Mein Jahr 2019

Es war das Jahr des Klimas. In Deutschland wurde ein Allzeit-Hitzerekord gemessen: 42,6 Grad. Greta Thunbergs Schulstreik wurde von Teilen  der  deutschen Schülerschaft aufgegriffen. In Kinderköpfen und in den Medien machte sich Weltuntergangsstimmung breit. ‘Wir streiken, bis ihr handelt’, sagen die jungen Schulschwänzer. Inspiriert von ihrer Gallionsfigur, die nach eigener Aussage nur in Schwarz und Weiß denken kann, erteilen sie dem Kompromissdenken eine Absage. Die Rettung der Welt soll und muss sofort erfolgen. Tatsächlich zeichnen sich erste ‘Erfolge’ ab: Immer mehr Städte, auch meine Heimatstadt Stolberg, erklären den Klimanotstand, was immer das bedeuten mag. In Düsseldorf begehen Schulen den Warmer-Pulli-Tag, um  symbolisch mal Heizenergie zu sparen und kollektiv zu bibbern. In den Familien wird über Fleischkonsum, Urlaubsreisen und Autonutzung diskutiert. Die Älteren sitzen als Verursacher der Klimakrise auf der Anklagebank und stehen unter Rechtfertigungsdruck.

Ich gestehe, dass mir Thunbergs Rigorismus wesensfremd ist und nicht inspirierend, sondern eher bedenklich erscheint. Wie aber ist die Diagnose der jungen Wilden einzuschätzen? Ist es für Foto: nst 2016das Klima fünf vor oder fünf oder sogar schon zwanzig nach zwölf? Geht es voran oder taumeln wir auf der Klippe? Beides ist wahr. Die Datenlage ist ernst, die Auswirkungen der Klimaerwärmung sind immer deutlicher zu spüren. Andererseits leben wir in den westlichen Wohlstandsgesellschaften in vielerlei Hinsicht in der besten aller bisherigen Welten. Seit Beginn der Industrialisierung waren Luft und Wasser noch nie so sauber wie heute, die Nahrungsmittel noch nie so sicher und gesund. Bildung ist frei verfügbar, die Lebenserwartung steigt, und trotz der bedauerlichen Ungleichverteilung des Reichtums leben wir im Grunde in einer egalitären Gesellschaft, die jedem die Teilhabe an fast allem ermöglicht. Das ist eine große Errungenschaft, aber sie geht einher mit der Freisetzung einer Menge CO2. Deshalb geht auf einmal die Flugscham um und dürfte sich demnächst im Duden wiederfinden. Wenn Thunberg jedoch behauptet, ‘wir’ hätten ihr die Kindheit gestohlen (How dare you!), ist das bodenloser Blödsinn.

Die Lösung des CO2-Problems ist und bleibt eine komplexe Unternehmung, in der sich technologische Innovation und politische Entscheidungsfindung verschränken. Da hilft es nicht weiter zu sagen: Jetzt, sofort. Irgendwas. Panik ist kein guter Ratgeber, Empörung keine Anleitung zum Handeln. Letztlich stehen nicht nur die Errungenschaften des egalitären Zeitalters auf dem Spiel, sondern auch das demokratische Prinzip, wonach der Mehrheitsbeschluss durchgesetzt wird und nicht eine von wem auch immer postulierte höhere Wahrheit. Einen quasi übergesetzlichen Notstand heraufzubeschwören, ist nicht hilfreich, sondern brandgefährlich. Technische Innovation und politische Kompromisse inklusive unvermeidbarer Irrtümer aber brauchen Zeit, von der es heißt, dass wir sie nicht mehr haben. Doch Je klarer die sozialen und ökonomischen Kosten der nötigen Veränderungen hervortreten, desto stärker dürften auch die Widerstände werden.  Nicht zufällig ist die AFD in den Braunkohlegebieten im Osten am stärksten. Nicht zufällig wurde in Amerika mit Trump ein Präsident gewählt, dessen Zukunftsvision geradewegs in eine Vergangenheit der rauchenden Industrieschlote zurückweist. Der Protest der Gelbwesten in Frankreich hat sich an einer geplanten Klimasteuer entzündet, die das Benzin um zehn Cent pro Liter verteuert hätte.

Deutschland ist verantwortlich für etwa 2,2 Prozent des weltweiten Ausstoßes an CO2. Die drei größten Verursacher sind China, die USA und Indien mit jeweils 28, 16 und 6 Prozent Anteil(Quelle: Statista). Und die Trumps und Bolsonaros sind überall. In Brasilien brannte der Amazonas – Bild des Grauens und Menetekel. Schon bald werden zehn Milliarden Menschen den Planeten bevölkern. Hat also Jens Jessen recht, der in der ZEIT Nr. 42 dieses Jahres postuliert hat, Wohlstand und Gerechtigkeit zusammen werden sich niemals in globalem Maßstab verwirklichen lassen – wer das durch einen Technologiesprung für möglich hält, glaubt auch ans Perpetuum Mobile? Sorry Herr Jessen, aber das ist nicht nur naiv, sondern auch zynisch. Ich halte diese Denkweise für dummen, gefährlichen Defätismus, entsprungen einer Fantasielosigkeit, die sich eine klimaverträgliche Zukunft nur als Zementierung der globalen Spaltung in Arm und Reich vorstellen kann. 

Allerdings fürchte ich, dass wir, egal was hier geschieht, global letztlich alle Klimaziele versemmeln und alle Vereinbarungen brechen werden. Ist das schon die Katastrophe? Ich denke nicht. Auf höhere Temperaturen kann man sich einstellen. Der Übergang zur CO2-Neutralität aber könnte möglicherweise etwas länger dauern als wünschenswert wäre. Nötig sind deshalb vor allem verstärkte Forschung, Innovation und (ja, Herr Jessen!)  technologische Lösungen. Möglich, dass wir irgendwann gezwungen sein werden, CO2 der Atmosphäre zu entnehmen und es entweder zu deponieren oder als Rohstoff zu verwenden. Technisch ist das bereits machbar, aufgrund des hohen Energiebedarfs in großem Maßstab allerdings noch utopisch. Anders verhielte es sich, wenn es billige Energie im Überfluss gäbe. Vielleicht gibt es die ja bald. Frankreich, Russland, China und die USA arbeiten derzeit an der 4. Generation von Kernreaktoren, die unangereichertes Uran als Brennstoff verwenden, ganz nebenbei den vorhandenen Atommüll verbrennen soll und einen kostengünstigeren und sichereren Betrieb  ermöglichen würde, als es bei bisherigen Kernreaktoren der Fall war. 2025 soll zudem im europäischen Forschungsreaktor ITER die erste Kernfusion zünden. Die nächste Generation, die bereits Strom liefern soll, ist in Planung. Die Chinesen haben den Forschungsreaktor EAST in Betrieb genommen und glauben, ab 2050 mit Kernfusion Nettoenergie erzeugen zu können. Noch ist das Zukunftsmusik – aber sie macht Hoffnung.

Atomreaktoren? Kernfusion? Ja, mit Solardächern und Windrädern allein wird es nichts mit der Zukunft.  Wir werden viel Energie brauchen – sehr viel Energie. Die Armen dieser Welt werden nämlich nicht aufhören, nach Wohlstand zu streben. Übrigens könnten wir ohne die vorzeitige Stilllegung von Kernkraftwerken eine Menge Kohlekraftwerke außer Betrieb nehmen, die uns die CO2-Bilanz versauen. Auch die unterirdische Lagerung von CO2 ist eine Option. Um die Zukunft zu bewältigen, sollte man Risiken und Nutzen nüchtern abwägen, anstatt aus ideologischen Gründen Möglichkeiten zu verbauen. Das gilt für die Gentechnik ebenso wie für die Antriebstechnik oder das Geoengineering, Neben der solaren Wasserstoffgewinnung in großem Maßstab ist auch die Kernfusion eine Option. Sie wird nicht morgen zur Verfügung stehen, aber vielleicht schon übermorgen. Die Welt dürfte bis dahin wärmer werden. Aber sie wird nicht untergehen.

Zum Schluss noch die üblichen persönlichen Anmerkungen: 2019 ist wenig von mir erschienen, doch einige Storys sind fertig geworden und stehen zur baldigen Veröffentlichung an. Auch ein neuer Roman wurde fertiggestellt (Kleiner Drache) und ist bereits in trockenen Tüchern, das heißt, ein Verlagsvertrag ist unterzeichnet. Das Buch soll 2020 erscheinen. Auf ins Neue Jahr!

Foto: nst 2015

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