Chernobyl – Blick in den Abgrund

Am 26. April 1986 explodierte in Tschernobyl der Reaktorblock 4 des Atomkomplexes und machte die ukrainische Stadt auf einen Schlag weltbekannt. ‘Das Atom, das wasch ich ab’ zitierte die BILDzeitung einen Rentner, als die strahlende Isotopenwolke Deutschland bereits erreicht hatte, und verfehlte damit die Bedeutung des Augenblicks, nun ja, haarscharf. Vielmehr handelte es sich um eines jener Ereignisse, die sich wie auch 9/11 in das Gedächtnis all jener eingebrannt haben, die es miterlebten. Es war etwas geschehen, was niemals hätte geschehen dürfen. In der Folgezeit, als die Bekömmlichkeit von Pilzen, Milch und Beeren nach Becquerel bemessen wurde, mutierten viele, die bislang der Kernkraft eher aufgeschlossen gegenüberstanden, zu überzeugten Gegnern deren ziviler Nutzung.

Jetzt haben HBO und Sky die Katastrophe verfilmt, mit äußerst sehenswertem Ergebnis. In nahezu dokumentarischem Stil wird der Gang der Ereignisse in fünf Folgen geschildert, angefangen von der Explosion im Reaktorkern nach einem gescheiterten Experiment, bis zu den todesmutigen Einsätzen der so genannten Liquidatoren, die das aus dem Reaktor herausgeschleuderte ‘heiße’ Material teils mit den Händen zurück in die Ruine beförderten.

Zu besichtigen sind zunächst überforderte Techniker, inkompetente Verantwortliche und verantwortungskose Apparatschiks, die Vertuschung und Beschwichtigung nach altsowjetischem Muster betreiben und die Hilfskräfte ohne Schutzausrüstung ins atomare Feuer und damit ihr Verderben schicken. Ein irrwitziges Detail: Das gebräuchliche Dosimeter geht nur bis 3,6 Röntgen, das ‘gute’ ist in einem Schrank eingeschlossen, dessen Schlüssel zunächst nicht auffindbar ist. Später erweist sich, dass auch dessen Skala, die bei 3600 Röntgen endet, bei weitem nicht ausreicht, um die Strahlenbelastung zu quantifizieren. Im Tschernobyler Krankenhaus sind nicht mal Iodtabletten vorhanden, die Bevölkerung darf ungewarnt der Schaulust frönen, während die Kinder im Ascheregen spielen. Gorbatschow kommt dabei noch vergleichsweise gut weg, erteilt er doch bei einer ZK-Sitzung dienstbeflissener Beschwichtiger dem eher zufällig anwesenden Atomphysiker Legassow (Jared Harris) das Wort. So kann mehr als 30 Stunden nach der Katastrophe endlich die Evakuierung Tschernobyls eingeleitet werden.

Chernobyl findet für das ungeheuerliche Geschehen überzeugende, authentisch wirkende Bilder. Auf dramatisierende Zuspitzungen und emotionalisierende Musik wurde weitgehend verzichtet, aber nicht ganz.  So kam es laut WHO und IAEA zu 9000 tödlichen Krebserkrankungen infolge des Unglücks, den Folgen akuter Strahlenkrankheit erlagen jedoch  ‘nur’ etwa 50 Menschen; in der Serie wird der Eindruck erweckt, dass es eine wesentlich höhere Zahl von Betroffenen gab. Dessen ungeachtet erzählt die Serie eher unaufgeregt. Trotzdem stellt sich eine nervenzerfetzende Spannung ein, die der Wucht der Ereignisse entspricht. In der letzten Folge, die dem Gerichtsprozess gewidmet ist, der die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen soll, wird allerdings deutlich, dass die Katastrophe von Tschernobyl nicht zum Beleg für die prinzipielle Unbeherrschbarkeit der Kernkraft taugt. Vielmehr stellt sich heraus, dass der dort verwendete Reaktortyp inhärent unsicher war und dass seine Risiken selbst den Bedienmannschaften verschwiegen wurden. So erscheint der apokalyptische Blick in den qualmenden Schlund des zerstörten Kraftwerks weniger als Menetekel der Atomtechnik, sondern vielmehr als Sinnbild für das Scheitern eines dysfunktionalen politischen Systems, nämlich der Sowjetunion.

Bildergebnis für sky chernobylChernobyl

Fernsehserie

Regie: Johan Renck
Drehbuch: Craig Mazin

zu streamen bei Sky Ticket

Foto: Copyright HBO/Sky

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.