J. J. Voskuil – Schmutzige Hände

‘Wie ein langer, ruhiger Fluss plätschern im Amsterdamer Büro für Volkskunde auch die Jahre 1965 -1972 dahin: die Zeit der Studentenbewegung und des revolutionären Aufbruchs. Doch davon ist im Büro selbst nicht viel zu spüren’. So beginnt der Klappentext des zweiten Bandes von Voskuils siebenbändiger Büro-Saga – mehr Antiklimax war nie. Von diesem Aufreißer kann man gewiss nicht sagen, dass er zu viel verspricht – danke, Verbrecher Verlag, für Augenmaß und Aufrichtigkeit!

Und da ist sind sie wieder, die wohlvertrauten Gestalten: Maarten Koning und seine streitbare Frau Nicolien, Dr. Beerta, der auch nach der Pensionierung noch täglich an seinem alten Schreibtisch Briefe tippt, Kaatje Kater (Miau!), die Vorsitzende der Kommission für die Abteilung Volkskultur, das Faktotum Slofstra und all die Wegducker, Krankfeierer und mehr oder weniger (meist weniger) engagierten Sammler und Archivierer. Man begrüßt sie wie alte Bekannte und möchte gleich den einen oder anderen Kaffee mit ihnen trinken. Doch es kommen auch neue Leute dazu, immer mehr Leute: Aushilfskräfte,  Doktoranden, wissenschaftliche Mitarbeiter, Sekretärinnen. Das Büro wächst, schon wird ein Umzug fällig in ein repräsentatives dreistöckiges Gebäude, im Keller ein Tresorraum und vor der Eingangstreppe die Gracht. Maarten, nach dem wortkargen, autoritären Büroleiter Balk die Nummer Zwei und zuständig fürs Tagesgeschäft, übernimmt notgedrungen immer mehr Verantwortung. Dabei fehlen ihm praktisch alle Voraussetzungen dafür, denn er kann einfach nicht nein sagen. Jobbewerber und Heimarbeiter haben es leicht bei ihm, und wenn er nach sechswöchiger Dienstabwesenheit wegen Krankheit einen Mitarbeiter aufsucht (der im Schuppen gerade munter Holz hackt), bringt er ihm Blumen mit, und es fällt kein einziges böses Wort.

Immerhin rafft Maarten sich dazu auf, das Kooperationsgesuch eines südafrikanischen Forschungsinstituts aus politischen Gründen abzulehnen. Das wirft mächtig Wellen; Kommissionen tagen, Briefe gehen hin und her, vertrauliche Gespräche werden  geführt. Da kommt beinahe so etwas wie Spannung auf, doch auch dieser Aufruhr erweist sich als Sturm im Wasserglas, und während es in der Welt draußen gärt und brodelt, beweist sich das Büro als Ort autonomer Selbstbeharrung, als Oase der Beständigkeit und der Menschlichkeit.

Mit der Lektüre wächst auch das Verständnis für Maarten, der Verantwortung auf sich nimmt, ohne an den Sinn des Ganzen zu glauben, und gleichzeitig wächst die Bewunderung für dieses eigensinnige, große Romanwerk. Vielleicht liegt es auch an der neuen Unübersichtlichkeit der Verhältnisse, dass ich die Variation des Immergleichen zunehmend schätzen lerne. Wenn die Nachrichten aus Amerika wieder einmal Appetit und Laune verderben, ist dieses Buch beruhigende, nebenwirkungsfreie Medizin.

Das Büro 2: Schmutzige HändeJ. J. Voskuil
Das Büro: Schmutzige Hände
Roman, Verbrecher Verlag 2014

aus dem Niederländischen übersetzt von Gerd Busse

Amazon

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..