung des Weltraums auf, während unter ihnen in den Straßenschluchten, gehüllt in die babylonische Kakophonie des Cityspeak, trotzig das Leben wimmelte, so hat sich nun alle Farbe verflüchtigt. Bläulich-grau liegt diese Stadt im Nebel, die Menschen am Boden und in den Slumtürmen zeigen kaum jemals ihr Gesicht. Alles ist von tiefer Traurigkeit durchdrungen, von einer Ermattung, die von Hoffnungslosigkeit rührt. Nur hin und wieder bricht Gewalt hervor, dann setzt der Lähmungszustand sich fort, als wäre nichts geschehen. Um diese Atmosphäre auszuloten, nimmt Villeneuve sich alle Zeit der Welt. Mit langsamen Kamerabewegungen und einem hartnäckigen Interesse an Details erkundet er Innenräume, Stadtpanoramen und Ruinen. Die Wirkung ist hypnotisch. Selten war das digitale Worldbuilding so überzeugend. Zusammen mit der unaufdringlich, aber wirkungsvoll eingesetzten 3-D-Optik ergibt sich eine unerhörte Immersion. Erstaunlicherweise fühlte ich mich an Tarkowskij erinnert, zumal an dessen meditatives Meisterwerk Nostalghia. Der ständige Regen, die flirrenden Wasserreflexe in der Firmenzentrale von Neander Wallace, der überflutete Keller, in dem die aufständischen Replikanten leben, und nicht zuletzt Deckards Hund weckten Erinnerungen an diesen Ausnahmeregisseur, der es verstand, vertraute Dinge so zu zeigen, als wären sie Chiffren. Doch während bei Tarkowskij Wasser und Schäferhund auf die Sehnsucht nach Transzendenz und die verlorene spirituelle Heimat verweisen, geht es hier um Identität und die Frage Wer-bin-ich. Gott spielt längst keine Rolle mehr, die Stelle der Religion hat der sich selbst genügende Kapitalismus  eingenommen, der Mensch ist an den Rand gerückt. Den Großteil des Films bestreiten Replikanten.

Blade Runner Officer K (wie in Trance: Ryan Gosling) , der sich später Joe nennen wird, jagt ein Kind, das Rick Deckard (so gut wie nie: Harrison Ford) seinerzeit mit der Replikantin Rachel gezeugt hat. Die damaligen Modelle der Nexus-Serie neigten nicht nur zur Verselbstständigung, sondern einige waren offenbar auch fortpflanzungsfähig. Die Polizei befürchtet, das Kind könnte irgendwann einen Aufstand der Replikanten  auslösen. Erinnerungsfetzen lassen Officer K vermuten, dass er dieses Kind gewesen sein könnte. So wird die Jagd nach dem Kind zu seiner ganz persönlichen Spurensuche. Sind seine Erinnerungen echt? Was ist wahr und was ist Täuschung? Während die Menschen längst aufgehört haben, Fragen zu stellen, und sich in ihr Schicksal gefügt zu haben scheinen, arbeitet er sich stellvertretend für seine Artgenossen am Rätsel seiner synthetischen Existenz ab. Interessanterweise ist auch seine holografische Partnerin mit Identitätsfragen beschäftigt.  Joi leistet Officer K Gesellschaft, wenn er nach der Arbeit nach Hause kommt. Dort spielt auch eine der intensivsten Szenen des Films. Officer K alias Joe ist auf der Straße einer schönen Hure begegnet. Als sie irgendwann an seine Tür klopft, erklärt Joi, sie habe die Frau herbestellt, weil Joe sie gemocht habe und sie ihm endlich nahe sein wolle. Wie die körperlich reale Prostituierte und das Softwarekonstrukt Joi sich einander überlagern, zeitweise miteinander verschmelzen, sich wieder voneinander lösen und dabei Officer K annähern, ist wunderschön anzusehen und gleichzeitig todtraurig – ein Liebesakt voller Vergeblichkeit.

Villeneuve hat nach Arrival  einen weiteren eindrucksvollen, wenn auch weit pessimistischeren Film vorgelegt. Zugegeben, der Handlungsmotor ist schwächer als beim Vorläufer, es fehlt ein starkes emotionales Zentrum. Trotzdem ist Blade Runner 2049 nicht weniger als ein monumentaler Abgesang auf die Menschheit. Die Replikanten sind ganz offenbar die besseren Menschen. Sie zweifeln, stellen Fragen, wollen sich nicht abfinden. Allein aus ihren Augen rinnen noch Tränen. Ihnen gehört die verwüstete Welt und die Zukunft.

blade-runner-2049-poster[1]Blade Runner 2049

Film von Denis Villeneuve

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Serienschmäh & Ozark

Das hochgelobte und vielgeliebte Format Fernsehserie ist inzwischen arriviert. Ein Milliardenmarkt ist geschaffen, die Fangemeinde des zeitverschlingenden Medienmonsters zählt nach hunderten Millionen, und erste Ermüdungserscheinungen sind nicht zu übersehen. Während Deadwood, The Wire und Breaking Bad in der Erinnerung immer besser und besser werden, zeugen die immer schneller aufeinanderfolgenden Neuerscheinungen davon, dass zwar Viele vom Trend profitieren wollen, aber nur Wenige berufen sind, von ein paar nicht sonderlich populären einstaffeligen Preziosen wie Quarry oder The Night Of einmal abgesehen. Dass die dritte Staffel von Fargo sich vom unübertroffenen Filmvorbild zu lösen und formal wie inhaltlich eigene Wege zu beschreiten versucht, ist an und für sich honorig. Leider bleibt bei Splitscreen und infantilen Zeichentrickeinlagen die Atmosphäre auf der Strecke, der abgründige Humor des Originals verplätschert im Klamauk. Auch bei True Detective bleibt die erste Staffel ein Solitär, der als manieriertes Selbstzitat fortgeschrieben wird. In House of Cards wiederum, mittlerweile in der vierten Staffel angelangt, erweist sich der machtversessene, skrupellose Präsident Underwood zunehmend als Doppelung des real existierenden Trump, was eine gewisse Langeweile mit sich bringt. Game of Thrones tritt mit Staffel 7 allmählich zum Finale an und wird, wenn die Drohungen von HBO sich bewahrheiten sollten, mit einer Flut von Sequels posthum totgeritten werden. Bewährte Serienvitalität (sic!) zeigen freilich noch The Walking Dead, während Homeland  es wunderbarerweise noch immer schafft, von Folge zu Folge Hochspannung mit Realitätsbezug zu verbinden.

Und jetzt also Ozark. Vielleicht ist das Besondere an dieser Serie, dass sie nichts Besonderes sein will. Ein Mann bekommt während eines Beratungsgesprächs per Email ein anonymes Video zugeschickt. Während er seiner Frau beim Ehebruch zuschaut, setzt er gefasst, wenn auch ein wenig verunsichert die Beratung fort. Dann fährt er nach Hause – und schweigt. Dieser Mann ist Marty Byrde (Jason Bateman). Wie sich später zeigt, bleibt seine Stimme auch dann noch ruhig und geschäftsmäßig, wenn man ihm die Zehennägel ausreißt. Seine Miene verrutscht selten. Er ist ein liberaler Mensch, der das Gute will und seine Familie liebt – seine pubertierende Tochter Charlotte, seinen einzelgängerischen neunjährigen Sohn Jonah und seine Frau Wendy (Laura Linney). Alles könnte so schön sein, doch es liegt eine seltsame Erstarrung über dieser Familie, als hätte sich mit den Jahren die Patina einer schwer fassbaren Enttäuschung auf den Beziehungen niedergeschlagen.

Zusammen mit einem Partner (der hier aus gutem Grund namenlos bleibt) betreibt Marty eine Vermögensberatung. Neue Privatkunden sind allerdings nicht willkommen, handelt es sich doch um eine Firma, welche die Einkünfte des zweitgrößten mexikanischen Drogenkartells wäscht. In der dritten Folge, ein Rückblick, wird erzählt, wie der brave, anständige Marty dazu kam, seine Seele an den Teufel zu verkaufen. Die Szene, wie er und Wendy sich die Folgen des Deals schönreden (Reichtum, eine sichere Zukunft für die Kinder etc.), wie sie sich die Möglichkeit einer ganz anderen Zukunft erst ausmalen, bis das Spiel wie beiläufig, so zu sagen aus Langeweile geboren, in eine unumkehrbare Entscheidung mündet, ist einer der großen, stillen Höhepunkte von Ozark.

Schon bald sind Martys Geschäftspartner und etliche Mitarbeiter tot, und die Familie muss mit Sack und Pack in den Ozark-Bezirk fliehen, eine idyllische Seenlandschaft, bewohnt von hinterwäldlerischen Originalen. Martys Leben ist zur Bewährung ausgesetzt, sein Auftrag: acht Millionen innerhalb von drei Monaten waschen. Das ist gar nicht so leicht, denn wie wir inzwischen aus der Politik wissen, handeln die sturen Provinzler oft anders, als dem vernünftigen, modernen Städter lieb ist. Breaking Bad hat das Prinzip des eskalierenden Unheils stilbildend vorexerziert: Ein gelöstes Problem schafft zwei neue, ein Schneeballsystem, das von Katastrophe zu Katastrophe taumelt. Der Eindruck eines Déja-vu stellt sich indes nicht ein. Dass die Bilder ohne irgendwelche dramaturgischen Tricks den Zuschauer schon nach wenigen Minuten in ihren Bann schlagen, ist der unauffälligen, aber mehr als soliden Kameraarbeit, der ernsthaften Erzählweise  und der subtilen Darstellung der Schauspieler zu verdanken. Laura Linney, die zuletzt im Kinofilm Nocturnal Animals glänzte, vermittelt ausdrucksstark und doch stets verhalten Wendys Verunsicherung in der von außen bedrohten, zwischen Geschäftsbeziehung und emotionaler Nostalgie balancierenden Ehe. Daneben ist vor allem die Figur der Ruth zu erwähnen, gespielt von Julia Garner. Ruth hat es auf die acht Millionen abgesehen und wird von Marty als Küchenhilfe eingestellt. Wie dieses frühreife,  scheinbar mit allen Wasser gewaschene Luder sich von der Kleinkriminellen erst zur Stripclubmanagerin und dann zu Martys Lebensretterin mausert, ist äußerst sehenswert. Ein inhaltlicher Schwachpunkt allerdings sollte nicht unerwähnt bleiben: Was dem Zuschauer hier als Geldwäsche verkauft wird, ist Kokolores. Seit wann wird Geld gewaschen, indem imaginäre Kosten produziert werden? Genau das Gegenteil ist der Fall: Wer Geld wäscht, produziert imaginäre Einnahmen, versteuert sie und legalisiert auf diese Weise das Schwarzgeld. Die dargestellte Variante mag dramaturgisch weniger aufwändig sein, ist aber Unsinn.

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