J. J. Voskuil – Das Büro: Direktor Beerta

Was für ein seltsames Buch! Zu Anfang brach ich geschätzt alle zwei Seiten in schallendes Gelächter aus – absurd die Wichtelmännchen als Forschungsgegenstand, drollig die Eifersüchteleien und Rivalitäten der Protagonisten, die allesamt in Zwangsjacken zu stecken scheinen, ohne dass sie es merken. Die ganze Welt war plötzlich auf Wichtelmaß geschrumpft, das Büro eine Bühne der Ignoranz, der Wichtigtuerei und des eitlen Strebens, ein Puppenhaus des gemessenen Wahnsinns.

Man schreibt das Jahr 1957. Maarten Koning, ein studierter Volkskundler aus Amsterdam, nimmt aus Geldnot eine Stelle bei einer volkskundlichen Forschungseinrichtung an. Mit einer Mischung aus Verwunderung und Abscheu nimmt er an seinem Arbeitstisch im Büro Platz, registriert die Ticks seiner Kollegen und die Rituale, die das Zusammenleben prägen, erkundet die Mechanismen, nach denen der soziale Mikroorganismus namens Büro funktioniert.

Dieser Maarten ist ein eigentümlicher Mensch,  die holländische Version eines Mannes ohne Eigenschaften, könnte man sagen. Er glaubt nicht an die Religion, nicht an die Politik oder die Kunst  und auch nicht an die Wissenschaft. Im Grunde glaubt er an gar nichts und will auch nichts. Manchmal kokettiert er mit dem Bauernleben, ist sich aber sehr wohl bewusst, dass er dafür nicht geschaffen ist. Wozu aber dann? Darauf weiß er keine Antwort. Er ist ein antisozialer, anarchischer Schlafwandler, ein intelligenter, aber im Grunde bornierter Mensch, der sein Außenseitertum für Überlegenheit hält. Unter seinem übergenau registrierenden Blick wirkt das Gewohnte fremd, das Alltägliche nimmt den Charakter des Absurden an.

Mit fatalistischem Hochmut blickt Maarten zunächst auf seine Kollegen und das Büro-Klein-Klein herab. Doch während er (und mit ihm der Leser) alles über Aktenablage, Karteikästen, Zeitungsausschnitte, Verbreitungskarten, Kulturgrenzen, die Bedeutung der Konferenzen, die Mittelbeschaffung, die Nachgeburt des Pferdes, den Kinderschreck und den Kornpisser erfährt, geschieht etwas Seltsames. Das Gelächter des Rezensenten verstummt. Maarten entwickelt zu Direktor Beerta, seinem homosexuellen Chef, eine beinahe freundschaftliche Nähe. Beerta, der sich brüstet, noch nie im Leben eine originelle Idee gehabt zu haben, leitet das Büro mit ironischer Inkompetenz. Unter seinen sanften Führung beginnt Maarten, hier und da Ansätze von Initiative zu zeigen.  Er optimiert Abläufe im Büro, empfängt Kollegen bei sich zu Hause, macht sich mit einem Tonbandgerät auf in die Provinz, um Interviews mit so genannten Korrespondenten zu führen. Man könnte auch sagen, es findet ein Integrationsprozess statt – oder ist es eher die Domestizierung eines Unangepassten, ein Zurechtstutzen, das einer Normierung gleichkommt? Einrichtungen wie diese, sagt Maarten einmal sinngemäß, gibt es, damit Leute wie wir keine Dummheiten anstellen.

Nach und nach weitet sich die Erzählperspektive. Maartens Vater kommt zu Besuch, seine bisweilen xanthippenhafte Frau Nicolien verfolgt seinen beruflichen Werdegang mit argwöhnischer Missbilligung, Kongresse werden besucht, mit Frans, dem psychisch kranken Kollegen, der schließlich in der Psychiatrie landet, entsteht eine freundschaftliche Beziehung. Frans stellt die andere Seite der Medaille dar; er verweigert sich der Integration, während Maarten sich ihr aus diffusem Pflichtbewusstsein unterzieht. Während man seinen Spaziergängen und Gedankengängen folgt (‘Es gibt keine Schuld. Alles ist erlaubt.’), den trivialen Gesprächen lauscht und durch die Jahre ohne Höhepunkte und Sinn wandert, stellt man sich beklommen die Frage: Ist das vielleicht das Leben? Läuft es darauf hinaus? Voskuil impliziert das jedenfalls mit seiner trügerisch einfachen Sprache und seinen akribischen Beobachtungen kleinster Details, die er ohne Wertung nebeneinander stellt – ein gemeiner Kniff, der die Illusion einer ausweglosen Totalität ohne doppelten Boden erzeugt. Doch es gibt noch eine andere Betrachtungsweise: Inmitten einer als sinnlos oder gar bedrohlich empfundenen Existenz stellt das Büro für Maarten, von Direktor Beerta schon bald zum Nachfolger erkoren, mit seiner geordneten Überschaubarkeit einen Rückzugsraum dar – eine trostspendende Oase, die ihre Sinnhaftigkeit aus sich selbst bezieht. Und tatsächlich schickt er sich immer mehr in die ihm zugefallene Rolle – nicht einmal seine unermüdlich gegenan wetternde Frau kann das verhindern. Mangels Alternative ergibt er sich immer mehr den Sachzwängen, wird vom Beobachter und Kritiker zum handelnden Verantwortungsträger – sein Werdegang scheint vorgezeichnet.

Direktor Beerta ist der erste Band des siebenbändigen, 5200 Seiten zählenden Monumentalwerks Das Büro und umfasst die Jahre 1957 bis 1965. Ob ich die übrigen Bände lesen werde, bzw. ob ich sie ertrage, weiß ich nicht, aber es kann gut sein, dass mich in nächster Zeit eine irrationale Sehnsucht nach der übersichtlichen Mikrowelt des Büros überkommt, in der sich auf vertrackte Weise die ganze Welt zu spiegeln scheint. Der erste Band war jedenfalls eine überraschende, zunächst erheiternde, dann nachdenklich stimmende Lektüre.

Das Büro 1: Direktor Beerta

J. J. Voskuil
Das Büro: Direktor Beerta
Roman, Verbrecher Verlag 2016

aus dem Niederländischen übersetzt von Gerd Busse

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J. J. Voskuil bei Wikipedia

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