Zero Dark Thirty

Kathryn Bigelow, die Frau für’s Harte, versteht es, ihre filmischen Mittel einzusetzen. Das beweist sie schon mit der Eingangssequenz, in der buchstäblich nichts zu sehen ist. Zu hören ist eine Tonmontage aus Nachrichtenfetzen, Notrufen und letzten Telefonaten. Diese quälenden langen Momente beschwören den 11. September 2001 herauf, als islamistische Terroristen das New Yorker World Trade Center und das Pentagon angriffen und dabei fast dreitausend Menschen töteten. Dieser Tag hat sich nicht nur uns nationale Gedächtnis der Vereinigten Staaten eingebrannt; wohl keiner, der damals die Nachrichten verfolgt und die Wiederholungsschleife der brennenden Türme und der in in den Tod springenden Menschen gesehen hat, wird ihn je vergessen können. Und was wäre besser geeignet, um die Erinnerung daran als Kopfkino zu reanimieren, als eine schwarze Leinwand?

Dann befindet sich der Zuschauer auch schon in einem jener Dark Sites genannten illegalen Gefängnisse der USA, in denen Terrorverdächtige nach den Anschlägen mit Billigung des amerikanischen Präsidenten W. Bush gefoltert wurden. Die gezeigte Gewalt ist explizit und leider vielfach belegt. Zu sehen sind all die barbarischen ‘Techniken’, die in diesem Zusammenhang zu trauriger Berühmtheit gelangt sind: Schlafenzug, Prügel, Aufhängen an den Armen, Einsperren in einer engen Truhe, Demütigung und Waterboarding. Dem Gefangenen (und dem Zuschauer) wird bei diesen langen Einstellungen nichts erspart. Dabei ist der Verhörleiter Dan alles andere als ein menschenverachtender Folterknecht, eher ein bärtiger, umgänglicher Bär von einem Mann, der erfüllt ist vom Sinn und der Notwendigkeit seines Tuns – einer, der tut, was getan werden muss. Er tut es nicht gern, doch er zweifelt auch nicht. Zumindest ein wenig Skepsis zeigt  hingegen zumindest anfangs CIA-Analytikerin Maya, die sich der Suche nach Osama Bin Laden verschrieben hat, auch sie übrigens eine sympathische, sogar verletzlich wirkende Person. Später, an einem anderen ‘dunklen’ Ort, lässt sie selber foltern. Der Gefangene gibt die Information preis, die zu bin Ladens Aufenthaltsort in Pakistan führt. Bushs Nachfolger Obama persönlich genehmigt die Hubschrauberaktion, die das Ziel verfolgt, den Anführer von Al Qaida zu töten. In diesen minutiös geschilderten Passagen erweist Bigelow sich als begnadete Action-Regisseurin. Die Aktion, die nach dem Absturz eines der beteiligten Stealth-Hubschrauber auf der Kippe steht, ist, das muss man sagen, nervenzerfetzend spannend. Auch hier wird, wie in den Szenen zuvor, auf Sieges-Pathos verzichtet. Immer wieder sieht man in bin Ladens Unterschlupf die Angst der Frauen und Kinder und die Toten, die sich in die lange Reihe der so genannten Kollateralschäden einfügen, die der Drohnenkrieg gegen den Terror gefordert hat. Der tote bin Laden hingegen wird, auch dies wie die Eingangssequenz des Films ein äußerst wirkungsvoller Kniff, nur andeutungsweise gezeigt.

In Europa wurde der Film recht kritisch aufgenommen, weil man Bigelow vorgeworfen hat, den Einsatz der Folter letztlich durch deren Erfolge zu rechtfertigen. Inzwischen weiß man, dass zumindest bin Laden nicht aufgrund von erpressten Informationen lokalisiert und zur Rechenschaft gezogen wurde, dargelegt in einem amtlichen Bericht der Regierung Obama. Ob Bigelow, die von Geheimdienstleuten beraten wurde, sich aus dramaturgischen oder anderen Gründen für ihre Darstellung entschieden hat,  ist ungewiss. Eine Rechtfertigung von Folter sehe ich darin allerdings nicht. Zero Dark Thirty wirft eine grundlegende Frage auf: Kann es es gerechtfertigt sein, in Notsituationen Menschenrechte und Verfassung außer Kraft zu setzen, Gefangene zu quälen und Unschuldige zu töten? Oder einfacher formuliert: Rechtfertigt der Erfolg die Mittel? Hätte die Folter nichts gebracht, wäre die Antwort leicht und eindeutig. War sie ‘erfolgreich’, fällt die  Antwort ein klein wenig schwerer, man erinnere sich nur an den Fall des Kindesentführers Gäfgen und den vor Gericht wegen Gewaltandrohung verurteilten Verhörleiter. Bigelow spitzt die Frage somit maximal zu und lässt die Antwort offen. Für mich lautet sie: Nein. Kritisch anmerken würde ich allein, dass die Darstellung der Figuren letztlich an der Oberfläche bleibt. Am Ende des Films, als bin Laden tot ist und ihre selbstgewählte Aufgabe vollbracht, bricht Maya immerhin zusammen und weint, zum ersten Mal. Und es sind keine Tränen des Triumphs.

Zero Dark Thirty (2012)

Zero Dark Thirty

Regie: Kathryn Bigelow, 2012

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