The Terror – Verschollen im Eis

Am 19. Mai 1845 brach der Polarforscher John Franklin im fortgeschrittenen Alter von fast 60 Jahren auf der Suche nach der Nordwestpassage zu seiner letzten Expedition auf. Die beiden Schiffe Erebus (benannt nach dem Gott der Finsternis) und Terror waren von modernster Bauart und verfügten zusätzlich zu den Segeln über einen Schraubenantrieb, der sie zu Eisbrechern machen sollte. Nördlich der King-William-Insel blieben sie jedoch kurz vor dem Ziel im Packeis stecken und wurden nach der zweiten Überwinterung aufgegeben. Die Männer versuchten, sich zu Fuß in Sicherheit zu bringen, doch kein einziger überlebte.

Sten Nadolny hat Franklin in seinem 1983 erschienenen Roman Die Entdeckung der Langsamkeit ein literarisches Denkmal gesetzt. Während Nadolny Franklins Leben in den Blick nimmt und dessen titelgebende ‘Langsamkeit’ als prägendes Persönlichkeitsmerkmal herausdestilliert,  ist der Blick der Serie weit enger. Zu besichtigen ist eine klaustrophobische Versuchsanordnung, in deren Enge sich der kulturelle Firnis auflöst. Darunter kommen Anarchie und Schrecken (Terror) zum Vorschein. Zu Beginn herrschen noch Ordnung und Disziplin. Die adretten Uniformen der Polarabenteurer und die zackig ausgeführten Befehle korrespondieren mit den in warmes Licht getauchten Rückblenden, die Franklin und den zweiten Kapitän Francis Crozier in üppig ausgestatteten Räumen zeigen – im warmen Schoß der Zivilisation. Einen Moment lang scheint es so, als lasse sich die Welt der funktionierenden Konventionen und der geschmierten Technik in den Kokon der Schiffe übertragen. Doch schon bald zeigt sich, wohin die Reise geht, beziehungsweise wo sie endet. In einer der stärksten Szenen lässt sich ein Mann, gehüllt in einen monströsen Bildergebnis für the terror serieTauchanzug, ins Wasser abseilen, um die festgefahrene Schiffsschraube von Eis zu befreien. Im Gegenschnitt sieht man dem Bordarzt bei einer Autopsie zu. Arzt und Taucher dringen in diesem Moment, jeder auf seine Weise, unter eine Oberfläche vor, die dem Blick aus gutem Grund Grenzen setzt, denn dahinter lauert das Grauen. Bald bricht es sich Bahn; angesichts zur Neige gehender Vorräte und schwindender Hoffnung löst sich die Ordnung auf, die Menschen werden im Überlebenskampf zu Bestien. Interessanterweise projizieren sie die Angst, die sie mit gutem Grund vor Ihresgleichen haben sollten, nach außen. So wird der Eisbär, der den Erkundungstrupps zu den Schiffen folgt, in den Augen der Engländer – und in denen der Zuschauer – zu einem Monster, einer Nemesis, dem Symbol des Schreckens, der sich vor dem Unschuldsweiß der Polarwelt entfaltet, die mit ihren Eiskonfigurationen wohl nicht zufällig immer wieder an Caspar David Friedrichs Bild ‘Eismeer’, das den populären Namen ‘Die gescheiterte Hoffnung’ trägt.

Das klingt nach einer Superserie, und die hätte es auch werden können. Allein, sie ist es nicht. Das Grauen bleibt Behauptung, das Monster sieht aus wie ein Mensch in Eisbärkostüm – Horror Fehlanzeige. Und irgendwie nimmt man dem Film die Arktis nicht ab. Die Innenräume des Schiffes dünsten keinen Gestank aus, mit den im Styroporeis umherstapfenden Männer hat man vor allem deshalb Mitleid, wie sie für die vermutlich muggelige Wärme der ungarischen Studios, in denen die Serie entstanden ist, zu warm bekleidet sind. Da helfen auch die rot geschminkten Gesichter nicht. Unglaubwürdig ist die Szenerie auch deshalb, weil der Atem der Akteure nicht dampft – durchaus kein unwesentliches Detail. Das wird besonders deutlich, wenn in einer in England spielenden Szene, die wohl im Winter gedreht wurde, deutlich Atemwolken zu sehen sind. Trotz der guten Schauspielerleistung – besonders erwähnenswert Jared Harris als Captain Francis Crozier und Paul Ready als Schiffsarzt Dr. Henry Goodsir – folgt man den Akteuren deshalb eher distanziert in ihr Verderben. Trotzdem lohnt es sich, bis zum bitteren Ende durchzuhalten, denn das Schlussbild ist grandios.

Bildergebnis für the terror serie
The Terror

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nach einem Roman von Dan Simmons

Trailer

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