Blockbusterkino – ein Selbstversuch

Mit Blockbustern ist es wie mit Süßkram: Man weiß, das Zeug ist schlecht für die Zähne und schlägt einem womöglich auf den Magen, aber hin und wieder wird man trotzdem schwach. Was in der Konditoreiauslage der dicke Zuckerguss, ist im Kino das Hollywoodversprechen, dem Zuschauer unter Einsatz einiger hundert Millionen Dollar mit Hilfe nie gesehener Bilder und stupender Computertricks ein faszinierendes Filmerlebnis zu verschaffen. Da ich eine Schwäche fürs Science-Fiction-Genre habe und die Hoffnung nicht aufgebe, es könnte sich zu den Genre-Meilensteinen der Filmgeschichte (Solaris, 2001, Silent Running, Blade Runner) mal etwas Neues gesellen, habe ich mir drei aktuelle B.-Buster ausgesucht.

Oblivion (Regie: Joseph Kosinski) macht den Anfang. Im Kino habe ich den Film versäumt, da mir die Berichterstattung über die Scientology-Aktivitäten von Tom Cruise vorab den Appetit verdorben hatte. Aber muss ein Künstler auch ein vorbildlicher Mensch sein? Bullshit, nein! Deshalb lege ich reinen Gewissens die DVD ein und bin angenehm überrascht: Weite Landschaften, klar komponierte Bilder, unaufgeregtes Erzählen. Der Techniker Jack leistet im Jahr 2077 mit seiner Partnerin Victoria in einer schwebenden Atmosphärenstation einen Arbeitseinsatz ab. Die Erde ist nach einem Angriff von Außerirdischen verwüstet. Die Überlebenden haben sich auf den Saturnmond Titan zurückgezogen. Mittels gigantischer Fabriken gewinnen sie auf den Erdmeeren unter enormem Wasserverbrauch Deuterium für ihre Fusionskraftwerke. Jack hat die Aufgabe, die Drohnen zu warten, welche die Fabriken vor den verstreuten Plünderern schützen, die in unterirdischen Verstecken ihr Leben fristen. Das Gebiet ist rundum eingeschlossen von radioaktiv verseuchten Zonen, Betreten streng verboten. Sein Gedächtnis wurde gelöscht, damit er für den Fall, dass er Plünderern in die Hände fällt, keine Informationen preisgeben kann. Beaufsichtigt und gesteuert werden seine Einsätze von der Orbitalstation Tet aus.  Sind Sie noch ein effizientes Team?, lautet die rituelle Frage, welche die Station Tag für Tag an Victoria richtet.

Ja, das sind sie. Kühl und nüchtern machen sie ihren Job. Allerdings ist Jack neugieriger und eigenwilliger als seine Partnerin. Immer wieder suchen ihn Flashbacks seiner gelöschten Erinnerungen heim. Im Geheimen hat er sich am Erdboden in einem erhaltenen Biotop eine Hütte errichtet. Und als er merkt, dass die Plünderer ihn gar nicht töten wollen, lässt er sich schließlich von ihnen gefangen nehmen. Nun stellt sich heraus, dass er und Victoria Klone sind – es gibt gar keine Menschensiedlung auf dem Titan, er und seine Klonkumpel in den anderen Zonen arbeiten für die Aliens, die die Erde ausplündern. Eine ähnliche Erkenntnis musste auch schon der einsame Mondarbeiter Sam in Duncan Jones’ kammerspielartigem und sehenswertem Moon machen – sei’s drum, gute Ideen pflanzen sich eben fort. Was dann aber folgt, ist das typische B.-Buster-Finale mit Geballer und einer Verfolgungsjagd in einer sehr langen Schlucht – Star Wars lässt grüßen. Trotzdem ist Oblivion ein sehenswerter Film, und daran kann auch die Begleitmusik nichts ändern, die wohl eher  den Geschmack technogeprägter Jahrgänge trifft. Ein vielversprechender Anfang, wie ich finde.

Nächster Versuch: World War Z von Marc Foster. Warum gerade der? Nun, ich kann nicht behaupten, ich wäre gegen Werbung immun. Es gibt da diesen Trailer, wo sich enorme schnelle Zombies an einer Mauer auftürmen, eine menschliche Rampe. Diese Bilder gingen mir nicht aus dem Kopf. Also ermannte ich mich und bestellte ein Ticket für die Spätvorstellung. Diese Entscheidung immerhin war richtig. Etwa drei Dutzend Besucher teilen sich die reichlich vorhandenen Plätze, darunter auch ein paar ältere Semester wie ich. Keiner hat Popcorn oder diese höllisch knackfreudigen Tacos dabei. Keiner kommentiert laut das Geschehen auf der Leinwand. Zu sehen ist wieder einmal die perfekte Familie: hübsche Mutter, netter Vater (Brad Pitt), zwei reizende Kinder – nur der Hund fehlt diesmal. Dafür beginnt schon nach wenigen Minuten die Action, leider mit Wackelkamera gefilmt. Wackelkamera in 3-D ist noch schlimmer als Tacos, man kann einfach nichts erkennen. Außerdem stellt sie irgendwelche unangenehmen Sachen im Gehirn an. Jedenfalls geht es darum, dass eine Pandemie die Menschen im Handumdrehen zu Zombies macht. Das ist eigentlich grauenhaft, aber ich empfinde – nichts. Wer The Walking Dead kennt, weiß, was Zombies mit Überlebenden und der Demokratie in der Gruppe machen, um nur zwei Beispiele zu nennen. In World War Z wird das Grauen nur behauptet. Sogar die über dem Geschehen kreisenden Militärhubschrauber sehen nicht wie Killermaschinen aus, sondern wie putzige Insekten. Überwältigungskino mag seinen Reiz haben – wenn es denn funktioniert. Hier klappt es nicht. Brad Pitt immerhin macht seinen Job gut, das heißt, er lässt sich nicht anmerken, dass er wie ich im falschen Film gelandet ist. Benommen schleiche ich in die Nacht hinaus.

Eigentlich kann es nur besser werden. Neill Blomkamp hat mit District 9 immerhin einen originellen, sozialkritischen Genrebeitrag abgeliefert. Wie er es schaffte, Mitgefühl mit den insektenhaften Alien-Asylanten mit der Vorliebe für Katzenfutter zu wecken, hatte Charme. Ich bin neugierig, was der Südafrikaner anstellt, wenn sich ihm das Füllhorn Hollywoods öffnet. Deshalb ignoriere ich die sehr verhaltenen Vorabkritiken, buche ein Ticket für Elysium und begebe mich ins Jahr 2154.

Die Erde ist ein einziger großer Slum, die Reichen und Schönen tummeln sich, umsorgt von Robotern und behütet von  der schneidigen Verteidigungsministerin Delacourt (Jodie Foster), in der Raumstation Elysium. Max DeCosta (Matt Damon) wird bei einem Arbeitsunfall tödlich verstrahlt, wenn er überleben will, muss er sich auf Elysium behandeln lassen. Es gibt auch noch Max’ große Liebe, deren leukämiekranke Tochter, ein paar Hacker und den irren Vollstrecker Kruger. Das ist das Ausgangsmaterial, das die Action in Gang setzt, welche die zweite Hälfte des Films dominiert. Über die Personen, das Leben auf der Erde und in der Raumstation wird so gut wie nichts erzählt. Es soll um den Gegensatz von Arm und Reich gehen, doch der Film hat kein Interesse an seinen Charakteren. Stattdessen zeigt er, dass visuelle Folter immer noch steigerungsfähig ist. Elysium verzichtet zwar auf 3-D, dafür ist die Wackelkamera noch nerviger als bei World War Z. Bei Kampfszenen sollen wirre Schnitte und Schliereneffekte den Eindruck der Authentizität erhöhen. Bei mir tritt leider eine vermutlich unbeabsichtigte Wirkung ein: Overload, Augen zu. Warum wurde die Steadicam erfunden?, frage ich mich verzweifelt. Wozu gibt es Kamerastative, Schienen und Kräne? Der dröhnende Soundtrack erstickt diese Gedanken. Im Publikum herrscht ermattete Stille. Auf einmal sehne ich mich nach einem iranischen Autorenfilm in Schwarzweiß (OmU), der vom harten, aber erfüllten Alltag eines Dorfschullehrers handelt. Ein Gutes hat der sensorische Horrortrip freilich: Im Werbeblock wurde der Trailer von Gravity gezeigt (Sandra Bullock und George Clooney als durchs All driftende Astronauten). Den Film werde ich mir ansehen, ganz bestimmt …

Siehe auch: Serien – das bessere Kino?

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