Walter Kempowski – Letzte Grüße

Letzte Grüße, erschienen 2003,  ist Kempowskis letzter Roman und, wie der Titel ahnen lässt, ein Abschied von seinen Lesern, vom Schreiben, vom Ehrgeiz und vom Leben überhaupt. Ein weiter Weg war’s von seinem Erstling Im Block, dem kaum verklausuliert autobiographischen Bericht über seine achtjährige Haft im Zuchthaus Bautzen, über Tadellöser und Wolff und die Deutsche Chronik  bis zur gewaltigen Weltkriegscollage Echolot und zu Letzte Grüße.

Das Schreiben hat Kempowski als erlernbares Handwerk aufgefasst und in seinen legendären Hausseminaren im Kreienhoop zu vermitteln versucht, und erlernt und gemeistert hat jedenfalls er es, auch wenn ihm der Hang zum Anekdotischen geblieben ist. Und natürlich bietet die Odyssee des fast siebzigjährigen Schriftstellers Alexander Sowtschick, vom deutschen Institut im Jahr 1989 aus Anlass der Deutschen Wochen zu einer 21 Stationen umfassenden Lesereise durch die USA eingeladen, jede Menge Anlass für vergnügliche Schnacks, denn aus der Perspektive der norddeutschen Provinz heraus betrachtet, gibt es in den Straßenschluchten von New York, im Indianerreservat, bei den Mormonen in Utah und an den Universitäten in der amerikanischen Provinz so  manch Befremdliches zu kommentieren. Auch der latente Antisemitismus, Rassismus und die vielen Obdachlosen und psychisch Kranken auf den Straßen werden registriert, doch wie es Kempowskis Art ist, wird dies nicht vertieft, sondern eher abgemildert durch allgegenwärtige Ironie. Selbst der deutsche Mauerfall, von dem Sowtschick zum Ende der Reise erfährt, ereignet sich fast nebenbei. Gerade diese Leichtigkeit wurde Kempowski bisweilen zum Vorwurf gemacht, doch ich finde, seine Kritiker verwechseln da Süffigkeit mit Harmlosigkeit. Was an der Oberfläche als humoriger Reisebericht erscheint, hat einen doppelten Boden. Kempowski versteht es, das Große im Kleinen zu spiegeln und fährt hier alles auf, was sein Werk auszeichnet: präzise Beobachtungen und sorgfältig arrangierte ‘eidetische Bilder, wiederkehrende Motive und große Klammern, hier vor allem repräsentiert durch die Figur Adolf Schätzings. Schätzing, mit ein paar Tagen Vorsprung auf der gleichen Lesereise unterwegs, ist das Gegenbild des als konservativ, ja reaktionär verschrienen Sowtschick, ein junger Lyriker, nicht unbedingt verständlich zwar, aber dem Zeitgeist angepasster, ‘links’ natürlich, beliebt bei Kritikern wie bei Frauen und, anders als Sowtschick, mit zahlreichem Publikum gesegnet. Und so reist er seinem beneideten und beargwöhnten Konkurrenten hinterher und wandelt quasi in dessen Spuren, und überall, wo er hinkommt, heißt es: Schätzing war all dor. Eine Begegnung bleibt aus, doch die Beziehung wandelt sich ganz allmählich. Eine virtuelle Annäherung findet statt, die Kempowski über den ganzen Roman hin so spannungsreich wie kunstvoll entwickelt.

Der Lektüre der Tagebücher von F. J. Raddatz  habe ich es zu verdanken, dass ich erneut auf Kempowski aufmerksam wurde, und Raddatz war auch der Lektor von Kempowskis erstem Buch Im Block. So schließt sich ein Kreis.  Ich habe Letzte Grüße mit Erheiterung und Rührung gelesen, und es hat meine Wertschätzung für den häufig unterschätzten Autor noch weiter gesteigert. Eine besondere Freude war es, in dem antiquarischen Exemplar, das ich erworben habe, Kempowskis Signatur zu entdecken.

Kemp Letzte GrüßeWalter KempowskiBildergebnis für kempowski letzte grüße

Letzte Grüße, Roman

Knaus 2003

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