Jennifer Egan – Im Bann

Danny und Howard sind Cousins. Danny ist gut in der Schule, sportlich, beliebt – Howard ist bleich und dick wie eine Made, ein Außenseiter, über den gespottet wird. Trotzdem sind sie Freunde, verbunden durch das Spiel Terminal Zeus, das nur sie beide miteinander spielen können. Irgendwann dringt Danny mit einer Gruppe anderer Kinder in eine Höhle vor, auch Howard ist dabei. Sie kriechen durch finstere Gänge und gelangen zu einem Tümpel. Ein älterer Junge fordert Howard auf, ins Wasser zu gucken. Als der sich vorbeugt, stößt Danny ihn wie ferngesteuert durch einen Gedankenbefehl des Älteren hinein. Die Kinder stürzen nach draußen und lassen Howard zurück. Alle halten ihn für tot, erst Tage später wird er verstört im Wald gefunden, nachdem er sich aus Tümpel und Höhle befreit hat.

Jahre später besucht Danny Howard in dessen Burg im deutsch-österreichischen Grenzgebiet. Die Verhältnisse haben sich merkwürdig umgekehrt. Howard ist inzwischen ein reicher Börsenmakler im Ruhestand, braungebrannt, verheiratet,  unternehmenslustig, selbstbewusst. Danny hingegen ist ein nerdiger Spinner, der einfach nicht erwachsen werden kann. Das Studium hat er abgebrochen, emotional klammert er sich an die wenig aussichtsreiche Liebe zu einer älteren Frau, ohne sein Handy ist er aufgeschmissen. Deshalb schleppt er auch eine Satellitenschüssel nach Deutschland/Österreich mit, doch die versinkt alsbald in einem stinkenden Tümpel. Handyempfang, Internet und Telefon gibt es nicht. Howard will die Burg mit Hilfe einer Schar ‘Praktikumsstudenten’ zu einem Hotel ausbauen, einem Hort der Stille ohne Schnittstelle zur Außenwelt, in dem die Menschen wieder Zugang gewinnen zu ihrer eigenen Imagination. Danny hält natürlich nichts von dem Projekt, doch schon bald gerät er in den Bann der Burg –  die ideale Kulisse, um das Kindheitstrauma auszuagieren, das ihn und Howard noch immer aneinander fesselt.

Nach einer Weile schaltet sich ein Ich-Erzähler ein – Ray, der Insasse eines US-Gefängnisses. Er verfasst die Geschichte für den Schreibkurs, an dem er teilnimmt – und für Holly, die Kursleiterin. Die Geschichte von Howard und Danny ist auch seine Geschichte, und so, wie sich in der Burg Gegenwart und Vergangenheit, Fantasie und Wirklichkeit verbinden, mischen sich auch die beiden Ebenen des Erzählens. 

Im Bann ist vielleicht Jennifer Egans dichtestes, geschlossenstes Buch, ein über weite Strecken sehr düsteres Werk, in dem sich aber immer wieder der Lebenswille Bahn bricht. Ich habe es bald nach Donna Tartts Distelfink gelesen, und ich finde, sie ergänzen sich vortrefflich. So ‘klassisch’, ja antimodern Tartts Erzählweise anmutet, so heutig wirkt Egans Stil bei aller Abgründigkeit der Inhalts. Ohne Anführungszeichen reiht sie Dialog an Schilderung, übergangslos wechselt sie die Ebenen. Wie immer bei ihr wirkt die Darstellung der meist jugendlichen Protagonisten hinreißend authentisch. Das gilt allerdings auch für Tartt, und vielleicht ist das ja der Punkt, wo die  beiden Stilantagonisten einander treffen.

JEIImBann

 

Jennifer Egan
Im Bann (The Keep), Roman

übersetzt von Gabriele Haefs
Schöffling & Co., 2007

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